Viertes Kapitel.

Fritz von Brandeis stand an der Treppe, die von der Veranda in den Garten hinunterführte. Hinter ihm harrten die fünf Burschen, sein eigener und die vier seiner Gäste, kriegsgemäß in Drillichzeug und Schnürschuhen, nur durch die Serviette über ihrem linken Arm als herrschaftliche Leibdiener gekennzeichnet, der Befehle des Hausherrn gewärtig.

Scharfen Blicks überflog der Hauptmann das lustige Bild des Gartens, der festlich schimmerte im mattbunten Glanz der Lampions, im gelben Flimmer der Kerzen auf den Bowlentischen.

Na, alles gut versorgt? — Jawohl, alles klappte!

Ein alter dicker, runder Mauerturm sprang an der nördlichen Ecke des Gartens weit ins Gebüsch hinein, das aus dem ehemaligen Burggraben aufgewuchert. Wilder Wein überrankte hier das weiße Staketengezäun einer Laube: darinnen saßen die wichtigsten der Gäste bei der Pfirsichbowle, der Oberst und der Major.

Schau, schau — auch nach Tisch hatten die alten Herren sich anscheinend nicht von ihrer Tischnachbarin trennen können!

Und sie, seine Cäcilie — sie schien ja auch vollkommen zufrieden in der Gesellschaft der Herren Stabsoffiziere — hatte heut abend noch kaum ein Wort mit dem Maler gesprochen.

Na also — hätten wir uns ja wohl unnötige Unruhe gemacht!

Schoenawa, des Obersten Adjutant, und Menshausen, sein Manöver-Ordonnanzoffizier, hockten pflichtschuldigst bei ihrem Kommandeur — aber wo steckte denn Leutnant Blowitz? — ah — er war des trockenen Tons wohl satt, des beständigen »Schusterns« bei den hohen Stäben, hatte sich zur Jugend geflüchtet —

Aus der Nachbarlaube, in der auf rundem Tisch gleichfalls eine mächtige Pfirsichbowle aufgebaut war, klang schmetterndes Gelächter. Dort saß der Adjutant des ersten Bataillons mit den Offizieren der ersten Kompagnie, mit Flamberg und Carstanjen. Selbstverständlich war hier auch der Fahnenjunker von Erichsen zu finden, der immer wieder die Gläser füllen mußte. Nur die jungen Damen fehlten in der Runde der Jugend ... wo mochten die bloß stecken ...? und es fehlte auch die Landwehr ...

Aha — ach so —!!

Ja, Nellychen, über'n Geschmack ist nicht zu streiten ... aber Sie sind Manns genug, um selber zu wissen, was Ihrem Besten dient ...

Und das Schwesterchen? — Auch verschwunden? — Sieh da!

Und der Leutnant Quincke fehlte ebenfalls — hm, hm — — den Geschmack hätte man der Kleinen nun gerade nicht zugetraut —

Aber in Gottes Namen!

Heute mochten die zwei losgelassenen Füllen herumspringen, mit wem sie wollten ... Daß nichts Ernstes aus ihren Flirts wurde, dafür würde im geeigneten Augenblick die Frau Mama daheim schon sorgen, wie bisher noch immer ... auf Schloß Hettstein sollten sie jedenfalls machen dürfen, was sie mochten.

Also alles in schönster Ordnung!

Vergnügt schmunzelnd wandte sich der Hausherr zu der regungslos harrenden Phalanx der Burschen zurück:

»Na, Jungens, nun könnt ihr euch gegenseitig ablösen! Zwei von euch haben immer hier auf der Veranda zu warten, die andern drei in die Küche zum Bierempfang! — zunächst bleiben Kempges und Schnettelker hier! — Die andern drei — abschwirren!«

Er fühlte sich in Laune kommen.

Zu dumm, sich überhaupt Gedanken gemacht zu haben Cäciliens wegen! Pah — seine Cäcilie —!

Seine Lippen pfiffen leise das Avanciersignal, während er die Treppe hinuntersprang und quer durch den Garten auf die Jugendlaube zuschritt: »Tut mir leid, meine Herren, Ihre Hebe muß ich Ihnen für ein halbes Stündchen ausspannen! — Sie, kleiner Erichsen, und Sie, etwas größerer Carstanjen, kommen Sie mal einen Moment her!«

Die Angeredeten schossen in die Höhe.

»Also kommt 'mal raus, Kinder,« sagte der Kompagniechef, »ihr müßt mir eine Überraschung deichseln helfen. Die Burschen würden mir die Sache jedenfalls verderben: Ich habe also drüben auf der Wiese jenseits der Chaussee ein kleines Feuerwerk aufbauen lassen, das müssen Sie beide mir abbrennen. Kommen Sie mit, ich werde Sie instruieren!«

Blowitz und Flamberg blieben allein bei der riesigen Bowle zurück. Der Maler trank hastig und sprach wenig. Der Adjutant war auch kein Mann von vielen Worten. Es wurde still am Jugendtisch.

Und immer wieder zog es Martins Blicke dorthin, wo im matten Lichte der Lampions ein weißes Frauenantlitz zwischen den gebräunten, verwitterten, weinerregten Gesichtern der Stabsoffiziere, den frostigen, lauernden der beiden Oberleutnants stand.

Auf einmal erhob sich dorten die ganze Gruppe und kam die niedrige Stiege hinunter in den Garten, schritt der hellerleuchteten Veranda zu, die dem Speisesaal vorgelagert war.

