IV. Reise in die Felsengegenden, östlich von Schandau, auf die hohe Liebe, zum Schrammstein, Reischenstein und Falkenstein.
Wir gehen über die Ostrauer Scheibe (s. [S. 51].) oder auf dem, hinter dem Bade am linken Ufer der Kirnitsch am Bergabhange ansteigenden Wege zu dem Dorfe Ostrau. Auf dem Feldwege, im Angesichte des prächtigen Schrammsteins und des schroff emporragenden Falkensteins, nähern wir uns dem Saume des Waldes, der den, mitten aus wilden Felsenumgebungen sich erhebenden Berg,
die hohe Liebe
vom Fuße bis zum Gipfel deckt. In einer halben Stunde erreichen wir auf einem bequemen, selbst fahrbaren Wege die Höhe, wo die steilere nackte Felsenkuppe, die kaum 30 Schritte lang und äußerst schmal ist, sich erhebt. Anmuth und Wildheit wechseln mannigfaltig in dem Gemählde, das sich hier vor uns ausbreitet. Vom Unger senkt sich ein Bergzug, der sich gegen Abend über Ostrau und Altendorf bis in das Thal verliert, wo bei heiterm Himmel selbst Dresden sichtbar ist. Zwischen den Felsen von Königstein und Rathen blicken anmuthige Landschaftbilder hervor, und ziehen sich im Elbthale hinab bis zu dem Hintergrunde, den die blauen Höhen des Erzgebirges einschließen. Gegen Mittag erblicken wir einen Theil des jenseitigen Elbufers, wo Dörfer und heitere Feldfluren zwischen dunkeln Wäldern lachen, über welchen der Zschirnstein und Schneeberg hervor ragen. Gegen Morgen blickt die hohe Spitze des Rosenberges über den Rücken des Winterberges, an dessen Fuße von den Speichenhörnern an, eine furchtbar wilde Felsenwelt, durch finstere Waldschluchten verbunden, sich ausbreitet. Am Fuße des Berges liegt eine, von hohen Felsen umschlossene Wildniß, der Gemsgarten, wo man in früherer Zeit schweizerische Gemsen einheimisch zu machen versuchte, die aber bald über die Felsen entflohen, bis auf einen Bock, der sich noch lange hier aufhielt.
Wir steigen herab, und wandern, am Fuße des Falkensteins hin, zum Zahngrund, wo der große Backofen, ein überhangender, mit starken Eisenadern durchzogener Sandsteinfelsen, uns anzieht. Der Weg theilt sich bald in vier Arme, wovon der erste links zur Heidemühle im Kirnitschthale, der andere zum Kuhstall und in den großen Zschand, der dritte zum vordern Winkel und der vierte durch das Schrammthor nach Schmilka bringt. Wie folgen dem dritten zum
Schrammstein,
einer schroffen Wand, die mit dem anstoßenden Einsprunge, welcher der vordere Winkel heißt, eine prächtige Felsengruppe bildet. Wie die Trümmer einer zerstörten Burg, zieht sie sich zu einer, auf der östlichen Seite angränzenden Wand, auf welcher ein einzelnes Felsenhorn hervor ragt. Hinter dem vordern Winkel läuft eine Schlucht, durch welche man auf einem beschwerlichen Pfade die Höhe erreicht; den Schrammstein selbst aber kann man nur mittels hoher Leitern ersteigen. Die niedrigern Wände, die von den aus- und einspringenden Felsen den Nahmen der drei Winkel führen, ziehen sich weiter südöstlich. Ein steiler Waldweg führt zu dem mittlern Winkel, den man auf eingehauenen Stufen ersteigt. Längs den Wänden des Gemsgartens, und am Buchhübel hin, kommen wir endlich zu dem hintern Winkel, wo die Felsenwand abgeschnitten ist. Auf der Südseite dieser Wand bringt uns ein schmaler Weg, die Lehne, an den Rand eines tiefen Abgrundes, die breite Kluft genannt. Sehen wir von dem Felsenzuge der Winkel zurück, so kommen wir in die tiefe Kluft des Falkenheger Grundes, in welchen sich ein steiler Pfad senkt, der nach Schmilka hinab führt. Ein Weg über eine sumpfige Waldebene, bringt uns vom Falkenheger Grund zu einer tiefen Schlucht, das Heringsloch genannt, in welcher die heilige Stiege hinab geht, eine Felsentreppe, die gegen Morgen auf einen, zum kleinen Winterberg führenden Pfad stößt.
