I. Reise durch den tiefen Grund nach dem Brand, Hohnstein und Stolpen.

Wir gehen abwärts an der Elbe nach Wendischfähre, das seine Entstehung und seinen Nahmen der Fähre verdankt, die hier vor Zeiten angelegt wurde, um die Wallfahrten der oberlausitzischen Wenden zu einem Wunderbilde in der Kirche zu Papstdorf zu erleichtern. Am Lachsbach (s. oben [S. 44].) hinauf wandernd, folgen wir eine Zeitlang dem Wege, den wir auf der Reise von Rathewalde nach Schandau berührt haben, bis zur Porschdorfer Mühle, oberhalb welcher ein Lachsfang angelegt ist. Die Lachse, die aus der Elbe in die Bäche hinauf gehen, stoßen hier auf ein hohes, mit spitzigen Hölzern umzäuntes Wehr, von welchem sie, bei dem Versuche es zu überspringen, zurück prallen, worauf sie dann an einer unbewaffneten Stelle in ein am Wehr angebrachtes Behältniß gehen. Die jungen Lachskunzen bleiben drei bis vier Jahre in den Bächen, und gehen dann die Elbe hinab. Von den, in den Bächen zuweilen bis Hohnstein und Sebnitz hinaufsteigenden Lachsen werden im Herbste mehre in den Mühlgraben bei Hohnstein gesetzt, während des Laichens bewacht, und nachher mit Gabeln heraus gestochen. Seit der Anlage des Lachsfangs bei Dessau sind jedoch die Lachse in dem sächsischen Theile des Elbgebietes seltner geworden.

Nicht weit von dem Lachsfange öffnet sich rechts der grüne Ochelgrund, aus welchem die Sebnitz herab kommt, während wir links einen Blick in das heitere Thal werfen, aus welchem die Polenz hervor strömt, um sich mit jenem Bache zu vereinigen. Nach einer kurzen Wanderung stehen wie an dem Eingange eines Felsenthales, welches der

tiefe Grund

genannt wird, eines der schönsten Thäler des Gebirglandes, das seine wilden Reize eben so herrlich entfaltet, wenn wir von Hohnstein hinab, als von Schandau hinauf wandern. Bald erhebt sich links von der Fahrstraße der Frynsberg, auf welchem sich eine große Höhle öffnet. Der Weg läuft längs dem hohen Uferrande eines Baches, der meist unter dunkeln Baumgruppen verborgen, oder zwischen bemoosten Felsenstücken fortrauscht. Das Thal wird enger, und die nackten Felsenmassen zeigen sich, wenn sie bei den Windungen des Thales uns bald auf allen Seiten einschließen, in ihrer ernsten Pracht, bald furchtbar überhangend, bald in seltsamen Gestalten mauerartig empor steigend, oder Trümmern alter Vesten und Warten ähnlich, aus den Wolken herabschauend. Ueberall sind die grauen Sandsteinklippen mit zerstreuten Fichten, Tannen, Buchen und Birken bekleidet, die aus Spalten hervor wachsen, oder von den Zinnen der Felsen herab winken, deren Stirne oft mit gelbem Moos, Waldwinden und den Wedeln der Farrenkräuter mahlerisch geschmückt ist. — Eine Sense, in eine Felsenwand eingehauen, deutet die Ueberlieferung als das Andenken eines Zweikampfes, wozu zwei junge Landleute, die beide um ein Mädchen warben, sich herausfoderten, und auf einer Stelle in der Nähe, die ein Kreuz und die Jahrzahl 1699 bezeichnen, soll der gefallene Nebenbuhler begraben liegen. Nicht weit von hier stürzt der Waizdorfer Bach aus einer, von Felsenblöcken gebildeten finstern Höhle, über eine moosige Wand herab und eilt dem Grundbach entgegen, der hier gleichfalls einen Wasserfall bildet.