Major von Sassenbach warf einen Blick zur Jugendlaube hinüber: »Ah, da sitzt ja auch unser Malermeister — unser Pinselheld! — Sie, Flamberg, die gnädige Frau will uns das Bild zeigen, das Sie von ihr gemalt haben — kommen Sie doch mal mit! Oder haben Sie's schon auf seinem neuen Platz gesehen?«

Flamberg sprang auf: »Nein, Herr Major!«

»Also los — gehen Sie mit uns!«

»Wenn die gnädige Frau gestattet —?«

»Ich bitte darum, Herr Flamberg!«

Blowitz schloß sich ungeladen an.

Zwischen dem Oberst und dem Major schritt Frau Cäcilie voran — schweigsam, mit verschlossenen Gesichtern folgten die beiden Oberleutnants — die beiden Leutnants machten den Beschluß.

Frau von Brandeis führte die Herren durch den Speisesaal, in welchem die Mägde mit den drei beurlaubten Burschen die Tafel abräumten, und in die behagliche, ganz als Wohnraum eingerichtete Diele hinüber. Dort lief die bequeme, breite Treppe zum Obergeschoß hinan, das einen gleich großen Dielenraum enthielt. Hirschgeweihe, tief nachgedunkelte Ölgemälde schmückten da die Wände.

Im Emporsteigen drehte die Hausfrau die elektrische Beleuchtung auf, und man gewahrte, daß von der obern Diele aus mehrere Türen nach den innern Gemächern führten. Durch eine dieser Türen betraten die Gäste das Herrenzimmer, das nun ebenfalls auf einen Druck von Frau Cäciliens Fingern in Lichtfülle erglänzte.

Und sieh! — Da hing über einem wuchtigen Diplomatenschreibtisch die Schöpfung Martin Flambergs.

»Ah!« riefen der Major und sein Adjutant.

Die Herren des Regimentsstabes hatten das Bild bereits gestern zu sehen bekommen, sie waren nicht mehr zur Bewunderung verpflichtet.

Frau Cäcilie tat ein paar rasche Schritte zur Seite. Da stand die Tür zu einem Nachbarzimmer halb offen. Die gelben Messingstangen zweier englischen Bettstellen, das lichte Weiß eines Spitzenhimmels leuchtete aus der Dunkelheit. Ruhig schloß die Hausfrau die Tür.

Stumm hingen aller Blicke an dem Gemälde.

»Aha,« sagte Sassenbach, »das ist also das berühmte Bild!«

»Das berühmte — wieso?« fragte Frau Cäcilie.

»Nun — Sie können sich wohl denken, verehrte gnädige Frau, daß das ganze Regiment von dem Bilde spricht — ich meine — ich will sagen — wenn eine Dame des Regiments von einem so vielgefeierten Maler wie unserm Herrn Leutnant der Reserve gemalt wird — das ist doch natürlich ein Ereignis!«

Alles schwieg und starrte regungslos zu dem Frauenbildnis hinan.

Das schaute leuchtend herab auf die Herren im Waffenkleid — leuchtend in einer Hoheit, um die es seltsam wob wie ein Hauch von Unvergänglichkeit — von zeitloser Verklärung.

»Fabelhaft,« sagte der Oberst, »ich gratuliere Ihnen, lieber Flamberg! Ich verstehe nicht allzu viel von Kunst — aber das da, das imponiert mir — ohne Scherz, das imponiert mir —«

»Ja,« sagte Menshausen halblaut, »man möchte sagen: mit Liebe gemalt!«

Der Major warf dem Oberleutnant einen wütenden Blick zu, und jeder fühlte: taktlos — unverschämt.

»Nun, Herr Flamberg,« fragte die Hausfrau, ohne den Maler anzusehen, »sind Sie einverstanden? — mit dem Platze, meine ich!«

»Dazu müßte ich das Bild erst mal bei Tageslicht sehn! — So, bei dieser künstlichen Beleuchtung, allerdings einwandfrei!«

»Sie würden auch am Tage mit dem Platze zufrieden sein — schade, daß Sie es so bald nicht in natürlicher Beleuchtung zu sehen bekommen werden!«

»Schwerlich!« sagte Flamberg.

»Na, lieber Sassenbach, Sie sagen ja gar nichts,« bemerkte der Oberst.

»Tja, wie der Herr Oberst bereits gesagt haben: ich verstehe ebenfalls nichts von der Kunst!«

»Dann sagen Sie uns doch wenigstens, wie es Ihnen gefällt!«

»Gefallen? — Tja, Flamberg, Sie dürfen mir's aber nicht übel nehmen —«

»Aber ich bitte ganz gehorsamst, Herr Major!«

»Ich ... ich finde es eigentlich nicht so recht ähnlich!« sagte der Major. »Ich finde ... es ist was drin ... etwas, was ich wenigstens nicht kenne an unserer hochverehrten Frau Wirtin —!«

»Und das wäre?« fragte Frau Cäcilie.

»Ja, wie soll ich das ausdrücken — so was Fremdartiges ... so was Unheimliches, möchte ich sagen!«

Cäcilie warf dem Maler einen verstohlenen Blick zu. »Ja, sehn Sie, Herr Major,« sagte sie, »vielleicht hat Herr Flamberg etwas hinzugetan, etwas von seinem Eigenen, etwas, das wirklich mehr ist als ich, als mein Leben — aber das tun große, starke Künstler wohl immer, meine ich!«

»Das ist mir zu hoch,« sagte Sassenbach. »Ich kann mir nicht helfen — ich finde es nicht ähnlich! Es ist was dran, was mir bisher an Ihnen wenigstens niemals aufgefallen ist!«

»Was Ihnen vielleicht nicht aufgefallen ist, Herr von Sassenbach,« sagte langsam mit sinnendem Lächeln Frau Cäcilie, »darum ist aber noch nicht gesagt, daß es etwas Falsches ist ... vielleicht ist's auch doch nicht was Hinzugetanes ... vielleicht ist's doch etwas, was nur Sie nicht bemerkt haben, weil Sie mich nicht kennen ...«

»So, und Herr Flamberg, der ... der kennt Sie also besser, meine verehrte gnädige Frau?!«

Wiederum eine eisige Stille. Regungslos stand der ganze Kreis. Jeder fühlte: der gute Major hatte da in aller Harmlosigkeit etwas ausgesprochen, etwas, das — —

Der Oberst fühlte sich verpflichtet, einzurenken.

