Fünftes Kapitel.
Das rheinische Armeekorps biwakierte gegen den markierten Feind.
Der Spätsommerabend überdeckte mit sammetnen Fittichen das gewaltige Bergplateau des Hunsrücks zwischen Idarwald und Hochwald.
Und in die Nacht hinein in endloser Reihe loderten die Lagerfeuer weithin über die endlose Ebene. Überall feierten die Mannschaften das lustige Fest des Löffelbegrabens:
Die Leute des zweiten Jahrgangs, die unmittelbar nach Manöverschluß in die Heimat entlassen werden würden, schmückten, Kompagnie für Kompagnie, einen mächtigen Baum mit Strohschleifen, und ein jeder hängte vom Inhalt seines Tornisters hinein, was nun ausgedient hatte, seinen Eßlöffel, seine abgewetzte Stiefelbürste, Putzlappen, Knopfgabeln ...
Die wunderliche Trophäe wurde unter derben Soldatenspäßen und unablässigem Absingen des Reserveliedes durch das Lager getragen und schließlich mit Hallo und Kinderjubel in die Glut des Biwakfeuers versenkt.
Heimatstimmung ... Heimkehrseligkeit überall ...
Heimkehrseligkeit —?!
Leutnant Flamberg saß mit Carstanjen und dem Fahnenjunker vorm Offizierszelt der ersten Kompagnie.
Ihren Kapitän hatte die Königliche Erste heut nur von weitem zu Gesicht bekommen, wenn die kleine Kavalkade vorübersprengte, über welcher die diagonal geteilte schwarz-weiß-rote Standarte der Brigade flatterte.
Und Martin Flamberg hatte den ganzen Tag darauf geharrt, daß Major von Sassenbach, der Vorsitzende des Ehrenrats, ihn zitieren würde ...
Dabei trug er einen Brief in der Brusttasche seines Dienstrocks, einen Brief vom Samstag, der nur das eine Wort erhielt:
»Über-über-übermorgen —!!!!!«
Gott im Himmel! ... dort in der Ferne harrte seiner die sehnende Braut ... und er ... er wartete auf den Befehl, sich zu verantworten, weil er das Weib eines andern berührt ...
Wohl war es ein Abschiedskuß gewesen ... aber er würde mit seinem Leben dafür einzustehen haben ...
Das hatte an seinen Nerven gerissen den ganzen Tag ... hatte wie mit Keulen immerfort auf seinen Schädel eingedroschen, bis er ganz stumpfsinnig und apathisch geworden war ...
Nur der Soldat in ihm, der hatte funktioniert ... mechanisch ... unfehlbar sicher ...
Obwohl er zu Fuß war, hatte er seine Kompagnie ganz anständig durch die Wechselfälle des heißen Marsch-, Gefechts- und Biwaktages geführt. Und Major von Sassenbach hatte ihm mehrfach aufmunternd zugenickt: »Ich werde Ihnen eine ganz passable Konduite schreiben können, Flamberg —!«
Was hatte der Major nur heute? — Er war den ganzen Tag so merkwürdig vergnügt —?
Durch Martins Herz aber zog immerfort das Erinnern jener wenigen furchtbaren Sekunden, in denen er dem Manne gegenübergestanden, dem er das tiefste Leid seines Lebens zugefügt:
»Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Hauptmann ...!«
»Sie werden morgen von mir hören!«
Keine laute Szene — kein wildes Wort der Wut — des Grimms.
Ein paar eisig korrekte, formelhafte Wendungen — und doch in jeder Silbe der unsühnbare Haß — die Feindschaft bis aufs Messer — der Racheschrei — die Todesdrohung!
Und heute — rätselhaftes Schweigen. — —
Gott — der Grund war leicht einzusehen: der Hauptmann war zur Brigade kommandiert — der Dienst ging allem andern vor — es hatte an jeder Gelegenheit gefehlt, die Meldung an den Ehrenrat zu erstatten.
Aber diese Situation war gräßlich — sie erstickte die Kraft des Widerstandes — machte stumpfsinnig und wehrlos.
Der Gedanke an Cäcilie war wie das Erinnern eines fernen, schaurig holdseligen Traumes.
Der Gedanke an Agathe folterte das Herz noch tiefer mit schmählicher Scham.
Und aus dem innersten Herzensschacht kroch die Reue herauf — die Reue um unwiderbringlich Verlorenes — um ein ganzes, großes, herrliches Leben des Schaffens, des Genießens — um ein Leben voll Liebe und Schönheit — voll freudigen Gebens und dankbaren Nehmens.
