Fünftes Kapitel.
Die Kompagnie, die auf der Chaussee vom Exerzierplatz sich näherte, war die dritte.
Hauptmann Haller, der vorschriftsmäßig an der Queue ritt, sah seinen Bataillonskommandeur herankommen und galoppierte an, überholte seine Kompagnie und meldete dem Major: »Dritte Kompagnie auf dem Rückmarsch vom Exerzierplatz!«
»Danke, lieber Haller! — Hier bring ich Ihnen etwas Schönes mit!«
»Ich hab mich schon gewundert, Herr Major.«
»Haarsträubende Geschichte! — Hat den Leutnant der Landwehr Frobenius abgeworfen — der Satan!«
Die Kompagnie war inzwischen herangekommen. Staubbedeckt, lustig seine Zigarette rauchend, marschierte an ihrer Spitze der schlanke, blonde Leutnant von Finette. Er hatte die letzten Worte gehört, und nachdem er vor seinem Bataillonskommandeur salutiert, erlaubte er sich zu bemerken: »Darf ich Herrn Major darauf aufmerksam machen, daß das Kuno der Schreckliche ist?!«
»Kuno der Schreckliche — wer ist denn das?«
»Ein total aus dem Leim gerittener Schinder aus dem Tattersall! Wer hat denn bloß dem unglücklichen Herrn von der Landwehr diese Kreatur unter den Leib gesteckt? ... Die ist doch eigentlich nur noch zu Beefsteak zu gebrauchen!«
»So,« sagte der Major, »das begreife ich allerdings auch nicht ... Ich werde doch mal an den Direktor telephonieren ... So was darf nicht wieder vorkommen ... das ist ja 'ne Infamie geradezu!«
Hauptmann Haller hatte inzwischen seinen Burschen herangewinkt, der dem Major die Zügel des unglücklichen Gaules aus der Hand genommen hatte.
»Haben Sie die Erste und Zweite gesehen?« erkundigte sich der Major.
»Zu Befehl, Herr Major! Die Zweite hat das Kastanienwäldchen besetzt — die Erste greift von der Hohen Tanne her an!«
»Danke vielmals! — Guten Morgen, meine Herren!«
Am Kreuzweg traf Sassenbach, wie verabredet, mit seinem Adjutanten zusammen.
»Was macht der Brummschädel?«
»Danke gehorsamst, Herr Major — durchaus vorschriftsmäßig!«
»Langt's zu 'nem Galopp?«
»Selbstverständlich, Herr Major! — Hohe Zeit! Die Erste und Zweite müssen schon aneinander sein!«
Hauptmann von Brandeis hatte frühmorgens am Rande des Exerzierplatzes seine Kompagnie in Züge auseinandergezogen und Übungen im Entfernungsschätzen durch die Zugführer vornehmen lassen. Nach einer Stunde hatte er die Kompagnie zusammengezogen und sie fünf Kilometer weit nordwärts geführt, um auf Grund einer mit Hauptmann Goll vereinbarten einfachen Gefechtsannahme eine kleine Felddienstübung anzuschließen ...
Einer von den üblichen »Türken«, die mit tödlicher Sicherheit sich immer wiederholten und denselben typischen Verlauf nahmen.
Rot, so lautete die Annahme, war gestern nördlich der Garnison geschlagen worden ... Die Dunkelheit hatte das Gefecht unterbrochen, und infolge Erschöpfung von Blau hatte die Verfolgung nicht mit voller Energie aufgenommen werden können, so daß die Fühlung mit dem Feinde verloren gegangen war ... Früh morgens hatte die Kavallerie gemeldet, daß der Feind in der Nacht durch die Stadt hindurch gen Süden abgezogen sei und nur noch schwache Abteilungen Versprengter sich in den Wäldern südlich des Exerzierplatzes sammelten ...
Die erste Kompagnie, als linke Seitendeckung des auf der großen Chaussee marschierenden Gros von Blau, bekam den Befehl, die Nachzügler zu vertreiben ...
Die beiden Hauptleute hatten miteinander verabredet, daß ihre ältesten Zugführer die Kompagnieen führen sollten.
Hauptmann von Brandeis hatte den weißen Helmbezug und die weiße Armbinde der Schiedsrichter angelegt, und zu ihm war von der Zweiten Leutnant Quincke als Schiedsrichtergehilfe getreten ... Oberleutnant Menshausen führte die Zweite ... Leutnant der Reserve Flamberg die Erste ... Hauptmann Goll, als der Ältere, markierte den Leitenden und hatte den Leutnant der Landwehr Frobenius als Zuschauer zu sich befohlen.