»Na, das ist doch selbstverständlich, lieber Sassenbach, daß ein Maler an ... an den Menschen, die er malt ... daß er da allerlei entdeckt ... was ... was wir gewöhnlichen Sterblichen nicht zu sehen bekommen ...«

Abermals befangenes Schweigen. Der Oberst bekam einen roten Kopf.

Cäciliens Lippen bebten. Sie litt bis ins Herz.

Gott, all diese plumpen Hände ... die höchste und zarteste Dinge berührten wie tappige Knabenpfoten holden Schmetterlingsschmelz ...

Wenn nur er selber nicht dabei gewesen wäre ... sie war ihn ja gewohnt, diesen ungeschlachten Ton ... Diese geraden, einfachen Männer ... was sie zu verschleiern suchten, trat ungewollt zutage.

Medisance, Bosheit, verständnislose Verketzerung hatten bereits ein dichtes, trübes Gespinst gewirkt um dies Werk ... um seine Entstehungsgeschichte ... sein Modell ... seinen Schöpfer ...

Da scholl in das peinliche Schweigen hinein von draußen ein lustiges Krachen, Knattern, Prasseln.

Frau Cäcilie atmete auf.

Wie der Blitz waren die Adjutanten am Fenster.

Eine Garbe roter Leuchtkugeln schwebte soeben ruhigen Falles aus der Höhe nieder und goß einen Märchenglast über das schmale, schweigende Tal, die heitern Linien des friedumschirmten Schlößchens ...

»Hurra, Feuerwerk!« rief Blowitz.

»Feuerwerk — bravo, bravo, bravissimo!« applaudierte der Oberst geräuschvoll. »Nein, meine gnädige Frau, so etwas von einer Bewirtung ist ja überhaupt noch gar nicht dagewesen! — Zauberfest mit allen Schikanen!«

»Wollen wir nicht in den Garten?« meinte der Major, »für den ist doch jedenfalls der ganze Apparat berechnet — hier geht uns ja die Hälfte von der Herrlichkeit verloren!«

»Selbstverständlich, meine Herren,« sagte die Hausfrau, »nur schnell hinunter — sonst ist alles vorbei, ehe wir am Platze sind!«

Niemand nahm auch nur mit einem Blick Abschied von dem Bilde, das da droben hing wie ein Gast aus heiligen Fernen ...

Mit kindlicher Eile stürmten die Herren hinunter, um nur ja nicht eine Rakete, nicht ein Feuerrad zu verlieren — oder war's die Hast, von dem Werk hinwegzukommen, das sie alle unheimlich, übergewaltig hatte ahnen lassen, daß ein Fremdling aus einer unbekannten, hoheitleuchtenden Welt in ihrer Mitte weilte, aus einer Welt, deren Lebensgesetze wirkten jenseits ihres Begreifens —? Und auch Frau Cäcilie war gegangen, hastig, ohne Abschied ...

Langsam, als letzter, schritt der Maler die Treppenstufen hinunter ...

Nun machte er plötzlich kehrt ... stieg langsam wieder empor ...

Er wollte einsamen Abschied nehmen ... Abschied von seinem Werk ... Abschied von der Sphäre, der es nun angehören sollte wie sein Urbild ... Abschied von der unerhofften süßschaurigen Schickung dieser acht Wochen ...

Er trat in das Herrenzimmer zurück, warf einen langen Blick in dem Raum umher.

Der Schwiegervater des Hauptmanns hatte das Schlößchen mit der ganzen Einrichtung gekauft. Das Zimmer trug noch nicht den Wesensstempel seines jetzigen Besitzers.

Inmitten des behaglichen, doch konventionellen Prunks war Cäciliens Bild das einzige besondere Stück, verlieh dem ganzen Raum sein Gepräge, beherrschte ihn.

Links von der Tür war eine Erkernische, dort ließ sich Martin in einen unergründlichen Ledersessel fallen. Sein ringsum forschendes Auge blieb an der Tür haften, die vorhin beim Eintreten offen gestanden ... die Frau Cäcilie ruhig geschlossen hatte ...

Ja, ja — da war das Allerheiligste der Gottheit, in deren Vorhof er hatte weilen dürfen —

Künstlerlos —

Weg, weg, ihr Träume ... nieder, nieder, ihr heißen Dränge ... du wildanklagender Schrei unstillbaren Begehrens — nieder, nieder ...

Es galt ja, Abschied zu nehmen ... Abschied für ewig ... Abschied auf Nimmerwiedersehn ...

Und Martin hob den Blick.

Ja — das da oben ... das würde fernen Geschlechtern erzählen von einer Schönheit, die wie ein unbegreifliches, undeutbares Märchen durch eine nüchterne, seelenlose Welt geschritten war ...

Das würde bleiben von der Schickung dieser acht Wochen ... bleiben von den hundert bangen Stunden, der Wirrnis schlummerloser Nächte, dem lautlos grimmigen Ringen zweier Menschen um Fassung und Entsagungsstärke ...

Das war »der Zweck der Übung« — hahaha!


— — Einer aber hatte aufgepaßt.

Aha, der Herr Malermeister bleibt also zurück, da im Zimmer des Hausherrn!

Na ja, nun würde wohl alsbald auch die schöne Frau plötzlich verschwinden, wie sich die beiden andern Damen bereits verflüchtigt hatten — niedlich — sehr niedlich!