Alles war hingeworfen — vergeudet um eines Augenblicks haltloser Leidenschaft willen.
Reue — Reue —
Und eines nur hatte Bestand im gestaltlos wogenden Getriebe der anklagenden, schamvoll zerrissenen Empfindung.
Dies eine Wissen: daß man einstehen werde für das eigene Tun — regungslos — eisernen Herzens — ohne Wimperzucken — bis ans Ende — bis ans Ende.
Mannesehre ... Soldatenehre ... Offiziersehre — wahrhaftig, doch kein leerer Wahn das alles — —!
Wenn es eine Sühne gab auf Erden, dann war es die: klaglos die Stirne, die Brust hinhalten der rächenden Kugel ... stumm und stolz zusammensinken ... hinabtauchen in den läuternden Tod ...
So sann Martin Flamberg. Und neben ihm in behaglichem Verdauungsschweigen hockten mit übergeschlagenen Beinen auf ihren Kisten die beiden blutjungen Knaben, der Leutnant, der Fahnenjunker ... unkund der Schrecknisse des Lebens, der Leidenschaft ...
Und ringsum jubelte die Heimatsehnsucht von zehntausend jungen Gesellen, die nach zwei Jahren in Königs Rock übermorgen in trunkener Wiederkehrwonne nach Hause flattern würden.
Nach zwei Jahren, die ihnen mehr, weit mehr gewesen waren, als sie heut ahnen konnten, als ihnen vielleicht jemals zum Bewußtsein kommen würde ...
Zwei Jahre, in denen sie Soldaten gewesen waren ... in denen ihr Leben seiner Vereinzelung, seiner Kleinlichkeit und Alltäglichkeit entrissen worden war und eingegliedert in die großen Verhältnisse, das mächtige Leben der Gesamtheit ... der Nation ... des Volkes ...
Zwei Jahre, in denen sie aus Gelsenkirchenern und Rheydtern, aus Erkelenzern und Neuwiedern zu Preußen ... aus Maurertagelöhnern und Bandwirkern, aus Feilenhauern und Ackerknechten zu wehrhaften, waffengeübten Soldaten geworden waren ...
Ach ja, wohl war's manchmal scharf hergegangen in den zwei Jahren — aber das alles war ja nun überstanden ...
Was bleiben würde ... was sie mit nach Hause nahmen ... war's zu verlangen, daß sie das heute schon begriffen — vielleicht überhaupt je begreifen lernten?!
Doch würde mancher vielleicht nach Jahren aus dem täglichen öden Einerlei der Berufsarbeit, aus der Enge beschränkter, kinderreicher Häuslichkeit mit Dankbarkeit und Sehnsucht zurückdenken an die zwei Jahre in Luft und Sonne, in Waffenglanz und munterm Kampfspiel »auf grüner Heid — im freien Feld«!
Heut freilich — heut hatten sie alle nur den einen Gedanken: übermorgen geht's zu Muttern!
Und unablässig, immer von neuem klangen übers weite Feld die Weisen der Reservelieder:
Nun scheiden wir aus eurem Kreise
und ziehen aus den bunten Rock!
Wir treten an die Heimatreise
mit einem Reservistenstock.
Geschlossen geht es aus dem Tore
zum letzten Mal vergnügt hinaus.
Die Mütze sitzt auf einem Ohre,
und keine Waffe schmückt uns aus!
