Erste Szene.

Das Zimmer des Sohnes im elterlichen Hause. In der Mittelwand ein großes Fenster mit Ausblick in den Park, fern die Silhouette der Stadt: Häuser, ein Fabrikschornstein.

Im Zimmer die mäßige Eleganz eines angesehenen Bürgerhauses. Möbel in Eichenholz; die Ausstattung eines Studierzimmers: Bücherschränke, Arbeitstisch, Stühle, Landkarte. Tür rechts und links. Die Stunde vor der Dämmerung.

Der Sohn. Der Hauslehrer.

Der Sohn:

Ich bin zwanzig Jahre alt und könnte am Theater sein oder in Johannisburg Viadukte bauen. Weshalb muß es an der Formel für den abgestumpften Kegel scheitern! Alle Professoren waren mir gewogen, sogar der Direktor sagte mir vor. Ich hätte die Aufgabe glänzend gelöst — wäre ich nicht im letzten Augenblick geflohn. Ich glaube, es gibt etwas, das zwingt uns zum Schmerz. Ich hätte die Freiheit nicht ertragen. Vielleicht werde ich niemals ein Held.

Der Hauslehrer:

Sie haben also die Matura nicht bestanden. Wie oft habe ich mit Ihnen hier an diesem Tische gesessen und mit Ihnen die Formeln gepaukt. Habe ich Ihnen denn nicht erklärt, daß man den kleinen vom großen Kegel subtrahiert! Antworten Sie!

Der Sohn:

Ja, Herr Doktor. Sie haben es mir erklärt. Ich verstehe Ihren Schmerz. Sie sind traurig, weil dieser Kegel in der Welt ist. Glauben Sie mir, ich bin es nicht mehr! Mir fehlt sogar die vergängliche Pose, die sich noch unter Tränen verhöhnt. Sie werden sagen, ich sei ein Schwächling oder ein Schurke. Aber ich sage Ihnen: ich stand im schwarzen Rock vor der schwarzen Tafel — und wußte genau, daß ich die Kreide in der Hand hatte. Ich wußte sogar, daß man den kleinen vom großen Kegel subtrahiert und trotzdem — ich habe es nicht getan.

Der Hauslehrer:

Aber weshalb nicht! Ich frage Sie, weshalb?

Der Sohn:

Jemand wurde vor mir in Geschichte geprüft: 1800 so und so viel war die Schlacht bei Aspern. Und während meine Hand unwirklich die Kreise an der Tafel beschrieb, sah ich Erzherzoginnen und fliehende Boulevards ... Sie werden begreifen, daß man in dieser Süßigkeit allein schon die Mathematik vernichtet. Die Auflösung einer einzigen Klammer hätte mich gerettet. Ich habe es vorgezogen, mich in ihr zu verachten.

Der Hauslehrer:

Wir hätten in den letzten Tagen nicht so viel arbeiten sollen. Ihr Zustand ist begreiflich. Sie stehen unter einer seelischen Depression.

Der Sohn:

Ich glaube, die Seele der Menschen ist nicht so einfach. Dieser Tag ist ein Erlebnis. Meine Sehnsucht, frei zu werden, war zu groß. Sie war stärker als ich, deshalb konnte ich sie nicht erfüllen. Ich habe zu viel empfunden, um noch Mut zu haben. Ich bin an mir selber verblutet. Ich werde wohl niemals die Kraft haben, das zu tun, wofür ich da bin. Jetzt sehen Sie ein, daß ich die Matura nicht bestehen konnte: ich wäre an irgend etwas zugrunde gegangen.

Der Hauslehrer:

Beruhigen Sie sich. Es ist nicht so schlimm.

Der Sohn:

Ich danke Ihnen. Sie sind gut zu mir. Man wird Sie davonjagen, weil ich ein Idiot bin.

Der Hauslehrer:

Ich wollte, ich könnte Ihnen helfen.

Der Sohn:

Mein Vater wird dafür sorgen, daß es nicht geschieht.

Der Hauslehrer:

Wie werden Sie es ihm sagen?