So, schöne Frau, heute werden wir quitt, wir zwei! Ich paß dir auf ... du kommst mir nicht unbemerkt vom Fleck ... das Rendezvous da oben, das werd' ich dir versalzen ...!

Mit der Hast einer Schar großer Kinder, unter Lachen und Witzen waren die Herren die Treppe hinuntergestürzt, die Stabsoffiziere voran, hatten mit Halloh wie ein Schwarm losgelassener wilder Buben den Speisesaal, die Veranda, den Garten durchtollt und standen nun an der Brüstungsmauer der Gartenbastion ...

Ah! ah! aaah! —

Auf dem dunkeln Wiesengrunde, jenseits der Chaussee, irrten ein paar suchende, zitternde Irrlichtflämmchen hin und her in der schwarzen Finsternis. Von Zeit zu Zeit machten sie Halt, tasteten noch ein Weilchen auf dem Fleck umher und — surr! schoß plötzlich eine schlanke Feuergarbe in die Höhe, zog einen langen, gelbrötlichen Funkenschweif hinter sich her, zerplatzte hoch droben zwischen dem Sternengewimmel des schmalen Himmelstreifs, der die schwarzen Mauern des Waldtals überwölbte, und ein Regen farbig strahlender Lichtballen sank herab ... die heitern Konturen des Schlößchens, die ruhig träumenden Buchenhänge, die rankenübersponnenen Laubenstakete, die erhitzten Wangen und blitzenden Augen der Gäste tauchten jählings in magisch buntem Glanz aus der Finsternis ...

Jede Rakete, die aufzischte, wurde mit stürmischem Jubel begrüßt, die schnurrenden Feuerräder, die zischenden und funkensprühenden Kaskaden mit tosendem Applaus ...

Und inmitten der überschäumend lustigen, von Ruhetagsbehagen mehr noch, denn von Sekt und Bowle erregten Kriegsleute stand Cäcilie ... fremd ... verwaist ... in einem grenzenlosen Gefühl hilfloser Einsamkeit ...

Sie suchte den Blick des einen, dem sie sich wesenseins fühlte ... und fand ihn nicht ...

Martin Flamberg war nicht unter der Schar der großen Kinder, die das sinnlose Zickzackspiel der Funkenlinien und Feuergarben da droben begeistert bejauchzten ...

Wo war er ...?

Unablässig beschäftigte dieser Gedanke die schöne Frau ... nicht ein einziges vertrauliches Wort hatte sie heut abend mit ihm sprechen können, nicht ein einziges! — Sie hatte sich vor ihres Mannes bang und schmerzlich beobachtenden Blicken gefürchtet ...

Und auch Flamberg hatte ja nicht den leisesten Versuch gemacht, sich ihr zu nähern über die Schranken pflichtmäßiger Liebenswürdigkeit des geladenen Gastes hinaus ...

Das Feuerwerk bedeutete den Schluß des Abends — das war ja klar.

Noch eine halbe Stunde würden die Gäste beim Bier verweilen ... dann war's zu Ende ... dann würden die Herren aus dem Dorf sich in ihre Quartiere zurückbegeben; denn morgen stand ein heißer Tag in Aussicht: das ganze Armeekorps gegen den markierten Feind, morgen abend Biwak des ganzen Korps ...

Morgen abend im Biwak würden die Herren sehr ermüdet und schonungsbedürftig sein ... Fritz hatte sich den Besuch der Damen ausdrücklich verbeten ...

Und übermorgen Manöverschluß, Entlassung der Reserveoffiziere auf dem Übungsfeld, Rückfahrt in die Heimat auf dem kürzesten Wege ...

Also — es war wirklich zu Ende in einer halben Stunde ... unwiderruflich zu Ende ...

Ihr grauste — — —

Und ihre Freundinnen ... wo steckten die? — Seit einer halben Stunde verschwunden! — natürlich beim Flirt —!

Glückliche Kinder, die noch wählen durften ... die noch eine Zukunft hatten ... noch hoffen konnten auf ein Leben zu zweien, in dem man zusammenwachsen würde zu immer tieferem Durchdringen ... immer innigerem Verstehen ...

Cäcilie fror —

Sie schauerte plötzlich zusammen, so heftig, daß der Oberst der neben ihr stand, sich überrascht zu ihr neigte.

»Gnädige Frau, Sie sollten sich in acht nehmen — es ist nicht mehr Sommer! Sie sind zu leicht gekleidet! Es kommt verdammt kühl von den Bergen herunter!«

Die Leutnants drängten sich heran, bereit, der Hausfrau eine wärmende Umhüllung zu holen.

»Danke Ihnen tausendmal, meine Herren, Sie würden doch nicht finden, was ich brauche! — Übrigens muß ich mich ohnehin mal um die Damen bekümmern — ich weiß gar nicht, wo die eigentlich stecken! Verzeihen Sie einen Moment, meine Herren!«

Gott sei Dank, daß sich ein Anlaß fand, einen Augenblick zu verschwinden! — Nur ein paar Minuten allein sein ... nur rasch einmal die schmerzende Stirn, die brennenden Lider mit einem feuchten Tuch kühlen ... nur ein paar Minuten still im Dunkeln sitzen und die Augen schließen ... allein sein ... ganz allein ...

Cäcilie schritt durch den Speisesaal, wo die drei dienstfreien Burschen leise mit den beiden Mädchen schwatzten, befahl, daß Bier herumgereicht werden solle, und stieg langsam, schleppenden Schritts, zum Oberstock empor.

Es trieb sie, sich langhin aufs Bett zu werfen und den Kopf tief, tief in die Kissen hineinzuwühlen.

