V. Reise nach dem Arnstein, Kleinstein und Heilenberg.
Wir brauchen, den Rückweg mitgerechnet, zu dieser Wanderung ungefähr 10 Stunden. Es öffnen sich uns verschiedene, gleich angenehme Wege. Wir können auf der hohen Straße nach Lichtenhain gehen, und von hier herab zur Lichtenhainer Mühle (s. [S. 90].) wo wir mit den Wanderern zusammen treffen, welche vom hohlen Stein (s. oben [S. 56].) aufwärts an der Kirnitsch zur Mühle gekommen sind. Der Weg läuft von hier über Wiesen und weiter auf einem, jetzt sehr gangbaren Pfade am Fuße des hohen Kühnbergs durch ein wildes Thal zu Keßlers Mühle. Hier treffen wir diejenigen Reisenden, die vom Kuhstall über Reinertshau und durch einen Theil des kleinen Zschands kommen, der sich nahe bei der Mühle öffnet. Gemeinschaftlich setzen wir nun unsre Wanderung fort, und kommen bald zu einer andern Mühle, wo eine Brücke über die Kirnitsch in den großen Zschand führt. An dem Bach aufwärts wandernd, erreichen wir Neumann’s (sonst Puttrichs) Mühle, deren reizende Umgebungen uns einen Augenblick vest halten, ehe wir zur Buschmühle hinan gehen. Wir finden in einer dieser Mühlen, wenn wir ausruhen wollen, freundliche und dienstfertige Wirthe, die uns immer Milch und wohlschmeckende Butter reichen, und zuweilen gar Forellen auftischen können. Auch werden wir hier gewöhnlich einen Führer finden.
Bei der Buschmühle verlassen wir das Ufer der Kirnitsch, und dem Wege folgend, der am Ottendorfer Bach hinauf führt, kommen wir bald an den Abhang des Berges, der die steile Felsenkuppe, den
Arnstein
trägt, dessen prächtige, in einer Breite von mehren hundert Ellen sich hinziehende Wände an ihrem Fuße von vielen Höhlen durchbrochen sind, welche man, wie es scheint, früher zu Kellern benutzte. In der Mitte der Felsenwand führen kleine Stufen durch einen engen Spalt auf den ersten Absatz des Felsens, von hier bringt uns eine hölzerne Treppe auf den 2ten, dann eine Felsentreppe auf den 3ten und endlich ein enger Felsenweg auf den letzten Absatz, einen ebenen Platz, wo wir manche Spuren früherer Ansiedelung sehen. Die merkwürdigste darunter ist ein vierseitiger, senkrecht in den Felsen gehauener Brunnen, welchen die Sage bis zur Fläche der Kirnitsch hinab gehen läßt. Einige Landleute, die vor mehren Jahren den Brunnen von Streu und Schutt bis auf zwanzig Ellen reinigten, um Schätze zu suchen, sollen mit einer langen Stange, die sie hinab stießen, keinen Grund gefunden haben. Andre Schatzgräber gruben an andern Stellen eiserne Pfeile und Bolzen aus. Die Aussicht von der Kuppe ist auf die nahen Felsenumgebungen beschränkt, da die umliegenden Höhen den Blick in die Ferne hemmen. Wir steigen auf demselben Wege hinab, welcher der einzige Zugang auf die Felsenplatte ist, und westlich an der hohen Wand fortwandernd, erblicken wir wieder viele Höhlen, worin man gleichfalls Spuren früherer Benutzung bemerken kann. An der hintersten Seite, wo die Wände sich spalten und viele eingehauene Falze sichtbar sind, will die Sage den Platz der ehemahligen Burgkapelle finden. Einer der alten Burgherren, erzählt die Ueberlieferung, entführte einst ein Fräulein von einem Schlosse in der Umgegend, und ließ darauf einen Geistlichen mit Gewalt aus seiner Wohnung in der Nachbarschaft hohlen und auf die Felsenburg bringen, der ihn hier mit der geraubten Braut trauen mußte, und eine Zeitlang vest gehalten wurde, um den Gottesdienst zu besorgen. Alles aber, was man von dieser Felsenburg auf dem Arnstein erzählt, gründet sich bloß auf dürftige Ueberlieferung, die von den angegebenen Spuren ehemahliger Ansiedelung nur schwach unterstützt wird, und es möchte wohl nicht jeder in den Umrissen von drei Blättern mit einer dolchartigen Figur, die man unten am Fuße der Felsenwand, wo ein Thor gestanden haben soll, eingehauen sieht, gleich ein altes Wappen erkennen.[10] Bei aller Unfruchtbarkeit der ältern Geschichte, ist es doch auffallend, gar keine urkundlichen Spuren von den Burgen zu finden, womit man so viele Felsen in diesem Gebirglande freigebig bebaut hat. Niemand wird bei mehren derselben die frühere Bewohnung abläugnen wollen; selbst in ältern Zeiten aber haben sie kaum lange zu Wohnsitzen, sondern wohl nur als augenblickliche Zuflucht gedient, und leicht möchten sich in den meisten Fällen alle Spuren ehemahliger Ansiedelung oder Bevestigung auf die Zeit zurück führen lassen, wo während des dreißigjährigen Krieges Flüchtlinge hier Rettung suchten. Aus diesem Umstande, aus dem Mangel einer alten Geschichte, möchte denn auch der Mangel eigenthümlicher, das Gebiet der Vorzeit sinnig schmückenden Ueberlieferungen zu erklären sein. Die Sage wurzelt im Boden der Geschichte. Auch andre Reisende haben, so viel wir wissen, vergebens nach solchen, noch unter dem Volke lebenden Sagen geforscht, womit die Fantasie, sollte man meinen, die wunderbare Felsenwelt hier beleben müßte, wenn diese wirklich einmahl belebt gewesen wäre. Alles der Art, was man eingesammelt hat, ist entweder dürftig und ohne heimisches Leben, ohne örtliche Eigenheit, oder aus neuerer Zeit, z. B. die anziehendste dieser Sagen, die bekannte Erzählung von dem Ursprung des Nahmens hohe Liebe, wie sie im Munde des Volkes lebt. Wer glücklicher im Sammeln sein sollte, möge seinen Fund mittheilen.