Der Sohn:

Bitte telegraphieren Sie ihm, Sie wissen seine Adresse. Es ist mir unmöglich, das selber zu tun. Ich fürchte seinen Zorn nicht, doch ich leide an jedem Menschen und an jeder Straße. Ich bin gedemütigt durch jede Existenz, die meine Sehnsucht nach ihr verringert. Ich finde es empörend, daß ein Gebäude entsteht, aus dem man vermittels elektrischer Wellen die Lüfte ruiniert. Wie hasse ich dies Communiqué zwischen Kaiser und Kommis! Der Teufel hat dafür gesorgt, daß sich jede Braut und jeder Sterbende noch um die Erde drahtet.

Der Hauslehrer:

Ich möchte Ihnen etwas sagen. — Seien Sie nicht bekümmert meinetwegen, wenn Ihr Vater mich nach Ihrem Durchfall entläßt ...

Der Sohn

(schnell):

Sie haben Familie und müssen sorgen. Ich bin schuld wenn Sie unser Haus verlassen. Das tut mir leid.

Der Hauslehrer:

Das soll Ihnen nicht leid tun! Denken Sie an sich. Wenn ich auch nur Ihr Hauslehrer bin — glauben Sie mir — ich liebe Sie trotzdem!

Der Sohn

(ergreift seine Hände):

Mein alter Freund, ich wußte es, daß Sie mich lieben. Eines Tages, wenn ich geerbt habe, will ich Sie einladen auf eine Reise nach Paris oder Hindostan. Dann werden wir in den Louvre gehn und mit arabischen Mädchen soupieren. Die Erde, die uns trennt, ist nicht so groß! Auch für Sie leben die Götter Homers und Schillers Lied an die Freude.

Der Hauslehrer:

Was werden Sie jetzt tun?

Der Sohn:

Vielleicht einen Monolog halten. Ich muß mich aussprechen mit mir. Sie wissen, daß man sonst diese Mode verachtet. Ich habe es niemals als schimpflich empfunden, vor meinem eignen Pathos zu knien, denn ich weiß, wie bitterernst meine Freude und mein Schmerz ist. Seit meiner frühesten Kindheit hab ich gelernt, die Einsamkeit um mich her zu begeistern, bis sie in Tönen zu mir sprach. Noch heute kann ich in den Garten gehn und vor etwaigen Bäumen eine Symphonie dirigieren und mein eigner Tenor sein ... Kennen Sie das Gefühl nicht?

Der Hauslehrer

(bescheiden):

Wir wohnen auf einer Etage.

Der Sohn:

Wenn sie Beifall rufen und man sich verbeugen muß mit einer Nelke im Knopfloch ...

Der Hauslehrer:

Wer ruft denn?

Der Sohn:

Die Leute, die nicht da sind! Begreifen Sie doch, Mensch: man lebt ja nur in der Ekstase; die Wirklichkeit würde einen verlegen machen. Wie schön ist es, immer wieder zu erleben, daß man das Wichtigste auf der Welt ist!

Der Hauslehrer:

Was soll ich Ihrem Vater telegraphieren?

Der Sohn:

Schonen Sie ihn nicht: er haßt mich! Ich weiß, er wird rasen. Ich bin feige, sonst würde ich lügen, man habe mich von der Schule gejagt, daß um eine Stunde seine Wut sich vergrößert. Telegraphieren Sie ihm alles, was Sie wollen — nur nicht, daß Sie mich lieben.

Der Hauslehrer:

Ich verstehe Ihren Vater nicht.

Der Sohn:

Wenn Sie selber einmal Vater sind, werden Sie genau so wie er. Der Vater — ist das Schicksal für den Sohn. Das Märchen vom Kampf des Lebens gilt nicht mehr: im Elternhaus beginnt die erste Liebe und der erste Haß.

Der Hauslehrer:

Aber sind Sie nicht der Sohn?

Der Sohn:

Ja, deshalb bin ich im Recht! Das kann keiner verstehn außer mir. Später verliert man die Balance mit sich in dieser Zeit. Lieber Doktor: vielleicht werden wir uns nicht wiedersehn. Hören Sie noch einen blutenden Rat aus meinem Herzen: wenn Sie jemals einen Sohn haben, setzen Sie ihn aus oder sterben Sie vor ihm. Denn der Tag kommt, wo Sie Feinde sind, Sie und Ihr Sohn. Dann gnade Gott dem, der unterliegt.