Mit müdem Griff öffnete sie die Klinke zu ihres Mannes Zimmer und fuhr nervös zusammen, als statt der erwarteten Dunkelheit der volle Glanz des elektrischen Lüsters ihr entgegenströmte, der sie für einen Augenblick blendete.

Natürlich hab' ich vergessen, das Licht auszudrehen vorhin, dachte sie und griff mechanisch nach dem Schalter rechts von der Tür —

Auf einmal fuhr zur Linken aus der Tiefe des Klubsessels in der Nische die Gestalt eines Mannes empor ...

Martin und Cäcilie standen einander gegenüber ...

Starr standen sie beide ... beider Augen schlossen sich einen Augenblick lang ...

»Noch hier — Herr Flamberg?« sagte Cäcilie matt und heiser.

»Wie Sie sehn, gnädige Frau ...!«

»Sie ... legen keinen Wert auf das Feuerwerk —?«

Nur ein zuckendes Lächeln, eine entschuldigende Handbewegung brachte Martin zustande.

»Und Sie, gnädige Frau —?«

»Ich ... ich wollte mich einen Augenblick ausruhn —!«

»Ich gehe!«

»Nein ... nicht ... ich hab' Sie heut ja noch gar nicht recht begrüßt ... Sie sind mir ja ... förmlich ausgewichen ...«

»Sie mir nicht, gnädige Frau —?«

Cäcilie senkte die Augen und schwieg.

Durch die halbe Zimmerbreite getrennt, standen die beiden Menschen regungslos ...

Das Knattern des Feuerwerks draußen schwieg ... magisch leuchtete das ruhige Licht bengalischer Flammen auf in den Gartenbosketts und zeigte das Ende des bunten Schauspiels an.

In unverwelklicher Glorie thronte droben Martin Flambergs Bild ... unergründlich tief und ruhevoll schauten die Augen des gemalten Weibes da droben hernieder auf die zitternde Hand, die schweratmende Brust seines lebenden Urbilds drunten, auf die zusammengepreßten Lippen, die straff angespannte Gestalt seines Schöpfers ...

»Leben Sie wohl, Martin Flamberg —« flüsterte Cäcilie.

Tief gesenkten Hauptes wandte sie sich zur Tür des Ehegemachs.

»Cäcilie —!« schrie Martin auf.

Da zuckte sie jäh zusammen ... stand mit hängenden Armen abgewandt einen Augenblick ...

Dann kam der Sturm, warf ihre Leiber zusammen, stieß ihre Lippen zusammen ...

Und wie sie sich küßten, da hatte jedes von ihnen die Vision eines bleichen, todesstarren Menschenangesichts.

Cäcilie sah Fritz, wie sie ihn gesehen hatte im Traum der vorletzten Nacht, im Manöveranzug, die Linke auf die Brust gepreßt, ein zähes Naß rieselnd zwischen den braunbehandschuhten Fingern hindurch ...

Und Martin war's, als hielte er Agathe im Arm wie beim letzten Wiedersehn daheim, als sie sich leise stöhnend an seine Brust geworfen hatte ... jetzt aber erstarrte, erkaltete sie an seinem Herzen ... schwand hin ... sank in sich zusammen ... eine jählings welkende bleiche Rose ...

Mit einem wilden Schluchzen befreite sich Cäcilie aus Martins Arm.

»Leb wohl, Martin ... leb wohl —«

Sie hastete zur Tür, ihre Röcke raschelten ... aus dem Dunkel des Nebenzimmers blinkten die gelben Messingstangen und der weiße Spitzenhimmel ...

Die Tür fiel ins Schloß.

Und Martin strich mit dem Handrücken über die Stirn ... kalte Tropfen standen darauf ...

Dann wandte er sich bewußtlos der Korridortür zu ... seine Schritte wurden Flucht ... er riß die Tür auf und prallte im Rahmen mit Fritz von Brandeis zusammen.


Aha — grinste Oberleutnant Menshausen in sich hinein, als die Gastgeberin sich plötzlich aus der Schar der Zuschauer des Feuerwerks zurückzog — aha, also wirklich!

Er gönnte ihr einen kleinen Vorsprung, zog sich dann gleichfalls langsam aus der Gruppe heraus, die am Rande der Gartenbastion stand, und schob sich am Saum der Bosketts entlang hinter Frau Cäcilie her ...

Er stockte, als in diesem Augenblick von der Treppe her, die aus dem Schloßgarten zu den dunkeln Gehegen des Parks hinanführte, ein Paar herniederstieg ...

Schau, schau ... der Landwehrfritze — und das ältere Majorsmädel — und — — zog sich nicht in diesem Augenblick langsam ihr Arm aus dem seinen ...? Sah sie nicht empor zu ihm mit einem Blick, ordentlich butterweich?

Und sieh — aus der Tür, die zum Seitenflügel führte, schlich sich da zu gleicher Zeit das jüngere Fräulein heraus und gesellte sich ganz harmlos zu den Zuschauern des Feuerwerks — woher kam denn die —?! Na, selbstverständlich auch von einem Rendezvous! —

War denn das ganze Schloß des Teufels —?!

Keine Zeit, weiter zu beobachten ... er durfte die Fährte nicht verlieren ... er trat in die Veranda, ging zu dem Tisch, auf dem Zigarren und Zigaretten aufgestapelt waren, zündete auch wirklich ein Papyros an ... beobachtete, wie Frau Cäcilie drinnen Befehle erteilte ...

Im Augenblick, als sie auf die Diele hinaustrat, schlenderte er harmlos, nachlässigen Ganges durch den Speisesaal, gab seinem Burschen, der eben mit einem Brett voll Biergläser aus der Küche kam, einen Auftrag wegen des Sattelns für andern Morgen ... und folgte der Hausfrau ...

