XII. Die Mahlzeiten und der Wein.

Goethe wuchs in einer Stadt auf, wo ein reichliches Essen an der Tagesordnung war: Frankfurt liegt in einem gesegneten Lande, und als ein Handels-Mittelpunkt hatte es die Mittel, seine Bürger auch mit den Erzeugnissen fremder Gegenden zu ernähren. Ob Wolfgang Goethe schon in seinen jungen Jahren im Essen und Trinken ein rechter Frankfurter war, wissen wir nicht. Als er im Sommer 1774 mit seinem Freunde Lavater reiste, fragte Dieser in den Wirtshäusern, wo man hielt, nach Himbeer-Essig, während Goethe überall sein Glas Wein trank, und als sie eines Morgens um Sieben zwischen Neuwied und Andernach in einem Kahne fuhren, vermerkte Lavater in seinem Tagebuche, Goethe verzehre jetzt schon sein Butterbrot „wie ein Wolf“ und sehe sich nach dem übrigen eingepackten Essen um. Im Übrigen ist uns ein starkes Essen oder Trinken Goethes, ein Wertlegen auf die Mahlzeiten erst nach seiner Heimkehr aus Italien, nach seiner Verbindung mit Christiane Vulpius bezeugt.

Die Tafel im Goethe-Hause

Danach allerdings war es das allgemeine Zeugnis seiner Gäste, daß er eine recht gute Tafel führe. Einige erzählen, daß sie bei ihm neue Speisen vorgesetzt bekamen, mit denen sie noch nicht umzugehen wußten, z. B. Kaviar oder Artischocken; Andere bewunderten seine Geschicklichkeit im Zerlegen des Bratens oder Geflügels oder seine allgemeine Kochverständigkeit oder seinen vortrefflichen Appetit. „Auch frisset er entsetzlich“ schrieb der karikierende Jean Paul einem Freunde. „Auf den Küchenzettel, den er gewöhnlich selbst angab, hatte die Anwesenheit von Gästen besonderen Einfluß“ berichtet der Maler Ernst Förster 1821.

Es gab außer der Suppe gewöhnlich drei, höchstens vier Schüsseln: Fleisch mit Gemüse (er aß sehr gern ein nach italienischer Kochkunst bereitetes Stuffato), dann gab es Fisch (Forellen liebte er zumeist), Braten (zumeist Geflügel oder Wild) und, wie er erklärte: wegen der Damen, eine Mehlspeise (Karlsbader Strudl). Er selbst zog der süßen Speise ein Stück englischen oder Schweizer Käse vor.

„Es war ungemein splendid: Gänseleberpastete, Hasen und dergleichen Gerichte“ bezeugt schon 1809 der Sprachforscher Wilhelm Grimm, und ebenso wunderte sich 1828 dessen hessischer Landsmann, der Baumeister Johann Heinrich Wolff, über die vielen guten Gerichte und über Goethes Leistungsfähigkeit im Essen und Trinken. „Unter anderem verzehrte er eine ungeheure Portion Gänsebraten und trank eine ganze Flasche Rotwein dazu.“ Im selben Jahr imponierte er auf der Dornburg einigen Studenten, als er ihnen den Salat eigenhändig zubereitete und dabei versicherte, er habe selber einen neuen Salat aus eingemachten Gurken erfunden.

„Man aß nach damaliger Zeit gut, nach jetziger einfach“ erzählte Jenny v. Gustedt 1885, als sie sich an die Mahlzeiten in Goethes Hause erinnerte.

Erst in den letzten Jahren hatte er einen Koch, vorher Haushälterinnen, mit denen er die Wirtschaft führte ohne Ottiliens [seiner Schwiegertochter] Hilfe. Er hatte kein Vertrauen in ihre wirtschaftlichen Talente und sagte wohl scherzend: Ich hatte mir so eine kochverständige Tochter gewünscht, und nun schickt mir der liebe Gott eine Thekla und Jungfrau von Orleans in’s Haus!

Dieser Übergang von einer untauglichen Köchin zu einem Koch, dem jungen Straube, steht in Goethes Tagebuch unter dem 10. Februar 1831 mit einem merkwürdigen Zusatze.

Vulpius[27] entließ die Köchin mit billiger Entschädigung. Von dieser Last befreit, konnt’ ich an bedeutende Arbeiten gehen; ich kann hoffen, die Epoche werde fruchtbringend sein.

So stark drückte der Vollender des ‚Faust‘ es aus, daß seine Leistung von einer guten Zubereitung der Speisen und von der hausväterlichen Zufriedenheit mit der Bewirtung der Gäste und Hausgenossen abhänge.

Aber wir dürfen die Rolle der Tafelfreuden in Goethes Leben nicht überschätzen: er entbehrte sie ebenso leicht, wie er sie gern genoß. Zu Mittag aß er auch deshalb stark, weil es fast die letzte Mahlzeit des langen Tages war. Denn Kaffee, auf den er von jungen Jahren an viel gescholten, bot er wohl den Gästen an, trank ihn aber nicht mit. Nur als Greis trank er frühmorgens Milchkaffee; in früheren Zeiten hatte er Wassersuppe oder Schokolade vorgezogen. Abends hatte er eine dem englischen Fünf-Uhr-Tee entsprechende leichte Mahlzeit; er nahm dann Wein und ein Franzbrot zu sich. Da der Tee zu stark auf ihn wirkte, trank er auch bei Schiller statt dessen Punsch, den er sich aus Arrak und einer Zitrone selber bereitete. Das war sein Abschluß; in späterer Stunde ließ er wohl für Riemer, Eckermann, oder wer sonst da war, decken; „er saß dabei, schenkte ein, putzte die Lichter und plauderte, rührte aber keinen Bissen an.“ Felix Mendelssohn hebt es 1821 als eine Merkwürdigkeit hervor, daß Goethe mit ihm zu Abend aß. Selbst wenn er eine Einladung für den Abend annahm, fügte er wohl hinzu: „Erlauben Sie zugleich mit gastlicher Freimütigkeit zu eröffnen, daß ich niemals gewohnt war, zur Nacht zu speisen.“ (So 1814 in Frankfurt an Simon Moritz v. Bethmann.)

Reichlich und ärmlich

Wenn Goethe allein war, da war von vielen Gängen keine Rede. Im Gartenhause aß er, was Frau v. Stein gerade geschickt hatte, oder ließ sich von seinem Diener einen Eierkuchen backen; manchmal, wenn nichts da war, ging er auch hungrig zu Bett. Später hat er namentlich in seiner jenaischen Zuflucht erbärmliche Kost oft wochenlang ausgehalten. „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß ich vier, fünf Tage bloß von Zervelatwurst und rotem Wein gelebt;“ solche Klagen bekam Christiane von Jena aus oft zu hören.

Ich bitte Dich also auf’s allerinständigste, mir mit jedem Botentage etwas gutes Gebratenes, einen Schöpsenbraten, Kapaun, ja einen Truthahn zu schicken, es mag kosten, was es wolle, damit wir nur zum Frühstück, zum Abendessen, und wenn es zu Mittag gar zu schlecht ist, irgend etwas haben, was sich nicht vom Schweine herschreibt.

Einmal schreibt er befriedigter:

Die Götzen kocht nicht übel; nur, weil sie im Ofen kocht, sind die Sachen wohl einmal rauchrigt.

Lieblingsspeisen

Eine andere Aufwärterin, die Schloßkastellanin Trabitius, konnte wohl einen Eierkuchen gut bereiten, aber bei dem Salat dazu fehlte schon ein brauchbares Öl; Das war in ganz Jena nicht zu haben. Es mutet uns seltsam an, wie knapp damals manche gute Speise war oder daß kleine Geschenke an Fleisch, Fisch, Gemüse und Obst zwischen Jena und Weimar, zwischen Goethes, Schillers, Knebels und Anderen ausgetauscht wurden; daß sich in früherer Zeit Goethe und Charlotte v. Stein mit Küchengütern beschenkten, daß Goethe sogar die Herzogin Luise aus Italien mit Kaffeebohnen bedachte. Auch aus seinem eigenen Hause in Weimar klagte Goethe 1794, dem Laster gulositas könne er sich nicht ergeben, „indem wir uns höchstens an einem guten Schöpsenbraten und einer leidlichen Knackwurst versündigen können“; er sei aber unglaublich lüstern nach den Leckerbissen, die es in Hamburg gebe: geräuchertes Rindfleisch, Rinds- und Schweinszungen, geräucherte „Aele“ und andere wunderbare Fische, fremden Käse usw. Als nachher die große Gastfreundschaft sich in Goethes Hause entfaltete, da mußte mancher Brief nach Hamburg, Bremen und Frankfurt gesandt werden, damit es an guten Gerichten nicht fehle. Von Bremen kam der französische, spanische und portugiesische Wein und von Speisen: Heringe, Neunaugen, Dorsche, Butter in halben Zentnern, während der Freund, der diese Dinge besorgte, aus Thüringen nur Pflaumenmus, getrocknetes Obst und Schwämme erhielt. Von Frankfurt wurde der deutsche Wein und feines Gebäck bezogen, auch Weintrauben, Artischocken und dergl.; von Hamburg Schinken und Fische, und Freund Zelter schickte jedes Jahr aus Berlin Teltower Rübchen. Was Goethe am liebsten aß, ist zum Teil schon gesagt: Wildpret, Geflügel, z. B. kaltes Rebhuhn zum Zehn-Uhr-Frühstück, von Fischen die Ilmforelle, von Gemüsen Blumenkohl und Spargel. Wie wir Anderen, behielt er manche Speisen der Kindheit in freundlichem Gedächtnis. 1830 gab es bei ihm einmal Kohlsalat mit warmer Brühe. „Das ist ein echt Frankfurter Essen“ sagte Goethe, „wie es meine Mutter mir so häufig gemacht hat.“ In seinen Bittschreiben an Christiane verriet er auch Appetit auf recht gute französische Bouillon, auf Kalbsfüße in Gelee, die nicht gar zu sauer wäre, auf Froschkeulen, auf Schokolade, bei der er aber zu andern Zeiten befürchtet, daß die Fabrikanten allerlei Dunkles zusammenmischen. Aus Torten und süßem Gebäck machte er sich nichts; dagegen war er ein großer Freund von Obst. Als sein August 1808 in Heidelberg studierte, beglückwünschte er ihn zu den Genüssen der Obst- und Traubenhügel, und als er selber in Italien war, freute er sich nicht wenig über das reichlichere Obst. „Mein eigentliches Wohlleben ist in Früchten“ schreibt er aus Oberitalien an Charlotte v. Stein, „Feigen esse ich den ganzen Tag; Du kannst denken, daß die Birnen hier gut sein müssen, wo schon Zitronen wachsen.“ Und in Rom war sein Abendbrot oft ein Pfund Trauben, das er auf der Straße aß.

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Vorsicht gegen den Wein

Als Goethe Student war, vertrödelte er manchen Tag mit Allotriis; er trank auch täglich Bier oder Wein, aber wenn ihm in Leipzig ein Merseburger Bier oder in Straßburg ein roter Wein schlecht bekam, so bemerkte er es auch und gab sie auf, und niemals trieb er mit dem Getränk und dem Zechen einen Kultus. Er gehörte keiner Gesellschaft an, die ihn zum Wirtshaustreiben nötigte. In Leipzig und Straßburg, wo er studierte, gab es kein Studentenleben. Ja, es ist uns aus seiner Jugend überhaupt kein Fall bekannt, wo er an einem Kommers nach studentischer Art teilgenommen hätte, und aus seinen späteren Jahren kennen wir einen einzigen solchen Abend, 1780, unter den Theaterfreunden, die oben auf Ettersburg spielten; der Präside war Franz v. Seckendorff.

Die Kneipszene im ‚Faust‘, die in der ersten Fassung noch derber lautete, zeigt uns, wie er schon als junger Mann das Völkchen beurteilte, von denen Mephisto sagt: „Merks! den Teufel vermuten die Kerls nie, so nah er ihnen immer ist.“ „Du Mastschwein!“ läßt er Faust zu Siebel in jener ersten Fassung sagen. Als Dreiundzwanziger wußte er bereits, daß wir die reinste Heiterkeit nur genießen, wenn wir frei vom Weine sind: „Die heiligen Götter gaben mir einen frohen Abend; ich hatte keinen Wein getrunken, mein Auge war ganz unbefangen über die Natur, ein schöner Abend!“ Als ihn in Frankfurt 1775 die jungen Grafen Stolberg besuchten und bei Tische in den poetischen Tyrannenhaß ausbrachen, in den sie mit ihren Freunden im Göttinger „Hain“ sich hineingedacht hatten, holte ‚Frau Aja‘ ihre besten Weine aus dem Keller: „Hier ist das wahre Tyrannenblut! Daran ergötzt euch, aber alle Mordgedanken laßt mir aus dem Hause!“ Begeistert griff Goethe das Wort seiner Mutter auf. „Jawohl, Tyrannenblut!“ rief er aus, „keinen größeren Tyrannen gibt es als Den, dessen Herzblut man euch vorsetzt. Labt euch daran, aber mäßig! Denn ihr müßt befürchten, daß er euch durch Wohlgeschmack und Geist unterjoche. Der Weinstock ist der Universaltyrann, der ausgerottet werden sollte; zum Patron sollten wir deshalb den heiligen Lykurgus, den Thrakier, wählen und verehren ... Dieser Weinstock ist der allerschlimmste Tyrann, zugleich Heuchler, Schmeichler und Gewaltsamer. Die ersten Züge seines Blutes munden euch, aber ein Tropfen lockt den andern unaufhaltsam nach.“

Als Goethe nach Weimar kam, sagten die Leute allerdings bald: der Herzog werde sich totzechen, und sein Abgott, der junge Frankfurter Doktor, habe ihn dann auf dem Gewissen. Auch vom achtundzwanzigjährigen Goethe redete man in Berlin, von ihm sei nichts mehr zu erwarten, da er in kurzer Zeit vom Branntwein ruiniert sein werde. Daß der Fürst wie der Dichter mit höchsten Ehren ihr Fünfzigjahre-Jubiläum feiern würden, ahnte auch der würdige Klopstock nicht, als er einen wohlgemeinten Ermahnungsbrief an den Verführer Karl Augusts richtete. Auch Klopstock warnte: „Der Herzog wird, wenn er sich ferner bis zum Krankwerden betrinkt, anstatt, wie er sagt, seinen Körper dadurch zu stärken, erliegen und nicht lange leben.“

Aber sehr bald nach dieser tollen Einleitung sehen wir, wie der junge Goethe als fleißiger Staatsbeamter die verdrießlichsten Arbeiten übernimmt, und abends schreibt er vielleicht in sein Tagebuch: „Daß ich nur die Hälfte Wein trinke, ist mir sehr nützlich; seit ich den Kaffee gelassen, die heilsamste Diät.“ So im Januar 1779; am 7. August klingt es fast wie ein Gebet:

Gott helfe weiter und gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst viel im Wege stehn! Lasse uns von Morgen bis Abend das Gehörige tun und gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge! Daß man nicht sei wie Menschen, die den ganzen Tag über Kopfweh klagen und gegen Kopfweh brauchen und alle Abend zuviel Wein zu sich nehmen. Möge die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in den Mund nehme, immer lichter in mir werden!

