VII. Reise über Hinterhermsdorf zur obern Schleuse, und zu den Thorwalder Wänden.
Diese Wanderung wird, den Rückweg nach Schandau mitgerechnet, zwar nicht mehr als eine Tagereise fodern, da sich aber auch hier manche Versuchungen zu anziehenden Abschweifungen darbieten, so werden wir uns freilich einen erhöhten Genuß und mehr Bequemlichkeit bereiten, wenn wir längere Zeit dazu bestimmen, und wenigstens am ersten Tage den vierstündigen Weg von Schandau nach Hinterhermsdorf zurück legen. Wir gehen am bequemsten auf der hohen Straße bis Lichtenhain, und von hier über Ottendorf nach Saupsdorf, wo es ansehnliche Garnbleichen gibt. Auf dem nahen Wachberge ladet ein freundliches Obdach zum Verweilen ein, und wir genießen die reiche Aussicht über das ganze Felsengebiet von den Thorwalder Wänden bis zum Schrammstein. Der Winterberg und die nahen und fernen Gebirge Böhmens steigen im Hintergrunde empor, während unser Auge gegen Abend dem Zuge der Berge und Thäler bis in die blaue Ferne folgt, wo wir bei hellem Himmel selbst Dresden sehen. Auf einem anmuthigen Wege, den die Aussicht in eine schöne Bergferne erheitert, kommen wir in 1 Stunde nach
Hinterhermsdorf,
einem ansehnlichen und gewerbsamen Dorfe, wo wir im Lehngerichte gute Bewirthung finden. Gegen Mitternacht, eine halbe Stunde vom Dorfe, erhebt sich der Weifberg, und eine Viertelstunde weiter, jenseit der böhmischen Gränze, der höhere Hantschberg, an dessen Fuße das schöne und gewerbsame Dorf Nixdorf sich ausbreitet. Wie besteigen beide Berge, oder wenigstens den Hantschberg, wo ein herrliches Landschaftbild vor uns liegt, das an die Aussicht vom Winterberge erinnert. Wollen wir die Wanderung zur obern Schleuse auf einem angenehmen Umwege machen, so gehen wir von Hinterhermsdorf in östlicher Richtung an den Steinbergen bis zur Heidelbachmühle. Unterhalb dieser Mühle fließt der Heidelbach in die Kirnitsch, die nun, ungefähr 1 Meile weit, die Gränze zwischen Sachsen und Böhmen bildet. Wir werden den Weg durch das ungemein reizende Thal, in welchem die Kirnitsch von dem böhmischen Städtchen Schönlinde hinab fließt, künftig kennen lernen, und gehen vom Ausfluße des Heidelbachs, wo die Mittelmühle unter einer Berghöhe, Toffel im Fleckel genannt, jenseit der Kirnitsch im böhmischen Gebiete liegt, auf einem anmuthigen Wege zur Niedermühle. Längs dem rauschenden Bache kommen wir bald zu Reißers Höhle, die uns unter einem hohen, weit überhangenden Felsen einen kühlen Ruheplatz darbietet. Wir verlassen hier das Ufer des Baches, steigen in Reißers Grund zu den Steinbrüchen hinan, die einen harten und feinen Sandstein liefern, und kommen über den Hauberg zum Schleusenberg. Wer den beschriebenen Umweg nicht machen will, geht von Hinterhermsdorf auf einem weit nähern und bequemen, im Jahre 1820 geebneten Wege über die Grünstelle, einen hohen Felsen, wo wir das gebirgige Gränzgebiet Böhmens überschauen, zum Schleusenberg, unter welchem die
obere Schleuse
liegt. Ein steiler Pfad führt von dem hohen Bergrande in diesen Felsenspalt, dessen schroffe Wände mit Farrenwedeln, Moosen und vielfarbigen Flechten bekleidet, über 300 Fuß hinab stürzen. Die Kirnitsch rauscht ungestüm durch ihr enges Felsenbett über die, im Jahre 1816 von dem Floßmeister Hering in Schandau neu gebaute Schleuse, und läßt hier, wo die schroffen Wände, der Krümmung des Baches folgend, den finstern Schlund ganz zu verschließen scheinen, nur einen schmalen Uferrand, auf welchem ein Hüttchen für die Floßarbeiter an den Felsen sich lehnt. Die Wände rücken oben so nahe zusammen, daß nur ein schmaler Streif des Himmelslichts den furchtbaren Abgrund erhellet. Diese Schleuse ward, nebst einer andern unter dem hohen Holzig, östlich von den Thorwalder Wänden, zuerst im Anfange des 17ten Jahrhunderts für die, im 16ten Jahrhunderte angelegte, wichtige Kirnitschflöße erbaut. Die Arbeiten des Flößens fangen im Herbst an. Das Scheitholz wird während des Winters an den Bach, oder auf hohe Uferränder gefahren, wo es hinab gestürzt werden kann. Solche Stellen, die aus einem Kanal von Stangenholz bestehen, nennt man Bloßen, oder Huschen. Können die Schlitten der Landleute, wie es gewöhnlich der Fall ist, das gefällte Holz nicht weiter als auf Höhen bringen, die von den Uferwänden der Kirnitsch durch Felsenschluchten getrennt sind, so werfen die Floßknechte über die Klüfte große Baumstämme, die mit kleinern Stämmen und vielen Zweigen belegt werden, und über diese kühnen Brücken schaffen sie das Holz auf Schlitten an die Bloßen. Die herabgestürzten Scheite bilden am Bache einen hohen Haufen, der im Winter vest friert, und im nächsten Frühlinge von den Floßknechten in den angeschwollenen Bach hinab gestürzt wird, der das Holz nach Schandau trägt.
