Sechstes Kapitel.

Höher war die Spätsommersonne gestiegen ... in allen Straßen und Gassen der Garnisonstadt lag ihr flimmerndes Gold ... glänzte auch auf dem schon staubigen Grün der städtischen Anlagen hart unter den Fenstern der schmucken Villa Brandeis.

Hinter den halbgeschlossenen Jalousieen in gedämpftem, goldiggrünem Licht lag Cäcilie von Brandeis auf der Chaiselongue und las.

Geringschätzig kräuselten sich ihre Lippen. Geschmacklos, diese altmodischen Allegorien ...

Drei lebende Bilder sollten gestellt werden ... die ersten beiden nach Bildern im Offizierkasino ...

Das erste stellte das Regiment vor beim Sturm auf St. Hubert.

Das zweite die berühmte Szene, wie Kronprinz Friedrich Wilhelm nach der Schlacht die Verwundeten des Regiments im Feldlazarett besucht und dem schwerblessierten Regimentskommandeur persönlich das Eiserne Kreuz erster Klasse überreicht.

Nun, das mochte noch hingehen! —

Aber das dritte Bild:

Huldigung des Regiments vor der Büste Wilhelms des Zweiten! —

War denn dem guten Einjährigen, den man zum Dichten kommandiert hatte, nicht etwas weniger Verschlissenes eingefallen?!

Und um diese drei Bilder herum ein Dialog zwischen dem »Krieg« — Leutnant Blowitz — dem »Frieden« — Molly von Sassenbach — und dem »Genius des Regiments« — Frau Cäcilie von Brandeis! —

Zunächst tritt der Krieg auf, spricht dem Genius des Regiments seinen Glückwunsch zur Wiederkehr des Ruhmestages von Gravelotte aus, mahnt an alte Schlachtenherrlichkeit und beklagt die endlose, flaue Friedenszeit ... Schon erscheint der Friede, legt ebenfalls seine Glückwünsche dem Genius zu Füßen und behauptet, das Regiment leiste auch im Frieden nützliche Arbeit für die menschliche Gesellschaft ...

Alsdann führt der Krieg die Bilder der großen Vergangenheit herauf: Bild eins und zwei.

Der Friede ist natürlich erschlagen, preist aber mit einem längeren Erguß das treue Schaffen des Regiments an der Wehrhaftmachung des Volkes und kommt mit einem Übergang von haarsträubender Kühnheit auf die Huldigung an die neue Kommandeuse ... im Frieden blühe nämlich die holde Geselligkeit ... der Friede sei der Bereich der Frau ... und so weiter ...

Der Krieg ist galant genug, das zuzugeben; aber das Soldatenhandwerk, erklärt er, sei nun doch einmal Männerhandwerk, und schließlich ruft er die Germania zur Entscheidung auf ...

Die erscheint in der Person von Nelly von Sassenbach, erklärt selbstverständlich, das Regiment sei ihr in Krieg und Frieden gleich wert, und endigt mit einer Huldigung an den erhabenen Schirmherrn des Friedens, dessen Gipsbüste alsdann erscheint, umgeben von Soldaten des Regiments in den historischen Uniformen von 1870 und den heutigen, sowie von Offizieren und Ehrenjungfrauen — bengalische Beleuchtung — Kaiserhymne — Tusch — aus —!

Diese erhabene Generalidee mußte sich der unglückliche Einjährige im Schweiße seines Angesichts abgerungen haben.

Cäcilie von Brandeis meinte ihn ordentlich zu sehen — den ihr noch unbekannten jungen Herrn — wie er, als Wachhabender auf Pulverhaus- oder Schießstandswache, keuchend diese Banalitäten zusammenleimte —

Und doch — wenn sie von dem Gedankengang des Ganzen absah, der ja schließlich für seinen Zweck wohl kaum anders hätte konstruiert werden können, und sich an die Ausführung hielt —

Was sie da las: das waren doch immerhin Verse ... Verse, in denen hin und wieder ein besonderes Wort, ein eigentümliches rhetorisches Glänzen verrieten, daß ein feiner Kopf hinter dem handwerksmäßigen Gestammel stand, das er vielleicht selbst verlachte, während er es aufs Papier geschludert — —

Und an einigen Stellen brach's hervor: ein harnischblinkendes Geschlecht klirrender Worte und Rhythmen, der Heerbann einer Seele, die ihre Kräfte zu künftigen Schlachten zusammenzog —

Frau Cäcilie freute sich dessen, was sie da ahnte ... freute sich, daß es ihr gegeben war, solches zu ahnen ... ihr, der Tochter der heitern rheinischen Künstlerstadt ... dem Sprößling einer altpatrizischen Fabrikantenfamilie, die es immer für einen Ehrentitel ihres Namens gehalten hatte, sich mit Kunst zu umgeben, Kunst zu fördern, mit der Kunst zu leben ...