In dieser Vorsicht gegen den Wein verharrte er diese ganzen arbeitsreichen Jahre. „Seit drei Tagen keinen Wein“ schreibt er am 1. April 1780. „Sich nun vor dem englischen Bier in acht nehmen. Wenn ich den Wein abschaffen könnte, wäre ich glücklich.“ Im gleichen Monat schreibt er eines Abends sehr befriedigt: „War sehr ruhig und bestimmt .... Ich trinke fast keinen Wein. Und gewinne täglich mehr in Blick und Geschick zum tätigen Leben.“ Im Sommer 1780 kommt er im Tagebuch nochmals auf den Wein zurück: „Man könnte noch mehr, ja das Unglaubliche tun, wenn man mäßiger wäre;“ freilich kann hier auch andere Mäßigkeit gemeint sein. Und ähnlich klingt es noch 1786 aus Italien an die geliebte Freundin: „Ich lebe sehr mäßig; den roten Wein der hiesigen Gegend [Vicenza], schon von Tirol her, kann ich nicht vertragen; ich trinke ihn mit viel Wasser wie der heilige Ludwig.“ Das Jahr vorher hatte er seinem Freunde Jacobi im Scherz vorgeschlagen, er wolle ihm den Fritz v. Stein als Mann für sein Töchterchen erziehen: „Aber gib ihr nicht Punsch zu trinken und das andere Quarks! Halte sie unverdorben, wie ich den Buben, der an die reinste Diät gewöhnt ist.“

Da Goethes Dichten stets ein Widerschein seines Lebens war, so finden wir in seinen Versen aus der ersten Hälfte seines Lebens kaum ein Lob des Trinkens. Dagegen tadelt er durch Antonios Mund seinen Tasso, der die erste Pflicht des Menschen, „Speis’ und Trank zu wählen“, töricht erfüllt.

Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?

Gewürze, süße Sachen, stark Getränke,

Eins um das andere schlingt er hastig ein,

Und dann beklagt er seinen trüben Sinn,

Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen

Und schilt auf die Natur und das Geschick!

Natürlich kann dem Tasso kein Arzt helfen, so lange er bei dieser schlechten Lebensweise bleibt. Schließlich rät der Arzt, was er gleich hätte raten sollen:

So trinkt denn Wasser! – „Wasser? nimmermehr!

Ich bin so wasserscheu als ein Gebißner.“ –

So ist euch nicht zu helfen. – „Und warum?“ –

Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen

Und, wenn es euch nicht töten kann, nur mehr

Und mehr mit jedem Tag euch quälen.

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Es ist gewiß, ein ungemäßigt Leben,

Wie es uns schwere, wilde Träume gibt,

Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen.

Das alles beweist einen tiefen Einblick des jungen Dichters in die Wirksamkeit der Rauschgetränke.

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*

Verschiedene Zeugnisse

Aber als Goethe aus Italien wiederkehrte, beklagte Frau v. Stein, daß er sinnlicher geworden sei, in heutiger Sprache: materieller. Er gab sich den natürlichen Neigungen völliger hin, zügelte seinen Ehrgeiz schärfer, stellte sich die Aufgaben kleiner, und wenn er auch außerordentlich fleißig blieb, so hatte sein langer Tag doch auch einige Stunden für die Tafelfreuden frei. Seine Hausgenossin Christiane trank den Wein mit Lob und Lust; sie war darin seine Schülerin, aber auch seine Antreiberin. „Den Doktor Stark bitte ich mir auch zum Doktor aus“ schreibt sie im Herbst 1800; „Dem seiner Meinung bin ich gewiß auch, daß Du nicht so wenig Wein trinken sollst und Champagner besonders.“ Zwei Jahre darauf redet Goethe im selben Tone gegen Schiller über den kränkelnden Freund Heinrich Meyer: „Hätte er sich, statt Pyrmonter Wasser hier teuer in der Apotheke zu bezahlen, ein Kistchen Portwein zur rechten Zeit von Bremen verschrieben, sollte es wohl anders mit ihm aussehen.“ Und als dann im nächsten Jahre, 1803, Christiane einen Monat im Bade Lauchstädt verbrachte, sagte man von ihr und zu ihr: sie mache wohl eine Weinkur. Etwa von 1802 an dichtete Goethe auch einige Trinklieder, weil in befreundeten Kreisen Begehr nach solchen Gesängen war. An diesen Trinkliedern ist jedoch bemerkenswert, was nicht darin steht. Er verherrlicht den Wein nur als Sorgenbrecher und Stimmungsverbesserer, der uns zeitweilig erheitert und verjüngt. Als er zu seinen geselligen Abenden das alte Zecherlied: „Mihi est propositum in taberna mori“ bearbeitete, gab er es nicht so echt wieder wie Bürger: „Ich will einst bei Ja und Nein vor dem Zapfen sterben,“ sondern er mischte recht viel Wasser in den alten Wein und schrieb: „Mich ergreift, ich weiß nicht wie, himmlisches Behagen.“ Und man merkt öfter, wie ihm jeder Hang zur Unmäßigkeit auch in diesen weinfreudigen Jahren schmerzlich ist. Er bemerkte ihn schon bei seinem eigenen Sohne, dem Heidelberger Studenten, und deshalb schrieb er die vorsichtig eingekleidete Warnung:

Wir leben nach unsrer alten Weise still und fleißig besonders auch, was den Wein betrifft, wobei mir denn lieb ist, aus Deinem Briefe zu sehen, daß Du Dich auch vor diesem so sehr zur Gewohnheit gewordenen Getränk in acht nimmst, das mehr, als man glaubt, einem besonnenen, heiteren und tätigen Leben entgegenwirkt.

Im selben Jahre (1808) läßt er ein Lieblingskind seiner Muse, die schöne Ottilie, in den ‚Wahlverwandtschaften‘ „über die Unmäßigkeit der Männer, besonders was den Wein betrifft“ klagen:

Wie oft hat es mich betrübt und geängstigt, wenn ich bemerken mußte, daß reiner Verstand, Klugheit, Schonung Anderer, Anmut und Liebenswürdigkeit selbst für mehrere Stunden verloren gingen, und oft statt alles Guten, was ein trefflicher Mann hervorzubringen und zu gewähren vermag, Unheil und Verwirrung hereinzubrechen drohte! Wie oft mögen dadurch gewaltsame Entschließungen veranlaßt werden!

Sie dachte bei diesen Zeilen an den heimlich geliebten Eduard,

der zwar nicht gewöhnlich, aber doch öfter, als es wünschenswert war, sein Vergnügen, seine Gesprächigkeit, seine Tätigkeit durch einen gelegentlichen Weingenuß zu steigern pflegte.

Ganz ebenso hatte Goethe, der Enkel eines Gastwirts, schon in ‚Hermann und Dorothea‘ das häufige leichte Räuschchen des Wirtes als Ursache von häuslichen Störungen und Trübungen geschildert, und es ist bezeichnend, daß der Held der Dichtung, Hermann, größere Liebe zum Ackerbau als zum einträglichen Wirtsgewerbe zeigt.

Doch reden auch aus den Altersjahren manche Berichte von Goethes Weinfreudigkeit. „Er trank fleißig, besser noch die Frau“ schreibt Wilhelm Grimm 1809. „Der Alte sprach viel und trank nicht wenig“ bekundet Holtei 1827. „Goethe ist sehr munter“ erzählt Eckermann 1824 seiner Braut,

Vorgestern Mittag bei Tisch aß er in Hemdsärmeln und war sehr jugendlich heiter. Bei Tische teilte er Manches mit mir und gibt mir von seinem Teller. Wenn ich abends komme, läßt er gleich eine Bouteille Wein bringen. Der alte Hofrat Meyer trinkt keinen, Kanzler v. Müller Zuckerwasser. Goethe und ich trinken dann allein.

Vom Pfingstnachmittag desselben Jahres berichtet auch der Kanzler v. Müller solche Hemdärmelszene:

Er aß im Hemdärmel und trank mit Riemer. Ersteres war Ursache, daß er Gräfin Line Egloffstein nicht annahm. Sie möge doch, sagte er zu Ottilien, des Abends zu mir kommen, nicht wenn Freunde da sind, mit denen ich tiefsinnig oder erhaben bin.

Auch Liköre waren im Keller des Goethe-Hauses. 1792 schickte Goethe welchen aus dem eroberten Verdun. Später wird Rack oder Arrac öfters erwähnt, der vielleicht nur zur Bereitung des Abend-Punsches diente. Vom Persiko berichtet Heinrich Voß 1804; Das ist ein auf Pfirsich und bittere Mandeln abgesetzter Branntwein.

Gestern vor acht Tagen wurde er, Goethe, so gut aufgeräumt, daß er die Vulpius bat, die Persikoflasche zu holen. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm eine Begebenheit ein, wo er vor zwanzig Jahren auch die Persikoflasche nicht geschont habe, und fing an zu erzählen, und währenddessen wurde das Gläschen oft gefüllt und ging die Runde. Die Vulpius leerte es dreimal und ward in den dritten Himmel gesetzt, und als Goethe einmal hinausging, strömte ihr Herz über zu des lieben Geheimrats Lobe.

Betrunken oder stark angeheitert hat jedoch „den lieben Geheimrat“ Niemand gesehen. Zwar als ihn sein Arzt am 27. August 1818 morgens bei einer Flasche fand und ihm bemerkte, es sei ja erst morgen sein Geburtstag, rief Goethe aus: „Da habe ich mich heute umsonst besoffen!“ aber Goethe liebte solche derben Worte. Ein leichtes Angeheitertsein erwähnen ein paar unverdächtige Zeugen; z. B. trat er 1795 nach der Hoftafel mit dem Ausdruck süßen Weines zu der Engländerin Emilie Gore und redete sie zu ihrer größten Verwunderung an: „ma chère, seule, unique amie!“ Einmal urteilt Goethe selber, daß er zuviel getrunken habe. Es war in Tennstädt und in der Nacht vor seinem Geburtstage 1816. Er saß mit Meyer und dem großen Philologen Wolf zusammen, und Wolf ließ wieder seinen ungezügelten Widerspruchsgeist die tollsten Sprünge machen. Da wurde Goethe „bestialisch.“

Glücklicher- oder unglücklicherweise hatte ich so viele Gläser Burgunder mehr als billig getrunken und da hielt ich auch keine Maße. Meyer saß dabei, der immer gefaßt ist, und ihm war nicht wohl bei der Sache.

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In seinen allerletzten Lebensjahren wurde Goethe wieder viel vorsichtiger gegen den Wein; „ja man könnte behaupten, zu furchtsam“ meinte sein Arzt. Zwar blieb er bei dem Glas Madeira zum Frühstück und der Flasche leichtem Würzburger zu Mittag, nahm auch wohl zum Nachtisch ein ganz kleines Gläschen Tinto di Rota, aber wie sehr er auch Verlangen trug nach dem Punsch, den er von früher her abends um sechs Uhr gewöhnt war, oder gelegentlich nach Champagner, den er sehr liebte, so siegte doch stets, selbst gegen die Meinung des Arztes, seine Besorgnis, daß sie ihm schaden könnten.

Namentlich aber war Goethe sein ganzes Leben lang der Ansicht, daß uns der Wein zum geistigen Schaffen nichts nütze. Wir kommen noch darauf zurück. Und Das ist noch zu beachten, daß der Wein das einzige Gift und Reizmittel war, das Goethe gebrauchte, und daß er daran schon in seiner Jugend und von Vorfahren her gewöhnt war. An gebrannten Getränken und an Bier, auf das er oft schalt, hat er in seinem langen Leben nur ganz wenig zu sich genommen. Ebenso lehnte er Kaffee und Tee ab und haßte den Tabak, während fast alle seine Freunde entweder rauchten oder schnupften. Er roch nur an kölnischem Wasser, wenn er eine kleine Anreizung begehrte.

Alles in allem: Goethe hat den Wein zur Steigerung des Lebensgenusses und zur Würze der Mahlzeiten gebraucht, hat aber niemals seine Freiheit an ihn verloren. Dagegen hat er die Gefahr verkannt, die die Weingeistgetränke für seine Frau und namentlich für seinen heranwachsenden Sohn in sich trugen. Diesen Leichtsinn oder Mangel an Wissen und Vorsicht hat er schwer büßen müssen: Daran ist kein Zweifel möglich, wenn er auch seinen Kummer über das schlimme Ende seiner beiden Nächsten stillverschlossen im eigenen Innern verarbeitete.

[27] Der Neffe Rinaldo, der nach Augusts Tode wegen Ottiliens Unbrauchbarkeit viel für die geordnete Fortführung des Haushalts tat.


XIII.
Das Schaffen.

Der Fleiß ist ein Bedürfnis und eine natürliche Tugend kräftiger Persönlichkeiten: sie haben so viel zu erfassen, umzubilden, auszudrücken, daß ihnen jede Stunde kostbar und das längste Leben zu kurz erscheint. „Ars longa, vita brevis“ ist ihre Klage von altersher. Wer seine Persönlichkeit schätzt, hält seine Zeit wert und heilig.

Goethe war also zeitgeizig. Er verglich gern die Zeit mit Geld und Gut; hinterließ ihm der irdische Vater 10000 Gulden, so gab ihm der Schöpfer aller Dinge eine viel reichere Fülle von verwertbaren Lebensstunden:

Mein Erbteil, wie herrlich, weit und breit!

Die Zeit ist mein Besitz, mein Acker ist die Zeit.

„Er wußte sie wie Keiner zu nutzen, wahrhaft auszubeuten“ urteilte der Kanzler v. Müller, der uns auch den kleinen Zug erzählt, daß Goethe sich aus einem Gespräch mit dem König von Bayern einen Augenblick fortstahl, weil ihm ein Gedanke für die Fortsetzung der Faustdichtung gekommen war, der aufgeschrieben werden mußte. Tage völliger Muße kannte Goethe nicht; Sonn- und Feiertage waren von Werktagen nur wenig verschieden. Von seinem Neffen Rinaldo Vulpius, der ihm einen Brief von Jena nach Weimar mitnahm, schreibt er im Mai 1818:

Warum er schon wieder nach Weimar läuft, ist mir nicht deutlich. Wie die Menschen das Wort Feiertag hören, so sind sie alle verrückt, und Niemand denkt, daß er die größte Zeit seines Lebens müßig herumläuft oder gestreckt daliegt.

Selbst wenn er noch im Bette liegen wollte, begann er schon mit dem geistigen Schaffen. Da es ihn schmerzte, daß Schiller durch eine ungeschickte, ungesunde Lebensweise manche gute Stunde verlor, so gibt er ihm im Dezember 1796 einen Wink:

Ich muß Anstalt machen, meine Schlafstelle zu verändern, damit ich morgens vor Tage einige Stunden im Bett diktieren kann. Möchten Sie doch auch eine Art und Weise finden, die Zeit, die nur eigentlich höher organisierten Naturen kostbar ist, besser zu nutzen!

An denselben Freund schreibt er:

Es würde nicht schwer werden, sich so einzurichten, daß man auf der Reise selbst mit Sammlung und Zufriedenheit arbeiten könnte. Denn wenn sie zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie uns zu andern desto schneller auf uns selbst zurück; der Mangel an äußern Verhältnissen, ja die Langeweile ist Demjenigen günstig, der Manches zu verarbeiten hat.

Goethe hat in der Tat recht viele Verse beim Halten der Postkutsche oder des eigenen Reisewagens oder an Gasthoftischen niedergeschrieben. Auch in Bade- und Kurorten verging kein Tag ohne Studium oder Hervorbringung; in Wiesbaden arbeitete er im Juni 1815 sogar 16 bis 17 Stunden täglich an der ‚Italienischen Reise‘ und diktierte auch in der Badewanne.

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Ausbeuten der Zeit

Wer seine Zeit schätzt und seine noch ungetane Arbeit bedenkt, hütet sich vor aller Teilnahme an Bestrebungen und Arbeiten, auf deren glückliches Gelingen er nur geringen oder gar keinen Einfluß hat. Schon aus diesem Grunde war Goethe kein Politiker. Das kollegiale und erst recht das parlamentarische Arbeiten für den Staat erkannte er als eine ungeheuere Zeit- und Kraftvergeudung. Es werde immer das Minimum von Effekt hervorgebracht, wenn man mit Andern und durch Andere zu wirken hat, sagte er zu Riemer, und zum Kanzler: „Ich konnte nie zu Zwei etwas leisten; Diktatur oder Konsulat mit geteilter Gewalt!“ Und schon 1797 schrieb er an Heinrich Meyer:

In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir zugeschworen, an Nichts recht teilzunehmen als an Dem, was ich so in meiner Gewalt habe wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich zu tadeln oder zu loben hat, an einem Werke, an dem man, wenn der Plan einmal gut ist, nicht das Schicksal des penelopeischen Schleiers erlebt. Denn leider in allen übrigen irdischen Dingen lösen einem die Menschen gewöhnlich wieder auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor und zwei zurück tun muß ... Zwar ist, ich gestehe es, ein solcher Entschluß sehr illiberal, und nur Verzweiflung kann einen dazu bringen; es ist aber doch besser, ein für allemal zu entsagen, als immer einmal über den andern Tag rasend zu werden.