Links vom Wege fällt in den tiefen Grund, vom steilen Forstberge eine Straße, die uns auf den

Brand

führt, der 3 Viertelstunden von Hohnstein liegt. Näher aber ist ein neuerlich angelegter Weg, der sich unmittelbar vom Brand zwischen hohen Felsenwänden in den tiefen Grund hinab windet, und für kundige Wanderer, selbst für Frauen bequem ist. Das südlich ausspringende Felsenhorn auf dem steilen Rande des Polenzthales, worauf wir stehen, hat seinen Nahmen von einem ehemahligen Waldbrande. Der Reichthum der Landschaft, die wir hier überschauen, macht diesen Standpunkt zu einem der anziehendsten in dem Berglande. Unser Blick schweift über die benachbarten Felsengestalten, zu dem Königstein und seinen Nachbarn hinüber. Pirna und Wehlen blicken aus dem Kranze einer fröhlichen Landschaft herauf. Der Rosenberg, über den Schrammstein hervor ragend, schließt den Kreis. Die blauen Rücken des Erzgebirges dämmern am Himmelsrande. Den Zschirnstein erblicken wir kaum von irgend einem andern Standpunkte so herrlich als von dieser Höhe. Der Polenzbach zieht sich durch das tiefe Thal, die Elbe aber zeigt uns nur hier und da einen glänzenden Bogen, zumahl auf einem der günstigsten Standpunkte, wo wir die Felsen bei Rathen erblicken, und das freundliche Wehlen hervor schaut. Ueber Königstein und Pirna zieht ein, mit zahllosen Dörfern bedecktes Gelände sich nach dem Hintergrunde, wo die Höhen des Erzgebirges an die böhmischen Gebirge sich anschließen, welche, obgleich weit von einander getrennt, von diesem Standpunkte wie eine zusammenhangende Kette erscheinen.

Mehre Bänke und ein Obdach in einer Rindenhütte machen diesen Ruheplatz seit einigen Jahren noch angenehmer, und man hat sogar die Höhlung eines Felsens in eine Küche umgewandelt, um den Reisenden Gelegenheit zu geben, sich eine Erfrischung zu bereiten.

Wir gehen von hier über die Hochebene des Vorder- und Hinterforstes nach

Hohnstein,

wohin diejenigen Reisenden, die den Brand nicht besucht haben, aus der Fortsetzung des Weges durch den tiefen Grund über die Grundmühle gekommen sind. Das Städtchen liegt mit seinem Felsenschlosse auf einem Bergrücken östlich von der Polenz, und hat gegen 800 Einwohner, die sich von Weberei, Flachsspinnen und Landwirthschaft nähren. Das Schloß, das auf einem abgesonderten Felsen liegt, ist mit der Stadt durch eine steinerne Brücke verbunden. Die Veste, gewiß so alt, als die Burg Rathen, und vielleicht gegen Ende des 11ten Jahrhunderts zuerst angelegt, war wenigstens schon im 14ten Jahrhunderte der Sitz der mächtigen Edlen Birk oder Berk von Duba. Dieses Geschlecht erwarb seit dem 11ten Jahrhunderte ansehnliche Besitzungen in Böhmen, von der Elbe bis zum Riesengebirge. Die mächtigste Linie besaß auch das Schloß Leipa in Böhmen, wovon sie den Beinahmen führte, und dieser gehörte nach urkundlichen Beweisen schon 1353 auch Hohnstein. Um das Jahr 1444 kam Hohnstein unter die Obergewalt des Kurfürsten von Sachsen, Friedrichs des Sanftmüthigen, und noch vor Ende des 15ten Jahrhunderts hörte die Herrschaft des Hauses Birk von Duba auf, ob durch Kauf oder Tausch ist ungewiß. Das meißnische Geschlecht von Schleinitz, dem auch die benachbarten böhmischen Herrschaften Tollenstein, Schluckenau und Hainsbach und viele Güter in den Lausitzen gehörten, besaß Hohnstein, bis es 1523 an die Besitzer der Herrschaft Wehlen, die Herren von Schönburg, kam, die endlich 1543 beide Besitzungen an den Herzog Moritz von Sachsen vertauschten, der ihnen einen Theil der jetzigen Schönburgischen Herrschaften dafür überließ. Hohnstein wurde der Hauptort eines landesherrlichen Amtes, mit welchem Lohmen vereinigt ward.[5]