Und ein wenig spöttisch ... ein wenig bitter mußte sie lächeln, wenn sie sich erinnerte, wie ihr guter Fritz ihr das Manuskript des Einjährigen gebracht mit den Worten:

Na, das lies mal, Kindchen! Da wirst du staunen ... einfach begeisternd so was ... einfach niederschmetternd schön! — Jawoll, das ist der Geist des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande ...

So dichten bei uns die Einjährigen ... stell' dir vor, wie erst die Leutnants dichten ...!

Ihr guter Fritz — wie er sie vergötterte ... Kunststück! — Er verdankte ihr ja auch ein überaus behagliches Dasein —

Aber nein ... das war ein häßlicher Gedanke ... Er war ihr wirklich von Herzen ergeben ... na, das konnte sie schließlich ja doch auch wohl verlangen ...!

Sie trat vor den großen, bis zum Fußboden herabgehenden Spiegel ... reckte ihre Arme ... und freute sich des flimmernden Widerscheins, den ein verirrter Sonnenstrahl in ihrem rötlich braunen Haar weckte ...

O ja — Cäcilie Imhof wäre auch ohne ihre halbe Million des heißen Umwerbens würdig gewesen, das Fritz von Brandeis ihr zu Füßen gelegt hatte ...

Das Fräulein meldete die Schwestern Sassenbach.

Die schlanken Mädels, beide fast um einen ganzen Kopf größer als Cäcilie, stürmten herein, voran mit Dragonerschritten die smarte Nelly, um die es immer witterte wie ein leiser Hauch von Stallparfüm.

Tränenlachend versetzten die Schwestern der Hausherrin die Geschichte von dem Landwehrleutnant im Froschpfuhl ... da lachte auch Cäcilie laut und herzlich mit.

Dann aber, als die Mädchen den Namen des Unglücksraben nannten, wurde sie stutzig ... »Haben Sie eine Ahnung, was der Herr seines bürgerlichen Zeichens ist —?«

»Irgend sowas bei der Universität, hat Papa gesagt!«

»So, vielleicht in — Bonn?«

»Ganz richtig, ja, ich glaube wohl,« meinte Nelly.

Schweigend ging Frau Cäcilie aus dem Salon in ihr anstoßendes Damenzimmerchen und holte einen stattlichen Folioband aus ihrer Bibliothek; den schlug sie auf und hielt den Titel den Besucherinnen hin:

Schiller.

Ein Gedenkbuch für das deutsche Volk
zu des Dichters hundertjährigem Todestage
von
Wilhelm Frobenius.

Fünfzehntes bis zwanzigstes Tausend.

»Donnerwetter!« sagte Nelly erstaunt, »ist das von dem Herrn aus dem Froschtümpel?«

»Na, jedenfalls werden wir uns danach erkundigen müssen!« erklärte Frau Cäcilie.

Mit einer seltsamen, unverstandenen Empfindung entsann sich Nelly in diesem Augenblick des heißen Leuchtens, das plötzlich aufgeglüht war hinter den großen Brillengläsern, als der fremde Mann sie angeschaut, den sie heute zum ersten Male gesehen ...

Ihr war's in der Erinnerung, als habe sie da hineingeschaut in eine Welt, die ihr ganz unbekannt geblieben war bis auf diesen Tag ... ihr, dem Soldatenkinde, das von nichts wußte als von hartem Dienst ... von eiserner Pflichterfüllung ... von engumzirkelter Gesellschaftsfron ...

In diesem Augenblick erschollen lustige Klänge auf der Promenade, die rasch näher und näher kamen ...

Die Pfeifen schrillten ... rasselnd knarrten die taktmäßigen Wirbel der Tambours ...

Wie der Blitz waren die Majorstöchter am Fenster, zogen die Rolläden auf und schossen auf den Balkon hinaus — langsamer folgte die schöne Frau —

Aha, der Papa — und hinter ihm der Herr dieses Hauses ... den Säbelknauf auf der Hüfte ... die gleißende Stahlklinge dicht neben dem scharfgeschnittenen Profil ... und dahinter glitzernd und blinkend der Heerwurm ...

Aus seiner Mitte aufragend, hoch zu Roß wie die Herren an der Tête, die unfrohe, nüchterne Gestalt des Hauptmanns Goll ... ganz hinten noch zwei andere berittene Offiziere, jetzt noch nicht erkennbar ...

