Erste Szene.
Ein Tag später.
Der gleiche Raum. Die gleiche Stunde.
Der Sohn. Das Fräulein.
Der Sohn:
Eine schöne Frau in unsrer Stadt hat sich das Leben genommen. Man sucht den Vierwaldstätter See ab mit Booten und mit Lichtern, aber ihre Leiche findet man nicht. Einige behaupten, sie sei nicht gestorben, sondern lebe noch. Ich erschaure, wenn ich das höre! Wird sie auferstehen von den Toten? Wie gleichgültig, ob ihr Mann eine Mätresse hat.
Ich konnte nicht schlafen die Nacht. So ging ich in den Park und legte mich ins Gebüsch unter den schweflig gelben Mond.
Welch ein Wind aus dem ungezügelten Raum hat diese Frau fortgerissen von ihrem Sessel in der Loge, wo man sie erblicken konnte wöchentlich zweimal im Theater. In welche Finsternis ist sie geschwunden! Wer half ihr in der Not? Weiß jemand um die Tränen, eh ihr gekräuseltes Antlitz versank im See!
Das Fräulein:
Sie hat zwei Kinder; ein kleines Mädchen.
Der Sohn:
Deshalb kann sie nicht aufgehn in Staub oder Wasserdunst. Der Genius lebt weiter — ihr Kinder! Sie wird euch beistehn in der schmerzlichen Tageszeit. Wieviel Unvergängliches ist in uns!
Als ich mich erhob vom Boden, schrie ein Vogel über dem Teich; da sah ich Ihre Brüste, weiß im Schatten des Gemachs.
Das Fräulein:
Es war so schwül. Auch ich konnte nicht schlafen. Ich stand am Fenster lange Zeit.
Der Sohn:
Und ich empfand auch Sie süß in meiner Heimat und fühlte mich in Ihrer Hut.
Das Fräulein:
Wir sind schlecht. Wir sinken immer tiefer. Und Ihr Vater vertraut mir.
Der Sohn:
Welche Wollust, ihn zu betrügen! Als ich Sie gestern in seinem Zimmer küßte, wie genoß ich dieses Glück. Und das Sofa, auf dem wir uns umarmten, hat meine Rache gespürt. Und die toten, höhnischen Möbel, vor denen mein Vater mich prügelt, haben alle, alle das Wunder gesehn. Ich bin nicht mehr der Verachtete. Ich werde Mensch!
Das Fräulein:
Ihr Vater hat vielen, die in Not sind, geholfen. Wir müssen ihm dankbar sein! Oft, wenn die Nachtklingel durchs Haus schrillte, stand Ihr Vater auf und holte Wein aus dem Keller und eilte zu einem Kranken, der am Sterben war. Es geht ein Trost von ihm aus in der Dunkelheit des Todes und der Armut. Er hat mehr Gutes getan als wir.
Der Sohn:
Ja Fräulein, und deshalb will ich mit ihm reden. Er muß mich hören, er muß mir helfen — er, der ein Arzt ist und am Bette von Tausenden steht. Sollte er den eignen Sohn in der Verzweiflung verlassen? Ich will ihm alles sagen, was mir auf der Seele ist. Ich will darauf bauen, daß meine Kraft stärker wird als sein Mißtrauen in all den Jahren. So will ich vor ihn hintreten: es tut not, daß wir uns fester aneinander halten, wieder einer am andern.
Lassen Sie mich noch Ihre Wärme fühlen, ehe der Frost des Wiedersehens mir am Herzen würgt. Könnt ich ihn überwinden! Durch Ihren Mund hörte ich die Stimme des Lebendigen und der Gnade. Doch werde ich versuchen, meinen Vater in Erhabenheit zu finden, wie der Gott der Freude mir in dieser Nacht verkündet ist. Die Rosse Achills sollen feurig vor meinen Wagen gespannt sein! Jetzt habe ich Mut, alles zu tun, denn ich glaube an mich.
Das Fräulein:
Deine Augen leuchten — wie schön ist diese Glut! Noch bist du bei mir, noch habe ich dich. Und weiß doch, daß ich dir nur eine kleine Spur bin im Garten des großen Gefühls. Komm, vielleicht hast du mich morgen schon vergessen. Und heute lieb ich dich so.