»Herrgott von Bentheim!« fluchte Leutnant Carstanjen, »dieses verdammte Reservistengegröhle wächst einem, weiß der Himmel, zum Halse heraus!«
Flamberg lächelte: »Das wird Sie wohl Ihr ganzes militärisches Leben hindurch begleiten, lieber Freund! Und wenn Sie sich einmal die Mühe geben wollen, sich in die Gefühle der Burschen, die da singen, hineinzuversetzen, dann wird's Ihnen seltsam wohl und weh dabei werden — dann werden Sie anfangen, die Würde des hohen und herrlichen Berufs, den Sie haben, ein wenig tiefer zu begreifen! — Was da singt und jubelt, das ist das Heimatverlangen der deutschen Jugend, die euch anvertraut ist zur Erziehung in Waffenkunde und Mannhaftigkeit. — Die Gefühle, mit denen diese Leute das Reservelied singen, sind die Gradmesser für eure Berufstüchtigkeit — wenn sich in diese Heimkehrseligkeit nicht auch ein unverstandenes Gefühl von Abschiedswehmut mischt, wenn diese Leute nicht in spätern Jahren mit leuchtenden Augen und geheimem Erinnerungsschmerz am Stammtisch, im Familienkreise, in der Schar ihrer Kinder von der Zeit erzählen, da sie den bunten Rock trugen — von Ihnen erzählen, kleiner Carstanjen — ihrem muntern, liebenswürdigen kleinen Zugführer, dem es zwar zuweilen auf eine Handvoll Schweinehunde und Kamelsnasen nicht ankam ... der aber doch im Grunde seines Herzens ein todguter, lebensfreudiger und grundehrenwerter Junge war, der in seinen Rekruten und alten Kerlen etwas mehr sah als bloß die Objekte einer lästigen, stumpfsinnigen Berufstätigkeit — wenn das nicht so wäre — dann sähe es schlimm aus um unser deutsches Heer ... um unser deutsches Volk ...«
»Jesses, Jesses, er predigt — die Reserve predigt!« rief Carstanjen mit komischem Entsetzen und doch innerlich gepackt — ein wenig geschmeichelt — ein wenig ergriffen aber auch — »Junker, schnell 'ne neue Pulle! —«
Da trat ein Füsilier, es war der Pferdebursche des Majors von Sassenbach, zu den Herren heran, stand stramm: »Der Herr Major läßt die Herren Offiziere bitten, ins Bataillonsstabszelt zu kommen zu einer kleinen Bowle!«
»Wir werden kommen!« sagte Flamberg. »Ja, einer von uns muß natürlich bei der Kompagnie bleiben — also zunächst mal Sie! Ich löse Sie nachher ab — also auf Wiedersehen!«
Ein siedender Schreck hatte Martin plötzlich durchzuckt, als die Ordonnanz des Majors herangekommen war ... Auf die hatte er ja den ganzen Tag gewartet ...
Und nun erging der Ruf zu einem fröhlichen Zechen —!? Also die Stunde der Abrechnung war noch immer nicht da ... der Major wußte noch von nichts ...?!
Natürlich, jetzt saß Brandeis drüben im Dorfe, wo der Brigadestab lag, mit seinem General zusammen, studierte die Korps- und Divisionsbefehle für morgen — redigierte den Brigadebefehl — —
Da blieb ihm keine Zeit, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken — mochten sie auch noch so dringlich ... noch so unaufschieblich sein ...!
Im Hinschreiten ließ Flamberg seine Blicke über das weite Lager schweifen ... Die Dämmerung sank hernieder .... die frühe Dämmerung des Spätsommerabends ... hinter dem fernen braunen Strich des Idarwaldes verglomm der letzte Tagesglast ...
Endlos hin über Berg und Tal zog sich das Biwak des Korps ... und überall dieselbe Szene ... die lodernden Feuer mit den rastenden, schmausenden, singenden jungen Männern drum herum ... überall niedere Leinwandzelte ... Gewehrpyramiden ... Posten vor der Fahne ... Ein ergreifendes Bild ruhender, gesammelter Volkskraft: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein ...«
Ach — und immer wieder fühlte er dann den jähen Ruck am Herzen ...
Was hast du getan — und was wird werden — —?!
Wie anders müßte mir nun zumute sein ... wie leicht ... wie dankbar ... wie voll Hoffnung ... voll überströmender Glückshoffnung — Und wie ist mir nun ...
Unmännlich hab ich mich hingegeben an diese Leidenschaft, die ich hätte bekämpfen müssen von Anbeginn ... ausroden wie ein holdselig blühendes, berauschend duftendes Giftgewächs ...
Ich hab sie wachsen lassen ... und eine einzige Sekunde hat mein Leben ... meine Zukunft ... mein Glück vernichtet ... Mein Glück ...
Meines nur ...?
Und sie ... Agathe ... das vertrauensvolle Mädchen, das sein Geschick in meine Hand gelegt hat ...?! Ach, Himmel, wenn sie ahnte ...
Und das, was kommen kann ... was kommen muß ...
Nein, nein — nicht dran denken ... hinwegscheuchen die grausigen Bilder alles dessen, was kommen wird —
Gespielt mit dem Heiligsten ... gedankenlos ... haltlos ... gewissenlos ...!
Im Künstlerübermut ... im Rausch des Machtgefühls hineingegriffen in die festgefügte Ordnung, welche diese Lebenssphäre beherrscht, in die der Dienst des Königs, des Vaterlandes mich, den Mann aus Kreisen leichterer, freierer Daseinsführung, hineingeführt ...
