VIII. Reise nach dem Zschirnstein.
Die Wanderung durch die reizenden Gegenden auf dem südwestlichen Ufer der Elbe wird am beßten auch von Schandau aus gemacht. Wir fahren nach Krippen über, und wenn wir zunächst den Zschirnstein besuchen wollen, wenden wir uns hinter dem Lehngerichte auf den Kirchweg nach Reinhardsdorf, wo wir uns der schönsten Ansicht des Elbthales bei Schandau und der anmuthigen umliegenden Landschaft erfreuen.
Wir aber folgen zuerst dem Wiesenpfade, der uns von Krippen längs der Elbe in einer Stunde zur Hirschmühle führt, die am Ausflusse des Zschiepbaches unter einem überhangenden Felsen den Schrammsteinwänden gegenüber liegt. Ein Fußweg hinter der Mühle bringt uns zur Hundskirche und am Mühlbach hinauf, der in vielen Fällen im Thale hinab stürzt, nach Schönau. Unter diesem Dorfe liegen an der Elbe die Teichsteinbrüche, und nicht weit davon kommen wir zu der Zschiepmühle, der letzten Wohnung auf sächsischem Boden. Bei Schönau erhebt sich der Kahlstein (gewöhnlich Gallstein), oder Kronenberg, ein Sandsteinfelsen, auf dessen Gipfel wir ein reiches Landschaftbild überschauen, worin besonders der Winterberg in seinen großartigen Umrissen hervortritt. Südwestlich liegt der Zirkelstein, der aus unzähligen, in zwei Absätzen aufgethürmten Schichten besteht, wovon die unterste so weit vorspringt, daß man den ganzen Felsen umgehen kann. Durch eine enge Schlucht ersteigen wir den Gipfel, wo wir fast dieselbe Landschaft überschauen, die wir vom Kahlstein erblickten, aber die Gegend um den Rosenberg näher sehen. Am Fuße des Felsens sieht man viele Fuchs- und Dachshöhlen, die in weiten Irrgängen durch den Felsen zu laufen scheinen. Vor mehren Jahren folgte ein Hund einem Dachse in eine dieser Oeffnungen, und kam zur Verwunderung seines Herrn, des Bezirkförsters, erst am neunten Tage heraus.
Wer auf der oben angedeuteten Abschweifung, die über 3 Stunden Zeit fodern würde, uns nicht begleiten kann, weil er wenigstens in den Morgenstunden auf den
Zschirnstein
steigen will, wird gleich von Reinhardsdorf die Wanderung antreten, sei es, daß er von Schandau mit Tagesanbruche abgereiset ist, oder die Nacht im Dorfe zugebracht hat, um das herrliche Schauspiel der aufgehenden Sonne auf dem Berge zu genießen. Man kann von hier fast bis auf den Gipfel des Berges fahren, während von andern Seiten der Weg steil und beschwerlich ist. In einer Stunde ist die Höhe erstiegen, die nach neuen barometrischen Messungen 1761 Par. Fuß über dem Meere liegt. Aus dem Schatten des Waldes tretend, der uns bis zum Gipfel begleitet, überschauen wir das reiche Gemählde, das zu den herrlichsten gehört, welche das Bergland uns darbietet, und selbst die Aussicht vom Winterberge an Umfang übertrifft, da hier unserm Blicke weit weniger verdeckt wird. Vom fernen Schneeberge breitet sich eine Waldlandschaft bis zum Thal der Elbe aus, deren Lauf eine Sandsteinwand bezeichnet, während der Spiegel des Stromes, dessen Windungen wir vom Gipfel des Winterberges verfolgen können, hier nur zuweilen aus dem Dunkel des Waldes hervor blickt. Der Schneeberg deckt uns nur einen Theil Böhmens, aber eine unermeßliche Landschaft liegt vor uns, die von Lowositz bis zum Riesengebirge sich ausbreitet, wovon wir in blauer Ferne das große Rad, oder wie Andre glauben, die Schneekoppe dämmern sehen. Aus dem böhmischen Mittelgebirge heben sich deutlich der Kletscher und die Paszokopole. Seitwärts vom Rosenberge blickt der Schloßberg bei dem böhmischen Kemnitz mit den Trümmern seiner Burg hervor, und der Jeschkenberg aus dem Nebel der Ferne. Ueber dem Buchenkranz des Winterbergs ragen die Zittauer Gebirge, der Hochwald, der Oderwitzer Spitzberg, die Landeskrone bei Görlitz und die Tafelfichte hervor. Steigen wir auf das Rabenbad, einen von der Bergkuppe sich erhebenden Felsen, so erweitert sich die Aussicht, und von dem, in Norden aufsteigenden Falkenberge zieht sich eine Bergferne über die Höhen um Königsbrück, Meißen, Kesselsdorf, Kreischa und über den Kahlenberg und Geiersberg bis zum Schneeberge, während die nähern Berge und Thäler von Stolpen, Hohnstein, Lohmen, Königstein und Pirna sich zu dem breiten, heitern Thale senken, worin unser Auge, hier und da von einem glänzenden Bogen der Elbe geleitet, Pillnitz, Dresden und die nach Meißen sich ziehenden Rebengebirge erblickt, und bei heiterm Himmel selbst den Colmberg bei Oschatz dämmern sieht.