Der Sohn:
Liebes Fräulein, laß mich bei dir sein diese Nacht. Ich will dich lieben! Erfülle, was kindliche Ehrfurcht noch scheu mir verhüllt hat. Dieser Tag des harrenden Schicksals muß in purpurnem Glücke enden. Ihr Feuer am Himmel meiner Heimat! Ihr Hochöfen und ihr Pappeln! Vor azurner Helligkeit laßt mich zum Manne werden! Auch das muß ich besitzen, damit ich ganz erfahre, wes Geistes ich bin.
Das Fräulein:
Mein kleiner Junge, komm zu mir, wenn es dich glücklich macht. Ich mochte dir so nahe sein! Ich streichle ja deine Hände, und wenn das geschieht, kann es nicht verloren gehn. Du sollst einmal voll Dankbarkeit an mich denken. Geh zu keiner andern Frau. Ich will für dich sorgen. Und bei mir darfst du alles tun.
Der Sohn:
Sage, daß du mich liebst, dann brauche ich nichts mehr zu fürchten. Ich könnte dir eine Schlacht gewinnen. Ich will es, wenn ich vor meinem Vater bin.
Das Fräulein
(streichelt ihn):
Und doch, wie wenig wird das, was du in dieser Nacht tust, aus Liebe geschehn. Was weißt du vom Leiden und vom Opfertod! In dir ist das Männliche: Du wirst kämpfen. Ich wollte, du kämest wieder, zerrissen, mit blutiger Stirn, dann würdest du erfahren, was eine Frau ist. Aber nein — du sollst siegen! Du liebst mich nicht, weil du mich liebst. Du mußt mich besitzen. Und weißt nicht, was ich für dich tue.
Der Sohn:
Ich werde dich nicht berühren, wenn du es nicht willst.
Das Fräulein:
Ich bin trotzdem bei dir. Liebt' ich dich denn, wenn ich dir nicht ein Opfer brächte? Ich weiß, daß ich zu vielen Tränen verurteilt bin. Aber das muß wohl so sein. Welche schmerzliche Seligkeit auf der schwankenden Brücke der Lust!
Der Sohn:
Ich werde jeden töten, der dich verletzt: und wäre es mein Vater.
Das Fräulein:
Wie unverständig bist du und wie süß! In wieviel Stärke, wieviel Kühnheit stehst du vor mir. Ich muß dich küssen, mein kleiner süßer Held. Daß Gott solche Jünglinge schuf! Denk an mich, wenn eine andere Frau dich so in ihren Armen hält. Und töte dich nicht — du wirst mir bald sehr wehe tun. Jetzt ist der Stern deines Wagens am höchsten mir zugekehrt, jetzt, wo du noch nichts geliebt und bald alles genossen hast. Diese Stunde kommt nicht wieder. Der Himmel soll dich behüten vor Traurigkeit.
Der Sohn:
Heute Nacht — schwör mir, daß du kommst!
Das Fräulein:
Ja, ich komme! Es muß doch ein Wesen sein auf der Welt, durch das sich zum erstenmal deine Seele ergießt. Ein Wesen, das dich beschützt, das dich begleitet zum Licht.
Der Sohn:
Fräulein! Mir ist so schwer und dunkel. Da seh ich uns beide stehn in Wolken, mitten zwischen Erwartung und Schmerz. Sind wir nicht im Hause meines Vaters, das uns alt und feindlich umschließt! Und du redest zu mir schöne und fremde Worte wie nie zuvor. Kehrt das Rätsel wieder in des Träumenden düstre Gewalt? Ist Aladins Wunderlampe da im Märchen auf der Amme Knie? O Wunder, das Gott mir verheißen! Wie kann ich das deuten — heute ist eine Nacht und morgen ein Tag — werde ich die Sonne sehn, die uns alle umstrahlt?
Das Fräulein
(nach einer Weile leise und bitterlich):
Es gibt viele Sonnen, die wirst du sehn.
Der Sohn:
Was kann ich denn für dich tun? Soll ich meinem Vater sagen, daß ich dich liebe?
Das Fräulein:
Und was geschieht, wenn er es glaubt? Willst du mich mit dir nach Hamburg nehmen?