Nein, das ging nicht ... das paßte nicht zusammen ... Entweder — oder! Nur zu einem Spiel ... nur zu einem Anlaß künstlerischer Sensationen war das Gewand zu gut, das er trug, der Stand, dessen Zeichen es war ...
Eine Offizierübung ist kein malerischer Motivenschatz ... die Ehe eines Fritz von Brandeis ist kein Modellbureau ... Entweder — oder! Entweder man ist Offizier — oder man ist es nicht! —
Nun ... er würde sühnen ... seine Schuld bezahlen ...
In tiefem Sinnen war Flamberg stehen geblieben am Rande des Gehölzes, welches das Biwak deckte.
Nun hörte er plötzlich seinen Namen rufen: »Flamberg! Sie, Flamberg!«
Das klang vom Bataillonszelt her ... Die Kameraden hatten ihn entdeckt.
Er trat hastig näher.
»Na Meister ... bißchen Stimmung geschunden ... bißchen photographiert für den Winter?! So, nun kommen Sie mal 'ran ... die Bowle ist prima, prima ...« so klang's durcheinander.
Der Major thronte inmitten der Tafelrunde, die sich auf Feldstühlen, Kisten und Koffern um den grauen Klapptisch gruppiert hatte, der ein Vorrecht des Bataillonsstabes war. Sein Gesicht war gerötet, die zerknitterte Manövermütze saß ihm im Genick, den Kragen des Waffenrocks hatte er aufgehakt ...
Und an seiner rechten Seite saß der Leutnant der Landwehr Frobenius ... seine Brillengläser funkelten ... seine klugen Augen leuchteten so seltsam ... die rotumbarteten Lippen zuckten wie in freudiger, festlicher Erregung ...
»So, lieber Dormagen,« sagte der Major mit einer gewissen Feierlichkeit zu dem jüngsten der Herren des Bataillons, dem eleganten Referendar aus Koblenz, »nun füllen Sie gefälligst mal alle Gemäße —!«
Schäumend floß der Kasinosekt über die Ränder der Emaillebecher, der Bierseidel, der henkellosen Kaffeetassen ...
Und Sassenbach erhob sich: »Meine Herren — ich weiß, daß ich Ihnen allen eine Freude machen werde mit dem, was ich Ihnen jetzt mitzuteilen habe: Erstens — unser verehrter Kamerad, Herr Frobenius, bislang Privatdozent der Literaturgeschichte an der Universität Bonn — ein Herr, der in den acht Wochen, während deren er inmitten unseres Regiments geweilt hat, trotz gewisser — hm hm — — anfänglicher Schwierigkeiten ... trotz einer gewissen Vorliebe für den Aufenthalt in Froschtümpeln und auf Parkettböden ... die uns ein wenig befremdet hat ... auf die Dauer unsere größte kameradschaftliche Hochachtung und Sympathie erworben hat — dieser Ihnen wohlbekannte Herr hat soeben einen telegraphischen Ruf als ordentlicher Professor an die Universität Tübingen erhalten — —«
Das gab einen Sturm —!
Ja, wahrhaftig, sie mochten ihn alle leiden, den bescheidenen, gutmütigen, pflichtgetreuen Mann ...
»Famos ... tadellos ... bravo, bravo Frobenius ... gratuliere tausendmal ...!!«
»Halt, meine Herren!« überschrie der Major den Tumult, »ich bitte dringend um Ihre Aufmerksamkeit! — ich bin nämlich noch nicht zu Ende —: Ich habe die angenehme Pflicht, Ihnen die Verlobung meiner Tochter Nelly mit —!«
Weiter kam er nicht — keiner verlangte, den Namen des Erkorenen zu wissen.
Es gab einen Jubel, daß an allen Lagerfeuern des ganzen Bataillons alle Köpfe dorthin sich wandten, wo bei der Fahne auf einer leichten Bodenerhebung die Herren vorm Bataillonszelt tafelten ...
»Das Brautpaar: hurra, hurra, hurra — —!«
Und vor versammeltem Kriegsvolk nahm der Major seinen Schwiegersohn beim Kragen und preßte seine langwallenden Schnurrbartzipfel auf den roten Bart des Herrn Professors.
Wenige Minuten vor neun Uhr ließen die Kompagnieführer ihre Leute bei den Gewehren antreten. Es war kühl geworden, die Mäntel hatten schon längst angezogen werden müssen ...
In langen dunkeln Reihen standen die Kompagnien ... es kam der Augenblick des Abendgebets.