Das Schloß ist auf allen Seiten von sehr tiefen Abgründen umgeben, auf deren Wänden die Burg sich erhebt, deren veste Mauern im dreißigjährigen Kriege allen Angriffen der Kaiserlichen und der Schweden trotzten. Das erste Gebäude, worein wir treten, ist das mittle Schloß, das im Jahre 1620 durch einen Blitzstrahl größtentheils zerstört wurde, und nur noch einige bewohnte Räume enthält. Im Thurme ist ein altes Staatsgefängniß. Wir verweilen in einem, auf dem nahen Felsen angelegten Gärtchen, wo wir in die Tiefe des Bärgartens und der angränzenden Felsenschluchten hinab sehen. Dem mittlen Schlosse gegenüber liegt das neue, das der Justizamtmann bewohnt. Ein langer und breiter Felsengang führt uns in einen, mit alten Wirthschaftgebäuden, Gefängnissen und Trümmern umgebenen Hof. Durch eine verfallene Burgmauer treten wir auf einen Felsenvorsprung, der ein freundliches Gärtchen trägt, das eine schöne Aussicht auf das Städtchen und über das Thal gewährt, durch welches die 1813 vom Fuße des Liliensteins nach Stolpen geführte Napoleonstraße läuft. Längs verfallner Mauern kommen wir zu einem eisernen Gitterthor, das uns in die noch übrigen Gemächer des, im 17ten Jahrhundert durch den Blitz zerstörten Schlosses führt. In einem alten Gemache zeigt man ein, aus kurzgehacktem Stroh mühsam geflochtenes Seil, an welchem gegen Anfang des 18ten Jahrhunderts ein Gefangener sich aus dem Fenster seines Kerkers herablassen wollte, ein Versuch, der aber verunglückte, weil das sonst veste Strohseil zu kurz war. In der ehemahligen Schloßkapelle ist jetzt das Amtsarchiv; die schön gearbeitete Kanzel von durchbrochener Arbeit aber, die früher hier noch zu sehen war, ist seit mehren Jahren in der Kirche zu Röhrsdorf bei Dresden. In einem engen Hofe, worein wir aus diesem Theile des alten Schlosses treten, sehen wir die Ueberreste eines Kerkergewölbes. Es führt den Nahmen des Freiherrn von Klettenberg, eines betrügerischen Goldmachers, der im Anfange des 18ten Jahrhunderts den Herzog Ernst von Weimar und den König August II. hinterging und einige Zeit hier gefangen saß, ehe er auf dem Königstein enthauptet ward.[6] Dieser scheußliche Kerker ist seit 1770 nicht mehr zur Aufbewahrung von Gefangenen gebraucht worden. Die Gefängnisse auf der Burg waren vor Zeiten so furchtbar, daß das Sprichwort sagte: „Wer da kommt nach dem Hohnstein, der kommt selten wieder heim.“ Von der ältesten Burg, in deren Trümmern wir aus jenem Hof gelangen, ist nichts als altes Gemäuer und ein Theil eines Thurmes übrig, der jedoch nicht mehr ohne Gefahr zu ersteigen ist.

Durch den Ausfall steigen wir in die Tiefe hinab, und kommen über einen von alten Mauern umschlossenen Rasenplatz, der einst die Wirthschaftgebäude enthielt, auf eine Felsenebene, wo wir auf einem günstigen Standpunkte in die furchtbare Tiefe des Bärgartens hinab schauen, und jenseit des Thales den Hockstein empor ragen sehen. Der Bärgarten, wohin sowohl vom Schlosse, als von dem Städtchen ein Weg führt, wurde 1609 angelegt, um hier Bären, deren es damahl noch in den umliegenden Wäldern gab, aufzubewahren. Auf der, nach dem Städtchen gekehrten Seite waren die Fänge angebracht, durch welche die Bären in Kasten gelockt wurden, so oft sie zu den Thierhetzen in Dresden und Sedlitz gebraucht werden sollten. Auf der untern Seite befand sich ein Wasserhaus mit großen Rädern, um die starken Eisengitter aufzuziehen, die den Bären den Ausgang sperrten. Die Thiere pflanzten sich hier über 150 Jahre fort, bis sie endlich, da sie zuweilen die Felsenumgebungen überstiegen und den Umwohnern gefährlich wurden, um das Jahr 1756 erschossen wurden. Hier ward auch der gezähmte Bär aufbewahrt, den August II. aus Polen mitgebracht, und in seinem Zimmer erzogen hatte, bis endlich das erwachsene Thier den König bedrohte, der es einst im gefährlichen Kampfe mit dem Hirschfänger verwundete, und dann in den Bärgarten verbannte.