Zeitungen

Goethe bekam zwar immer einige Zeitungen in’s Haus, aber oft las er sie Monate hindurch nicht. Nicht selten war er in die politischen Vorgänge durch seine Stellung oder seine Freunde besser eingeweiht als die Berichterstatter dieser Blätter, und dann entrüstete er sich über ihr leichtfertiges Umspringen mit der Wahrheit und mit den Gefühlen der an die Öffentlichkeit gezerrten Personen. Immer aber fürchtete er Zeit- und Stimmungsräuber in ihnen. An Zelter schreibt er einmal:

Es fällt einem doch mitunter auf, daß man durch die Kenntnis Dessen, was der Tag bringt, nicht klüger und nicht besser wird. Dieses ist von größter Wichtigkeit. Denn genau besehen ist es von Privatleuten doch nur eine Philisterei, wenn wir Demjenigen zuviel Anteil schenken, worin wir nicht wirken können ... Also wollen wir uns nicht mit Allotrien beschäftigen.

Im Jahre 1831 machte er sich den Spaß, eine Zeitung von 1826 gebunden zu lesen. Bei solcher Wiederholung wird „für den Menschen, der sich in den Kreis seiner Tätigkeit zurückzieht,“ erst recht klar, „daß man durch diese Tagesblätter zum Narren gehalten wurde, und daß weder für uns, noch für die Unsrigen, besonders im Sinn einer höheren Bildung, daher auch nicht das Mindeste abzuleiten war.“

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Geselligkeit

Die ‚Gesellschaft‘ und die ‚Geselligkeit‘ sind zwei Namen für ärgste Zeiträuber und Persönlichkeitsvernichter. Goethe wußte ihnen von Jugend auf zu begegnen. Nahm er an einer Gesellschaft teil, so behauptete er sich ihr gegenüber; er spielte nicht Karten und verwickelte sich nicht in Klatsch, sondern setzte auch hier sein Studium fort und befestigte sich lehrend im Gelernten. Zeichnen, Musikhören, Betrachten von Mineralien oder Medaillen oder Kupferstichen, Vorlesen, Lesen mit verteilten Rollen, Schilderungen von fremden Ländern: Das waren seine Unterhaltungen in geselligen Stunden. Auch Lustigsein, Trinken, Tanzen und allerlei Possenspiel ließ er als gute Zeitbenutzung gelten.

Aber er war für sich allein zu reich, um häufiger Gesellschaft zu bedürfen oder sie ertragen zu können. „Die Menschen sind wie das Rote Meer“ sagte er einmal, „der Stab hat sie kaum auseinander gehalten, gleich hinterher fließen sie wieder zusammen.“ Zu diesen Menschen gehörte Goethe nicht. „Ich weiß wohl“ sagte er schon 1784, „daß man, um die Dehors zu salvieren, das Dedans zugrunde richten soll; aber ich kann mich denn doch nicht wohl dazu verstehen.“ Als er drei Jahre später nach Rom kam, vermied er sorgfältig alle vornehmen Bekanntschaften und hielt sich zu guten Kameraden, die ihn nicht mit gesellschaftlichen Pflichten behängten. Als seine Anwesenheit dennoch bekannt wurde und er Einladungen und Besuche bekam, hatte er sich schon im Kreise der „Künstlerburschen“ befestigt. „Jedem war es nicht um mich zu tun“ schreibt er über die vornehmen Einladenden an Herder, „sondern nur: seine Partei zu verstärken. Als Instrument wollten sie mich brauchen, und wenn ich hätte hervorgehn, mich deklarieren wollen, hätte ich auch als Phantom eine Rolle gespielt. Nun, da sie sehen, daß nichts mit mir anzufangen ist, lassen sie mich gehen, und ich mache meinen sicheren Weg fort.“

So lernte er freilich die römischen Kardinäle und Prinzessinnen nicht kennen, aber er hatte Zeit und Raum, die ‚Iphigenie‘ umzuschreiben, den ‚Egmont‘ und ‚Tasso‘ zu fördern, in die Geheimnisse der bildenden Kunst einzudringen und nebenbei mit fröhlichen Gesellen vergnügt zu leben.

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Frau von Staël

Man kann sich keinen größeren Gegensatz denken als Goethe und die Frau v. Staël, die doch auch Dichterin und Denkerin sein wollte. Ihr war nur in Gesellschaft wohl; sie mußte stets der Mittelpunkt lauten Lebens sein; ihr herrliches Landgut bei Genf empfand sie als einen düstern Ort der Verbannung, weil Napoleon ihr den Aufenthalt in Paris verboten hatte. Als sie 1804 nach Weimar kam, empfanden Goethe und Schiller ihre gesellschaftlichen Ansprüche recht unbequem, obwohl die geistreiche Französin auch sie nicht kalt ließ. Goethe erzählt in seinen Annalen, wie ihre Salongeschäftigkeit mit dem ernsten Schaffen der deutschen Dichter und Gelehrten im Gegensatz war.

Sie wollte zu einer gewissen Tätigkeit aufregen, deren Mangel sie uns vorwarf. Da sie keinen Begriff hatte von Dem, was Pflicht heißt, und zu welcher stillen, gefaßten Lage sich Derjenige, der sie übernimmt, entschließen muß, so sollte immerfort eingegriffen, augenblicklich gewirkt sowie in der Gesellschaft gesprochen und verhandelt werden.

Auch zeigte gerade die Staël manche Oberflächlichkeit, wie sie die Geselligkeit anerzieht. Goethe erzählt weiter:

Frau v. Staël trat einen Abend vor der Hofzeit bei mir ein und sagte gleich zum Willkommen mit heftiger Lebhaftigkeit: „Ich habe Euch eine wichtige Nachricht anzukündigen! Moreau ist arretiert mit einigen Anderen und des Verrats gegen den Tyrannen angeklagt!“ Ich hatte seit langer Zeit, wie Jedermann, an der Persönlichkeit des Edeln teilgenommen und war seinem Tun und Handeln gefolgt; ich rief im stillen mir das Vergangene zurück, um nach meiner Art daran das Gegenwärtige zu prüfen und das Künftige daraus zu schließen oder doch wenigstens zu ahnen. Die Dame veränderte das Gespräch, dasselbe, wie gewöhnlich, auf mannigfache gleichgültige Dinge führend, und als ich, in meinem Grübeln verharrend, ihr nicht sogleich gesprächig zu erwidern wußte, erneuerte sie die schon oft vernommenen Vorwürfe: ich sei diesen Abend wieder einmal gewohnterweise maussade und keine heitere Unterhaltung bei mir zu finden. Ich ward wirklich im Ernst böse, versicherte, sie sei keines wahren Anteils fähig; sie falle mit der Tür in’s Haus, betäube mich mit derbem Schlag und verlange sodann, man solle alsobald sein Liedchen pfeifen und von einem Gegenstand zum andern hüpfen.

So hütete sich Goethe immer vor Angriffen auf sein Gemütsleben; zur Unterhaltung bedurfte er der Erschütterungen nicht, und seiner Arbeit waren sie schädlich. Da er nun einmal weich und empfindlich war, so schonte er sich demgemäß. In Tollhäuser, die jammervollen Vorläufer unserer heutigen Anstalten für Geisteskranke, konnte ihn auch sein Herzog nicht einzutreten bewegen. Ebenso ging er den Leichen aus dem Wege. „Warum“ sagte er bei Wielands Tode zu Falk, „warum soll ich mir die lieblichen Eindrücke von den Gesichtszügen meiner Freunde und Freundinnen durch die Entstellungen einer Maske zerstören lassen? Es wird ja dadurch etwas Fremdartiges, ja völlig Unwahres meiner Einbildungskraft aufgedrungen. Ich habe mich wohl in acht genommen, weder Herder, Schiller, noch die verwitwete Frau Herzogin Amalia im Sarge zu sehen. Der Tod ist ein sehr mittelmäßiger Porträtmaler. Ich will ein seelenvolleres Bild als seine Masken von meinen Freunden im Gedächtnis aufbewahren.“ Auch auf Bildern ließ er sich nichts Widerliches bieten. Sie sollten ihm Angenehmes sagen und ihn nicht an die Anatomie oder den Schindanger erinnern. Vor frommen Bildern hatte er auch deshalb Scheu, weil sie so oft Menschenquälerei darstellen. Ebenso schonte er seine Phantasie gegen die verwirrenden Eindrücke der Karikaturen. So wollte er im Alter keine Spottbilder auf Napoleon sehen. „Ich darf mir dergleichen widrige Eindrücke nicht erlauben, denn in meinem Alter stellt sich das Gemüt, wenn es angegriffen wird, nicht so schnell wieder her wie bei Euch Jüngeren.“ Als seine Schwiegertochter bei einem Sturze sich das Gesicht zerschunden hatte, sah er sie nicht, bis sie wiederhergestellt war.

Genau so wandte er die Augen ab von politischen Vorgängen, die ihn sehr ergriffen und innerlich beschäftigt hätten, ohne daß er doch Etwas dazu tun konnte, also besonders von Kriegsereignissen und Revolutionen. Seine anscheinende Gleichgültigkeit erregte dann oft Erstaunen und Mißfallen; aber er wußte, weshalb er so handelte. Gleich nach den Befreiungskriegen entstanden in den meisten deutschen Ländern sehr unerquickliche Zustände; zwischen den Volksgenossen zeigte sich ein politischer Haß, der zu schlimmen Taten führte. „Ungerechtigkeit und Unbilligkeit sind an der Tagesordnung“ schrieb Goethe damals (am 16. Januar 1818 an Antonie Brentano) und fuhr fort:

An meiner Tagesordnung ist die Maxime: man muß sich selbst schonen, wo Nichts geschont wird, und wie Diogenes sein Faß in der allgemeinen Verzweiflung hin und her wälzen.

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Man muß sich selbst schonen

Oft mußte Goethe alle Gesellschaft meiden und sich selbst von Frau und Kind abschließen, wenn er Etwas fertig bringen wollte.

Dem Gegenstande, der ihn beschäftigte, gehörte er jedesmal ganz an, identifizierte sich mit ihm nach allen Seiten und wußte, während er irgend eine wichtige Aufgabe sich gesetzt, alles seinem Ideengang Fremdartige standhaft abzulehnen ... Nicht immer jedoch gelang ihm jene augenblickliche Konzentration, und seiner übermächtigen Empfänglichkeit und Reizbarkeit wohl bewußt, griff er dann oft zu den extremsten Mitteln und schnitt plötzlich, wie im Belagerungszustande, alle Kommunikation nach außen gewaltsam ab. Kaum aber hat die Einsamkeit ihn von der Fülle anströmender Ideen entbunden, so erklärt er sich wieder befreit, neuen Interessen zugänglich, knüpft die früheren Fäden sorgsam an, und schwimmt und badet in frischen Elementen weit ausgebreiteten Daseins und Wissens, bis eine neue unbezwingliche Metamorphose ihn abermals zum Einsiedler umschafft.[28]

Gewöhnlich entwich Goethe auf Wochen oder Monate nach dem damals noch recht kleinen Jena; seltener zog er in’s Gartenhaus, wo ihn dann die Seinigen nicht stören durften. „Denn dabei bleibt es nun einmal: daß ich ohne absolute Einsamkeit nicht das Mindeste hervorbringen kann. Die Stille des Gartens ist mir auch daher vorzüglich schätzbar.“ So schreibt er im August 1799 an Schiller, und drei Tage später heißt es schon wieder: „Denn in einer so absoluten Einsamkeit, wo man durch gar nichts zerstreut und auf sich selbst gestellt ist, fühlt man erst recht und lernt begreifen, wie lang ein Tag sei.“ Wohl hatte Christiane oft große Sehnsucht nach ihm, und die kurzen Besuche, die ihr gestattet waren, erschienen ihr als allzu seltene Festtage. Dann schrieb sie ihm wohl:

Es wird fieleicht mit den arbeyden Hier beser gehn als sond du kanns hier wie in Jena in bete dickdiren und ich will des Morchens nicht ehr zu dir komm biß du mich verlangst auch der Gustell soll Frühe nicht zu dir komm. Komm nur balt.

Aber sie fügte sich auch willig, wenn er in seiner freundlichen Weise ihr meldete, daß die gesetzte Aufgabe noch nicht bewältigt sei, und unverdrossen sorgte sie dann, was sie an guten Speisen und Getränken für ihn den Botenweibern mitgeben könne.

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Briefwechsel

Die Geselligkeit der Entfernten ist der Briefwechsel. Auch die Antwort fordernden Briefschreiber gehören zu den ärgsten Zeiträubern, und wenn Goethe einmal sagt: „Wer für die Welt etwas tun will, muß sich nicht mit ihr einlassen“, so dachte er dabei nicht zuletzt an die Übel der schriftlichen Unterhaltung. „Mit Briefantworten muß man nolens volens Bankerott machen“ sagte er 1830 zum Kanzler und drei Jahre früher zu Eckermann: „Sie sehen ja selbst, wie Das bei mir geht und welche Zusendungen von allen Ecken und Enden täglich bei mir einlaufen, und müssen gestehen, daß dazu mehr als ein Menschenleben gehören würde, wenn man Alles nur flüchtig erwidern wollte.“ Schon in jungen Jahren kam er zu dem Vorsatz, eine große Zahl von Briefen nicht zu beantworten. Der ihm befreundete Statthalter Karl v. Dalberg in Erfurt, der nachmalige Großherzog von Frankfurt, bekam eine Unmenge literarischer Zusendungen, weil er als ein sehr wohlwollender Liebhaber vieler Wissenschaften und Künste bekannt war. In einem Briefe an Zelter erzählt Goethe von diesem alten Freunde:

Nun besaß er zwar ausgebreitete Kenntnisse, um solchen Fällen genug zu tun, aber wo hätte er Zeit und Besinnung hergenommen, um einem Jeden vollkommene Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Er hatte sich daher einen gewissen Stil angewöhnt, wodurch er die Leerheit seiner Antworten verschleierte und Jedem etwas Bedeutendes zu sagen schien, indem er etwas Freundliches sagte. Es müssen dergleichen Briefe noch zu Hunderten herumliegen. Ich war von solchen Erwiderungen öfters Zeuge; wir scherzten darüber, und da ich eine unbedingte Wahrheitsliebe gegen mich und Andere zu behaupten trachtete, so schwur ich mir hoch und teuer, in gleichem Falle, mit dem mich meine damalige Zelebrität schon bedrohte, mich niemals hinzugeben, indem sich dadurch denn doch zuletzt alles reine, wahrhafte Verhältnis zu den Mitlebenden auflösen und zerstieben muß. Daher folgt denn, daß ich von jeher seltener antwortete, und dabei bleibt’s denn auch jetzt in höheren Jahren, aus einer doppelten Ursache: keine leeren Briefe mag ich schreiben, und bedeutende führen mich ab von meinen nächsten Pflichten und nehmen mir zuviel Zeit weg.

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Heimlichkeit

Die Absonderung von den Menschen um des Werkes willen zeigte sich bei Goethe auch oft als Verschwiegenheit und Heimlichtun. Der Kanzler erzählt:

Das Geheimnis hatte überhaupt stets für Goethe einen ganz besonderen Reiz, vorzüglich darum, weil es vor Entweihung würdiger Vorsätze und Bestrebungen sichert, ihr Gelingen erleichtert und die Willenskräfte der Verbündeten steigert. So hat er denn auch im Leben, ja, selbst in alltäglichen Vorkommnissen diese Liebe zum Geheimnis betätigt und nur selten und ungern über die nächsten Anordnungen und Beschlüsse sich im voraus mitgeteilt. Noch unangenehmer war es ihm, wenn man sein Vorhaben erriet oder Irgendetwas, was er erst später vorzeigen oder eröffnen wollte, vorzeitig entdeckte oder zur Sprache brachte. Seine Naturbetrachtungen hatten ihn gelehrt, wie alles Große und Bedeutende nur im stillen sich vorbereite, wachse und entwickle; seine Welterfahrung ihm bewiesen, daß die edelsten Unternehmungen, voreilig enthüllt, meist den feindseligsten Gegenwirkungen ausgesetzt sind.