Auch auf den gegenüber liegenden Felsen, den Lorenzstein, wo früher ein alter Pfeil gefunden wurde, versetzt man eine Burg, deren Bewohner mit den Rittern auf dem Arnstein in langer Fehde gelebt haben sollen. Die von dem Felsen getrennte Kuppe von gleicher Höhe, die rechts vom Eingange sich erhebt, wird gleichfalls zum Arnstein gerechnet, und das Volk gibt diesen Nahmen der ganzen umliegenden Felsengruppe. Vom Arnstein führt ein, vor einigen Jahren gebahnter Pfad durch den waldigen Wiesengrund, den der Weißbach belebt, zu dem
Kleinstein,
in dessen hohen Wänden wir schon vom Thale aus, wo der Weg an seinem Fuße hinläuft, eine scheinbar unbedeutende Oeffnung erblicken. Hinter Felsenblöcken zieht sich der Weg auf den Gipfel, und wir treten in die Oeffnung einer breiten Höhle, die sich zwischen zusammengeschobenen Sandsteinfelsen spitzig wölbt, und oben einen schmalen Spalt hat. Die Aussicht aus dem Eingange ist beschränkt, aber die Betrachtung des wunderbaren Baues dieser Wölbung belohnt den Wanderer.
Wer nicht sogleich den Rückweg antreten will, kann an diese Wanderung andere Reiselinien knüpfen. Den nächsten Ruheplatz bietet uns Saupsdorf, nur eine halbe Stunde vom Kleinstein entfernt, und von hier würde man nach Hinterhermsdorf gehen, wenn man die obere Schleuse an der Kirnitsch besuchen wollte, die wir in der Folge beschreiben werden. Wollen wir nach Schandau zurückkehren, so lassen wir uns, wenn geognostische Merkwürdigkeiten uns anziehen, vom Kleinstein, am Abhange des Hirschwaldes hin, durch das Kirnitschthal auf den Heilenberg führen, aus dessen Sandsteinkuppen in einem sehr beschränkten Umfange, regelmäßige Basaltsäulen, die drei-, vier- und fünfseitig und oft 8 bis 10 Fuß lang sind, hervor brechen, und zum Theil in großen Haufen umher liegen. Das Gestein ist von grauschwarzer Farbe, und enthält häufig eingesprengte Magneteisensandkörner, die sich darin rundlich und stark glänzend zeigen, als ob sie geschmolzen wären. Auf dem Gipfel öffnen sich durch einige Waldblößen Aussichten in die Nähe und Ferne. Am Fuße des Berges sehen wir das Mundloch eines alten Stollns, deren man in der Umgegend, wo früher auf Magneteisenstein gebaut wurde, noch mehre findet.
Sind wir durch das Kirnitschthal hinaufgereiset, so werden wir den Rückweg über Ottendorf, oder über die Lichtenhainer Mühle (s. [S. 90].) und die hohe Straße wählen. Wer früh von Schandau aufgebrochen ist, könnte seine Wanderung verlängern, und sich vom Heilenberg über die drei Stege zum Zeughause im großen Zschand bringen lassen. Von hier würde er entweder auf den nächsten Wegen durch Dietrichs Grund und das Kirnitschthal, oder auch am Fuße des Falkensteins (s. [S. 103].) nach Schandau gehen, oder sich über den Roßsteig, oder durch die anziehenden Richters Schlüchte — die wir künftig besuchen werden — auf den großen Winterberg führen lassen und von hier über Schmilka, wo die reizend liegende Mühle einen Ruheplatz darbietet, zurück kehren.
[10] S. Götzingers Schandau, S. 530.