Der Sohn:
Ja, Fräulein.
Das Fräulein:
Ich fühl es, du hast Mut. Aber wer soll das Billett bezahlen?
Der Sohn:
Kann man nicht zu Fuß hingehn? Jemand wird uns schon weiterhelfen. Es muß doch noch Menschen geben, wie im goldenen Zeitalter, die einander Brot reichen von Meer zu Meer. — Ich brauche meinen Vater nicht. Wenn ich sterben konnte ohne ihn, so werde ich doppelt ohne ihn leben können. Ein Geräusch deines Kleides, und ich betrete dies Haus nicht mehr.
Das Fräulein:
Ja, du würdest mich entführen auf Sternschnuppen. Du glühst. Und wie verlegen wirst du sein, wenn dich der erste Portier nach unserm Namen fragt. Und wie ungeschickt, wenn du am Abend Butter und Brot kaufst. In welchem Traumland hast du gelebt! Du sprichst von Hamburg und denkst an Babylon und die Gewässer des Roten Meeres ...
Nein, sage deinem Vater nichts. Du wirst bald gehn; aber mich laß bleiben. Hier werde ich immer etwas haben, eine Kraft von dir, etwas Festes im Raum. Wenn ich nun fort müßte, wie unterirdisch würde mein Schritt! Ich will den Tag erleben, der dich wiederbringt als Triumphator über all deine Kinderzeit. Die Wiesen und Bäume vor deinem Vaterhause — vielleicht fährst du vorüber und kehrst nicht ein — werden dir offenbaren, was du gelitten hast. Du wirst glücklich sein.
Der Sohn:
Weshalb willst du nicht mit mir kommen?
Das Fräulein:
Weil ich dich schon verloren habe, ehe du es ahnst. Weil du mich verlassen mußt. Weil du leben und kämpfen wirst.
Der Sohn:
So hilf mir!
Das Fräulein:
Heute kann ich es noch. Morgen tut es ein andrer.
Der Sohn:
Werde ich manchmal dich sehen auf meinem Wege? Wirst du mir erscheinen, körperlos, am Rande der großen Alleen?
Das Fräulein:
Wir vielen, die begnadet sind, können nicht verschwinden einer in des andern Herz. Im höchsten Gefühl erinnere dich des Wortes! Wer kann sagen, daß ein Schicksal zu Ende ist, und wo ist der Anfang unsres Sterns.
Der Sohn:
Ein kindliches Gesicht steigt mir auf. Ich brachte meinem Vater Tulpen, als einst sein Geburtstag war. Er hob mich an seine Brust — da wußt' ich, daß ich lebte, daß ich war.
Eine Gouvernante, deine Vorgängerin, schlug mich einmal, weil ich im Bette noch leise sang. Nun fühl ich es wieder.
Geburt und Dasein — O Seligkeit! Ich werde ewig — ewig sein —
(Er kniet vor sie hin.)
Das Fräulein
(hält ihn):
Alles flieht. Eins nur bleibt mir: Dein Glück. Und wenn ich dich jetzt noch fest in meinen Armen halte, und du aufsiehst zu mir, so weiß ich — eine Botschaft des Lebens ist dir verkündet; deshalb bin ich hier.
Der Sohn:
Ich werde dich nie verlassen.
Das Fräulein:
Und wenn der Engel mich holt mit dem Schwert?
Der Sohn:
Ich halte dich! Ich seh dich wieder! Ich zaubre dich aus den Veilchen des Acheron! Geliebte Frau, ich würde dich finden, morgen abend im Kino als Königin unerreichbar und erträumte schöne Kokotte in einem Pariser Montmartre-Lokal. Oh, daß ich dies erleben durfte! Die Welt wird immer herrlicher vor meinem Blick.
(Ein Wagen rollt, er springt auf.)
Das wird mein Vater sein ... Komm zu mir diese Nacht ... ich erwarte dich hier ...
(er eilt zum Fenster)
Ein Wagen, der vorm Hause hält! Er ist es. Ich erkenne seinen Schritt. Nun mag es beginnen! Mit dieser Fülle im Herzen will ich ihm entgegengehn.
(Das Fräulein geht ab nach rechts. Der Sohn kommt zurück.)