Er hörte ihre müden, unsichern Schritte sich die Treppe hinaufschleppen ... horchte, wie sie eine Tür öffnete und schloß ... und wollte eben hinterhersteigen, als plötzlich mit hastigen Schritten der Leutnant Quincke aus dem Küchenflur schoß. Er erblickte den Kameraden und stürzte auf ihn zu:

»Menshausen, Sie müssen mir einen Rat geben —!«

»Gern — nachher! Erst müssen Sie mich einen Augenblick entschuldigen ... ich muß schleunigst auf mein Zimmer ... der Oberst, wissen Sie ... ich soll ... ich soll die Brigadebefehle für morgen früh holen ... bin im Moment wieder da!«

»Aber so hören Sie doch nur eine Sekunde — ich hab' eben einen schauderhaften Auftritt mit der kleinen Molly Sassenbach gehabt! — Bitte, sagen Sie mir doch bloß, wie ich mich verhalten soll ... Sie haben mich doch in diese Schweinerei hineingebracht, haben mir doch den Auftrag gegeben, die Damen ein wenig zu beobachten ...!«

Teufel — dachte Menshausen ... sollte der dämliche Geselle eine Taperei gemacht haben und nun die Verantwortung auf mich selber abwälzen wollen —?!

»Na — so erzählen Sie schon schnell!«

Quincke berichtete.

Menshausen platzte hell heraus: »Sie sind eine Kraft, Quincke — allerhand Hochachtung! Sie verdienen, Obereunuch beim Padischah zu werden! — Ich hatte Sie gebeten, ein wenig zu beobachten — und Sie platzen dazwischen, ehe überhaupt was passiert ist! Na, weiter kein Unglück —!«

»Aber die Kleine hat mich tödlich beleidigt! Ich werde mich bei ihrem Vater beschweren!«

»Sie sind komplett wahnsinnig, Herr! — Danken Sie Ihrem Schöpfer, wenn die Kleine nicht anfängt! — Sich beschweren — hahaha! Das Gesicht von Sassenbach!! Ne, mein Lieber, die kleine Gardinenpredigt, die stecken Sie man ruhig ein! Die haben Sie rechts und links 'rum verdient! — Und nun lassen Sie mich nach oben! — — Donnerwetter, da ist der Hauptmann!«

Munter summend kam Herr von Brandeis aus dem Küchenkorridor: »Na meine Herren, wie hat Ihnen das Feuerwerk gefallen? — pompöse Sache, was?«

»Glänzend, Herr Hauptmann — ganz pyramidal!«

»So — und Sie stehn hier auf der Diele 'rum und machen offizielle Gesichter? — Marsch in den Garten — jetzt gibt's Münchener! — Übrigens — weiß einer von Ihnen, wo meine Frau steckt?«

So, schöne Frau —! Jetzt kommt die Rache des Negers!

»Die gnädige Frau ist soeben die Treppe hinaufgegangen — ich glaube, sie äußerte, sie wolle sich etwas wärmer anziehn!«

»Oho — wärmer anziehn? — werde mal nach ihr schauen!«

Der Hauptmann schritt die Treppe hinauf. Mit angehaltenem Atem lauschte Menshausen.

Jetzt also platzte droben die Bombe ...!

»Was horchen Sie denn so gespannt?« flüsterte Quincke.

»Halten Sie den Mund!«

In dem Augenblick, als der Hauptmann die Tür öffnete, war's, als würde diese von drinnen aufgerissen ...

Ein Ton klang ... ein dumpfer Naturlaut, wie ein Knurren der Überraschung und des Schreckens ...

Dann hörten die Lauscher, wie der Hauptmann eintrat. Die Tür fiel ins Schloß. Nichts weiter vernehmbar.

Menshausen fühlte, wie seine Hände flogen vor Erregung ... in dieser Sekunde überfiel ihn auf einmal eine jähe Scham ... ein angstvolles Grausen ...

Herrgott — was geschah jetzt da droben —? Morgen früh würde Blut fließen!

Und er — er hatte die Sache zum Klappen gebracht.

Pah — was ging's ihn schließlich an? Einmal wäre der Krach ja doch gekommen!

Aber ekelhaft war's doch, zu wissen, daß man selber — —

Äh ... nichts mehr zu machen!

Vielleicht war ja überhaupt gar nichts passiert? Und die drei saßen da oben ganz friedlich und vergnügt zusammen —!

Horch — da ging die Tür wieder auf ... Schritte kamen die Treppe herunter ... hastige Schritte — Flamberg — —

Gesenkten Hauptes, unsichern Ganges tappte der Maler die Stiege hinab, ohne die beiden Herren zu bemerken, die sich unwillkürlich jeder in einen Stuhl fallen lassen und Stellungen harmloser Zwiesprache angenommen hatten.

Er schritt geradeswegs in den Garderobenraum, der vorn neben der Eingangspforte lag ... kam gleich darauf wieder heraus ... den Helm schief auf den Kopf gestülpt ... im Begriff, den Säbel umzugürten ... Kaum konnten die fliegenden Finger die Zunge des Koppelriemens in die Schnalle bringen ...

Aufschauend bemerkte er die beiden Herren.

Er zwang sein tief erblaßtes, finster verzerrtes Gesicht zu einem verbindlichen Lächeln: »Nun, Quincke, gehn Sie noch nicht mit ins Dorf hinunter? — Wir müssen uns morgen um drei wecken lassen, außerdem fünfundvierzig Kilometer in Aussicht!«

»Haben Sie sich denn schon von den Stäben verabschiedet?«

»Ne ... ich bin müde, drücke mich französisch! ... Na, woll'n Sie mit ...? Der Weg ist verdammt dunkel!«

»Ich habe Blowitz versprechen müssen, auf ihn zu warten —!«

»So —? Na, dann muß ich also in Gottes Namen allein —! Guten Abend, meine Herren! — Wohl bekomm's!«

Säbelrasselnd, beherrschten Ganges schritt er von dannen.