Goethe spricht diese Sinnesart öfters in seinen Gedichten aus. Sein Märchen vom getreuen Eckhart schließt: „Verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut: dann füllt sich das Bier in den Krügen.“ In den ‚Römischen Elegien‘ erhebt er die Verschwiegenheit gar in den Rang der Götter:

Zieret Stärke den Mann und freies mutiges Wesen,

O so ziemet ihm fast tiefes Geheimnis noch mehr.

Städtebezwingerin du, Verschwiegenheit! Fürstin der Völker!

Teure Göttin, die mich sicher durch’s Leben geführt!

Und in der ‚Natürlichen Tochter‘ wiederholt er:

Geheimnis nur verbürget unsre Taten;

Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein!

Der Zufall spielt mit deinem Willen schon;

Selbst wer gebieten kann, muß überraschen.

Gern erzählte Goethe, wie er in Jena die Universitätsbibliothek in Ordnung gebracht habe.[29] Sie befand sich in einem entsetzlichen, feuchten und beschränkten Raume. Goethe, mit Vollmacht von den Erhalter-Fürsten ausgestattet, machte den Professoren den Vorschlag, ihm den an die Bibliothek anstoßenden Konferenzsaal der medizinischen Fakultät zu überlassen, damit er die bisherige Bibliothek besser unterbringen und auch die vom Großherzog geschenkten 13000 Bände hinzufügen könnte. Man lehnt ab, verlangt als Ersatz einen neuen Saal, der zwar versprochen, aber nicht sofort erbaut werden kann. Das bloße Versprechen will dem akademischen Kollegium nicht genügen; der verlangte Saal wird verschlossen, und der Schlüssel „läßt sich nicht finden.“ Nun läßt Goethe einen Maurer in die alte Bibliothek kommen und sagt ihm: „Die Scheidemauer da muß stark sein, denn sie trennt zwei Quartiere voneinander. Machen Sie sich einmal daran, mein Freund, Dies zu untersuchen.“ Der Maurer legt Hand an; bald ist der Putz weggestoßen; eine leichte Ziegelwand wird sichtbar. Dann entsteht ein Loch, wodurch man die alten Gemälde des Konferenzsaales: Gelehrte in großen Perücken, schon erblicken kann. „Nur weiter, mein Freund!“ sagt Goethe, „ich sehe noch nicht deutlich genug.“ Das Loch wird größer. „Immer noch ein wenig! Genieren Sie sich ja nicht! Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären.“ Der Maurer schlägt weiter ein, und bald ist die Öffnung so, daß sie als Tür gelten kann. Nun dringen die Bibliothekare hindurch und werfen Bücher auf den Fußboden des eroberten Saales, als Zeichen der Besitzergreifung. Im Handumdrehen sind Bänke, Pulte, Stühle, Gemälde weggeräumt; nach ein paar Tagen stehen ein paar tausend Bücher in ihren Regalen. Ganz verblüfft erscheinen die Professoren an der Tür des neuen Bibliotheksaales, als sie endlich erfahren, was hier vorgegangen ist. Sie schelten und zürnen und – fügen sich in’s Geschehene.

Poetisches und wissenschaftliches Schaffen ist von solchem politischen Handeln grundverschieden, aber auch als Dichter war Goethe für größte Heimlichkeit. Er wunderte sich, daß Schiller seine entstehenden Werke mit ihm so gern durchsprach, oft Szene für Szene eines Dramas. Solches Offenbaren unfertiger Dichtung sei ganz gegen seine Natur gewesen, sagte Goethe zu Eckermann: „Ich trug Alles still mit mir herum, und Niemand erfuhr in der Regel Etwas, als bis es vollendet war.“ Aber Goethe sagte doch auch über seine poetischen Werke: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, und besonders nicht, daß er allein arbeite; vielmehr bedarf er der Teilnahme und Anregung, wenn Etwas gelingen soll.“ Er bedurfte der Anregung von außen, um seine Träume niederzuschreiben; er empfand es auch als große Förderung, wenn Kenner wie Herder, Wieland und Schiller seine fertigen Werke durchgingen und lobten und tadelten; aber im eigentlichen Dichten, im ersten Schaffen, hätte der beste Helfer und Ratgeber ihn nur gestört und verwirrt. Sein Schaffen war ein unbewußtes, nachtwandlerisches; er trug seine Gestalten und Geschichten oft jahrelang im Geiste herum, „als anmutige Bilder, als schöne Träume, die kamen und gingen, und womit die Phantasie mich spielend beglückte.“ Wenn sie ganz durchlebt waren, standen sie dann auch rasch auf dem Papiere. „Während wir Andern“, schrieb Schiller an Heinrich Meyer, „mühselig sammeln und prüfen müssen, um etwas Leidliches langsam hervorzubringen, darf er nur leis an dem Baum schütteln, um sich die schönsten Früchte, reif und schwer, zufallen zu lassen.“

Arbeitsgemeinschaft

Bei wissenschaftlichen Arbeiten ist dagegen viel mehr Geselligkeit nötig und gegenseitige Unterstützung unentbehrlich, zumal wenn man, wie der alte Goethe, große Stücke der Welt übersehen und recht viel Wissensstoff verarbeiten möchte. Um der Wissenschaft willen trat er mit vielen Menschen verschiedenster Berufsart und Landsmannschaft in Verkehr.

Sobald Menschen von scharfen, frischen Sinnen auf Gegenstände aufmerksam gemacht werden, findet man sie zu Beobachtungen so geneigt als geschickt. Ich habe Dieses oft bemerken können, seitdem ich die Lehre des Lichts und der Farben mit Eifer behandle und, wie es zu geschehen pflegt, mich auch mit Personen, denen solche Betrachtungen sonst fremd sind, von Dem, was mich soeben interessiert, unterhalte. Sobald ihre Aufmerksamkeit nur rege war, bemerkten sie Phänomene, die ich teils nicht gekannt, teils übersehen hatte, und berichtigten dadurch gar oft eine zu voreilig gefaßte Idee, ja gaben mir Anlaß, schnellere Schritte zu tun ... Es gilt also auch hier, was bei so vielen andern menschlichen Unternehmungen gilt, daß nur das Interesse Mehrerer, auf einen Punkt gerichtet, etwas Vorzügliches hervorzubringen imstande sei. Hier wird es offenbar, daß der Neid, welcher Andere so gern von der Ehre einer Entdeckung ausschließen möchte, daß die unmäßige Begierde, etwas Entdecktes nur nach seiner Art zu behandeln und auszuarbeiten, dem Forschen selbst das größte Hindernis sei. Ich habe mich bisher bei der Methode, mit Mehreren zu arbeiten, zu wohl befunden, als daß ich nicht solche fortsetzen sollte.[30]

Goethes Briefwechsel im Alter ist denn auch vorwiegend ein wissenschaftlicher, und seine Altersfreunde bildeten um ihn herum eine Haus-Akademie der Wissenschaften.

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Erzwungenes Hervorbringen

Um noch einmal zur Poesie zurückzukehren, so war Goethe geradezu der Meinung, daß Schiller sich durch seine Arbeitsart getötet habe. Zu Conta sagte er 1820: „Ich behauptete immer, der Dichter dürfe nicht eher an’s Werk gehen, als bis er einen unwiderstehlichen Drang zum Dichten fühle ... Schiller dagegen wollte Das nicht gelten lassen. Er behauptete, der Mensch müsse können, was er wolle, und nach dieser Manier verfuhr er auch.“ Manchmal warnte Goethe in seiner vorsichtigen Weise den Freund: „Ich fürchtete, die Musen niemals wiederzusehen“ schreibt er 1798 an Schiller, „wenn man nicht aus Erfahrung wüßte, daß diese gutherzigen Mädchen selbst das Stündchen abpassen, um ihren Freunden mit immer gleicher Liebe zu begegnen.“

Der Gedanke, daß man ohne Stimmung und Neigung nichts Tüchtiges hervorbringen kann, läßt sich auch dahin erweitern, daß wir uns bemühen sollen, die vorgesetzte Arbeit zu lieben; zuweilen kann man Das ja erreichen. In einem Briefe an Zelter spricht Goethe von einer neuen Bühnenbearbeitung des ‚Götz‘:

Ich begriff nicht, warum ich seit einem Jahre in dieser Arbeit penelopeisch verfuhr, und, was ich gewoben hatte, immer wieder aufdröselte. Da las ich in Ihrem Aufsatz: was man nicht liebt, kann man nicht machen. Da ging mir ein Licht auf, und ich sah recht gut ein, daß ich die Arbeit bisher als ein Geschäft behandelt hatte, das eben auch so mit andern weggetan sein sollte, und deswegen war es auch geschehen, wie’s getan war, und hatte keine Dauer. Nun wendete ich mehr Aufmerksamkeit und Neigung mit mehr Sammlung auf diesen Gegenstand, und so wird das Werk, ich will nicht sagen gut, aber doch fertig.

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Wein als Reizmittel

Manche Dichter brauchen starken Kaffee oder Wein, um die Stimmung zu erzwingen. Goethe spottete gegen Schiller über Jean Paul, der nur Kaffee zu trinken brauche, „um so gerade von heiler Haut Sachen zu schreiben, worüber die Christenheit sich entzückte.“ Und wenn er um dieselbe Zeit von sich selber sagte, er könne sechs Monate seine Arbeit voraussagen, weil er sich durch eine gescheidte leibliche Diät vorbereite, so war Das kein Selbstlob, sondern eine verhüllte Mahnung an den Zuhörer, nämlich eben an Jean Paul: er möge doch seine Lebensweise im Essen und Trinken einer nötigen Prüfung unterziehen.

Ausführlich behandelte Goethe dieses wichtige Thema der Reizmittel zu geistiger Arbeit im März 1828 in einem Gespräche mit Eckermann. Dieser fragte: „Gibt es denn kein Mittel, um eine produktive Stimmung hervorzubringen oder zu steigern?“ Und Goethe erwiderte:

Jede Produktivität höchster Art, jeder große Gedanke, der Früchte bringt und Folgen hat, steht in Niemandes Gewalt und ist über aller irdischen Macht erhaben. Dergleichen hat der Mensch als unverhoffte Geschenke von oben, als reine Kinder Gottes zu betrachten, die er mit freudigem Danke zu empfangen und zu verehren hat. Es ist dem Dämonischen verwandt, das übermächtig mit ihm tut, wie es beliebt, und dem er sich bewußtlos hingibt, während er glaubt, er handle aus eigenem Antriebe. In solchen Fällen ist der Mensch oftmals als ein Werkzeug einer höheren Weltregierung zu betrachten, als ein würdig befundenes Gefäß zur Aufnahme eines göttlichen Einflusses. – –

Sodann aber gibt es eine Produktivität anderer Art, die schon eher irdischen Einflüssen unterworfen ist und die der Mensch schon mehr in seiner Gewalt hat, obgleich er auch hier noch sich vor etwas Göttlichem zu beugen Ursache findet. In diese Region zähle ich alles zur Ausführung eines Plans Gehörige, alle Mittelglieder einer Gedankenkette, deren Endpunkte bereits leuchtend dastehen; ich zähle dahin alles Dasjenige, was den sichtbaren Leib und Körper eines Kunstwerks ausmacht.

Goethe zeigte nun diesen Unterschied der mehr göttlichen und der mehr menschlichen Produktivität am ‚Hamlet‘; gerade dessen Dichter machte ihm so recht den Eindruck eines gesunden, vollkräftigen Menschen, der jederzeit eine frühere geniale Eingebung im einzelnen und kleinen verwerten konnte. Dann schienen seine Gedanken von Shakespeare auf Schiller überzufließen.

Gesetzt aber, eines dramatischen Dichters körperliche Konstitution wäre nicht so fest und vortrefflich und er wäre vielmehr häufigen Kränklichkeiten und Schwächlichkeiten unterworfen, so würde die zur täglichen Ausführung seiner Szenen nötige Produktivität sicher sehr häufig stocken und oft wohl tagelang gänzlich mangeln. Wollte er nun etwa durch geistige Getränke die mangelnde Produktivität herbeinötigen und die unzulängliche dadurch steigern, so würde Das allenfalls auch wohl angehn, allein man würde es allen Szenen, die er auf solche Weise gewissermaßen forciert hätte, zu ihrem großen Nachteil anmerken. Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen Etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat.

Eckermann warf ein, daß er vom Weine doch eine bessere Meinung habe; mindestens führe sein Genuß zu Entschlüssen, und Das sei doch auch eine Art Produktivität. Da mußte Goethe an seine Verse im ‚Divan‘ denken: „Wenn man getrunken hat, weiß man das Rechte,“ aber sogleich kam er doch auf die wahren, großen Ernährer des Geistes zu sprechen:

Es liegen im Wein allerdings produktivmachende Kräfte sehr bedeutender Art; aber es kommt dabei Alles auf Zustände und Stunde an, und was dem Einen nützt, schadet dem Andern. Es liegen ferner produktivmachende Kräfte in der Ruhe und im Schlaf; sie liegen aber auch in der Bewegung. Es liegen solche Kräfte im Wasser und ganz besonders in der Atmosphäre. Die frische Luft des freien Feldes ist der eigentliche Ort, wo wir hingehören! Es ist, als ob der Geist Gottes dort den Menschen unmittelbar anwehte und eine göttliche Kraft ihren Einfluß ausübte. Lord Byron, der täglich mehrere Stunden im Freien lebte, bald zu Pferde am Strande des Meeres reitend, bald im Boote segelnd oder rudernd, dann sich im Meere badend und seine Körperkraft im Schwimmen übend, war einer der produktivsten Menschen, die je gelebt haben.

Ein andermal tadelte Goethe seines großen Freundes Arbeitsart noch schärfer:

Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mäßig; aber in solchen Augenblicken körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas Likör oder ähnliches Spirituoses zu steigern. Dies aber zehrte an seiner Gesundheit und war auch den Produktionen selbst schädlich. Denn was gescheite Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus dieser Quelle her. Alle solche Stellen, von denen sie sagen, daß sie nicht just sind, möchte ich pathologische Stellen nennen, indem er sie nämlich an solchen Tagen geschrieben hat, wo es ihm an Kräften fehlte, um die rechten und wahren Motive zu finden.

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Plan und Ordnung

Als Dichter mußte Goethe oft untätig sein; er konnte und wollte nicht der Aufforderung seines Theaterdirektors folgen: „Gebt ihr euch einmal für Poeten, So kommandiert die Poesie!“ Aber deshalb brauchte er keine einzige Stunde zu verlieren: er war ja auch Gelehrter, Verwaltungsmann und Freund seiner Freunde.

Wechsel der Tätigkeit war ihm die einzige Erholung, und wenn man aus seinen Tagebüchern, die er regelmäßig in zweien Abschnitten des Tages diktierte, ersieht, wie noch im höchsten Lebensalter er von frühster Morgenstunde an in ruhig abgemessener Folge sich einer Unzahl von literarischen Arbeiten, brieflichen Mitteilungen, geschäftlichen Expeditionen, Prüfung und Beschauung von eingesendeten Produktionen und Kunstwerken, ernster und heiterer Lektüre der mannigfachsten Art gewidmet, so muß man es ihm hoch anrechnen, ja bewundern, daß er gleichwohl sich geneigt finden ließ, fast täglich einige Stunden besuchenden Fremden oder Einheimischen hinzugeben.[31]

Die große Ordnung, auf die er streng hielt, das Planvolle in seinen Arbeiten war ein ferneres wichtiges Mittel, wodurch er sich vor Zeitverlust schützte. Jahre oder Jahrzehnte hindurch sammelte er Material für zukünftige Schriften. Als Knebel über Lukrez schrieb, beklagte es Goethe, daß der alte Freund keine Kollektionen, keine Akten darüber habe; darum sei es ihm schwer, produktiv und positiv zu sein. „Da habe ich ganz anders gesammelt, Stöße von Exzerpten und Notizen über jeden Lieblingsgegenstand!“

Für jede Arbeit entwarf er ferner eine sorgfältige Disposition, überdachte die Hauptteile und Unterabteilungen, sammelte dann für die einzelnen Kapitel Tatsachen und Gedanken; so konnte er bald an diesem, bald an jenem Teile des Werkes schreiben, je nachdem er aufgelegt war, und so kamen ihm seine Vorarbeiten oft nach Jahrzehnten noch zugute.