Bei der Zweiten wurden infolgedessen sämtliche Züge von Unteroffizieren: einem aktiven und einem Reserve-Vizefeldwebel und dem ältesten Sergeanten geführt ... Bei der Ersten standen Leutnant Carstanjen und zwei Vizefeldwebel als Zugführer.
Der Oberleutnant Menshausen besetzte mit allen drei Zügen den Rand des Kastanienwäldchens und ließ die Mannschaften sich eingraben ...
Dann hielt er Musterung unter den Unteroffizieren ...: »Der einjährig-freiwillige Unteroffizier Friesen!«
»Hier!«
»Kommen Sie mal her ... Für Sie hab' ich heute eine Spezialaufgabe: Sehn Sie sich mal rechts da das Gebüsch an! — Sehn Sie?«
»Zu Befehl, Herr Oberleutnant!«
»Nehmen Sie sich die beiden rechten Flügelgruppen vom ersten Zuge und suchen Sie, in das Gehölz hineinzukommen ... aber gedeckt ... verstehn Sie!? — auch wenn Sie einen größern Umweg machen müssen! — Und daß Sie mir nicht eher zum Vorschein kommen, als bis die Erste über den Exerzierplatz zum Angriff ansetzt ... sie muß ja selbstverständlich von der Hohen Tanne herkommen ... Wenn dann die vorhergehenden Züge auf der Höhe Ihres Gehölzes angekommen sind, dann erscheinen Sie plötzlich mit Ihren zwei Gruppen am Waldrand und schießen der Ersten in die linke Flanke hinein ... Haben Sie begriffen?«
»Zu Befehl, Herr Oberleutnant!«
»Na, nun nehmen Sie sich mal zusammen und beweisen Sie, daß Sie würdig sind, nächstens die Offizierqualifikation zu bekommen — Sie Vertreter der Intelligenz! Los, treten Sie an!«
Der einjährig-freiwillige Unteroffizier Friesen begab sich an die rechte Flanke der ausgeschwärmten Kompagnie und befahl: »Erste und zweite Gruppe vom rechten Flügel des ersten Zuges — sammeln!«
Im selben Augenblick galoppierte auch schon der Kompagnieführer heran: »Donnerwetter, Friesen, wozu wollen Sie denn Ihre zwei Gruppen sammeln? Lassen Sie die doch ausgeschwärmt ... Wir sind im Gefecht! Einfach kehrt marsch und dann in Schützenlinie 'runter in den Grund ... so schnell wie möglich ...«
Der Einjährige stand stramm, zog dann mit dem Befehl »Schwärmen!« seine beiden Gruppen wieder auseinander und führte sie in den waldbestandenen Grund, der sich zur Rechten des Kastanienwäldchens hinzog ...
Alle Wetter, heute galt's aufpassen!
Oberleutnant Menshausen leitete die Ausbildung der Einjährigen und ihre Vorbereitung zum Offizierexamen, und von seinem Wohlwollen hing es sehr wesentlich ab, ob man bei der Entlassung zur Reserve die Qualifikation zum Offizier des Beurlaubtenstandes bekommen würde ... Übrigens war er ein harter Instruktor gewesen, der eine tiefe, grundsätzliche Abneigung gegen die »Intelligenz im Heere« besaß und sich gar keine Mühe gab, das zu verbergen ...
Also wirklich, es ging »um die Wurst!«
Ach ... und dabei war Hans Friesen heute so ganz und gar nicht dazu aufgelegt, seine Gedanken auf den Königlichen Dienst zu konzentrieren ... Auf halb zwölf war er zu Frau Hauptmann von Brandeis befohlen, um dort den Damen des Regiments, die bei der Festaufführung im Kasino mitwirken sollten, und dem Herrn Bataillonsadjutanten das Festspiel vorzulesen, das — er selbst — Hans Friesen, verfaßt hatte ...
Er, Hans Friesen, seiner bürgerlichen Hantierung nach Königlich preußischer Gerichtsreferendar und Doktor beider Rechte — zurzeit Seiner Majestät jüngster Unteroffizier ...
Wahrlich ... es war keine Kleinigkeit gewesen, unmittelbar nach bestandenem Referendarexamen ... unmittelbar nach dem Übergang aus dem heitern Studentenleben in Amt und Würde hinein ... plötzlich ein gemeiner Füsilier zu werden und unter der Fuchtel roher Unteroffiziere inmitten derber Söhne des Volkes die Geheimnisse des langsamen Schritts und des Infanteriegewehrs zu erlernen! ...