Die zu dem Schlosse gehörende Landwirthschaft ist schon seit langer Zeit vor das Städtchen verlegt worden, und bildet ein ansehnliches Kammergut, das einer der ersten Sitze der veredelten Schafzucht in Sachsen war.

Dem Schlosse gegenüber erhebt sich, ganz abgesondert von den umliegenden Felsenwänden, der

Hockstein,

ein steiler über 500 Fuß hoher Sandsteinfelsen, im Hintergrund des Polenzthales, worein wir von Hohnstein hinab steigen. Wir kommen hier über die, durch Hohnstein laufende Gränze, wo Granit und Sandstein sich scheiden. Dem Wege folgend, der das Thal durchschneidet, sehen wir, hoch über uns, eine im Jahre 1821 angelegte kühne Brücke, welche über eine tiefe Schlucht gespannt ist, um den Hockstein mit einem andern Felsen zu verbinden. Durch diese Anlage, die man den preiswürdigen Bemühungen des königlichen Forstbeamten in Hohnstein, Herrn von Carlowitz verdankt, ist der Felsen zugänglicher geworden, dessen Erklimmung seither sehr beschwerlich war. Man mußte auf dem Wege von Rathewalde den steilen Wartenberg hinab gehen, um aus einer tiefen und engen Felsenschlucht, dem Kohlicht, den Felsen zu erklettern; eine Oeffnung am Fuße des Felsens bildete den einzigen Zugang zu dem Gipfel, den man in einem, die ganze Höhe des Felsens theilenden engen Spalt, wo nur eingehauene Falze, wahrscheinlich Ueberreste alter Bevestigungen, das Klettern erleichtern, mühsam ersteigt, bis man endlich auf einen freien Platz tritt, der nur auf drei Seiten von Felsen eingeschlossen, auf der vierten in einen Abgrund stürzt; von hier aber mußte man noch eine 40 Fuß hohe steile Wand erklimmen, um auf den freien Gipfel zu gelangen. Die 12 Ellen lange Brücke, welche über die, gegen 75 Ellen tiefe Schlucht zum sogenannten kleinen Hockstein und von diesem auf die Straße nach Rathewalde führt, erleichtert den Besuch des Felsens, wohin man nun am bequemsten von Rathewalde oder Lohmen geht. Von der Brücke führen zwanzig in den Felsen gehauene Stufen auf den höchsten Gipfel. Die 150 Schritt lange und 60 Schritt breite Fläche der Felsenkuppe zeigt uns auffallende Spuren ehemahliger Bewohnung, z. B. ein Wasserbehältniß, breite in ein großes Behältniß führende Stufen, und die Ueberreste eiserner Haken an der äußersten Spitze eines zugänglichen, kühn vorspringenden Felsenhornes, wo man, außer einem Mühlenspiel, wie man es auf Damenbretern findet, auch Nahmen ausgehauen sieht. Wahrscheinlich gehörte der Hockstein als Warte zu dem benachbarten Hohnstein, und jene Haken dienten vielleicht zu einem Hebewerke, das den einsamen Bewohnern des Felsens ihre Bedürfnisse heraufbrachte. Diese Verbindung gab ohne Zweifel Anlaß zu der ungereimten Sage, die beide Felsen durch eine lederne Brücke vereinigt. Die Aussicht vom Gipfel umfaßt eine Landschaft, wo über Felsenschluchten und Waldwipfel der Königstein hervor schaut, während gegen Mitternacht die Polenz aus einem freundlichen Thale in ein wildes Felsenbett hinab fließt.