»Donnerwetter! — sah der aus!« sagte Quincke, »was ist dem denn passiert?!«

»Was soll ihm passiert sein?« grinste Menshausen. »Kommen Sie — ich hab' einen scheußlichen Brand in der Kehle von dem verdammten süßen Zeug, der Pfirsichbowle! Ein Schoppen Münchener wäre nicht zu verachten!«

Als die Herren durch den Speisesaal schlenderten, kam mit raschen, festen Schritten der Hausherr hinter ihnen her: »Na, jungen Leute, wie schaut's draußen aus? — Hat alles zu trinken?!«

Ein rauher, rostiger, geborstener Klang in seiner Stimme ...

Menshausen wagte nicht, ihn anzuschauen ...

Eine fressende Scham, ein Ekel vor sich selber würgte ihm in der Kehle ... Zweifellos — morgen ... morgen ... morgen floß Blut ... irgendwo ... im Wald ... ein paar hundert Schritt vom Biwak des ganzen rheinischen Armeekorps. Blut ... Menschenblut ... Kameradenblut ...

Und er ... pfui Deubel ... pfui Deubel ... Er hätte ausspucken mögen vor sich selber.

In zechenden, plaudernden Gruppen standen die Gäste draußen im Garten beisammen ...

Als der Hausherr auftauchte, empfing ihn ein rasender Beifallssturm.

Der Oberst rief: »Meine Herrschaften — unser ritterlicher, glänzender Gastgeber — hurra, hurra, hurra — —!«

Schmetternd widerhallte der Ruf an den Felswänden ... rollte weithin das dunkel träumende Waldtal entlang ...

»Aber — wo ist die Königin unseres Festes, unsere schöne verehrte Hausfrau?!«

»Meine Frau ist leider nicht ganz wohl,« sagte Brandeis im Ton ruhigen Bedauerns, »sie hat sich gelegt und bittet die Herrschaften, sie entschuldigen zu wollen! — Übrigens hat es nicht das Geringste zu sagen ...«

Allgemeines höfliches Beileid.

Die Mädchen drängten sich an den Hauptmann heran: »Dürfen wir nicht mal zu ihr hinauf?!«

»Sehr liebenswürdig, meine Damen! Haben Sie schönsten Dank! — Aber es ist wohl besser, man läßt sie ganz in Ruhe! Es hat wirklich gar nichts zu sagen ... nur ein bißchen Übermüdung! — Bitte, bitte, meine Herrschaften, lassen Sie sich ja nicht stören!«

»Aber nein, lieber Brandeis, die Herren von drunten waren ohnehin im Begriff, aufzubrechen! — Übrigens wird's auch allmählich höchste Zeit ... elf Uhr vorbei — heiliges Kanonenrohr!«

»Gewiß,« bestätigte der Major, »wir haben mehr Pfirsichbowle intus, als wir vor Gott und Seiner Exzellenz dem Herrn Korpskommandeur verantworten können! — Wenn das noch eine halbe Stunde so weiter geht, brechen wir uns auf dem Heimweg Hals und Beine!«

»Ich gebe den Herren selbstverständlich einen Burschen mit einer Laterne mit! — Aber bitte wirklich dringend, meine Herren — setzen wir uns wieder zu Biere! — Meine Frau würde untröstlich sein, wenn sie wüßte, die Herren ließen sich nicht halten ...«

Gott sei Dank ... sie gingen ... die von drunten ...!

»Aber wenigstens die Schloßbesatzung wird doch noch ein wenig beisammen bleiben —! Das verlange ich einfach, Herr Oberst!«

»Lieber Brandeis, Ihr Wunsch ist mir heute Befehl — aber jetzt wird's wirklich Zeit für uns alle! — Also — gute Nacht, mein Verehrtester ...! es war einfach feenhaft ... direkt chimborassomäßig war's ... verstehn Sie mich ...? Aber nun Schluß! — Und meine Herren Adjutanten werden sich auch schlafen legen, sonst werden morgen meine sämtlichen Befehle falsch ausgerichtet!«

Gott sei Dank ... nun wurde Ruhe ... nun konnte man denken ... Entschlüsse fassen ... die unvermeidlichen Entschlüsse ...

Leise ... ganz leise klinkte Fritz von Brandeis die Tür zum Schlafzimmer auf ... lauschte angespannt in das dunkle Gemach hinein ... lauschte auf Cäciliens Atemzüge ...

Vielleicht schlief sie wirklich ... vielleicht hatte es sie übermannt ... es wäre das Beste gewesen ... er fühlte sich so todesmatt ... so widerstandsunfähig ...

Jetzt nicht mehr fragen ... jetzt nicht mehr Antwort hören ... und wägen müssen ...!

Gott, wenn sie doch schliefe! — Dann würde er sich in seinem Zimmer auf das kühle Bismarcksofa werfen ... sich in eine Decke wickeln ... und schlafen ... schlafen ... schlafen ...

Wozu noch lange fragen?! — Was er wissen mußte, wußte er ja doch ... Er wußte, daß Raub verübt worden war an seinem Allerheiligsten ... wußte, daß er morgen Rechenschaft fordern würde für diesen Raub ... morgen, wenn es Tag war ... blutige Rechenschaft ... Rechenschaft fordern mit Einsetzung seines eigenen Lebens ... Und vielleicht war's am besten für ihn, wenn's ihn dann traf ... Sein Leben war ja doch besudelt ... verspielt ... verloren ...