Und das nun gar, wenn man nicht nur ein alter Korpsstudent und königlicher Justizbeamter, sondern außerdem — ein werdender Dichter war.
Ach, noch zwei Monate ... dann würde die Schinderei zu Ende sein, und Hans Friesen würde wieder zu seinen geliebten Manuskripten und seinen weniger geliebten, aber um so ehrwürdigern Akten zurückkehren dürfen ...
Vorher aber galt's noch mancherlei Fährnis zu bestehen ...
Das Manöver war in Aussicht, und Hans Friesen war Korporalschaftsführer ... hatte das Vergnügen, jedes Kommißbrot und jede Unterhose für seine Korporalschaft in Empfang zu nehmen ... Samstags die Ausgehgarnitur auf Kammer zu empfangen ... und Montags sie wieder in tadellosem Zustande abzuliefern ... und dazu kamen all die tausend jämmerlichen und doch so notwendigen Pflichten der Fürsorge für zwanzig stramme Burschen ...
Das alles zog durch des jungen Soldaten Hirn, als er die ihm anvertrauten zwei Gruppen in langer Schützenlinie durch den blumigen Talgrund führte ...
Ach, dieser Talgrund schien so gar nicht geschaffen zum Tummelplatz für nägelbeschlagene Kommißstiefel ... Hier mußte man mit einem süßen, braunäugigen Kind engumschlungen wandeln ... und von holden und freudigen Dingen reden ... holde und freudige Dinge tun ...
Gott, heute mittag würde er ja endlich einmal wieder Mensch sein, Kavalier sein, würde mit richtigen Damen reden! — Ob er das nicht überhaupt schon verlernt hatte im seelenmordenden Gamaschendienst? — Nun, an ihm sollte es jedenfalls nicht fehlen!
Zwar auf sein Festspiel bildete er sich verdammt wenig ein ... Da hatte er dem Dichtertum in seinem Busen ganz gründlich Zaum anlegen müssen ... Er wußte wohl: es war eine schrecklich langweilige, frostige Allegorie geworden ... Aber Frau Major von Sassenbach hatte ihm durch Leutnant Blowitz mitteilen lassen, daß sie entzückt sei ... Und das war ja schließlich doch der Zweck der Übung ...
Und heute mittag würde er von der schönen Frau von Brandeis empfangen werden ... würde plaudern und studieren dürfen mit ihr und den schlanken Töchtern des Majors ...
Es war fast wie ein Traum ... so ausgehungert wie man war nach Schönheit und Glanz in dieser verfluchten Kasernenatmosphäre, in dieser ekelhaften Tretmühle des Dienstes, in dem verblödenden Milieu der Unteroffiziere und Füsiliere ...
Merkwürdig nur, daß dies Tälchen sich so endlos lang hinzog. Schon eine halbe Stunde mußte verflogen sein, seit er sich von der Kompagnie losgelöst und nun als eine Art kleiner Cäsar, als selbständiger Detachementsführer, in der Welt herumgondelte.
Allmählich fing's an, unheimlich zu werden.
Er drehte sich um. Schweigsam trotteten seine Füsiliere hinter ihm her, das Gewehr im Arm, die Nase zum grünen Waldboden gesenkt.
»Sagt mal, Kerls, weiß einer von euch, wo das Gehölz liegt?«
Die Füsiliere sahen einander an. »Wat für en Jehölz?« sagte einer der alten Leute, »mir wisse nix von eme Jehölz.«
»Na, das Gehölz, wo wir uns aufbauen sollen, zum Donnerwetter!«
»Da hann mir doch nix von gehört — dat hat dä Herr Oberleu'nant doch em Herr Unner'ffzier selbst jesagt!« grinste der Füsilier.
»Nä, da wisse mer nix von,« wiederholten grinsend die übrigen Kerle.
Verflucht! — das war ja 'ne schöne Bescherung.
»Halt!« kommandierte Friesen und überlegte.
Ringsum Bäume, nichts als Bäume, Buchen und Eichen gemischt — Waldfriede — Waldfriede — wunschlose Sommerseligkeit.
Was tun? — Offenbar war er zu lange geradeaus gegangen, statt nach links abzubiegen, um den Saum des Wäldchens nach dem Exerzierplatz hin zu erreichen.