Der Zschirnstein ist aus Sandsteinblöcken zusammengesetzt. Am Fuße des Berges, und noch häufiger auf der mitternächtlichen Seite desselben, nach dem kleinen Zschirnstein hinab, findet man häufig säulenförmige Basaltgeschiebe. Ein Lager von Brauneisenstein, der früher bergmännisch gewonnen wurde, unterbricht den Basaltzug. Auch der letztgenannte Berg, den vom großen Zschirnstein ein Thal trennt, ist mit Basalttrümmern bedeckt.
Wer vom Zschirnstein aus, die Wanderung zum Schneeberge machen will, läßt sich über Kleingießhübel, das am Fuße des Berges mitten im Walde liegt, nach Cunnersdorf bringen, wer aber nach Schandau zurück kehren will, geht wieder nach Reinhardsdorf und Krippen. Haben wir den Morgen auf dem Berge genossen, so werden uns einige Vormittagstunden übrig bleiben, unsre Wanderung zu verlängern. Es winken uns in der Nähe drei mächtige, schroff ansteigende Felsen, der Hennersdorfer Stein, der Papststein und der Gorischstein. Wir gehen von Krippen über den Hofeberg nach Kleinhennersdorf und von hier nach Papstdorf, dessen freundliche Kirche abgesondert vom Dorfe und weithin sichtbar auf der Berghöhe liegt. Wir besteigen von hier den Papststein auf einem ziemlich steilen Pfade, um uns einer belohnenden Aussicht zu erfreuen. Wir sehen über Pillnitz nach Dresden. Die Felsen von Rathen erheben sich am jenseitigen Ufer, Hohnstein blickt aus der Ferne hervor und im höhern Hintergrunde Stolpen auf seiner Basaltkuppe. Auf dem Wege vom Papststein zum Gorischstein verweilen wir unweit der Weinberge, wo sich uns eine herrliche Aussicht auf die Felsenwelt von Schandau öffnet, über welche die Gebirge der Oberlausitz in dämmernder Ferne sich erheben. Der Gorischstein ist schwer zu ersteigen. Am Abhange der östlichen Felsenwand stehen mehre Felsen so gegen einander, daß sie eine hohe Pforte bilden, wovon eine Wand auf einem natürlichen Pfeiler ruht. Man nennt sie den Brömmerstall, weil die Hirsche zur Brunftzeit hier wechseln, und sich einen Pfad rings um den Pfeiler gebahnt haben. Spuren von Steinkohlen im Sandstein gaben um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu einem Versuchbau Anlaß. Es ist noch das Mundloch eines Stollns am Fuße des Berges davon übrig. Durch den Sandstein streicht eine thonige Masse, die der Walkererde nicht unähnlich gewesen sein soll, so wie man auch eine der lemnischen Erde ähnliche Thonart gefunden haben will.
Wie gehen vom Fuße des Berges durch den Rietschgrund an das Elbufer zurück und folgen dem anmuthigen Pfade, der uns in kurzer Zeit zu der Schandauer Fähre bringt.