Die erste Kompagnie, vom stumpfen Graugrün der schilffarbenen Helmbezüge überlagert ... dahinter die zweite, überflirrt von den leuchtenden Reflexen der Helmspitzen ...

Tütt tüttelü tütt tüttütü ...

Rum, plum, plumbidibum ...

so gellte, so schmetterte das die lindenumsäumte Promenade hinab ...

Nun hatte der Major die drei Damen auf dem Balkon erblickt und Leutnant Blowitz auch, sein getreuer Adjutant, der zu seiner Linken ritt ... die rostbraunen Handschuhe flogen an die Mützenschirme — lächelnd nickten die Damen ...

Hauptmann von Brandeis hatte natürlich schon längst die Herrin seines Hauses erspäht ... die gleißende Klinge fuhr in die Luft und senkte sich dann grüßend an der Flanke des Braunen nieder ... mit strahlendem Lächeln winkten die wasserblauen Augen unter der blinkenden Helmschiene herauf ...

Und hinter dem Hauptmann fuhr noch eine andere Klinge in die Luft und senkte sich ... rechts neben dem baumlangen Flügelmann der Königlichen Ersten marschierte ein stattlicher Offizier, den Frau Cäcilie nicht kannte ...

»Wer ist denn das?«

Nelly wußte Bescheid: »Das ist der Leutnant der Reserve Flamberg — ein Maler aus Düsseldorf!«

Ein Maler aus Düsseldorf ... welch ein Heimatklang ... welch ein Klang aus der blühenden, sprühenden Welt ihrer Jugend in die nüchterne, kaltglänzende ihrer Gegenwart hinein.

Vorüber ... vorüber zog mit raschem, taktmäßigem Schritt die gewaffnete Schar ... es grüßte der puppenzierliche, kleine Carstanjen ... es grüßte mürrischen Gesichts der struppig umbartete Hauptmann Goll ... es grüßten am Schluß des Zuges von ihren Pferden der Oberleutnant Menshausen und der Leutnant Quincke. Vorüber, vorüber, und fernhin verhallte der Trommelschall, der taktmäßige Schritt der Kompagnien.

Das ist deine Welt — das heißt eine Welt — — so klang's in der Seele der jungen Frau ... und dazwischen: Ein Maler ... ein Maler aus Düsseldorf ...

Wieder saßen die drei Damen im gründämmerigen Salon und schwatzten. Das ganze Festprogramm wurde durchgesprochen, ein Rollenverzeichnis für die lebenden Bilder aufgestellt ... So verrann eine halbe Stunde; da erschien Leutnant Blowitz: »Melde mich ganz gehorsamst zur Stelle, gnädige Frau, und bitte tausendmal um Entschuldigung! — Gnädige Frau haben ja selbst gesehen — —!«

»Allerdings, Herr Blowitz — sehr erfreut, Sie nun auch persönlich kennen zu lernen — nun, wann kommt denn der Dichter?«

»Gnädige Frau meinen den Einjährigen — ja, das wissen die Götter — der ist abhanden gekommen!«

Sensation!

Und Blowitz berichtete.

»Na, er wird sich beim Kehren schon wiederfinden!«

»Vielleicht ist er auch in den Froschtümpel geraten,« meinte Nelly.

Die Hausfrau servierte Portwein und Gebäck, und munter plätscherte das Gespräch ... die neue Kommandeuse ... das Fest ... die Verlobungen, die etwa darauf zustande kommen könnten ...

In Frau Cäciliens Herzen aber klang's immer wieder wie eine frohe, verheißungsvolle Heimatweise: Ein Maler ... ein Maler aus Düsseldorf ... und er steht bei Fritzens Kompagnie ... er wird seine Aufwartung machen ...

Daß Fritz ihr davon noch gar nichts erzählt hatte! Aber freilich, als er früh um fünf aufgestanden, hatten die Gatten ja nur wenige Worte gewechselt ...

Auch Nelly war nicht ganz bei der Sache; von Zeit zu Zeit schlug sie, wie spielend, den Deckel des Buches auf, das vor ihr auf dem Tischchen liegen geblieben war ... Sie dachte an den Mann im Froschtümpel, und wie seltsam seine Augen geleuchtet hatten hinter den goldenen Brillengläsern. Daß vielleicht er dies Buch geschrieben hatte, das in zwanzigtausend Exemplaren hinausgeflattert war in die Welt, um dem deutschen Volke zu erzählen von der Herrlichkeit eines Dichters, dessen sie selber sich nur noch dunkel entsann aus ihrer Schulzeit her ...