Die Kompagnieführer standen vor der Front, die Zugführer am rechten Flügel ihrer Züge.
Und nun erklang von rechts her in ruhig heiterm Schreiten das Schmettern der Regimentsmusik ... sie spielte die alte stolze Weise des »Großen Zapfenstreichs« ...
Langsam marschierte das Musikkorps, die Spielleute aller drei Bataillone voran, an der Front des ganzen Regiments vorbei, dessen drei Bataillone ihre Biwaks nebeneinander aufgebaut hatten ...
Gelblich leuchteten die Instrumente auf im Widerschein der Lagerfeuer ...
Und aus der Ferne von rechts und links kam's wie ein Widerhall ... dort, wo die andern Regimenter des Korps biwakierten, vollzog sich die gleiche Feierlichkeit ...
Nun war die Musik am linken Flügel des dritten Bataillons angekommen, sie machte kehrt, zog abermals vor den dunkeln Massen der lauschenden Truppen entlang bis in die Mitte des zweiten Bataillons, in die Mitte der ganzen Regimentsfront. Da machte sie halt.
Hier stand der Oberst mit seinem Stabe. Er gab mit weithin schallender Stimme das Kommando: »Mützen ab zum Gebet!«
Die Bataillonskommandeure, die Kompagniechefs wiederholten den Befehl.
Alle Mützen flogen von den Köpfen ... ein tiefes, andächtiges Schweigen lagerte über dem nächtigen Plan ...
Nun scholl ein dumpfer, langhinrollender Trommelwirbel ... die achtundvierzig Tambours des Regiments ließen leise rasselnd ihre Schlägel auf die entspannten Kalbfelle niederfallen ... darüber schwebte ein leiser, flehender Triller der Flöten ... und nun setzte der volle Ton der Trompeten, Tuben, Posaunen ein mit herzerschütternder Choralmelodie ...
»Ich bete an die Macht der Liebe,
die uns vom Himmel offenbart ...
ich geb' mich hin dem freien Triebe,
mit dem ich je geliebet ward.
Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken ...«
— Das griff in jede Brust ... übergewaltig ... versöhnend ... Frieden spendend ... Himmelsfrieden ..
Stumm ... regungslos lauschten die zwölfhundert jungen Männer im Waffenrock der Niederländer Füsiliere ... und alles weithin übers endlose Waffengefild lauschte ... sie alle, die jugendschwellenden, hochaufschauernden Kriegerherzen ...
Und keiner ... keiner war so arm ... so heimat- und friedlos, daß er nicht an ein Liebes hätte denken können, dessen Herz in weiter Ferne für ihn schlug ...
Martin Flambergs Herz aber schrie auf in wildem Gram ... in fressender Reue ...
Agathe ... Agathe ...!!
»Mützen auf — weggetreten —!«
— Als Flamberg sich umwandte, dem Kompagniezelt zu — stand plötzlich der Hauptmann von Brandeis hinter ihm: »Guten Abend, Flamberg — haben Sie einen Moment Zeit für mich?!«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«
»Kommen Sie ... wir gehen ein paar Schritte in den Busch hinein ...«
Stumm folgte Martin Flamberg — in seinem Kopf und Herzen war ein brandender Schwall — er konnte nichts denken — nichts fühlen ...
Unter der vordersten Buche des Gehölzes machte der Hauptmann halt. Dicht standen die Männer einander gegenüber ... ihre Gesichter schimmerten nur schwach im Widerschein der Biwaksfeuer ...
»Wir wollen nicht viele Worte machen, Flamberg ... Sie haben mir sehr ... sehr weh getan ... wissen Sie das ...?«
»Ich weiß es, Herr Hauptmann!«
»Was Sie sich dabei gedacht haben — Gott mag's wissen! — Ich will zu Ihren Gunsten annehmen, nicht allzuviel! — Ich will Ihnen auch nicht Moral predigen — ich wette, das haben Sie selber genügend besorgt in den Stunden seit ... seit gestern abend ... also zur Sache: es ist der Wunsch meiner Frau ... daß Sie und ich uns ... friedlich ... auseinandersetzen. Ich respektiere diesen Wunsch ... und ... ohne daß Sie erst darum zu bitten brauchen ... soll Ihnen verziehen sein.«
»Herr Hauptmann!« stammelte Martin.