Aus dem Heringsloch kommen wir in den Reischengrund, der von ungeheuren Felsen eingeschlossen ist, die bald als kühne Mauern empor ragen, bald in steilen Klippen aus den dunkeln Waldwipfeln hervor schauen. Zwei hohe Wände, die sich gegen einander neigen, bilden eine Wölbung, das Reischenthor genannt, und alsbald stehen wir vor dem
Reischenstein,
oder Reischenschloß, einem mächtigen Felsenbau, der sich gegen 300 Fuß hoch erhebt, von Sträuchern begrünt, die aus den Spalten hervor wachsen. In der Mittagseite führt ein Weg aufwärts, und wir stehen bald vor einem Spalt, durch welchen wir auf die Höhe des Felsens klimmen. Auch dieser Felsen war, wie mehre Spuren anzudeuten scheinen, welche die Ueberlieferung bestätigen, vor Zeiten bewohnt, wenn auch die Bevestigung nicht aus Mauerwerk, sondern nur aus einem hölzernen Blockhause bestanden haben mag. Auf der Felsenhöhe öffnet sich uns gegen Mittag eine reiche Aussicht, die von den Dörfern Schönau und Reinhardsdorf auf dem jenseitigen Elbufer, über Königstein bis in die Gegend von Dresden reicht, während gegen Mitternacht und Morgen eine Felsenwildniß aus der Tiefe herauf blickt. Sind wir vom Reischenstein herab gestiegen, so suchen wir an der Morgenseite desselben einen günstigen Standpunkt zur Ansicht der Felsenwände des Reischengrundes, welche, wie wir hier deutlich sehen, in drei verschieden geschichteten Absätzen aufgethürmt sind. Ein starkes fünffaches Echo macht diesen Standpunkt doppelt anziehend.
Vom Reischenstein kommt man durch den Felsengrund, die Gostge, in südlicher Richtung an die Elbe. Wir gehen aus diesem Thale rechts durch den langen Grund zu den Bierwänden, einer Felsenreihe, die mit den Winkeln und der Elbe in gleicher Richtung läuft. Die Postelwitzer Steinbrüche (s. [S. 52].) liegen unter diesen hohen, merkwürdig geschichteten Wänden. Ein vorspringender mächtiger Felsenkegel, der Butterweck, dient den Bewohnern des jenseitigen Elbufers als Sonnenweiser, da seine Spalten und Ritzen ihnen die Tageszeit anzeigen.
Wie gehen in dem langen Grunde hinab. Am Wege verweilen wir bei einem großen Sandsteinblocke, der viele Vertiefungen, deren Ränder meist von Eisen braun gefärbt sind, und auf der Nordseite eingesprengte Eisennieren hat. Nach einem kurzen Wege erreichen wir die Schrammthorwände, und steigen auf einem Seitenpfade auf den hohen Rand über den Steinbrüchen, wo eine herrliche Aussicht ins Elbthal uns überrascht. Wir gehen von hier durch das Schrammthor, einen schmalen Durchgang zwischen hohen Wänden, und stehen bald vor dem
Falkenstein,
welcher, aus ungeheuren Schichten aufgethürmt und abgesondert von den benachbarten Felsengestalten, empor steigt, und rings umgangen werden kann. In einem Spalt finden wir Falze und Stufen, welche auf den Gipfel führen, wo wir Jahrzahlen eingehauen finden, die andeuten, das auch hier während des dreißigjährigen Kriegs Flüchtlinge Zuflucht gefunden haben. Gegen Abend öffnet sich eine schöne Aussicht nach Schandau und Königstein.
Wir gehen von hier über Ostrau an die Kirnitsch hinab, oder durch den Zahngrund nach Schandau zurück, wo wir, wenn wir bei Tagesanbruch abgereiset sind, in den ersten Nachmittagstunden ankommen.