»Ja, zum Donnerwetter, Kerls, weiß denn hier keiner von euch Bescheid?«
»Nä, hier wisse mir kei' Bescheid — wo will der Herr Unner'ffzier denn hin?«
»Na, doch natürlich zum Exerzierplatz hinüber, an den Waldrand!«
Die Füsiliere freuten sich königlich. »Dä Exerzierplatz? — dä litt so janz do hinne!«
»Himmelkreuzmillionen! — Also links schwenkt — marsch!«
Na, vielleicht würde die Erste nicht gar zu früh angreifen, und man kam noch zur rechten Zeit.
Bäume — Bäume — nichts als Bäume. — Doch ... noch etwas anderes als Bäume — unter den Bäumen dichtes Dorngestrüpp ... immer dichter ... immer dichter ...
Bei jedem Schritt schlugen den Vorwärtsdringenden Brombeerranken und Tannenzweige ins Gesicht.
Die Füsiliere wurden ungemütlich: »Dat is ja en Schweinerei — hä kütt jo ke' Mensch nit dörch — —«
Das mußte Hans Friesen schließlich selber einsehen. — Also zurück — —
Bautz! — da fiel in der Ferne der erste Schuß — plautz! ein zweiter — bautz — bautz — ein dritter und vierter ... Das Gefecht mußte begonnen haben — —
Himmel — und nun verließ sich der Oberleutnant Menshausen darauf, daß im entscheidenden Augenblick aus dem Hinterhalt das wohlgezielte Feuer der zwei detachierten Gruppen dem Feind in die Flanke fallen und seinen Ansprung über das Blachfeld des Exerzierplatzes lahmlegen würde ...
Ade, Leutnantsqualifikation ... ade, Epaulettes und Schärpe.
Ade, holdselige Hoffnung auf ein paar Stunden eines höhern Daseins ...
Nach dieser Blamage, in dieser Elendstimmung vor die schöne Frau von Brandeis, vor die schlanken Majorstöchter treten, die ihm gewiß seine schauderhafte militärische Unzulänglichkeit am Gesicht ansehen und ihn im tiefsten Grund ihrer Seele verachten würden ... das war eine Hölle statt des erträumten Paradieses!
Martin Flamberg ärgerte sich ein wenig, als beim Beginn der Felddienstübung Hauptmann von Brandeis ihm die Führung der Kompagnie übergab ... Das hätte der Hauptmann ihm doch auch vorher sagen können ... dann hätte er sich einen Gaul zwischen die Beine geklemmt ...
Na, es mußte nun auch so gehn!
Mit ruhiger Sicherheit wiederholte er die Spezialidee und den Befehl, den ihm der Hauptmann mitgeteilt, traf noch unter den Augen seines Kompagniechefs sachgemäß die erforderlichen Anordnungen für die Unteroffiziere, die er im Kreise um sich versammelt hatte ...
»Sehr gut, sehr gut!« lobte Hauptmann von Brandeis, »vollkommen einverstanden! ... Na, und nun viel Vergnügen!« Und damit galoppierte er von dannen.
Die Kompagnie hatte die Gewehre auf der Chaussee zusammengesetzt ... die Mannschaft rastete im Graben ...
»An die Gewehre!«
Hui, da kam ein Leben in den Ameisenhaufen ...
»Stillgestanden!«
Und mit drei kurzen Sätzen teilte Flamberg den Mannschaften mit, was sie zum Verständnis der Kriegslage wissen mußten ...
»Herr Leutnant Carstanjen, treten Sie an!«
Der Kleine salutierte: »Erster Zug — Gewehr in die Hand ... die vorderste Gruppe als Spitze — schwärmen — der Rest des Zuges folgt unter dem Sergeanten Clausen!«
Und der Vormarsch der ersten Kompagnie gegen den Feind begann ...
Flamberg schritt in munterm Geplauder mit dem jüngern Kameraden fünf Schritt vor der Spitze ...
Hei ... welche Lust, Soldat zu sein ...!
Welche Lust ... zu friedlichem und doch so ernstem und wichtigem Waffenspiel in die blauen Morgennebel hineinzupilgern ...
Nach einer halben Stunde war der Saum des Exerzierplatzes erreicht.
Selbstverständlich brauchte kein Geist vom Himmel herabzusteigen, um dem Kompagnieführer zu sagen, daß der Feind am Kastanienwäldchen liege ... das war ja doch natürlich seit Jahrzehnten immer so gewesen ...