Bei dem vielen Zeug, das ich vorhabe, würde ich verzweifeln, wenn nicht die große Ordnung, in der ich meine Papiere halte, mich in den Stand setzte, zu jeder Stunde überall einzugreifen, jede Stunde in ihrer Art zu nutzen und Eins nach dem Andern vorwärts zu schieben.

So schreibt er selber an Schiller im Mai 1798, und der Kanzler urteilte nach seinem Tode, seine Ordnungsliebe sei fast bis in’s Unglaubliche gegangen.

Nicht nur, daß alle eingegangenen Briefe und ebenso die Konzepte oder Kopien aller abgesendeten monatlich in gesonderte Bände geheftet und über einzelne Unternehmungen, z. B. selbst über jeden Maskenzug, den er anordnete, wieder eigene Aktenstücke gebildet wurden – er entwarf auch periodische Tabellen über die Ergebnisse seiner vielseitigen Tätigkeit, Studien und Fortschritte persönlicher oder innerer Verhältnisse, aus denen dann am Jahresschlusse wieder gedrängte Hauptübersichten zusammengestellt wurden.

Selbst die Zeitungen, die er las, wurden aktenmäßig geheftet.

Wichtiger als dieses Sammeln und Einordnen ist die Ordnung und Beherrschung der Arbeitsstoffe durch fleißiges Bedenken. In Goethes Tagebüchern lesen wir neben andern Tätigkeiten oft: „Das Vorliegende durchdacht“ oder „das Jüngstvergangene überdacht“ oder „Überlegung des Gegenwärtigen“ oder nach einem wichtigeren Ereignis; „Betrachtungen darüber.“ So handelte er nach seiner Lebensregel: „Tun und Denken, Denken und Tun“ und ging nicht unter in den Massen, die auf ihn eindrangen.

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Schnellen Erfolgen jagte Goethe nicht nach, auf Anerkennung konnte er warten, und der Menge zu gefallen, war nie sein Bestreben. So hielt er es z. B. bei den ihm unterstellten Sammlungen und Schulen in Weimar, Jena und Eisenach.

Es war keine geringe Aufgabe, mit den doch immerhin sehr beschränkten Mitteln den Anforderungen fortschreitender Ausbildung auch nur einigermaßen Genüge zu tun. Es galt ein sorgsames Abwägen des Notwendigen, wahrhaft Gedeihlichen, ein standhaftes Ablehnen des nur scheinbar Nützlichen, bloß der augenblicklichen Neigung Zusagenden. Goethe ging, wie bei seinen eigenen Kunstsammlungen, von der Maxime aus, lieber aus kleinen Anfängen jedes Institut sich folgerecht entwickeln, allmählich heranwachsen und ausbilden zu lassen, als mit unverhältnismäßiger Anstrengung von vornherein nach dem Imposanten streben, ein Ausgezeichnetes gleichsam improvisieren zu wollen. Nicht um den äußern Schein und Prunk, sondern darum war es ihm zu tun, daß es in jedem Fache nicht an Gelegenheit und zweckmäßiger Anleitung zu stufenweiser Fortbildung fehle, daß in jungen aufstrebenden Männern Sinn und Geschick erweckt und befestigt werde, auf individuell zusagender Bahn frisch und kräftig vorzuschreiten.[32]

Folgerechtes Bemühen

Oft hat er die ‚Folge‘, d. h. die Beständigkeit und Konsequenz im Arbeiten, gerühmt: sie könne auch vom Kleinsten angewendet werden, sie verfehle ihr Ziel selten, da ihre stille Macht im Laufe der Zeit unaufhaltsam wachse; wo man nicht mit Folge wirken könne, sei es geratener, gar nicht anzufangen. Er legte darum großen Wert darauf, daß man ihn als treuen Arbeiter schätze und nicht etwa seiner Genialität zuschreibe, was er durch Fleiß erworben. In seinen alten Tagen wurde er gewahr, daß namentlich im Auslande die Ansicht verbreitet war: er, der Poet, habe sich einen Augenblick von seinem Wege ab- und der Botanik zugewendet und sogleich hochbedeutende Entdeckungen über die Gesetze der Pflanzenbildung gemacht. Um dieser Meinung entgegenzutreten, verfaßte er alsbald einen Aufsatz, in dem er ausführte, wie viele Jahre er Botanik studiert habe, und er betonte, daß es dem wissenschaftlichen Bestreben schädlich sei, wenn man einen falschen Glauben an Geistesblitze von Dilettanten verbreite. „Nicht also durch eine außerordentliche Gabe des Geistes, nicht durch eine momentane Inspiration, noch unvermutet und auf einmal, sondern durch folgerechtes Bemühen bin ich endlich zu einem so erfreulichen Resultate gelangt.“

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Auch in kleinen und äußerlichen Dingen zwang Goethe sich und Andere zum langsamen, sorgfältigen Arbeiten.

Jeder schriftliche Erlaß, das kleinste Einladungsbillett mußte auf das reinlichste und zierlichste geschrieben, gefaltet, besiegelt werden. Alles Unsymmetrische, der geringste Fleck oder falsche Strich war ihm unausstehlich.[33]

Damit die Korrekturen in seinen Manuskripten in der reinlichsten und deutlichsten Weise geschehen konnten, hatte er einen Topf mit Kleister und Pinsel in der Nähe, um an solchen Stellen, wo ihm der Ausdruck nicht mehr gefiel, die Handschrift mit Stückchen neuen Papiers zu überkleben. So berichtet Eckermann, und Carus in Dresden erzählt:

Wirklich erinnere ich mich keiner Sendung von Goethe, so Bücher, kleiner Geldsendungen für Kupferstecher u. dgl., die nicht auf’s zierlichste verpackt gewesen wäre ... Nicht minder hatte ich ja gesehen, wie in seinen Zimmern und Portefeuillen eine strenge, musterhafte, an Pedanterie grenzende Ordnung und Reinlichkeit herrschend war, und fern von aller ostensibler liederlicher sogenannter Genialität, konnte die Ordnung und Zierlichkeit seiner äußern Umgebung ein wohltuendes symbolisches Bild geben von der feinen Ordnung und lichten Schönheit seines inneren geistigen Lebens.[34]

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Beschränkung

Die Solidität und Gewissenhaftigkeit, die wir an Goethes Arbeit immer wieder wahrnehmen, bedeutet sehr oft auch Begrenzung der schönsten Vorsätze, Verkleinerung der Ideale, Verzicht auf manchen genialen Traum.

Vergebens werden ungebundene Geister

Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Wir staunen, wieviel Goethe als Dichter, Gelehrter, Staatsdiener ausgeführt hat; aber es ließe sich leicht beweisen, daß er noch viel mehr Pläne nur ausgedacht und begonnen hat, daß er viele seiner besten Einfälle absterben ließ, um die übernommenen Pflichten getreulich zu erfüllen. Als Dichter hat er uns von groß angelegten Werken mehr Anfänge hinterlassen als fertige Stücke. Als Staatsmann dachte auch er sich große soziale oder wirtschaftliche oder pädagogische Verbesserungen aus; in praxi aber widmete er dann seine Stunden einem Wegebau, einer Uferbefestigung, einer militärischen Aushebung, einer Verbesserung der Universitätsbibliothek oder was sonst zunächst getan werden mußte. So trug er die Last des Tages, statt den großen Reformator zu spielen.

In der ‚Achillëis‘ und im ‚Faust‘ hat er uns gestanden, was ihm als das lockendste oder befriedigendste Menschenwerk erschien: wie der große Quäker William Penn als Kolonisator auf jungfräulichem Boden ein neues Gemeinwesen schaffen, „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!“ Das ist herrlicher, als was der junge Held Achilles vollbrachte, der hingerissen wurde, ehe er zum ruhigen, schaffenden Manne reifte. Denn:

... Ein fürstlicher Mann ist so nötig auf Erden,

Daß die jüngere Wut, des wilden Zerstörens Begierde

Sich als mächtiger Sinn, als schaffender, endlich beweise,

Der die Ordnung bestimmt, nach welcher sich Tausende richten.

Nicht mehr gleicht der Vollendete dann dem stürmenden Ares,

Dem die Schlacht nur genügt, die männertötende! Nein, er

Gleicht dem Kroniden selbst, von dem ausgehet die Wohlfahrt.

Städte zerstört er nicht mehr, er baut sie: fernem Gestade

Führt er den Überfluß der Bürger zu; Küsten und Syrten

Wimmeln von neuem Volk, des Raums und der Nahrung begierig.

„Wären wir zwanzig Jahre jünger!“ sprach Goethe wohl zu Meyer, wenn ihn solche Tagesträume beschlichen, und wandte sich wieder der Arbeit zu, die das größte Recht auf ihn hatte.

[28] Kanzler F. v. Müller in der Erfurter Gedächtnisrede.

[29] Das Folgende nach Sorets Bericht.

[30] Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt 1793.

[31] F. v. Müller in der Erfurter Rede.

[32] F. v. Müller in der Erfurter Rede.

[33] F. v. Müller in der Erfurter Rede.

[34] Daß mit dieser weitgehenden Ordnung auch einige Unordnung verbunden war, ist schon S. 33 angedeutet. Gerade in der Studierstube, in der er zumeist lebte, findet man heute, wie bei seinem Scheiden, das Mannigfaltigste unter- und nebeneinander; die Bücher sind wie vom Zufall hier und dort aufgestellt und auch wie vom Zufall ausgesucht. W. v. Oettingen schildert es genauer; vgl. Stunden mit Goethe 8. S. 217.


XIV.
Das Lernen.

Als Goethe im Alter die Lebensgeschichte des englischen Dichters Sterne las, fiel ihm darin der Ausdruck the ruling passion auf. Unter unsern Trieben reißt einer die Führung an sich und bestimmt dann vor den andern unser Handeln und Erleben. Menschen, die eigentlich die gleichen Anlagen haben, entwickeln sich sehr verschieden, je nach der Eigenschaft, die zur Herrschaft gelangt: im Ersten waltet der Ehrgeiz vor, im Zweiten die Vorsicht, im Dritten das Verlangen nach Genüssen, im Vierten der Drang zur Tätigkeit usw. Wenn wir die Summe von Goethes langem Leben ziehen, so müssen wir als sein größtes geistiges Bedürfnis: das Lernen nennen.

Zuerst zeigte sich dieser Trieb, wie bei uns allen, als kindliche Wißbegier und sehr bald auch als Stolz auf die zu Tage tretende große Begabung und seine ungewöhnlichen Kenntnisse. Zeitweilig erscheint der Jüngling als ein eingebildeter junger Gelehrter: man sieht ihn auf dem Wege zum hochberühmten Professor. Aber das vom Vater ihm auferlegte Fach sagte ihm wenig zu, und von sich aus erwählt er auch keine andere Wissenschaft mit Entschiedenheit. Sein Wissen und Können ist ein zerstreutes; er ist ein Liebhaber in allerlei Gebieten; den Doktorgrad, genauer den Lizentiatengrad, erwirbt er nur auf die bequemste Weise und ohne Ehre. Die gelehrten Pedanten haßt Jeder, der vor ihnen nicht bestehen kann; aber freilich hatte Goethe ein angeborenes Recht, sich für einen Besseren zu halten. Er ward sich des „Genies“ bewußt, eines höheren, wo nicht göttlichen Geistes, der kürzere oder längere Zeit bei oder in uns wohnt, uns ungewöhnliche, unbegreifliche Kräfte gibt und uns höhere Erkenntnisse vermittelt. Dies Genie braucht der damit Beglückte nur walten zu lassen; er braucht nur die Vorbedingungen zu schaffen, daß dieser Anhauch Gottes ungestört, ungehemmt stattfinden kann. Er wird also seine Kraft nicht verzehren, seinen Geist nicht verdummen mit beständigem Lesen und Schreiben.

Das Pergament, ist Das der heil’ge Bronnen,

Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?

Erquickung hast du nicht gewonnen,

Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

Es ist kein Zufall, daß gerade Goethe von allen Dichtern uns am eindringlichsten den Drang nach Erkenntnis vor die Sinne und Seele gebracht hat: Faust in den ersten Szenen des großen Dramas ist durch ihn die persönliche Gestaltung des stärksten und höchsten Lernenwollens geworden. Diesen faustischen Drang fühlte Goethe selber:

Daß ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält,

Schau’ alle Wirkenskraft und Samen.

In seinen jüngeren Jahren nannten ihn die Leute oft ehrgeizig; aber was sie für Ehrgeiz hielten, war sein Bedürfnis, ein großes Stück Welt erkennend in sich aufzunehmen, es zu verarbeiten, es zu durchleuchten, sich mit der Welt zu vereinigen.

Sein Leben wurde freilich durchaus kein faustisches.

„Ich bin nur durch die Welt gerannt“ sagt Faust, auf Jahrzehnte zurückschauend;

Ich habe nur begehrt und nur vollbracht

Und abermals gewünscht und so mit Macht

Mein Leben durchgestürmt: erst groß und mächtig,

Nun aber geht es weise, geht bedächtig ...

Genie und Fleiß

Goethe resignierte schon in jungen Jahren. Er hatte zwar stets Ursache, das Genie zu verehren und die goldnen Gaben dankbar hinzunehmen, die den Sonntagskindern von oben zufallen; aber er ehrte auch den Fleiß und sammelte die Groschen und Pfennige, die die Tagesarbeit uns einbringt. Er hätte gern die höchsten Erkenntnisse vom Himmel heruntergeholt und mit Gott selber über die Geheimnisse der Schöpfung geredet; aber er begnügte sich und freute sich, wenn er die „Urphänomene“ fand, die Haupt- und Grunderscheinungen in allem Weltgeschehen, das Letzte, was vor Gott steht.

Durch sein ganzes Leben betrieb Goethe dies bewußte Lernen. „Die Sachen anzusehen, so gut wir können“ riet er schon bei Vollendung seines einundzwanzigsten Jahres einem noch jüngeren Bekannten, „sie in unser Gedächtnis schreiben, aufmerksam zu sein und keinen Tag, ohne etwas zu sammeln, vorbeigehen zu lassen. ... Dabei müssen wir nichts sein, sondern alles werden wollen.“

Und die gleiche Lernlust zeigt noch der Vierundsiebzigjährige, wenn er dem jungen Bonner Mineralogen Nöggerath bestellen läßt: „Wie gern durchzög’ ich die Eifel mit ihm zu klarem Schauen Dessen, was immer noch als Problem vor mir steht! Warum bin ich nicht mehr so leicht auf den Füßen als zur Zeit, wo ich die unnützen Reisen in die Schweiz tat, da man glaubte, es sei was Großes getan, wenn man Berge erklettert und angestaunt hätte!“

Goethe forschte und lernte bis zum letzten gesunden Tage; in seiner Arbeitsstube zeigt man heute noch ein Häufchen Gartenerde, das der Alte sich heraufholen ließ, um daran etwas Neues zu beobachten.

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Beständige Lernlust

Diese Lernlust zeigte sich namentlich als Aufmerksamkeit auf alles Belehrende. Die Aufmerksamkeit nannte Goethe „das Höchste aller Fertigkeiten und Tugenden“ und er meinte, Nichts sei so leicht zu erreichen und so wohlfeil zu erhandeln als Kenntnis und Wissen: „Die ganze Arbeit ist ruhig sein, und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie auszugeben.“ Goethe ermahnte sich und Andere zwar immer wieder, nur an Dem Interesse zu nehmen, worin man praktisch etwas leisten könne, aber es lag doch in seiner innersten Natur, daß er an unzähligen Dingen der Welt teilnahm.

