Dritte Szene.
(Der Freund tritt ein.)
Der Freund:
Du redest mit dir selber. Wie mutig du bist!
Der Sohn:
Ich sehe dich heute zum erstenmal ...
Der Freund:
Wir haben uns lange nicht gesehn. Ich komme von der Bahn. Das wundert dich?
Der Sohn:
Daß ich noch hier bin — das wundert mich noch mehr.
Der Freund:
Ich hörte, du seiest durchgefallen. Wolltest du dich umbringen?
Der Sohn:
Um es einfach zu sagen: ja.
Der Freund:
Weshalb tatest du es nicht?
Der Sohn:
Ich blieb am Leben.
Der Freund:
Du verdankst dein Leben einem Plagiat an Faust. Darfst du noch immer nicht Goethe lesen? Läßt dein Vater dich wenigstens ins Theater gehn?
Der Sohn:
Nein.
Der Freund:
Daß uns so oft der Tod begegnet! Heute auf der Bahn ist ein Kind überfahren worden.
Der Sohn:
Ich habe das Kind gesehn. Als ich mich töten wollte, erschien es mir. Es ist ein Mädchen, klein, mit schwarzen Locken, im weißen Kleid ...
Der Freund:
Es ist ein Mädchen — woher weißt du das??
Der Sohn:
Ich weiß mehr, als du ahnst. Doch habe keine Angst! Noch rede ich nicht aus dem Jenseits. Ich hatte eine Offenbarung, hier. Ich glaube, daß alles auf der Welt in tiefer Gemeinschaft steht. Das wußte ich bis heute nicht! Ich bin am Leben geblieben, weil ich wieder froh bin. Wenn Gott mir gnädig ist, werde ich eines Tages auch die Liebe und den Schmerz erfahren. — Wie soll ich das erklären! Von der Matura zum Überirdischen ist ein weiter Weg.
Der Freund:
Ich bin hergelaufen, dich zu sehn. Ich ahnte, du würdest etwas tun.
Der Sohn:
So sind wir uns auf der Strecke des D-Zugs im Abend begegnet.
Der Freund:
Warte einen Augenblick. Laß uns von der Wirklichkeit reden. Mein Herz klopft so. Gestern habe ich von dir geträumt: wir liebten zusammen eine Frau. Ich fühlte, daß wir uns nicht kannten. Wir gingen beide fern über Schneefelder vor einem knabenhaften Horizont. Jetzt, wo ich hier bin, bist du mir so nah!
Der Sohn:
Du trittst in dieses Zimmer zur rechten Zeit. Nicht umsonst hast du zwei Jahre vor mir die unfaßbare Welt gesehn. Eine Stimme rief dich, um mir armem Geschöpf zu helfen. Alles in mir ist heute so hochgespannt, daß die Töne der elektrischen Bahn vor unserm Haus, obwohl ich sie verachte, mich an die Ewigkeit erinnern.
Der Freund:
Kann ich dir helfen?
Der Sohn:
Schon hat für mich das Diesseits begonnen. Hilf mir, die kommende Erde empfangen! Du sahst ein Kind sterben, das mich vom Tode erlöst hat. Aus seinen kleinen Händen ist die Macht des Daseins über mich gefallen, wie ein goldner Regen auf die Saat der Hirten. Nun, wo ich lebe, will ich vieles erfahren, denn ich werde geliebt sein. Früher konnte ich keine Straße sehen, weil am Übermaß des Geschauten mein Gehirn zersprang. Jetzt will ich gerne mit den Metallarbeitern in die Tiefe fahren, um auch dort noch zu empfinden, daß ich ein Mensch bin.
Der Freund:
Du bist trunken vom Dasein, aber du kennst sein Gift nicht. Ich sehe mit tiefem Schrecken, wie verändert du bist. Heute beginnt dein Sterben, wo du zu leben beginnst.
Der Sohn:
Ich glaube an alles, was ich sah. Weshalb willst du an mir zweifeln?
Der Freund:
Das Kind auf den Schienen ist dein Untergang. Du hast die Seligkeit der Welt gekostet an deinem Firmament. Aber ich hasse diese Sterne und die Liebe ekelt an, denn ich habe zu tief ihre Schwäche gespürt. Alles was mich reizte, das hab ich genossen. Das Zuwenig hat mich getötet, nicht das Zuviel. Ich kam zu dir, weil ich glaubte, du seiest noch rein und unberührt. Ich wollte dich warnen, hör auf mich! Ich bin verdorben im Paradiese und nun, wo ich fliehe, bin ich allein. Weshalb hat man mich nicht als Krüppel geboren, dann hätte ich nie eine Frau besessen oder einen Freund, und dann wäre ich nicht hier.
Der Sohn:
Wir stehn einander gegenüber, jeder an seinem Pol. Doch es gibt noch ein Zenit, zu dem werden wir aufsteigen, du und ich.
Kann ich etwas für dich tun?
Der Freund:
Gib mir den Duft wieder einer Blume im Sommer, als noch verboten war, sie für die Geliebte zu pflücken. Gib mir die Sehnsucht zurück nach jenem Trick im Varieté, mit dem man Bürger begeistert. Laß mich noch einmal reisen, in kindlicher Phantasie, auf einem Regenbogen von Argentinien nach Venedig. Wie hat mich das erste Lächeln eines Mädchens bewegt auf der Konfirmandenbank neben mir in der Kirche! Und die kleine Vorstadt, wenn sich am Himmel die Röte der Nacht erhob, wie hat sie mich schauernd entführt nach Berlin! Nun schreite ich wieder dieselben Alleen, wo einst Unsterblichkeit in mir wurde, und weine in mich hinein, daß ich nichts mehr erlebe und nichts mehr opfern kann.
Der Sohn:
Ich durchschaue dich — du sprichst wahr. Du hast deine höchste Kurve noch nicht erreicht aus Schwäche und Unvollkommenheit. Aber jeder lebt nur, der am stärksten weiß, was er ist! Ich möchte zu dir sagen »steh auf und folge mir«. Wenn mir die Tore der Welt sich öffnen, kann es nur aus Schönheit und Größe geschehn. Vielleicht aber kannst du, der manches erfahren hat, mir die Schlüssel zeigen. Darum bitte ich dich, weil ich so hilflos bin ...