Ein Klassiker! Sie selber war seit zehn Jahren nur noch in Operetten und Schwänke gegangen ...

Schiller! — Was war ihr Schiller?!

Und über den hatte man ein Buch schreiben können, nach dem zwanzigtausend Hände gelangt hatten!?


Eine halbe Stunde nach dem Einrücken der Ersten und Zweiten führte der Unteroffizier Friesen sein trauriges Fähnlein Verirrter in den Kasernenhof hinein.

Er hatte sich vorgenommen, seine zwei Gruppen nun wenigstens vorschriftsmäßig in strammem Tritt auf den Kompagnieappellplatz rücken zu lassen, und hatte sich die Kommandos genau überlegt, die er abzugeben hätte, um mit seiner Schar in tadelloser Verfassung auf der Bildfläche zu erscheinen.

Aber kaum hatte er: »Tritt gefaßt!« kommandiert, da erschien am Fenster der Kompagniestube das zornwütige Gesicht des Feldwebels Düfke, der den Unteroffizier anbrüllte, daß es über den ganzen Hof schallte: »Herrgott, Sie Unglückswurm! Da sind Sie ja endlich! — Nun machen Sie bloß, daß Sie vom Kasernenhof 'runterkommen! — Verschwinden Sie, verschwinden Sie in Dreideubelsnamen!«

»In's Kasernentor, marsch marsch!« schrie Friesen voller Wut und Scham.

Und feixend stürmten die Füsiliere von dannen.

Nun kam das Donnerwetter Nummer eins vom Feldwebel. Kaum war das überstanden und der Einjährige entlassen, da lief er draußen seinem Kompagniechef, dem Hauptmann Goll, in den Weg, und das Donnerwetter Nummer zwei prasselte auf seinen sündigen Scheitel nieder.

Ganz begossen schlich er sich auf die Stube, auf der sein Putzer lag, um die feldmarschmäßige Ausrüstung abzulegen.

Da trat ihm, treuherzig schmunzelnd, der wackere Füsilier Zilles entgegen, sein liebster Kamerad unter den Mannschaften: »Herr Unner'ffzier, warum hann Se mich denn nit mitgenomme uff Pattrollje! Dann wär dat Mallör nit passiert!«

»Ja, Zilles, wie sollt ich das anfangen!? Sie stehn doch beim zweiten Zuge, und ich bekam die beiden Flügelgruppen vom ersten! — Na, nun machen Sie mal schnell, daß ich instand komme: erste Garnitur, Helm und Extrastiefel!«

Einer der ersten Regimentsbefehle des neuen Kommandeurs war der gewesen, daß Unteroffizieren, Einjährigfreiwilligen und Mannschaften das Tragen unvorschriftsmäßiger Extrauniformen außer Dienst verboten sei.

So mußte denn Hans Friesen seinen Besuch bei Frau von Brandeis in seiner bessern Kommißgarnitur bewerkstelligen, dem Waffenrock aus grobem Mannschaftstuch mit dem schmalen, goldbetreßten Kragen, daraus die schwarze Halsbinde fast einen Finger breit hervorschaute. Der Besuchsanzug war dadurch betont, daß die Beine, statt in den sackartigen, weiten, schwarzen Tuchhosen, in den sogenannten »Porzellanbuchsen« steckten, den weißen Paradehosen, die auch nicht viel anders aussahen denn zwei riesige weiße Säcke. Auf dem Kopf den Diensthelm mit dem häßlichen, schwarzen Ledersturmriemen, das ungeschlachte Seitengewehr am gewichsten Dienstkoppel um die Hüften geschnallt ...

So zog Hans Friesen, der Königlich preußische Gerichtsreferendar, Doktor beider Rechte, Poet und Unteroffizier, zur Leseprobe seines ersten Dramas. —

Unterwegs überlegte er, wie er sich nun bei der Hauptmannsfrau zu benehmen hätte. Wahrscheinlich würden Offiziere da sein — mußte er nun zuerst vor den Offizieren strammstehen oder vorher, ganz Kavalier, die Frau des Hauses begrüßen —?

Das waren Etikettefragen, die in keiner Instruktionsstunde beantwortet wurden ...

Aber wenn Hans Friesen sich erinnerte, daß er heute morgen schon zwei Ungewitter über sich hatte ergehen lassen müssen und heute nachmittag in der Einjährigeninstruktion bei Oberleutnant Menshausen das allertollste noch bekommen würde ... daß die Qualifikation wahrscheinlich doch bereits verratzt sei ...

Da kam eine ungeheure Wurstigkeit über den jungen Soldaten.