Zu der eben beschriebenen Wanderung und dem nächsten Rückwege über Hohnstein brauchen wie ungefähr 7 Stunden, und wer vom Hockstein auf dem früher ([S. 41.]) angedeuteten Wege durch den Amselgrund nach Schandau zurück kehren will, hat einige Stunden mehr nöthig. Ein dritter, sehr anziehender aber längerer Rückweg führt über den Waizdorfer Berg, Gosdorf und den Kikelsberg, den tiefen Grund und den Ochelgrund. Wir werden diesen Weg in der Folge erst beschreiben, und wollen an die vorgeschlagene Wanderung die Reise nach Stolpen knüpfen. Diejenigen, welche den Hockstein früher schon besucht haben, und den geraden Weg von Hohnstein wählen, brauchen zur Ausführung dieses Reiseplans, mit Einschluß des Rückweges, eine Tagereise. Wir kommen von Hohnstein auf einem angenehmen Wege nach Heeselicht und weiter über Langenwolmsdorf, in dritthalb Stunden nach

Stolpen,

das am Abhange eines Basaltberges liegt, auf dessen Kuppe, 1010 Paris. Fuß über dem Meere, das alte Schloß mahlerisch sich erhebt. Die Stadt, die 1000 Einwohner zählt, welche sich meist von Landwirthschaft und Brauerei nähren, verdankt dem König eine 1789 angelegte Wasserleitung, die das Wasser eine Stunde weit führt, und eine Inschrift am Ausgusse der Hauptröhre rühmt diese Wohlthat. Auf dem Markte sehen wir ein, im Jahre 1818 am Tage der Jubelfeier des Königs errichtetes Denkmahl, das aus erlesenen, 7 Ellen hohen Basaltsäulen besteht, die eine obeliskenförmige, von einem metallenen Eichenkranze umschlungene Gruppe bilden, deren oberste Säule durch seltene Größe und Stärke sich auszeichnet. Eine Inschrift auf einem, an die Säulen gelehnten Granitblocke spricht die Widmung des Denkmahls aus, das ein Kreis von kleinen Basaltsäulen, den vier junge Eichen beschatten, umschließt.

Der hiesige, wegen seiner regelmäßigen Säulengestalt berühmte Basalt, zieht die Aufmerksamkeit des Naturfreundes vorzüglich an. Wir dürfen nur einen Blick umher werfen, um uns zu überzeugen, in welcher Reichhaltigkeit diese Massen sich hier finden, da außer dem großen Schlosse, auch die Mauern der Stadt, die Stadtkirche und das Straßenpflaster von Basalt sind. Der Berg, auf dessen Kappe die Säulen hervor ragen, läuft von allen Seiten sanft an, bis er an der Stelle, wo der Basalt zu Tage ausgeht, sich steil erhebt. Der Basalt ist auf einem ziemlich grobkörnigen Granit gelagert, doch lassen sich die Gränzen, wo dieser aufhört, und die hervorragenden Basaltsäulen anfangen, nicht genau bestimmen, und man kann dieselben nur bei dem Anfange des steilern Ansteigens, wo man keinen Granit mehr findet, vermuthen. Der Basalt zieht sich um das Schloß in dicht an einander stehenden Säulen, die im Durchmesser 6, 8, 10 bis 12 Zoll haben, zwar zuweilen über 12 Ellen lang zu sein scheinen, aber in dieser Länge senkrecht, oder auch gebogen auf einander stehen, da man keine über 7 bis 8 Ellen lange Säulen zu Tage ausgehend findet. Die meisten sind sechsseitig. Die schönsten zu Tage ausgehenden Säulen sieht man im Thiergarten und im ersten Schloßhofe. Der Basalt ist schwärzlich, auf dem Bruche uneben, mit Zeolith, kleinen Hornblendekristallen, seltner mit Olivin, Hornstein und Augit vermischt, und zeichnet sich durch starkes Polarisiren aus. Nach des Schottländers Macdonald[7] Bemerkung, hat der Basalt zu Stolpen in seiner Masse viel Aehnlichkeit mit dem Basalte in der Fingalshöhle zu Staffa, und besonders fand er die querliegenden Basalte im Schloßbrunnen den Säulen auf dem südwestlichen Theile von Staffa ungemein ähnlich. Der Basalt wird gebrochen, und besonders auch zu Amboßen, und Schlagsteinen für Buchbinder benutzt.