Da Goethe sich den Besuch so vieler Menschen gefallen lassen mußte, unter denen auch viele Unbeholfene waren, die von sich aus nichts Anregendes vorbrachten, so machte er es sich selber zur Regel, derartige Gäste als Lehrer oder Lehrmittel zu benutzen. Es kam etwa ein bayrischer Verwaltungsbeamter, um ihn anzuglotzen und nachher seine Bemerkungen über den berühmten Mann zu machen; Goethe zwang ihn, alle Einzelheiten des Feuerlöschwesens in seiner Heimat vorzutragen. Ein ander Mal erschien ein vornehmer Engländer, der früher Gouverneur von Jamaika gewesen war, Sir Michael Clare. Am Abend stand dann in seinem Tagebuche: „Sehr erfreut der Bekanntschaft mit Lord und Lady N. N.; sie gab mir erwünschte Gelegenheit, meine Kenntnisse der Zustände von Jamaika ziemlich vollständig zu rekapitulieren.“

Allerdings glückte dies Verfahren nicht immer. So wurde eines Tages Goethe von seinem Sohne gebeten, einen Jenaer Studenten namens Rumpf, den August vom Burgkeller her kannte, anzunehmen und auch zum Essen dazubehalten. Der junge Mann wurde freundlich empfangen. Er möge weiter erzählen:

Bald saß ich ihm in seinem einfachen Studierstübchen gegenüber, während er beschäftigt war, still ein mäßiges Blatt Papier zurechtzuschneiden, und betrachtete voll Aufmerksamkeit ihn selber, sowie seine Umgebung, seine Bücher und umherliegende Steine. August hatte mich sogleich verlassen und war zu den Hausgenossen gegangen.

So war ich mit Goethe ganz allein. Wie pries ich mich glücklich! Jetzt war er mit seinem Papierschneiden fertig und wandte sich zu mir: „Mein August schreibt mir, daß Sie ein Oldenburger wären?“

„Ein Oldenburger, Exzellenz.“

„Gut. Was brennen Sie da?“

„Fast nur Torf.“

„Wie in Ostfriesland, nicht wahr?“

„Ich glaube, Exzellenz“ war meine Antwort.

„Wie wird der Torf dort gewonnen?“

„Er wird – er wird aus der Erde gegraben.“

„Das wußt’ ich schon, daß er nicht von den Bäumen gepflückt wird! Ich will zunächst genau wissen, mit welcher Art von Instrumenten er aus dem Boden gehoben wird? Wann gräbt man ihn? Wie lange läßt man ihn trocknen? Wie lange Zeit bedarf er dazu? Und wie ich schon eben sagte, wie ist solch ein Werkzeug gestaltet, womit man den Torf bei Ihnen gräbt? Nun sagen Sie mir und zeichnen Sie mir doch einmal die Form genau hier auf das Papier. Hier haben Sie einen Bleistift dazu.“

„Nun, können Sie Das nicht zeichnen?“ fuhr er dann fort, da ich noch verblüfft schwieg. „So beschreiben Sie es mir wenigstens, Sie sehen ja, daß ich mich dafür interessiere.“

Ich beharrte in festem Schweigen. So einen Torfsoden hatte ich zwar oft genug gesehen und sogar in der Hand gehabt, beim Ofenheizen. Aber da ich aus der reinen, echten Marsch stammte, so war mir doch die eigentliche Gewinnung des Torfes völlig fremd.

„Sie brennen also den Torf täglich und wissen dennoch nichts davon, wie er gewonnen wird? Junger Mann, Das mögen Sie offen gestehen?“

Mit durchdringendem Blicke sah Goethe mich an, und ich fühlte, wie mir das Blut zu Kopfe stieg. – Ein eisiges Schweigen folgte! Mir ward es immer ungemütlicher. Goethe nahm ein Buch zur Hand und blätterte darin, bis der Diener kam und meldete, daß das Essen bereit sei. Bei Tische waren noch Frau Christiane v. Goethe und August zugegen. Den zog der Vater ins Gespräch und unterhielt sich sehr lebhaft mit ihm. Mich ignorierte er völlig.

Goethe hatte durch dieses Ausfragen viele Freuden; zum Beispiel machte er auf solche bequeme Weise große Reisen. Als der Berliner Parthey bei ihm zu Tische war und von seinem Aufenthalte im Morgenlande sprach, da wollten die Andern nur hübsche Leckerbissen von ihm haben, abenteuerliche und rührende Anekdoten hören; aber der alte Meister wehrte sie ab, und Parthey mußte ihm drei Tage hindurch seine ganze Reise Schritt für Schritt schildern.

Belehrung durch die Gäste

Der Architekt Wilhelm Zahn kam 1827 nach Weimar mit den schreckhaftesten Vorstellungen über des Dichters Unzugänglichkeit; trotzdem wagte er sich in das Haus.

Auf dem Flure trat mir ein Diener entgegen, dem ich meinen Namen nannte: „Zahn, Maler und Architekt.“

„Maler und Architekt!“ wiederholte mechanisch der Diener, indem er mich zweifelhaft musterte.

„Sagen Sie Sr. Exzellenz: Aus Italien kommend.“

„Aus Italien kommend“ wiederholte Jener und entfernte sich, worauf er alsbald zurückkehrte und mich bat, ihm zu folgen.

Bald saß Zahn dem Gefürchteten gegenüber.

„Waren also in Italien?“

„Drei Jahre, Exzellenz.“

„Haben vielleicht auch die unterirdischen Stätten bei Neapel besucht?“

„Das war der eigentliche Zweck meiner Reise. Ich hatte mich in einem antiken Hause zu Pompeji behaglich eingerichtet, und während zweier Sommer geschahen alle Ausgrabungen unter meinen Augen.“

„Freut mich! Höre Das gern“ sagte Goethe, der eine gedrungene Redeweise liebte und gern die Pronomina wegließ. Er rückte mit seinem Stuhle mir näher und fuhr dann lebhaft fort: „Habe den Akademien zu Wien und Berlin mehrere Male geraten, junge Künstler zum Studium der antiken Malereien nach jenen unterirdischen Herrlichkeiten zu schicken; um so schöner, wenn Sie Das auf eigene Hand getan. Ja, ja! das Antike muß jedem Künstler das Vorbild bleiben. Doch vergessen wir das Beste nicht! Haben wohl einige Zeichnungen in Ihrem Reisekoffer?“

„Ich habe die schönsten der antiken Wandgemälde meist gleich nach der Entdeckung durchgezeichnet und farbig nachzubilden gesucht. Wünschen Exzellenz vielleicht einige davon zu sehen?“

„O gewiß, gewiß!“ fiel Goethe ein, „mit freudigem Danke. Kommen Sie nur zum Essen wieder. Speisen gegen zwei Uhr. Werden noch einige Kunstfreunde finden. Sehne mich ordentlich nach Ihren Bildern. Auf Wiedersehen, mein junger Freund!“ – –

So ergriff er auch jede Gelegenheit, sich zum Erfassen der besten Musik zu bilden. Er richtete sich während der napoleonischen Zeit einen eigenen bescheidenen Singechor ein; von ihm hörte er mit seinen Hausgenossen jeden Sonntagmorgen geistliche und weltliche Gesänge. Als Goethe im Winter 1818 auf 19 drei Wochen in Berka zubrachte, mußte ihm der Organist Schütz dort täglich drei bis vier Stunden vorspielen, und zwar in historischer Reihenfolge Sebastian Bach bis zu Beethoven durch Philipp Emanuel Bach, Händel, Haydn, Mozart, auch Dussek und dergleichen mehr. Zugleich studierte er musiktheoretische Schriften. Und noch, als den Achtzigjährigen das Spiel des jungen Felix Mendelssohn entzückte, mußte ihm der Knabe die ganze Entwicklung der Musik vordozieren und vorspielen.

Und da sitzt er in einer dunkeln Ecke wie ein Jupiter tonans und blitzt mit den alten Augen. – –

Umgehen mit klugen Leuten

So hielt er es in Allem. Fuhr er mit Eckermann spazieren, so mußte Dieser ihm lange Vorträge über die Lebensweise seiner geliebten Vögel halten, und im Garten nahmen sie einmal die ganze Lehre vom Bogenbau und Bogenschießen sehr gründlich durch, weil Das auch ein Steckenpferd Eckermanns war. Und der Sechsundsiebzigjährige suchte auch dieser Übung noch Herr zu werden:

Goethe schob die Kerbe des Pfeils in die Senne, auch faßte er den Bogen richtig, doch dauerte es ein Weilchen, bis er damit zurecht kam. Nun zielte er nach oben und zog die Senne. Er stand da wie ein Apoll, mit unverwüstlicher innerer Jugend, doch alt an Körper.

Stete Aufmerksamkeit

Schon als Student schaute er auf seinen Wanderungen nicht bloß nach schönen Mädchen und guten Weinen aus, sondern kümmerte sich recht sorgsam z. B. um den Gewerbefleiß an der Saar oder die Altertümer bei Niederbronn. Im Alter schreibt er einmal an seinen August, er treibe in Böhmen seinen alten Spaß noch immer fort: in jeder Mühle nachzufragen, wo sie ihre Mühlsteine hernehmen. In Wiesbaden richtete er seine Spaziergänge gern zu Steinbrüchen und auf Bauplätze; so bekam er nämlich eine schnellere Übersicht über den Grundbau der Gegend, als der Laie vermutet. Und an jedem Orte fragte er nach kundigen Leuten, die ihn belehren konnten. Jena liebte er auch darum, weil er dort so viele kenntnisreiche Männer fand. An die dortigen Professoren dachte er besonders, als er 1818 zum Kanzler v. Müller und zur Julie v. Egloffstein sagte: „Seht, liebe Kinder, was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch, durch heitere Geselligkeit müßt ihr lernen.“

Er selber lernte freilich auch aus Büchern und will hier im Ernste nichts gegen Bücher sagen; nur zog er eigene Anschauung und mündliches Ausfragen vor. Und da nahm er als Lehrer nicht nur Männer an wie die Humboldts, Schiller, Friedrich August Wolf, Voß, Fichte, Schelling, sondern der schlichteste Bergmann oder Seidenweber oder Hafenarbeiter oder Gärtner war ihm ebenso recht. Und wenn so ein Mann aus dem Volke bescheiden meinte, daß er mit seinen einfältigen Worten den berühmten Herrn nicht aufhalten dürfe, antwortete er: „Erzählen Sie! es gibt nichts Unbedeutendes in der Welt. Es kommt nur auf die Anschauungsweise an.“

Einmal machte er ein halbes Kind zu seinem Lehrer. In Ziegenhain bei Jena zeichnete sich nämlich eine Familie Dietrich durch botanische Kenntnisse aus; sie sammelte Arzneikräuter und besorgte für die botanischen Vorträge in Jena die nötigen Pflanzen. Den jüngsten dieser bäurischen Fachgelehrten nahm Goethe 1785 nach Karlsbad mit; schon unterwegs brachte der Jüngling mit eifrigem Spürsinn alles Blühende zusammen und reichte es Goethen in den Wagen, „dabei nach Art eines Herolds die Linnéischen Bezeichnungen, Geschlecht und Art, mit froher Überzeugung, manchmal wohl mit falscher Betonung“ ausrufend. In Karlsbad war der Knabe schon mit Sonnenaufgang im Gebirge und, ehe Goethe noch seine Becherzahl geleert hatte, war er mit seinem Bündel am Brunnen, und manche Kurgäste nahmen neben dem Dichter an dem seltsamen Unterrichte teil. „Sie sahen ihre Kenntnisse auf das anmutigste angeregt, wenn ein schmucker Landknabe im kurzen Westchen daherlief, große Bündel von Kräutern und Blumen vorweisend, sie alle mit Namen, griechischen, lateinischen, barbarischen Ursprungs, bezeichnend.“ Der junge Mensch studierte später und stand in Goethes alten Tagen den großherzoglichen Gärten in Eisenach mit Ehre vor.

So aufmerksam und lernbegierig war Goethe jeden Tag. Die Wolke am Himmel, das Tier am Wege, die Form des Berges, der Lichtschein durch ein Glas: nichts entging ihm. Er konnte mit einem Freunde über Land fahren und plötzlich halten lassen. „Ei, wo kommst denn du hieher?“ redete er dann wohl einen Stein an, und der nächste Bauer mußte ihm sagen, wo mehr solche Steine zu finden seien. Von einem seiner Kutscher, Barth aus Troistedt, wird berichtet, daß er, angesteckt von der Liebhaberei seines Herrn, von seinem hohen Sitze aus gleichfalls scharf ausblickte und zuweilen, die Pferde anhaltend, in den Wagen rief: „Herr Geheemrat, ich globe, da is was für uns!“

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Manchmal gab es wirklich hübsche Entdeckungen. Als Goethe 1785 nach Karlsbad fuhr, achtete er, wie eben erzählt ist, besonders auf Pflanzen, und da entging ihm im Fichtelgebirge der Sonnentau (Drosera rotundifolia) nicht, und er beobachtete, wie die Blätter ihre Purpurhaare, wenn ein Insekt darauf kommt, zusammenlegen und das Insekt töten. Diese Tatsache war damals zwar bereits beschrieben, 1779 durch Dr. Roth in Bremen, aber doch erst Wenigen bekannt. Erst Darwin hat weitere Kreise darauf aufmerksam gemacht.

Als er 1790 auf den Dünen des Lido, welche die venetianischen Lagunen vom Adriatischen Meere trennen, spazieren ging, hob sein Diener einen geborstenen Schafschädel auf und scherzte, es sei ein Judenschädel, denn an jener Stätte wurden früher die Juden beerdigt. Goethe aber sah sofort etwas Neues, eine Förderung der Wissenschaft. Daß der Schädel der Säugetiere aus Wirbelknochen früherer Tierstufen entstanden sei, wußte er schon; hier an diesem zerschlagenen Schöpsenkopf gewahrte er augenblicklich, daß die Gesichtsknochen gleichfalls aus Wirbeln abzuleiten seien, indem er den Übergang vom ersten Flügelbeine zum Siebbeine und den Muscheln ganz deutlich vor Augen hatte.[35]

Im Sommer 1802 fiel ihm auf, daß in jenem Jahre die Wolfsmilchraupe besonders häufig und kräftig ausgebildet war, und sofort studierte er an vielen Exemplaren ihr Wachstum sowie den Übergang zur Puppe. „Auch hier ward ich mancher trivialen Vorstellungen und Begriffe los“ bemerkt er in seinen Annalen.

Goethe selber hat uns anmutig erzählt, wie er zu seinen botanischen Studien kam: mit Abendgesprächen nach den Jagden im Thüringer Walde fing es an; der Verkehr mit dem weimarischen Apotheker Dr. Buchholz und die Garten- und Parkanlagen des Herzogs reizten zur Fortsetzung; das Lesen von Linnés und Rousseaus Schriften erregte Widerspruch oder Zustimmung; und so ging es weiter, bis der Dichter eigene große Wahrheiten den gelehrten Botanikern, die ihn mißtrauisch in ihr Fach eindringen sahen, verkünden konnte, und bis keiner von ihnen an seiner ‚Metamorphose der Pflanzen‘ mehr vorübergehen durfte.

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Das Reisen

Er erwähnt in der Geschichte seines botanischen Studiums ein vorzügliches Mittel, die uns so sehr belehrende Aufmerksamkeit zu steigern: das Reisen. Unsere gewöhnliche Umgebung sehen wir fast gar nicht mehr; sie reizt uns wenig zum Nachdenken; die wunderbarsten Dinge erscheinen uns gemein und leer, wenn wir sie täglich haben:

Dagegen finden wir, daß neue Gegenstände in auffallender Mannigfaltigkeit, indem sie den Geist erregen, uns erfahren lassen, daß wir eines reinen Enthusiasmus fähig sind; sie deuten auf ein Höheres, welches zu erlangen uns wohl gegönnt sein dürfte. Dies ist der eigentliche Gewinn der Reisen, und Jeder hat nach seiner Art und Weise genugsamen Vorteil davon. Das Bekannte wird neu durch unerwartete Bezüge und erregt, mit neuen Gegenständen verknüpft, Aufmerksamkeit, Nachdenken und Urteil.