»Ich versteh das alles ja sehr gut ... Sie sind — wie sagt man doch — eine glänzende Erscheinung ... ein außergewöhnlicher Mensch ... eine Berühmtheit ... Ich bin ein einfacher Soldat ... Aber ich hab diese Frau sehr lieb ... ganz gewiß lieber, als irgendein anderer Mensch sie haben kann ... und schließlich bin ich doch am Ende ihr Mann, nicht wahr?! Also kurz: Meine Frau hat mir erzählt: was zwischen euch beiden geschehen ist, gestern abend ... das ist ein Abschied gewesen ... Nun — so will ich's denn als ... Abschied ... gelten lassen. Nur eins versprechen Sie mir, Flamberg, nur das eine: halten Sie das Angedenken dieser Frau in Ehren ... in hohen Ehren, Flamberg! wollen Sie mir das versprechen ...?«
»Das — — versprech ich ... Herr Hauptmann!«
»Nun noch eins — Sie heiraten ja übermorgen ... Sie müssen Ihrer jungen Frau einmal ... erzählen ... was Sie getan haben ... nicht jetzt ... nicht im Flitterwochenrausch ... später einmal, wenn ihr euch beide kennt ... dann sollen Sie's ihr erzählen ... das wird euch zwei zusammenketten, das ... und Sie vor mancherlei bewahren, was vielleicht ... noch kommen könnte ...! Werden Sie das tun —?«
»Ich werd's tun, Herr Hauptmann!«
»Ich danke Ihnen — und nun ... ich hab morgen Dienst beim Herrn General, und wir werden uns vor Ihrer Entlassung wohl kaum mehr sehen ... also ... leben Sie wohl ...!«
Er streckte dem Kameraden die Rechte hin. Flamberg schlug ein — er konnte nicht reden.
»Soll ich ... Cäcilie ... einen Gruß ... von Ihnen bestellen ...?«
»Ich ... bitte darum, Herr Hauptmann ...!«
»Ich werd's ausrichten! — Addio, lieber Flamberg!«
Noch einmal drückte der Hauptmann kräftig Martins Rechte ... legte die Hand an die Mütze ... schritt rasch von dannen ...
Und Flamberg ging langsam zu seiner Kompagnie.
Begnadigt! — Dem Leben ... der Heimat ... der Braut wiedergeschenkt ...
Begnadigt —!
In Martins Herzen hallte der Schluß der Gebetsweise wider ...
»Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken ...«
Die letzten Lagerfeuer erloschen.
Die letzten der Offiziere, die sich noch durch ein paar Glas Feuerbowle für den Schlummer im Stroh, die scharfe Kühle der Frühherbstnacht auf hohem Gebirgsplateau gestärkt hatten, krochen ins Stroh ...
Die Unteroffiziere, die Mannschaften schnarchten längst in den langen Zugzelten ...
Am verglimmenden Lagerfeuer der zweiten Kompagnie lag bäuchlings hingestreckt noch ein einsamer Unteroffizier ...
Beim letzten Glosten der zuckenden Flämmchen, die den mächtigen Aschenhaufen umschwelten, las er ein Briefchen:
»— — Du sollst nicht heut und nicht morgen kommen, lieber Hans. Du sollst noch ein paar Jährchen warten, bis Du Deinen Assessor gemacht hast. Wenn Du mich dann nicht leid geworden bist, dann komm und hol mich — wenn ich dann noch da bin. Wir sind ja beide noch Kinder, und ich weiß nicht, ob nicht einem von uns beiden doch mal einer begegnen wird, der ihm lieber ist als die Erinnerung an einen heißen Kuß im Garten des Offizierkasinos — weißt Du noch, mein Hans?! Wenn das kommen sollte, dann soll keiner von uns sich an den andern gebunden halten. Ich glaub's ja nicht, daß es mir passieren wird, ich sag's auch mehr Deinetwegen als meinetwegen. —
Aber — man kann nicht wissen —!
Also — leb wohl, mein Süßer, und denk manchmal an mich!
Vielleicht einmal, vielleicht — —!
Molly v. S.«
Hans Friesen fuhr sich über die Stirn.
Sie hatte ihm die Freiheit wiedergeben wollen ... wie schön das war ... und wie klug ...
Und auch in ihm tönte die Choralweise nach ...
Jetzt in das dumpfe Zelt kriechen, wo die Kommißunteroffiziere schnarchten —? Nein ...!