Das Schloß, das wir nun besuchen, ist älter als die Stadt, sorbischen Ursprungs und kam nebst dem Städtchen, das in frühern Zeiten Jokrim hieß, und in der Gegend des nahen Dorfes Altstadt lag, im Jahre 1222 an die Bischöfe von Meißen, die sich um den Anbau dieser Gegend große Verdienste erworben haben. Stolpen blieb seitdem dem Bisthum eigen und wurde in der Folge der beständige Wohnsitz der Bischöfe. Im 15ten Jahrhunderte verwüsteten die Hussiten das alte Jokrim, und der Ort ward alsdann am Fuße der Burg wieder aufgebaut, und nach dieser benannt. Eine blutige Fehde zwischen dem meißnischen Bischofe und dem Rittergeschlechte Carlowitz, gab im Jahre 1559 dem Kurfürsten August Anlaß, sich der Burg zu bemächtigen, die seitdem landesherrliches Besitzthum blieb. Seit dem Jahre 1716 bewohnte die Gräfinn Cosel, Augusts II. verstoßene Geliebte, das Schloß, und zwar anfänglich den Johannisthurm, späterhin bequemere Zimmer, bis sie im Anfange des siebenjährigen Krieges daselbst starb. Die Preußen nahmen 1756 die unbeschützte Veste ein, die darauf zerstört und endlich 1787 ganz abgetragen wurde. Während des Feldzugs 1813 wurde Stolpen in die Linie gezogen, durch welche Napoleon seine Stellung an der Elbe deckte.

Die vier Höfe des Schlosses, das unmittelbar auf den Säulen des Basalts sich erhebt, sind durch Brücken verbunden. In dem ersten Hofe, oder der sogenannten Klengelsburg, sehen wir ein, in den Basalt gebrochenes Wasserbehältniß, und den ehemahligen bischöflichen Marstall, wo jetzt das Amtsarchiv und einige Ueberreste der Altäre und Verzierungen der abgetragenen alten Schloßkirche aufbewahrt werden. Man zeigt uns in der Nähe das furchtbare Gewölbe, das vor Zeiten die Marterkammer war. In diesem Hofe fiel am 8. September 1756 der erste feindliche Schuß, der den siebenjährigen Krieg eröffnete, als der preußische Generalmajor Warneri, der das Schloß mit seinen Husaren überrumpelte, den sächsischen Befehlhaber der Veste, welcher eben im Begriff war, seinen Degen abzugeben, durch einen Pistolenschuß tödlich verwundete. Aus dem zweiten Hofe führt eine Brücke längs schöner Basaltsäulen zu einem doppelten Thore. Durch das erste Thor kommen wir zu einem schmalen Gange, der zu einem unterirdischen Kerker führt, worein die Gefangenen durch ein Loch hinabgelassen wurden. Das zweite Thor führt uns in den Hof selbst, und wir erblicken links den Johannisthurm, den wir besteigen, um eine, nach Mitternacht und Morgen reiche und anziehende Aussicht zu genießen. In dem vierten Hofe sieht man die Ueberreste der alten Schloßkirche und den Basaltbrunnen. Dieser merkwürdige, in seiner Art einzige Brunnen wurde im Jahre 1608 angefangen, und in den durch Feuer erweichten Basalt 287 Fuß tief gebrochen, bis man nach einer Arbeit von 22 Jahren Wasser fand, das in der Folge 7 bis 8 Ellen stieg und wechselweise wieder fiel. Seit dem Ueberfalle der Burg durch die Preußen im siebenjährigen Kriege, bei welchem diese alte eiserne Kanone, Gewehre und Kugeln in den Brunnen stürzten, ist er bis auf beinahe drei Viertheile seiner ehemahligen Tiefe verschüttet. Der von Naturforschern oft ausgesprochene Wunsch, den Brunnen geräumt zu sehen, um die seltene Gelegenheit zur Untersuchung des Innern eines Basaltberges benutzen zu können, möge hier 45 Jahre nach dem Ersten, der ihn dringend aussprach[8] wiederhohlt werden.

