Fünfte Szene.

(Ein Schlüssel wird im Schloß gedreht. Die Tür geht auf. Das Fräulein steht auf der Schwelle, in der Hand eine Kerze und ein Tablett.)

Das Fräulein:

Ich bringe das Essen!

Der Sohn:

Ach Fräulein — Sie sind es! Ich hatte Sie ganz vergessen.

Das Fräulein:

Ihr Vater ist schlafen.

Der Sohn:

Um so besser für ihn.

Das Fräulein

(kommt näher):

Was ist geschehn?

Der Sohn:

Sie sehn mich im schwarzen Rock, damit ich würdig aus diesem Hause trete. Schon brennen mir drüben die Lampions! Sehn Sie die Lichter am Horizont? Hören Sie Musik, Walzer und Klarinette? Der Duft von jubelnden Häusern umschwebt mich. Alle Züge werden mich heute fahren in die ungeheure singende Nacht.

Das Fräulein:

Hat er Sie geschlagen?

Der Sohn:

Wie können Sie noch von ihm reden, der kleingläubig in seinem Bette zerfällt. Sehen Sie in sein Gesicht morgen — da wird es blaß sein vor ohnmächtiger Angst und Wut. Dieser Held im Familienkreise — ein Blitz aus dem Äther hat ihn gerührt. Seine Macht war groß vor Knaben und Kellnern — nun ist sie gebrochen. Die Krankenkasse betet ihn an; ich lache ihn aus. Er fahre hin!

Das Fräulein:

Vielleicht ist noch Licht in seinem Zimmer. Er kann Sie im Garten sehn.

Der Sohn:

Seine Peitsche erreicht mich nicht mehr. Unten wartet meine Schar. Es sind Kerle mit Waffen darunter. Vielleicht fühlen sie alle wie ich, dann will ich sie rufen zur Befreiung des Jungen und Edeln in der Welt. Tod den Vätern, die uns verachten!

(Wieder erscheint, sekundenlang, das Gesicht des Freundes am Fenster und verschwindet.)

Das Fräulein:

Wollen Sie nicht etwas essen? Der Weg ist lang.

Der Sohn:

Nein, Fräulein, hier im Hause rühre ich keinen Bissen mehr an. Bald werde ich fern im Schoße geliebter Frauen Nektar und Ambrosia genießen.

Das Fräulein

(mit zitternder Stimme):

O dunkle und gefährliche Nacht!

Der Sohn:

Ängstigen Sie sich nicht! Ich gehe meinem Stern entgegen; ich folge dem Gebot. Weil in meinen Adern Blut des Geschändeten aus der Knechtschaft brennt, deshalb werde ich in Kraft aufstehn zum Kampf gegen alle Kerker der Erde. Wie ein Verbrecher im Finstern, ohne Habe, steig ich durchs Gitter. Mein Haus! Dies Feuer allein trage ich von dir, es auszugießen über Menschen und Stadt. Die Kette fällt. Ich bin frei! Nur ein Schritt noch im Mantel der Bäume ... Pforte, wie ich dich liebe, und du, Landstraße, silbern dem erwachenden Blick! Ich verzage nicht mehr. Ich weiß, für wen ich lebe.

(Er hat das Letzte an seiner Kleidung beendet. So steht er vor ihr.)

Das Fräulein:

Sie haben die Binde vergessen! — Ich will es tun.

(Sie tritt zu ihm und bindet die Schleife.)

Der Sohn

(beugt sich mit vollendeter Form auf ihre Hand):

Ich danke Ihnen, Fräulein. Leben Sie wohl!

(Er schwingt sich durchs Fenster und entflieht. Man sieht stärker die Lichter und hört die Musik. Ein Zug rollt.)