Wir steigen wieder auf den Schleusenberg, und kommen vom nahen Seufzengründel — wo wir im Sandboden viele Mineralien, z. B. braunen kristallisirten Hyacinth, Augit, selten nur edlen Granat, aber Magneteisensand in großer Menge finden — in einer halben Stunde zum großen Darnstein, an dessen Fuße, jenseit der Kirnitsch, ein böhmisches Wirthshaus liegt. Hier zieht sich durch einen langen und engen Grund, Kühzahl am Hühnerkropf genannt, und durch den Höllengrund eine Felsenstraße von Hinterhermsdorf, auf welcher Möllendorf im Julius 1778 einen Heerhaufen mit Geschütz nach Böhmen führte. Wir verlassen nun bald das Ufer der Kirnitsch, die bei der vorspringenden Höhe, das Kirnitschhorn genannt, ihren Lauf nördlich richtet, und gehen abwärts in den Ziegengrund, welcher die Landesgränze bildet, und auf der böhmischen Seite von wunderbaren Felsenbildungen eingeschlossen ist. In einem großen Steine ist das Bild eines Luchses ausgehauen, zum Andenken, daß hier im Jahre 1743 das letzte der Raubthiere, die einst in diesen Felsenwildnissen wohnten, durch einen Selbstschuß erlegt wurde. Nach einer halben Stunde kommen wir zu dem Altarstein, wo die eingehauenen Jahrzahlen 1639 und 1640 die Ueberlieferung bestätigen, daß die, den Kriegsgräueln entflohenen Landleute sich hier zu Andachtübungen versammelt haben. Wir nähern uns nun der mächtigen Felsengruppe der
Thorwalder Wände,
auf deren Höhen uns ein beschwerlicher und für furchtsame, oder unvorsichtige Wanderer zuweilen gefahrvoller Weg über den Hänelsberg bringt. Die Aussicht über die Wildniß, die uns hier in prächtigen, einen weiten Halbkreis einschließenden Felsengestalten umgibt, ist überraschend, und zeigt uns eines der großartigsten Naturbilder, welche das Hochland darbietet.
Wir können auch von hier, aber gleichfalls nur auf sehr beschwerlichen Pfaden, über die Daunenstellge zur Höhle in Hiekels Schlüchte (s. [S. 111].) kommen.
Den größten Theil des beschriebenen Felsengebiets kann man auch zu Wagen bereisen, wenn man von Schandau nach Hinterhermsdorf fährt, und während man über die Grünstelle zur obern Schleuse wandert, den Wagen durch den Höllengrund in den Ziegengrund fahren und dann im Zeughause (s. [S. 110].) warten läßt, wofern man etwa Hiekels Schlüchte, oder Richters Schlüchte besuchen will. Mit dieser Reise würde sich dann von hier aus (s. [S. 112].) der Besuch des Prebischthores, dem man auf keinem andern Fahrwege so nahe kommen kann, verbinden lassen. Vom Zeughause wird man auf dem bekannten Fahrwege (s. [S. 109].) nach Schandau zurück kehren. Wir aber endigen unsere Tagereise auf einem nähern und angenehmern Wege, wenn wir durch den Prebischgrund (s. [S. 66].) nach Hirniskretschen wandern, wo eine Gondel uns aufnimmt, wenn wir nicht etwa von hier nach Tetschen reisen, oder unsre Wanderung auf das jenseitige Elbufer antreten wollen.