Auf dem Rückwege vom Schlosse gehen wir über den Kirchhof, wo sich das dem Geschichtschreiber Stolpens, dem verstorbenen Pfarrer Gerken errichtete Denkmahl auszeichnet, zu dem Thiergarten. Kurfürst August bestimmte diesen Platz ursprünglich zu einem Obstgarten, welchen er aber, als die Anpflanzung mißlang, in einen Thiergarten verwandelte, wohin er weiße Hirsche und andere seltene Thiere versetzte. Auch von dieser Anlage ist längst keine Spur mehr übrig. Den Weg am Fuße des Schloßberges fortsetzend, verweilen wir einen Augenblick bei dem Basaltbruche, wo wir die regelmäßigsten Säulengestalten erblicken, und gehen dann weiter zu der sehenswerthen königlichen Schäferei, welche mit dem nahen Vorwerke Rennersdorf den Hauptsitz der veredelten Schafzucht in Sachsen bildet. Schon 1765 wurden, um die inländischen Schäfereien zu veredeln, über 200 spanische Stähre und Mutterschafe, von zwei spanischen Schäfern begleitet, nach Sachsen gebracht, und im Thiergarten aufgenommen. Späterhin (1778) wurde dieser Stamm durch einen Zuwachs von erlesenen Merinoschafen aus den beßten Heerden in Leon und Castilien vermehrt und zur Erweiterung der Zuchtanstalt auch in Lohmen, Rennersdorf und Hohnstein Schäfereien angelegt. Die Schäferei in Stolpen hat seitdem durch fortgesetzte Sorgfalt einen vorzüglich feinwolligen Stamm erhalten. Von hier wurde die Schäferei in Lohmen veredelt, die sich in der Folge selbst fortpflanzte, und noch immer wird aus dem Stamm im Thiergarten die Zuchtanstalt in Rennersdorf verbessert. Die Stammschäferei in Stolpen, ist die einzige ursprünglich spanische Schäferei in Sachsen, und Spanien selbst, behauptet man, habe jetzt keine Heerde mehr aufzuweisen, die dem 1765 nach Sachsen gekommenen Stamm vollkommen gleich wäre. Sie hat auf die Veredlung der Schafzucht in Sachsen, und dadurch auf Landwirthschaft und Gewerbfleiß überhaupt, wohlthätig eingewirkt, da von 1779 bis 1811 über 10,000 Stähre und Mutterschafe an andere inländische Schäfereien gegen vestgesetzte sehr billige Preise abgegeben wurden. Das Kriegsjahr 1813 hat zwar auch dieser Anstalt, besonders den Schäfereien zu Stolpen und Rennersdorf, großen Verlust gebracht, den man jedoch seitdem zu ersetzen eifrig und mit Erfolg bemüht gewesen ist.[9]

[5] S. Götzingers angeführtes Werk.

[6] Seine Geschichte erzählt Engelhardt in den Denkwürdigkeiten aus der sächsischen Geschichte, Bd. I. S. 1. ff.

[7] In einer Anmerkung zu Wiedemann’s Uebersetzung von Faujas de Saint Fond’s Reise durch England, Schottland und die Hebriden. Band 2. (Göttingen 1799. 4) S. 36.

[8] Mineralogische Geographie der chursächsischen Lande, von J. F. W. Charpentier (Leipzig 1778. 4.) S. 37.

[9] S. Ueber die spanischen Schäfereien bei Stolpen, zu Rennersdorf und zu Lohmen — im 18ten u. 19ten Stück des Gouvernementsblattes für Sachsen (1814). In der schätzbaren Schrift des Freiherrn von Ehrenfels: Ueber das Electoral-Schaf (Prag 1822) findet man Manches über die sächsische Schafzucht, und Winke, die aller Beherzigung werth sind.