Lieber hier am behaglich wärmenden, langsam verglostenden Feuerrest die paar Nachtstunden verträumen — unterm gleißenden Sternenhimmel ... in tiefem Sinnen ... in einem glücklichen Traum von Zukunft — Schönheit — Ruhm — Glück — in einem wundersamen Sicheinsfühlen mit dem weiten All ringsum, dem Chor der Schläfer auf der weiten Bergeshalde ... dem Gewimmel der Gestirne droben am Firmament ... mit allem Geschaffenen und seinem Schöpfer —
»Ich bete an die Macht der Liebe ...«
Langhin streckte sich der Soldat auf den harten Stoppelboden, schob Mollys Briefchen in die Brusttasche seines Waffenrocks ... und schaute nun regungslos mit glänzenden Augen zum weißleuchtenden Nebelbogen der Milchstraße empor.
Einsam, ein rüstiger Wanderer, schritt Martin Flamberg in der Morgenfrühe des 22. September talabwärts auf der Chaussee, welche von Leisel über Hettenrodt, Hettstein und Idar nach Oberstein an der Nahe führte ...
Hier würde er den Zug erreichen, der ihn heimwärts führen sollte.
Frühmorgens im Lagerstroh hatte der Feldwebel ihn geweckt: »Verzeihen Herr Leutnant, eine Ordonnanz vom Herrn Major ist da!«
»Soll ans Zelt kommen!«
»Herr Leutnant möchten so bald als möglich zum Herrn Major kommen!«
Sassenbach war just bei der Morgentoilette, als Flamberg ins Stabszelt trat: »Na, Flamberg ... Brummschädel ...?«
»Danke gehorsamst — nein, Herr Major!«
»Entschuldigen Sie — muß mich eben fertig rasieren!«
Beim Schein einer Stallaterne, die der Bursche mitsamt einem winzigen Spiegelchen seinem Herrn vorhielt, saß der Bataillonskommandeur auf einem Faß, mit aufgeklapptem Waffenrock, und schabte die angegrauten Stoppeln von seinen bronzebraunen Wangen.
»Also, lieber Freund, Sie haben morgen Hochzeit ... Da scheint's mir doch besser, das Armeekorps behilft sich am letzten Übungstage ohne Sie — Sie sind also hiermit entlassen und haben möglichst schnell und geräuschlos aus dem Bereich des Kriegsgetümmels zu verschwinden!«
»Aber ich bitte ganz gehorsamst, Herr Major ...«
»Keine Fisematenten! Ich befehl's — und damit basta!«
»Und wer, befehlen Herr Major — wer soll die erste Kompagnie heute führen?«
»Ach was, die paar Stunden! Kann ja der Windhund, der Carstanjen machen! — Na, einverstanden?«
»Ich danke von ganzem Herzen, Herr Major!«
Sassenbach stand auf, und während der Bursche ihm im Stehen die kotigen Stiefel an den Beinen mit der Wichsbürste bearbeitete, streckte er dem Untergebenen die Hand hin: »Also stecken Sie sich einen grünen Zweig an als Neutralitätsabzeichen und verschwinden Sie auf dem nächsten Wege, solange es noch dunkel ist ... kommen Sie gut nach Hause, empfehlen Sie mich unbekannterweise Ihrem verehrten Fräulein Braut — und machen Sie Ihre Sache gut — na, Sie verstehn mich schon — hahaha! Haben Sie auch schönsten Dank für freundliche Unterstützung und leben Sie wohl!«
»Darf ich Herrn Major meinen gehorsamsten, tiefgefühlten Dank für die gütige Aufnahme und alles Gute —«
»Schon gut, schon gut, lieber Flamberg — es war uns eine Ehre und ein Vergnügen!«
— — Und nun marschierte Martin Flamberg einsam talabwärts.
Von seinem Helm nickte ein grüner Busch. In seinem Wachstuchtornister klapperte eine halbe Flasche Kognak, die Carstanjen ihm noch als Abschiedsgabe eingepackt —
»Junger Ehemann in spe — — können eine kleine Herzstärkung gebrauchen! —«
Die Säbelscheide in der Linken, die Rechte taktmäßig pendelnd, stapfte er bergab in munterm Soldatenschritt.
Und wie ringsum die Bergsäume sich rosig erhellten, erhellte sich auch des Wanderers Herz — —
Ja, es ging heimwärts ... heimwärts ... es ging in die Arme der Liebe ... der Liebe, der nun sein ganzes Leben gehören sollte ... sein ganzes Leben ...!
Immer leuchtender stieg des fern harrenden Mädchens teures Bild vor seinem Blick empor ... nun erst, da er schon fast abgerechnet mit allem, was er besessen und erhofft hatte, lag's vor ihm in seinem ganzen süßen, holden Glanz ...