Ach, jetzt war schon alles ganz egal ... jetzt wollte er den Offizieren zeigen, was für ein Kerl im Tressenrock steckte ... er wollte sie auf dem Standpunkt völliger gesellschaftlicher Gleichberechtigung behandeln ... mochten sie schimpfen ...! Was konnte ihm noch passieren!

Aber etwas benommen war ihm doch zumute, als er sich im Korridor der koketten Villa unterm elektrischen Licht, das eine zierliche Zofe angeknipst hatte, noch einmal im Spiegel betrachtete ...

Verdammt ruppig sah man doch aus ...!

Wären nicht die schwarz-weißen Schnüre um die Achselklappen gewesen ... und die Schmisse auf Stirn und Wange wer hätte ihn von einem Kapitulanten unterscheiden sollen ...?!

Die Tür flog auf ... da standen drei plaudernde Damen ... ach — Damen! Wesen aus einer höhern Welt —!

Und mit ihnen im Gespräch drei Offiziere, Hauptmann von Brandeis, Oberleutnant von Schoenawa, der finstere, unnahbare Regimentsadjutant, und Leutnant Blowitz, der einflußreiche Bataillonsadjutant ... Die Herrgötter des Kommißhimmels!

Und nun schlug Hans Friesen doch die Absätze zusammen, daß es knallte, und stand zuerst vor den Offizieren stramm ...

Erst als diese unter Lachen und Entschuldigungen bei der Hausfrau abwinkten, ging er auf die Damen zu und beugte sich auf die duftende Hand nieder, die sich ihm entgegenstreckte ...

»Schau, schau ... so sieht also ein Dichter aus ... den hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt! Aber freilich, Herr Friesen, zu der Königlich preußischen Dienstpoesie, die Sie sich da geleistet haben, paßt Ihr Kostüm ganz ausgezeichnet!«

Hans Friesens braunes Gesicht konnte wohl nicht tiefer sich färben ... aber in die weiße Stirn stieg das heiße Erröten ...

Und nun lachte Hauptmann von Brandeis: »Na, Herr Friesen, wo haben Sie denn eigentlich während des Gefechts gesteckt?«

Die Leutnants lachten ... die Damen lachten ...

Nur eine nicht ... Ein rosiges Mädchengesicht, zwei dunkelblaue Augen lächelten ihn mitleidsvoll aufmunternd an ... die jüngere der beiden Majorstöchter. — Herrgott, wie gut das tat!

Die Vorstellung war erfolgt, man hatte Platz genommen um den runden Tisch im Salon, und die Hausfrau forderte den Poeten auf, sein Festspiel vorzulesen.

Und mit dem Klang der eigenen Verse überkam Hans Friesen wieder die fröhliche Wurstigkeit, die er sich vorgenommen ...

Teufel ja! Wenn's auch verschlissene Gedanken und konventionelle Vorstellungen waren, die er da zusammengebraut ... die Verse ... wahrhaftig, die konnten sich sehen lassen ...! Das klang und klirrte wie der Schritt marschierender Bataillone ... das grollte und brauste wie rollende Salven und dröhnendes Hurra beim Sturm ... Und war's auch keine himmelstürmende Poesie ... Poesie war's eben doch ... Soldatenpoesie ...

Und er fühlte, wie sie wirkte.

Als er geendigt, konnte er wohl bemerken, daß die Offiziere in ganz verändertem Ton mit ihm sprachen ... Und die Damen lachten auch nicht mehr über ihn ... obwohl er doch heute morgen den richtigen Gefechtsmoment verpaßt hatte ...

Gern ließen sich alle gefallen, daß er als Regisseur nun frei und ungezwungen mit ihnen schaltete.

Ja, der Bataillonsadjutant fand es vollkommen in der Ordnung, daß der Unteroffizier ihn sehr von oben herab zurechtwies, wenn eine verständnislose Betonung unterlief, oder wenn es galt, die an näselndes Schnarren gewohnte Kommandostimme für das Pathos des Kriegsgottes umzufärben ...

Und nun erst die Damen ... wie glühten sie vor Eifer, es dem Dichter recht zu machen ...

Am holdseligsten aber erglühte eine von ihnen ... und ihre veilchenblauen Augen funkelten nicht nur dem Poeten, funkelten dem straffen, feurigen Jüngling ...

Molly hieß sie ...

Hans Friesen ahnte, daß er an diese Molly viele, viele Verse dichten würde ... bessere Verse als die im Festspiel ... echtere ...

Hatte nicht schon einmal ein Poet eine Molly besungen — —?!