Der Hauslehrer:

Lieber Freund, wir werden uns allesamt in dieser Welt verirren. Weshalb wollen Sie so grausam sein! Gehn Sie doch auf die Straße und sehen Sie ein Tier an, das vor dem Donner erschrickt. Wissen Sie, wie hungrigen Mädchen zumute ist, und sind Sie einmal einem Krüppel begegnet, der morgens um 6 Uhr Brot holt? Dann werden Sie dankbar sein, einen Vater zu haben. Jedem von uns geschieht unrecht, und jeder tut unrecht. Wer wirft den ersten Stein! Ich war ein armer Hund, und mein Vater hat für mich gearbeitet. Ich habe gesehn, wie er gestorben ist. Und ich habe geweint. Wer das erlebt hat, der richtet nicht mehr.

Der Sohn:

Wer hilft mir, wenn ich traurig bin? Glauben Sie, ich kann einschlafen jeden Abend, wenn ich schlafen muß? Glauben Sie, ich wüßte nicht, wie weh es tut, wenn man am Sonntag nicht aus dem Hause darf, wo doch jedes Dienstmädchen zum Tanze geht?

Mein Vater wird niemals dulden, daß jemand auf der Welt mein Freund ist. Ich habe die Süßigkeit eines ärmsten Bewohners noch nie gekostet. Und weshalb redet er nicht mit mir über Gott? Weshalb spricht er nicht von Frauen? Weshalb muß ich heimlich Kant lesen, der mich nicht begeistert? Und weshalb dieser Hohn über alles, was doch weltlich ist und schön? Glauben Sie, es genügt, wenn er mir manchmal am Abend das Sternbild des großen Bären zeigt? Er sitzt mit seiner Zigarre unten auf der Terrasse, wenn längst kein Automobil mehr in die Stadt fährt. Aber ich stehe oben und kämpfe mit allen Göttern und sterbe vor einer Frau, die ich noch nicht kenne. Wie oft bin ich des Nachts im Hemd über die Stiegen gewandelt, sehnsüchtig wie ein Geist, der keine Ruhe findet.

Der Hauslehrer:

Hätten Sie noch eine Mutter, Ihnen wäre wohl.

Der Sohn:

Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Ich weiß nichts von ihr. Alle schlafen in der Nacht, wenn ich unglücklich bin. Meine Mutter ist mir nie erschienen im Gold eines Himmeltags. Sie hat mich nie getröstet, wenn das Fieber kam. Ich glaube, sie ist zu jung, um das zu verstehn. Meine Mutter hat mit achtzehn Jahren geheiratet. Wie fern und kindlich ist die Zeit, in der ich geboren bin!

Der Hauslehrer:

Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Ich möchte nicht, daß diese Stunde in den Brunnen fällt, ohne daß ein Tropfen von Güte über Sie komme. Vielleicht meint Ihr Vater es dennoch gut mit Ihnen! Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen andern zu lieben. Heute kennen sie keinen als sich. Ich habe viel Übles erduldet in meinem Leben, aber ich möchte niemandem dafür etwas antun. Und weil ich das erkannt habe, will ich meiner grauen Haare froh sein.

Lieber Junge, es kommt noch so viel Zeit zum Hassen. Ich fühle, ich bin arm vor Ihnen, denn ich kann Ihnen nicht helfen. Sie rühren mich so ... verzeihen Sie ... (er weint) ...

Der Sohn:

Vor einem Jahre hätte ich mit Ihnen geweint aus Angst. Heute muß ich lachen. Mich ekelt vor diesen Gefühlen. Wollen Sie ein Glas Wasser?

Der Hauslehrer:

Ich danke, es ist vorüber. Ich würde Sie nicht überzeugen, und wenn ich der Prophet Jesaia wäre. Darüber muß ich viele Tage nachdenken, um wieder an Gott zu glauben. Weshalb gibt es Feindschaft auf der Welt!

Der Sohn:

Es riecht nach Heilsarmee.

Der Hauslehrer:

Leben Sie wohl. Sie sind jung. Sie sollen wissen, daß Sie leben. Alles was Sie tun, wird deshalb gut sein: wie könnte es anders geschehn! Jetzt lachen Sie über mich, weil ich von Liebe spreche. Einmal wird es auch über Sie kommen und Sie werden weinen. Dann denken Sie an mich! — Jetzt will ich Ihrem Vater telegraphieren. (Er geht ab.)