Kein Laut war vernehmbar ... nicht der leiseste Laut ...

Herrgott — plötzlich — ein Gedanke — — Nein ... das nicht ... das um Himmels willen nicht ...!!

Mit raschen, leisen Schritten trat Brandeis zu seinem Nachttischchen, drehte die Birne des rotumschirmten Stehlämpchens auf ...

Da richtete sich vom Nachbarbette die Gestalt seines Weibes halbleibs empor. Noch völlig bekleidet, hatte sich Cäcilie auf die Überdecke gelegt. Glasig stierten ihre Augen .. wirr hingen die rostfarbenen Strähnen um ihr blasses Gesicht ... das stand im roten Licht irr und verzerrt ...

Fritz stand regungslos ... ein trockenes, kurzes Schluchzen durchrüttelte seine aufrechte Gestalt ...

»Willst du dich nicht auskleiden ... und dich ordentlich hinlegen, Cäcilie ...? Ich lege mich nebenan aufs Sofa ...« Wie eine gütige, sorgsame Bitte hatte das geklungen.

»Fritz ... was ... was willst du tun —?!«

»Darüber ... hat der Ehrenrat ... zu entscheiden ...«

»Du hast — dem Major schon Meldung gemacht —?«

»Ich tu's morgen früh!«

Cäcilie schlug die Hände vors Gesicht. Der einzige Kuß ... der Abschiedskuß ... nein, das war ja doch nicht möglich ... das durfte ja doch nicht sein ...

»Mach dir keine Sorge, Cäcilie ... ich ... schieß ihn dir nicht tot ... ich ... schieß ihn ... dir ... nicht tot ...«

Da fielen Cäciliens Hände mit einem Ruck in ihren Schoß ... die starren Augen ruhten auf dem Antlitz des Gatten mit einem langen, seltsam prüfenden, suchenden Blick ... Ein Staunen glomm in diesem Blick auf ... ein großes Sichwundern ...

Plötzlich ein zages Pochen an der Tür. Fritz fuhr zusammen: »Was gibt's —?«

»Verzeihen Herr Hauptmann, wenn ich störe!«

»Was haben Sie denn, Fräulein?«

»Der Bursche vom Herrn Major ist draußen mit einem dringlichen Befehl — von der Brigade, sagt er!«

»Ich komme —!«

Das Fräulein stand draußen mit einem Meldekartenbriefumschlag: »An Hauptmann von Brandeis.«

Mit Bleistift von der Hand des Majors gekritzelt, drei Kreuze dabei. Sehr dringlich also. Der Hauptmann riß den Umschlag auf:

»Bataillonsbefehl!

Auf Befehl der Brigade: Hauptmann von Brandeis meldet sich morgen früh 4,30 beim Herrn Brigadekommandeur als Adjutant für den Rest der Herbstübungen an Stelle des durch Sturz mit dem Pferde heute morgen zu Tode gekommenen Hauptmanns Goettig. Die erste Kompagnie führt Leutnant der Reserve Flamberg.

v. Sassenbach.«

Ruhig zog Brandeis die Uhr, notierte die Zeit des Eingangs, elf Uhr fünfundvierzig, auf den Umschlag der Meldekarte und gab die Hülle zurück: »Das bekommt der Bursche! — Wilhelm soll mich bereits um halb drei wecken! Frühstück um drei! — Gute Nacht, Fräulein!«

»Gute Nacht, Herr Hauptmann!«

Einen Augenblick stand Fritz von Brandeis in tiefem Sinnen.

Hauptmann Goettig durch Sturz mit dem Pferde zu Tode gekommen ... schauerlich ... Eine glänzende Laufbahn jählings mitten durchgerissen ... eine Frau und vier Kinder des Ernährers, des Beschützers beraubt ...

Und er also der präsumtive Nachfolger ... mutmaßlich für die Dauer ... Also Brigadeadjutant in spe ... das bedeutete —

Pah — ein bitteres Lächeln spielte um des Hauptmanns Lippen. Morgen ... spätestens übermorgen stand er mit der Waffe in der Hand dem Manne gegenüber, der seines Weibes Mund geküßt ... ihm seines Weibes Herz entrissen ...

Auf den Trümmern eines solchen Glücks baut man keine — — Karriere auf ...

Der andere ... der war der Sieger ... war der Stärkere ... wenn einer von ihnen bleiben sollte ... dann mußte natürlich er selber es sein ... er, der meritenlose Soldat ... der unbedeutende Mann seiner reichen Frau, die nun auch ihr Herz von ihm gewandt hatte ... ihr Schicksal von dem seinen trennte ...

Für einen solchen Adjutanten würde der General sich bedanken — wenn er überhaupt noch in die Lage kam ...!

Schwerfällig ging der Hauptmann zum Schlafzimmer zurück, steckte den Kopf zur Tür hinein: »Gute Nacht, Cäcilie!«

»Was war's ... was hat's gegeben?« stammelte die Stimme seines Weibes aus der rötlichen Dämmerung.

»Nichts von Bedeutung ... bin für morgen abkommandiert, muß eine halbe Stunde früher fort ... Gute Nacht!«

Er schloß die Tür, wandte sich ab, hakte mechanisch den Kragen seines Waffenrocks auf.

Auf einmal klang's hinter ihm: »Fritz ...«

Brandeis fuhr herum ...

Cäcilie stand an der Tür. »Fritz ... warum kommst du denn nicht zu mir hinein ... Fritz —?«

»Ich ... schlaf auf dem Sofa ... hier draußen ... oder ist es dir lieber, wenn ich schon heut abend ... fortgeh —? hier ... das alles ... gehört ja dir ...«

»Fritz! nein — nein ... alles ist dein — dein ganz allein ... ich auch, Fritz — ich auch —!!«