Und glatt und reglementsmäßig entwickelte sich der Angriff der Ersten unter den Augen der Schiedsrichter von der Hohen Tanne her auf das Kastanienwäldchen zu ... das Gelände wurde trefflich ausgenutzt ... bald zugweise, bald gruppenweise ging die Kompagnie im Sprung über die kahle Tenne des Platzes gegen den heftig feuernden Gegner vor ... Und Flamberg begriff nur das eine nicht: daß die ganze Sache so glatt vonstatten ging.
Er war darauf gefaßt gewesen, einen Flankenangriff von links zu erleben, und hatte infolgedessen in das Gehölz zu seiner Linken eine starke Gefechtspatrouille geschickt ... Jeden Augenblick erwartete er deren Warnungsschüsse zur Linken zu vernehmen ... aber nichts erfolgte. Und hundert Meter vorm Kastanienwäldchen setzte Flamberg zum Sturmangriff an ... Mit gezogenem Säbel sprang er zwanzig Schritt seiner Kompagnie voran beim Sturmmarsch der Tambours und dem dröhnenden Hurra seiner Füsiliere.
Gerade auf die Mitte des Wäldchens rannte er los, wo die berittenen Offiziere hielten, denen sich inzwischen, das sah er schon von weitem, der Bataillonskommandeur mit seinem Adjutanten beigesellt hatte ...
Im Augenblick, als er auf zehn Schritte an die Gruppe herangekommen war, winkte der Major seinem Hornisten, und: »Das Ganze — halt!« klang schmetternd das erwünschte Signal zur Beendigung der Übung über den weiten Plan.
Unmittelbar darauf erfolgte das Signal: »Zur Kritik!«
»Bitte, Herr Hauptmann Goll!«
Zwischen den zusammengezogenen Brauen des Hauptmanns brütete das Unheil und entlud sich alsbald als fürchterliches Donnerwetter über den Oberleutnant Menshausen: »Herr Oberleutnant, wenn Sie nichts Besseres zu tun wußten, als sich mit Ihrer ganzen Sippschaft hier am Waldrand einzubuddeln und den Angriff der Ersten abzuwarten ... dann hätte ich schließlich gerade so gut die Kompagnie von einem Unteroffizier führen lassen können ... Was haben Sie sich bei dieser stumpfsinnigen Maßregel denn eigentlich gedacht ...?«
Oberleutnant Menshausen bebte vor Wut und Scham. Die Hand am Helm, sagte er, als der Hauptmann seine Frage gestellt hatte: »Ich habe den einjährig-freiwilligen Unteroffizier Friesen mit einem Halbzuge in das Gehölz dort zur Rechten geschickt, und zwar mit genauer Instruktion ... Er sollte im Augenblick, wenn die erste Kompagnie nach ihrem Vorgehen auf der Höhe des Gehölzes angekommen wäre, Flankenfeuer geben!«
»Bedaure — habe nichts von Flankenfeuer gemerkt! Wo steckt denn Ihr Unteroffizier?«
»Das weiß ich nicht, Herr Hauptmann ... er muß sich verlaufen haben!«
Leutnant Blowitz, hoch zu Roß, flüsterte dem Major eine Bemerkung zu.
»Aha — der Dichter — na, das fehlte mir gerade! Erst brennt bei den ersten Schüssen ein Gaul durch, auf dem zufällig ein Herr von der Landwehr angebracht ist ... dann schmeißt dieser unglückliche Einjährige die ganze Übung um ... Na, warte mein Jungchen ... dir werd ich das Dichten austreiben! Aber bitte weiter, Herr Hauptmann, Sie haben noch nicht den Angriff der Ersten besprochen!«
Flamberg erhielt ein gerüttelt und geschüttelt Maß voll Lob, sowohl von Hauptmann Goll, als auch nachher beim Schlußwort des Bataillonskommandeurs: »Ihre Leistungen, Herr Leutnant Flamberg,« sagte der Major, »söhnen mich einigermaßen mit der Situation aus! — Ich danke Ihnen, meine Herren — —«
Rum, plum, plumbidibum. — Heimwärts ging's mit Trommelschlag und munterm Gekreisch der Pfeifen ...
Martin Flamberg war kolossal vergnügt ... Er marschierte dicht hinter der Gruppe der Berittenen und sann eine muntere Epistel zusammen, mit der er seiner Braut das »Waffenglück« des ersten Übungsmorgens zu verkünden gedachte ...
Ha, welche Lust, Soldat zu sein ...!