VI. Reise in den großen Zschand, Hiekels Schlüchte, Richters Schlüchte, und zurück über den Raubstein und Wildenstein.
Auch zu dieser Wanderung, wenn wir sie nicht an eine Verlängerung der vorhergehenden Reiselinie knüpfen wollen, brauchen wir ungefähr 10 Stunden. Der Fahrweg in den großen Zschand geht über Ottendorf; den Fußweg über die Lichtenhainer und Keßlers Mühle haben wir auf einer andern Wanderung ([S. 104.]) kennen gelernt. Wir wandern vom Bade an der Kirnitsch hinauf, bis sich, dem Fall des Beuthenwassers (s. [S. 55].) gegenüber, der Dietrichsgrund auf dem linken Ufer öffnet. Wir folgen diesem Seitenthale, das die Felsen und Höhen durchschneidet, und bis zum Fuße des kleinen Winterberges sich fortzieht. Hat man die früher ([S. 56.]) erwähnte Höhle am Wildenstein, die wir auf dem Rückwege sehen werden, von der Heidemühle aus besucht, so kann man, wenn man nicht gleich durch den Habichtsgrund (s. [S. 59].) weiter gehen will, auch in den Dietrichsgrund kommen. Aus diesem Thale führt durch die nasse Schlüchte ein Weg zu den beiden Speichenhörnern. Die höchste dieser Felsengestalten, die wie Burgen empor ragen, heißt das vordere Raubschloß, wo eine Burg gewesen sein soll. Man findet auch auf dem Gipfel des schwer ersteiglichen Felsens manche Spuren ehemahliger Bevestigungen und unter andern eine, wie es scheint, durch Menschenhände erweiterte Höhle, die eine der größten in dieser Felsengegend ist. Das Bauerloch, eine tiefe enge Felsenschlucht, läuft zwischen dem Speichenhorn und dem langen Horn, dessen Wände in verschiedenen Absätzen sich aufthürmen, von welchen der obere, mit dem untern nicht verbunden, auf Felsenstücken ruht, und von vielen Höhlen durchbrochen ist. Von diesem merkwürdigen Felsenbau ist der nahe Affenstein durch eine Schlucht abgesondert.
Wir können durch das Bauerloch auf einem steilen Pfade in den Dietrichsgrund zurück kehren, und gehen dann längs dem Fuße des kleinen Winterberges und unter dem Raubstein weg durch die Wieselschlüchte in den
großen Zschand,
wo wir im Zeughause, einem königlichen Jagdgebäude, Obdach finden. Das Felsengebiet östlich von Schandau wird in seiner ganzen Breite von diesem Thale durchschnitten, durch welches die Hauptstraße aus dem, östlich von Sebnitz liegenden Theil Böhmens über Ottendorf nach Hirniskretschen führt. Auf beiden Seiten des Thales laufen bis gegen das Zeughaus hohe, in mannigfaltigen Gestalten empor ragende Felsenwände, die bald mit jungem Gehölz bekleidet, bald mit Moos, Farrenwedeln, oder wildem Efeu mahlerisch geschmückt, oft auch von wildem Rosmarin umschlungen sind, dessen würziger Duft den Wanderer an warmen Sommertagen erquickt. In der Nähe des Zeughauses findet man Magneteisensand, womit der Boden in frühern Zeiten so reichlich bedeckt war, daß man ihn im Anfange des vorigen Jahrhunderts bergmännisch gewann. Die Gesellschaft, welche diesen Bau, zugleich mit dem oben erwähnten Versuchbau am Heilenberg, betrieb, hieß die Granatengewerkschaft, weil man den Eisensand Granaten nannte, und 1723 ward eine Münze von dem gewonnenen Metalle geprägt.
Auf beiden Seiten senken sich von den Höhen Felsenthäler in den großen Zschand hinab. Wir gehen zuerst längs der östlichen Wand hin, und kommen in 3 Viertelstunden in
Hiekels Schlüchte,
die sich am Ende der Thorwalder Wände öffnet. Wir steigen hinan und stehen vor dem Eingange der merkwürdigen großen Höhle. Im Hintergrunde dieser ungeheuren Wölbung quillt aus dem Felsen eine klare Quelle, die sich erst in einem natürlichen Becken sammelt und dann in einem verborgenen Abflusse sich verliert.