Er zog Agathens letztes Briefchen hervor, dies Briefchen, das nur das eine einzige, sehnsuchtsschwere Jubelwort enthielt: »Über-über-übermorgen —!!!«
Nun war's schon morgen — morgen würde es heute sein! —
Horch ...
Bum — bum — dröhnten von droben die ersten Kanonenschläge ...
Der letzte Manövertag ... der Heimkehrtag für zehntausend junge Gesellen ... der Heimkehrtag auch für ihn ...
Den läuteten sie ein, die dumpfen, metallenen Schläge da oben.
Bum, bum, bum — — klang's da von allen Höhen in der Runde ... Diese Töne, die Mord und Grauen bedeuten sollten ... ihm waren sie selige Friedensklänge ...
Und immer tiefer senkte sich die Chaussee ... das war das Dörfchen Hettenrodt, das er nun durchschritt ... Noch lag es schlummernd ... kaum, daß ein schläfriger Ackerknecht schwerfällig die Haustür aufstieß und über den Hof zum Stall humpelte, wo das erwachte Vieh nach seiner Morgenration brüllte ...
Nun senkte sich der Weg gen Hettstein.
In einer Viertelstunde würde er am Schlößchen vorbeikommen.
Dort hing das Bild der schönen Frau, dort harrte sie selber der Heimkehr des herrlichen Mannes entgegen, der sie sein eigen nennen durfte — um an seiner Seite ein neues, ein tieferes Leben zu beginnen.
War es nicht doch gut so ... wie alles gekommen war, gut — — auch für die beiden?
Wenn der Sturm durch die Menschenherzen fährt, dann reißt er vielleicht einmal ein Glück in Trümmer — aber gibt es nicht auch Stürme, die segnen? die Luft klären, das Morsche hinwegfegen, auf daß das Gesunde um so kräftiger blühe?
Bum, bum, bum — läuteten die Glocken ringsum — die Hochzeitsglocken!
Nun wand die Chaussee sich um eine Waldecke herum ...
Schau! vom ersten Morgenstrahl beglänzt, schimmerten die blitzenden Fenster, die schmucken Türme, die grünumrankten Zinnen des Schlößchens Hettstein.
Dort schlummerte sie, die schöne, schöne, schöne Frau ...
Einen Gruß dir, einen Herzensgruß, du wunderliebliches, du märchenhaftes Geschöpf — und — Segen, Segen, Segen auf dein Leben!
Himmel — war's möglich? — Auf dem Balkon im ersten Stock stand einsam eine weiße Gestalt — lauschte dem volltönigen Geläute der Kanonen ringsum auf den Hunsrückbergen ...
Jählings strömte das Blut zu Martins Herzen — ein Weh, das ihn schier übermannen wollte, durchrüttelte ihn so heftig, daß sein Fuß einen Augenblick stockte ...
Nein! weiter ... rüstig weiter ... rüstig weiter ...
Und nun ... nun wandte die Lauscherin langsam ihr Haupt bergaufwärts ... und nun gewahrte sie den einsam wandernden Kriegersmann ... und nun ... erkannte sie ihn ...
Einen Augenblick stand sie starr, schien fliehen zu wollen ...
Doch nein — sie blieb —
Ein weißes Tüchlein ließ sie flattern durch die goldene Morgenluft ... ein weißes Tüchlein ... ein Abschiedszeichen ... ein Friedenszeichen ...
Und Martin riß den Helm vom Kopf ... den Helm mit dem grünen Zweige ... dem Ölzweige daran ... er schwenkte ihn nach droben zum hohen Balkon ... zu der weißen Gestalt mit dem flatternden Tüchlein ...
Aber wehren konnte er nicht, daß ein paar helle Tropfen über seine verbrannten Wangen niederrannen und zerblitzten auf dem staubigen Waffenrock ...
Ade, ade, ade ... vorüber, vorüber, vorüber ...
Vor dem Rückschauenden zerfloß das Bild des Schlößchens ... zerfloß in blinkende Nebel das Bild der weißen Frauengestalt mit dem flatternden Tüchlein ...
Ade, ade, ade ...
— — Und nun geradeaus den Blick ... der Heimat, der harrenden Liebe ... der Zukunft entgegen ...
Agathe ... Agathe ...
Umbrandet vom tosenden Schwall der Kanonen schritt Martin zu Tal.
Heimkehrgeläut ... Hochzeitsgeläut ...
Er schritt zu Tal ... schritt nieder in jenes Land, wo das Leben selbst Poesie wird ... heiligste Poesie.