So erging es Goethen in Italien. Schon in den Alpen fiel ihm die Pflanzenwelt mehr auf als daheim, und im botanischen Garten zu Padua sprach eine Fächerpalme deutlicher zu ihm, als die heimische Birke etwa vermocht hätte. Und nun ließ ihn im Süden die Pflanzenwelt nicht wieder los, obwohl er doch nicht ihretwegen gekommen war.

Das Beobachten unterwegs hat Goethe zu einer wahren Kunst ausgebildet. Er schalt wohl zuweilen auf das Reisen, weil es so sehr zerstreue und verwirre, neue Bedürfnisse errege und andere Fragen beantworte, als man stelle; aber er verstand es doch, vielerlei mit nach Haus zu bringen. Er legte sich stets Aktenfaszikel an, in denen er außer seinen eigenen Notizen Zeitungen, Theaterzettel, Preislisten der Märkte, Rechnungen der Gasthöfe und dergleichen zusammentrug. Sein Auge war auf das Sehen des Eigenartigen außerordentlich eingeübt, weil er sich sein ganzes Leben des Zeichnens befleißigte. Er mochte sein Landschaften-Zeichnen, da er es zu hohen Leistungen nicht brachte, wohl als einen bloßen Zeitvertreib entschuldigen, das für ihn Dasselbe sei wie für Andere das Tabakrauchen, aber zu anderen Zeiten rühmte er es als vortreffliches Bildungsmittel. „Es entwickelt und nötigt zur Aufmerksamkeit“, und: „Meine eigenen Versuche im Zeichnen haben mir doch den großen Vorteil gebracht, die Naturgegenstände schärfer aufzufassen; ich kann mir ihre verschiedensten Formen jeden Augenblick mit Bestimmtheit zurückrufen.“ Das half ihm dann auch wieder, die Malereien Anderer richtig zu werten. Er sah es sofort, wenn ein Maler die Natur nicht kannte, wenn er z. B. einen Baum in eine Umgebung brachte, die in der Wirklichkeit zu einem Baume dieser Art und dieses Wachstums nicht vorkommt.

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Reisebeschreiber

Diese Sachlichkeit war Goethes beständiger Vorsatz, und seine Größe als Mensch rührt namentlich von seinem täglichen Bestreben her: alle Dinge und alle Personen ohne Leidenschaft und Vorurteil zu betrachten, sich selbst zu vergessen, alles Neue ruhig auf sich einwirken zu lassen. Das hielt er auch als Reisender so. Seit Sterne seine berühmte ‚Empfindsame Reise‘ herausgegeben hatte, waren alle Reisebeschreibungen in der Hauptsache den Gefühlen, Ansichten und kleinen Erlebnissen der Reisenden gewidmet. Zuweilen artete Das zu recht eitlem Prangen mit dem lieben Ich aus, z. B. bei Kotzebue. Über dessen Berichte aus seinem Leben spottete Goethe einmal scharf:

Ich bin gewiß, wenn einer von uns im Frühling über die Wiesen von Oberweimar herauf nach Belvedere geht daß ihm tausendmal Merkwürdigeres in der Natur zum Wiedererzählen oder zum Aufzeichnen in sein Tagebuch begegnet, als dem Kotzebue auf seiner ganzen Reise bis an’s Ende der Welt zugestoßen ist. Kommt er wohin, so läßt ihn Himmel und Erde, Luft und Wasser, Tier- und Pflanzenreich völlig unbekümmert; überall findet er nur sich selbst, sein Wirken und sein Treiben wieder; und wenn er in Tobolsk wäre, so ist man gewiß damit beschäftigt, entweder seine Stücke zu übersetzen, einzustudieren, zu spielen.

Goethe dagegen hatte längst die Maxime ergriffen, sich bei Reisen und ihren Beschreibungen „so viel als möglich zu verleugnen und das Objekt so rein, als nur zu tun wäre, in sich aufzunehmen.“ Diesen Grundsatz befolgte er z. B., als er dem römischen Karneval beiwohnte. Durch die mündliche Schilderung dieses Karnevals und durch seine im Druck erschienene Beschreibung hat er vielen Lesern und Zuhörern Freude gemacht. Und dabei gestand er dem Engländer Robinson: „Nichts kann langweiliger sein als dieser Karneval! Ich habe meine Beschreibung wirklich nur gemacht, um davon loszukommen. Meine Wohnung lag am Korso; ich stand auf dem Balkon und schrieb Alles auf, was ich sah. Nicht die kleinste Kleinigkeit habe ich hinzugedichtet.“

Ein einfaches Mittel, aus den persönlichen Schranken zur Sachlichkeit zu gelangen, ist: die Wahrnehmungen und Auffassungen Anderer zu benutzen. Gern nahm Goethe auf einem Ausfluge einen Knaben mit, teils um dessen Freude mitzugenießen, teils um die Dinge gewissermaßen von zwei Seiten zugleich zu sehen. Als er 1796 eine neue Reise nach Italien vorhatte, hätte er gern seinen früheren Zögling Fritz v. Stein zum Begleiter gehabt; Dieser mußte jedoch seine Verhinderung anzeigen, und nun erwiderte Goethe:

Ich verliere dabei sehr viel, denn da ich schon in früherer Zeit so gern und mit so vielem Nutzen durch Dein Organ sah, so würde es mir jetzt auf alle Weise wünschenswert sein, da Du gebildet und in Vergleichung der Dinge durch viele Kenntnisse geübt bist, ich hingegen älter und einseitiger werde.

Einen jungen Musiker Christian Lobe, der von Weimar nach Berlin ging, forderte er auf, ihm über das dortige Theater zu berichten, aber, damit der Bericht sachlich werde, nach einem Schema: Stück – Dichter – Schauspieler – Aufnahme im Publikum – Wirkung auf mich – Wirkung auf die Nachbarn und Bekannten: A., B., C. usw.

Diese Sachlichkeit verlangte er immer. Sobald er merkte, daß Jemand ihn beeinflussen, von vornherein die Dinge in der erwünschten Beleuchtung erscheinen lassen wollte, konnte er ihn wohl andonnern: „Die Sache! die Sache; wie ist Die?“ – So wollte er es haben, wie Sulpiz Boisserée es machte, als er den alten Meister wieder zur Gotik zurückbekehren wollte: statt irgendwie dafür zu schwärmen oder nach Art eines Anwalts Beweise beizubringen, legte Boisserée ruhig eine sprechende Zeichnung nach der andern vor, bis sich Goethe gefangen erklärte.

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Sachlichkeit

Goethe war sich Dessen bewußt, wieviel er diesem fleißigen und sachlichen Betrachten verdankte. Als er nach Italien reiste, schreibt er an die Freundin Charlotte v. Stein:

Wie glücklich mich meine Art, die Welt anzusehen, macht, ist unsäglich, und was ich täglich lerne! Und wie mir doch fast keine Existenz ein Rätsel ist! Es spricht eben Alles zu mir und zeigt sich mir an.

So aus Regensburg am 4. September 1786. Und einige Wochen danach wiederholt er in Vicenza seine Freude, daß er falsche Ansprüche der Reisenden überwunden habe.

Jeder denkt doch eigentlich für sein Geld auf der Reise zu genießen. Er erwartet aber die Gegenstände, von denen er so Vieles hat reden hören, nicht zu finden, wie der Himmel und die Umstände wollen, sondern so rein, wie sie in seiner Imagination stehen: und fast Nichts findet er so, fast Nichts kann er so genießen! Hier ist was zerstört – hier was angekleckt – hier stinkt’s – hier raucht’s – hier ist Schmutz usw. So in den Wirtshäusern, mit den Menschen usw.

Der Genuß auf einer Reise ist, wenn man ihn rein haben will, ein abstrakter Genuß. Ich muß die Unbequemlichkeiten, Widerwärtigkeiten, Das, was mit mir nicht stimmt, was ich nicht erwarte: Alles muß ich bei Seite bringen, in dem Kunstwerk nur den Gedanken des Künstlers, die erste Ausführung, das Leben der ersten Zeit, da das Werk entstand, heraussuchen und es wieder rein in meine Seele bringen, abgeschieden von Allem, was die Zeit, der Alles unterworfen ist, und der Wechsel der Dinge darauf gewirkt haben. Dann hab’ ich einen reinen, bleibenden Genuß, und um dessentwillen bin ich gereist, nicht um des augenblicklichen Wohlseins oder Spaßes willen. Mit der Betrachtung und dem Genuß der Natur ist’s eben Das. Trifft’s dann aber auch einmal zusammen, daß Alles paßt, dann ist’s ein großes Geschenk! Ich habe solche Augenblicke gehabt.

Wenn man in alten Tagen Goethes Genialität rühmte, führte er sie wohl auf seine erworbene Sachlichkeit zurück:

Ich lasse die Gegenstände ruhig auf mich einwirken, beobachte dann diese Wirkung und bemühe mich, sie treu und unverfälscht wiederzugeben. Dies ist das ganze Geheimnis was man Genialität zu nennen beliebt.

So sagte er zum Kanzler v. Müller, und ähnlich zum Prinzenerzieher Soret:

Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein, sondern Tausenden von Dingen und Personen außer mir, die mir dazu das Material boten. Es kamen Narren und Weise, helle Köpfe und bornierte, Kindheit und Jugend wie das reife Alter: alle sagten mir, wie es ihnen zu Sinne sei, wie sie lebten und wirkten und welche Erfahrungen sie sich gesammelt, und ich hatte weiter nichts zu tun als zuzugreifen und Das zu ernten, was Andere für mich gesäet hatten.

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Das stärkste Bedürfnis

Da wir in Goethe zuerst und vornehmlich den Dichter sehen, so will es uns schwer in den Sinn, daß das poetische Schaffen und alles Betätigen überhaupt Goethes stärkster Trieb nicht war, daß seine „Werke“ mehr nur als eine Folge seiner eigentlichen Leidenschaft, des eindringenden Beschauens, angesehen werden müssen. Er las einmal folgende Zeilen über sich: „Zeigt nicht jedes Blatt, daß er ein weit höheres Bedürfnis fühlt, in das innerste Wesen des Menschen und der Dinge einzudringen, als seine Gedanken poetisch auszusprechen?“ Dies ungewöhnliche Urteil setzte ihn in Verwunderung; es erschien ihm aber richtig, und er wollte nur hinzugesetzt haben: „als sprechend, überliefernd, lehrend oder handelnd sich zu äußern.“

Wenn der Ofen geheizt wird, erwärmt er das Zimmer; was der Schriftsteller lernt, wird alsbald weitergegeben.

Ich habe immer nur dahin getrachtet, mich selbst einsichtiger und besser zu machen, den Gehalt meiner eigenen Persönlichkeit zu steigern und dann immer nur auszusprechen, was ich als gut und wahr erkannt hatte.

So sprach er zu Eckermann, und er konnte hinzufügen:

Dieses hat freilich, wie ich nicht leugnen will, in einem großen Kreise gewirkt und genützt; aber es war nicht Zweck, sondern ganz notwendige Folge.

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Der Sammler

Wie sehr Goethe durch bloßes Sehen und Hören, namentlich durch bloßes Sehen, lernte, können wir Heutigen, die wir unser Wissen meist vom Papier her erlangen oder vom Auswendiglernen für die Schule zurückbehielten, uns nur schwer vorstellen. Eine Folge dieser Art des Lernens ist die besondere goethische Sprache. „Ich habe die Gegenstände ruhig auf mich einwirken lassen“ antwortete er selber, als man ihn nach der Ursache seines schönen Stils fragte.

Um die ihn belehrenden Gegenstände nach Wunsch sehen zu können, wurde er ein großer Sammler; von allen Reisen brachte er Schönes und Merkwürdiges heim; mit andern Sammlern tauschte er Entbehrliches aus; die Freunde regte er zur Beihilfe an, und auch Fremde wußten, daß ein Geschenk dieser Art das sicherste Mittel war, ihm Freude zu bereiten und ein freundliches Wort von ihm zu erhalten. Öffentliche Museen gab es noch sehr wenige; es lag selbst dem Landmanne, der beim Pflügen etwas Seltsames fand, der Gedanke nahe, es Goethen zu schicken. Der Dichter selber aber fahndete beständig auf wertvolle Büsten, Gemmen, Münzen, Medaillen, Kupferstiche u. dgl.

So ward zum Pantheon dies enge Haus

Und schmückte sich mit Götterbildern aus.

Gemächer. Säle, Winkelchen und Gänge –

Sie faßten kaum der Kostbarkeiten Menge.[36]

Allein seine Mineraliensammlung umfaßte mehr als 18000 Stücke!

Selbst die Staaten- und Fürstengeschichte sah er in seinen Stuben mit Augen: wenn er nämlich seine Medaillen und Münzen nach Ländern und Zeiten ordnete und betrachtete; z. B. konnte er jeden Papst seit dem fünfzehnten Jahrhundert vorweisen und wußte unzählige Einzelheiten über die Veranlassung der einzelnen Denkmünzen. Und oft konnten Kupferstiche herbeigeholt werden, die noch genauer die Länder und Zeiten anschaulich machten. Immer strebte Goethe zuerst nach dieser Erkenntnis durch die Augen; nachher erst rief er das belehrende Buch zur Hülfe. So nahm er einmal 1400 Schwefelpasten antiker Münzen vor. „Ich habe sie so lange angesehen“ schrieb er an Wilhelm v. Humboldt, „und von allen Seiten betrachtet, bis ich fremder Hülfe bedurfte: dann nahm ich Eckhels fürtreffliches Werk vor.“

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Der Leser

Da der Tag „grenzenlos lang ist“, so fand Goethe aber auch unzählige Stunden zum Lesen. Er hat einmal darüber gescherzt, wieviel Zeit und Mühe ihm das Lesenlernen gekostet habe und daß er kaum mit achtzig Jahren es richtig könne. Wir wissen, wie er im Februar 1828 die Biographie Napoleons von Walter Scott durcharbeitete. Nach jedem Kapitel fragte er sich, was er Neues empfangen, was ihm in die Erinnerung zurückgerufen ward; dann fügte er Selbsterlebtes zu Walter Scotts Berichten hinzu, so daß er bald selber nicht mehr wußte, was er im Buche gefunden und was er hineingetragen habe.

Genug, mir ist der lange, immer bedeutende und mitunter beschwerliche Zeitraum von 1789 an, wo nach meiner Rückkunft aus Italien der revolutionäre Alp mich zu drücken anfing, bis jetzt ganz klar, deutlich und zusammenhängend geworden; ich mag auch die Einzelheiten dieser Epoche jetzt wieder leiden, weil ich sie in einer gewissen Folge sehe. Hier hast Du also wieder ein Beispiel meiner egoistischen Leseweise; was ein Buch sei, bekümmert mich immer weniger; was es mir bringt, was es mir aufregt. Das ist die Hauptsache.

Das ist ganz im Einklang mit seiner Lehre: „Jedes gute Buch versteht und genießt Niemand, als der supplieren kann. Wer etwas weiß, findet unendlich mehr, als der erst lernen will.“ Man muß freilich auch supplieren und dem Verfasser gelehrter Werke ebenso wie dem Künstler nachhelfen wollen! Goethes langjähriger Mitarbeiter Riemer urteilte von seinem Meister, er sei einer von den gutwilligen Lesern gewesen, die das Brot des Autors mit der Butter guten Willens überstreichen und so die Lücken zukleben, wenn sie nicht gar zu groß sind; dagegen habe Goethe von seinem Freunde Reinhard gesagt; „Der ißt das Brot trocken; da kann er freilich sonderbare Dinge erzählen von Dem, wie es ihm geschmeckt!“

Das kluge Lesen

Ein gewöhnlicher Fehler der Lesenden ist, daß sie bei Eintritt in ein neues geistiges Gebiet in falschem Stolze die Schülerbücher meiden und sogleich die höchsten Probleme erfassen möchten. „Ist Das nicht ein starker Beweis von Unwissenheit?“ fragte Soret, und Goethe antwortete; „Jawohl, mein Freund; ich bin auch der Ansicht; daran erkennt man die Esel. Das sind die Spitzen ihrer Ohren!“

Die üblichste Verirrung der Lesenden ist jedoch ihr Bestreben oder Versuch, Alles zu lesen, was von altersher berühmt ist und wovon jetzt gerade die Leute reden oder was der Zufall vor die Augen schiebt.