Wir gehen durch die Schlucht in den Zschand zurück, und erreichen nach einer Viertelstunde die, an der westlichen Wand des Zschands sich öffnende Webers Schlüchte, die sich, von üppigem Pflanzenwuchse begrünt, an den Polischhörnern zwischen prächtig empor steigenden Felsenwänden breit hinan zieht. Wer dem Zuge dieses Thales folgen will, kann über den Jordan (s. [S. 64–65]) bald zum Prebischthor kommen, oder über den Schlüssel gerade nach Hirniskretschen hinab gehen. Wir kehren in den Zschand zurück, und stehen bald vor dem Eingange eines andern Felsenthales,
Richters Schlüchte
genannt, das gleichfalls aus der westlichen Wand hinab fällt. Dieses mahlerische Thal verdient vor allen einen Besuch. In wunderbaren Gestalten erheben sich die Sandsteinfelsen auf beiden Seiten, bald wie die Mauern alter Burgen, bald wie Basteien und Thürme aus den Waldwipfeln hervor ragend, bis wir endlich, am Ausgange der Schlucht, unter dunkeln Schatten vor einem Felsenbau stehen, dessen Wände, prächtigen Tempeltrümmern ähnlich, über 100 Fuß hoch aufsteigen, und in einer kühnen Wölbung sich schließen. Von diesem Dom fällt immer Wasser in großen Tropfen an der hintern Wand in eine, von Felsenblöcken verdeckte Tiefe hinab, das im Frühlinge, oder nach langer Regenzeit zu einem rauschenden Fall anschwillt. Nicht weit von diesem Felsen, welchen man den Tempel in Richters Schlüchte nennt, führt ein, zum Theil steiler Pfad in 3 Viertelstunden auf den großen Winterberg, und links ein südwestlich laufender Weg in ungefähr gleicher Zeit zum Prebischthor.
Wir kehren wieder in den großen Zschand zurück und wandern längs der westlichen Wand zum Zeughause hinauf. In der Nähe des Hauses, an einer vom Heilenberg abfallenden Schlucht, erhebt sich der schroffe Teichstein, der seinen Nahmen von einem nahen Teiche hat, wo in frühern Zeiten große Wasserschlangen lebten. An der jenseitigen Thalwand hinter dem Jagdhause läuft durch eine, sich hier öffnende Schlucht der Roßsteig hinan, ein enger steiler Felsenweg, der uns zu dem, an der Pechschlüchte emporragenden Goldstein führt, dessen schroffe Wände gelbes Moos bekleidet. Von der Höhe blicken wir über die vorliegenden Felsenthäler in die Gegend von Hinterhermsdorf, über welche die sächsischen und böhmischen Gränzgebirge und der Bergzug des fernen Hintergrundes hervor ragen. Der Roßsteig führt weiter in südwestlicher Richtung über den Lehmhübel zum großen Winterberge, und über den Schlüssel zum Prebischthor. Wir aber folgen einem rechts ablaufenden Pfade, der uns zu den Bärfangwänden führt, wo wir in eine, dem Kuhstall ähnliche Höhle treten. Ein steiler Pfad läuft hier in die nasse Schlüchte hinab, und wo diese in den kleinen Zschand fällt, sehen wie eine Pechhütte dampfen.
Unweit der Bärfangwände, nahe an der Queene, erhebt sich auf einem hohen Berge der
Raubstein,
ein mächtiger Sandsteinfelsen, durch dessen Wölbungen und gespaltene Wände der beschwerliche Weg auf den Gipfel führt, wo sich manche Spuren ehemahliger Bewohnung, ein Wasserbehältniß, Keller und altes Gemäuer finden und eine belohnende Aussicht über die umliegende Felsenwildniß sich öffnet.
Wir gehen in den Habichtsgrund (s. [S. 59] und [109].) hinab und folgen dem Pfad, der uns zum
Wildenstein
hinan führt, wo wir am Fuße des Felsens den Eingang einer tief einlaufenden finstern Höhle erblicken. Auf der Kuppe öffnet sich eine reiche Aussicht auf den prächtigen Felsenkranz, der sich über dem, das Thal bedeckenden dunkeln Wildensteiner Walde vom kleinen Winterberge bis zu dem langen Horn, dem Affenstein und den Speichenhörnern ausdehnt. Der Schrammstein, der Falkenstein und die hohe Liebe blicken hinter dem Affenstein hervor, und in der Ferne sieht man den Papststein und die Bärsteine, während sich auf der nördlichen Höhe die Dörfer an der hohen Straße bis Lichtenhain zeigen. Zwischen dem Winterberge und dem Kuhstallfelsen entdecken wir gegen Morgen den Lorenzstein, den Raubstein und den Arnstein und im Hintergrunde die Thorwalder Wände. Man hat auch auf diese Felsenkuppe eine Burg versetzen und darin das gleichnahmige Schloß finden wollen, dessen eine Urkunde aus dem 15ten Jahrhundert gedenkt, obgleich sich auf dem Gipfel nicht die mindeste Spur ehemahliger Bewohnung findet.
In einer Viertelstunde kommen wir vom Wildenstein zur Heidemühle (s. [S. 55].) und wandern an der Kirnitsch nach Schandau hinab.