Man bildet sich vergebens ein, daß man allen literarischen Erscheinungen face machen [ihnen gegenüber Stellung nehmen] könnte. Es geht einmal nicht; man tappt in allen Jahrhunderten, in allen Weltteilen herum und ist doch nicht überall zu Hause, stumpft sich Sinn und Urteil ab, verliert Zeit und Kraft. Man liest Folianten und Quartanten durch und wird um nichts klüger, als wenn man alle Tage in der Bibel läse ....

Man liest viel zu viel geringe Sachen, womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat. ...

Seit ich keine Zeitungen mehr lese, bin ich ordentlich wohler und geistesfreier. Man kümmert sich doch nur um Das, was Andere tun und treiben, und versäumt, was einem zunächst obliegt.

Nicht das Neuigkeits-Verschlingen, sondern das fleißige, treuliche Umgehen mit dem uns gemäßen Großen bildet uns in die Höhe. Wenn Goethe die Kupfer nach den berühmtesten italienischen Malern betrachtete, so bekannte sogar er:

Wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin zurückkehren, um solche Eindrücke in uns aufzufrischen.

Immer wieder Raffael zu betrachten, mahnte er auch Eckermann, damit er im Verkehr mit dem Besten bleibe und sich immerfort übe, die Gedanken eines hohen Menschen nachzudenken.

Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten. Ich zeige Ihnen daher nur das Allerbeste, und wenn Sie sich darin befestigen, haben Sie einen Maßstab für das Übrige.

So hielt er es auch mit den Dichtern. Bei Homer und den griechischen Dramatikern ging er immer wieder in die Schule; ja sogar von dem Romane ‚Daphnis und Chloe‘ des Longos urteilte er: „Man tut wohl, dies Gedicht alle Jahre einmal zu lesen und immer wieder daran zu lernen und den Eindruck seiner großen Schönheit auf’s neue zu empfinden.“ Ebenso konnte er über Shakespeare oder Byron urteilen, und wenn man wegen des Letzteren Einwendungen machte, so erwiderte er: „Alles Große bildet, nicht etwa bloß das entschieden Reine und Sittliche; an Byron ist auch seine Kühnheit, Keckheit, Grandiosität bildend.“ Von Molière bekannte er 1827: „Ich kenne und liebe ihn seit meiner Jugend und habe während meines ganzen Lebens von ihm gelernt. Ich unterlasse nicht, jährlich von ihm einige Stücke zu lesen, um mich im Verkehr des Vortrefflichen zu erhalten.“ Einmal meinte er: „Man sollte eigentlich immer nur Das lesen, was man bewundert,“ und an einem andern Tage: „Es kommt immer darauf an, daß Derjenige, von dem wir lernen wollen, unserer Natur gemäß sei. – – Überall lernt man nur von Dem, den man liebt.“

Ein sehr wertvoller Rat Goethes war schließlich:

Der Mensch mache sich nur irgend eine würdige Gewohnheit zu eigen, an der er sich die Lust in heiteren Tagen erhöhen und in trüben Tagen aufrichten kann. Er gewöhne sich z. B., täglich in der Bibel oder im Homer zu lesen oder Medaillen oder schöne Bilder zu schauen oder gute Musik zu hören. Aber es muß etwas Treffliches, Würdiges sein, woran er sich gewöhnt, damit ihm stets und in jeder Lage der Respekt dafür bleibe.

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Der Lehrer

Das Lernen und Unterrichten war zu Goethes Zeit viel freier, freiwilliger und ungeregelter als heute; Goethe nutzte diese schöne Freiheit auch dadurch aus, daß er zeitlebens ebenso Lehrer war wie Schüler. Schon als Kind verriet er seine lehrhafte Natur: als ihm 1759 ein sechsjähriges Brüderchen starb und er darüber nicht weinte, fragte ihn seine Mutter, ob er denn den kleinen Hermann Jakob nicht lieb gehabt habe; da eilte Wolfgang in seine Kammer, zerrte unter dem Bette eine Menge Papiere hervor, die er mit Lektionen und Geschichten vollgeschrieben hatte. „Dies alles hab ich gemacht, um es den Bruder zu lehren!“

Später belehrte er die Schwester und bald auch alle Freunde und Freundinnen, die sich ihm lernlustig nahten. Zuweilen auch Heranwachsende: die Schüler der Zeichenschule, seinen Pflegesohn Fritz v. Stein, seinen Sohn August, jugendliche Schauspieler und Schauspielerinnen, aus denen er eine Theaterschule bildete. Die verschiedensten Fächer lehrte er: Zeichnen, Malen, Englisch, Botanik, Farbenlehre, Anatomie, Deklamation, deutsche Literatur. Manches Jahr waren den Winter über die weimarischen Fürstinnen, ihre Hofdamen und nächsten Freundinnen, wie Charlotte v. Stein und Charlotte v. Schiller, seine Schülerinnen; sie kamen einmal die Woche, z. B. im Winter 1805/06 Mittwochs vormittags von elf bis ein Uhr, und Goethe hatte dann immer etwas für sie zum Vorzeigen zurechtgelegt und zum Vortragen überdacht. Er sprach frei nach Stichworten, manchmal mit der Hand über die Stirn fahrend, während er denkend redete. Fräulein v. Knebel berichtet einmal an ihren Bruder: „Er sprach so reich, reif und mild, daß ich wirklich noch nie so habe sprechen hören. Ich wünschte, er hätte die Rede aufgeschrieben; mich dünkt, sie allein müßte ihm den Ruhm eines seltenen Menschen machen.“ Mit gutem Grunde widmete Goethe seine ‚Farbenlehre‘ der Herzogin Luise und sein ‚Leben Hackerts‘ der Herzogin Amalie. Zu seinen fürstlichen Schülerinnen gehörte auch die junge kranke Kaiserin von Österreich, Maria Ludowika.

Goethe betont auch hier sein Streben nach eigenem Vorteil. „Ich hielt niemals einen Vortrag, ohne daß ich dabei gewonnen hätte“ erzählte er in der ‚Kampagne in Frankreich‘; „gewöhnlich gingen mir unter’m Sprechen neue Lichter auf.“ Und an Zelter schrieb er 1805 über die erwähnten Mittwochsvorträge: „Ich werde bei dieser Gelegenheit erst gewahr, was ich besitze und nicht besitze.“ Als die ‚Farbenlehre‘ nicht recht rücken wollte, meinte er zu Knebel: „Wenn ich genötigt wäre, diese Lehre nur zwei halbe Jahre öffentlich zu lesen, so wäre Alles getan. Aber die Gelehrsamkeit auf dem Papiere und zum Papiere hat gar zu wenig Reiz für mich.“

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Verirrungen des Forschers

Das beständige Lernen führt Manchen, selbst wenn er durch das Verwenden zum eigenen Vortrag Richtung behält, nur zur Vielwisserei, zum Ansammeln von Einzelheiten und Kleinigkeiten. „Dann hat er die Teile in seiner Hand, Fehlt leider! nur das geistige Band!“ Goethe war zur Vielgelehrsamkeit nach Böttigers Art zu sehr Dichter, zu wenig Kleinigkeitsphilister. Er suchte stets im Einzelnen das Allgemeine, in der „zufälligen“ Erscheinung das Gesetz, im Wechselnden das Bleibende. „Wir befinden uns in einem Chaos von Kenntnissen, und Keiner ordnet es; die Masse liegt da, und man schüttet zu; aber ich möchte es machen, daß man wie mit einem Griff hineingriffe und Alles klar würde.“ Die Natur läßt sich zwar ihre letzten Geheimnisse nicht abzwingen, aber dann und wann gelingt es uns, den Schöpfergedanken näher zu kommen. Und eben Das war sein Streben bei aller gelehrten Arbeit.

Philosophie

Andere wieder verlieren sich, um zu großen Wahrheiten zu gelangen, in metaphysischen Phantasien, im Aufbauen philosophischer Systeme oder in okkultistischen Träumereien. Dazu war Goethe wieder zu sehr Naturforscher: Erfahrung, Beobachtung, Versuch sollten ihm zur Erkenntnis verhelfen. Vor dem Okkultismus hütete er sich, obwohl er manche seiner Lehren durchaus nicht leugnete.

Wir wandeln alle in Geheimnissen. Wir sind von einer Atmosphäre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich alles in ihr regt und wie es mit unserem Geiste in Verbindung steht. So viel ist wohl gewiß, daß in besonderen Zuständen die Fühlfäden unserer Seele über ihre körperlichen Grenzen hinausreichen können und ihr ein Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die Zukunft gestattet ist.

Aber er mochte doch nie eine Somnambule sehen, auch dann nicht, als der Ruhm der Seherin von Prevorst seine Umgebung sehr beschäftigte. Er kannte die Gefahr solcher Studien. „Man wird selbst zum Traum, zur Niete, wenn man sich mit diesen Phantomen beschäftigt“ schrieb er schon 1788 an Herder, der, wie seine Gattin, recht abergläubisch war. Und 1830 meinte er auch zum Kanzler:

Ich habe mich immer von Jugend auf vor diesen Dingen gehütet, sie nur parallel an mir vorüberlaufen lassen. Zwar zweifle ich nicht, daß diese wundersamen Kräfte in der Natur des Menschen liegen; aber man ruft sie auf falsche, oft frevelhafte Weise hervor. Wo ich nicht klar sehen, nicht mit Bestimmtheit wirken kann, da ist ein Kreis, für den ich nicht berufen bin.

Gegen die Philosophen und ihre „Ideen“ war er gleichfalls sehr mißtrauisch. Schiller hatte ihn zuerst durch sein wüstes Jugenddrama abgestoßen; als dann der Dichter der ‚Räuber‘ auch noch Kantianer wurde, empfand ihn Goethe erst recht als Geistes-Gegenfüßler, mit dem ein Verkehr unmöglich sei. Aber ihr beiderseitiges Suchen nach großen Anschauungen mußte sie dennoch zusammenführen. Sie hörten in Jena einmal einen naturwissenschaftlichen Vortrag; beim Hinausgehen kamen sie in ein Gespräch, wobei Schiller bemerkte, daß eine so zerstückelte Art, die Natur zu behandeln, den Laien nicht anmuten könne. Goethe horchte auf. Auch dem Eingeweihten bleibe diese zerstückelte Art vielleicht unheimlich, war seine Antwort, und vielleicht könne man es auch anders machen. Man brauche nicht die Natur gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern könne sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend, darstellen. Schiller sah ihn ungläubig an, denn Dergleichen glaubte er den Philosophen vorbehalten, zu denen doch Goethe nicht gehören wollte. So schritten sie weiter, bis an Schillers Haus, bis in sein Zimmer, und dort trug dann Goethe die Metamorphose der Pflanzen lebhaft vor, indem er mit manchen charakteristischen Federstrichen eine symbolische Pflanze vor Schillers Augen entstehen ließ. Dieser hörte mit lebhafter Teilnahme zu; aber als Goethe geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: „Das ist keine Erfahrung, Das ist eine Idee!“ Nun stutzte Goethe, einigermaßen verdrießlich. Sein alter Groll gegen die Philosophierei wollte sich wieder regen, aber er nahm sich zusammen und antwortete: „Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.“ Und die nächsten Tage trug er sich mit der Frage: Wenn er Das für eine Idee hält, was ich als Erfahrung anspreche, so muß doch zwischen beiden eine Vermittelung sein? –

So begann ein zehnjähriger Umgang: Beide waren Lehrer und Schüler; Goethe entwickelte die philosophischen Anlagen, die seine Natur enthielt, und eignete sich noch recht ansehnliche Kenntnisse auf diesem Gebiete an.

Aber 1829 konnte er jedoch ohne viel Übertreibung zu Eckermann sagen: „Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei gehalten; der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige.“

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Irrtum

Das fruchtbarste Lernen ist die Überwindung des eigenen Irrtums. Wer keinen Irrtum eingestehen will, kann ein großer Gelehrter sein, aber er ist kein großer Lerner. Wer sich des Irrtums schämt, Der sträubt sich, ihn zu erkennen und zuzugeben; d. h. er sträubt sich vor einem besten innerlichen Gewinn. Da Jedermann irrt, da die Weisesten geirrt haben, so haben wir keinen Grund, unsern Irrtum als etwas Schändliches zu empfinden.

Wenn wir Dasjenige aussprechen, was wir im Augenblick für wahr halten, so bezeichnen wir eine Stufe der allgemeinen Kultur und unserer besonderen. Ob ich mich selbst [berichtige] oder durch Andere zurechtweisen lasse, ist für die Sache selbst gleichviel; je geschwinder es geschieht, desto besser.

„Irrend lernt man!“ rief Goethe seinem Sohne August zu, als Dieser Einkäufe bei Frankfurter Antiquaren machen sollte und sich vor dem Betrogenwerden fürchtete. Und als Frau Grüner in Eger klagte, ihr Mann, den Goethe mit mineralogischen Neigungen angesteckt hatte, bringe so viele gemeine Steine mit nach Hause, neben den wenigen schönen, und verkratze die Tischplatten damit, da erwiderte Goethe: „Machen Sie sich nichts daraus! Ich habe auch manche Fuhre zur Verbesserung der Wege wieder hinausgeschafft. Die Sache läutert sich und macht uns Vergnügen, wenn wir eines Besseren belehrt werden.“

Schon 1804 sprach Goethe in einem Briefe an Eichstädt den kühnen Gedanken aus, daß man sogar am offenbaren Irrtum Wohlgefallen haben dürfe:

Bei strenger Prüfung meines eigenen und fremden Ganges in Leben und Kunst fand ich oft, daß Das, was man mit Recht ein falsches Streben nennen kann, für das Individuum ein ganz unentbehrlicher Umweg zum Ziele sei. Jede Rückkehr vom Irrtum bildet mächtig den Menschen im Einzelnen und Ganzen aus, so daß man wohl begreifen kann, wie dem Herzensforscher ein reuiger Sünder lieber sein kann als neunundneunzig Gerechte. Ja, man strebt oft mit Bewußtsein zu einem scheinbar falschen Ziel, wie der Fährmann gegen den Fluß arbeitet, da ihm doch nur darum zu tun ist, gerade auf dem entgegengesetzten Ufer anzulanden.

Das Erkennen eines eigenen Irrtums oder einer eigenen Schwäche macht uns namentlich auch duldsam und freundlich gegen andere Irrende. „Eigener Fehler erhält Demut und billigen Sinn“ steht von Goethes Hand im Stammbuche seines Schülers Fritz v. Stein.

Trotzdem gibt Goethe zu, daß es nicht so ganz leicht sei, sich von einem Irrtum zu trennen; „Man zaudert und zweifelt und kann sich nicht entschließen, so wie es schwer hält, sich von einem geliebten Mädchen loszumachen, von deren Untreue man längst wiederholte Beweise hat.“

Aber es bleibt doch dabei: der Fehler nützt uns erst, wenn wir ihn erkennen.

[35] Bedeutende Fördernis d. e. g. W. 1823.

[36] Paul Heyse. – Mehrere Freunde klagten sogar, daß Goethe sich naturwissenschaftliche oder künstlerische Merkwürdigkeiten von ihnen angeeignet habe, die sie nicht als Geschenk gemeint hatten. Sich selbst bereichern wollte er nicht, denn der Geldwert seines Museums kam ihm selten in den Sinn: erst 1831 dachte er einmal daran, es an die Großherzogin Marie zu verkaufen; vielmehr waren diese Sammlungen, die jedem Liebhaber zugänglich waren, ein Opfer von ihm für die Gemeinschaft. In seinem Testamente von 1831 erklärte er, daß er seit 60 Jahren wenigstens 100 Dukaten jährlich (960 M.) für den Ankauf von Kunstwerken und Seltenheiten verwandt habe.