XV. Kampf und Glück

Glücklich und unglücklich

„Von mir sagen die Leute, der Fluch Kains läge auf mir,“ schreibt der vierundzwanzigjährige Goethe an seinen Freund Kestner, und ein andermal drückt er Dasselbe in althellenischem Bilde aus, indem er sich zu des Tantalus Geschlecht rechnet. „Goethe ist nicht glücklich und kann schwerlich glücklich werden“ schrieb 1779 seine Freundin Johanna Fahlmer an Fritz Jacobi. „Er ist ein sehr unglücklicher Mensch“ urteilte 1791 der deutsch-dänische Bischof Münter über den zweiundvierzigjährigen Goethe, „muß beständig mit sich selbst in Unfrieden leben.“

Später sagten scharfe Beobachter: Goethe sehe aus wie Einer, der großen Kummer in sich verarbeitet habe. Aber allmählich entstand der Glaube, daß Goethe ein Schoßkind des Glückes gewesen sei: ihm habe das Leben so heiter gelacht wie nur irgend einem Sterblichen.

Den gewöhnlichen Kampf um’s Dasein, der die Meisten von uns zeitlebens beschäftigt, hat Goethe allerdings nicht kämpfen müssen; ernste Sorgen um Einkommen und Auskommen hat er sich nie zu machen brauchen; zu hohem Ansehen und Rang kam er schon in recht jungen Jahren; Freunde und Freundinnen erwarb sich der schöne und begabte Mann ohne viel Mühe. Aber tausend Quellen von Leid und Not fließen auch noch auf solchen Bevorzugten zu, und es muß ein tapferer Schwimmer sein, der ihre Fluten teilen und das Ufer erreichen will, zu dem er strebt.

Auch Goethe hatte tausendfach zu ringen: um körperliche und geistige Gesundheit, um häusliches Wohlbefinden, um ein gutes Verhältnis zu den Menschen, die ihn nah und fern umgaben. Bei seiner großen Weichheit und Empfindlichkeit trafen ihn die Krankheits- und Todesfälle und sonstige Nöte in seiner Freundschaft außerordentlich schwer. Sein ehemaliger Hausgenosse Heinrich Meyer wußte von den sehr starken Ausbrüchen des Schmerzes zu erzählen, denen sich Goethe beim Tode seiner Kinder hingab: daß er sich laut weinend auf der Erde gewälzt habe. Wir wissen, daß Niemand wagte, ihm Schillers Tod zu sagen; ebenso war es, als Ernestine Vulpius, eine Schwester seiner Frau, der Schwindsucht erlegen war. Als ihm dann der einzige übrig gebliebene Sohn auch noch in’s dunkle Land vorausging, seufzte der Greis: „Es scheint, als wenn das Schicksal die Überzeugung habe, man sei nicht aus Nerven, Venen, Arterien und anderen daher abgeleiteten Organen, sondern aus Draht zusammengeflochten.“ So empfand er also das allgemeine menschliche Schicksal tief. Welche besonderen Leiden aber der geniale, nach höchsten Erkenntnissen strebende Forscher trägt, hat uns Goethe im ‚Faust‘ offenbart; an eben solche Leiden dachte der genannte Bischof Münter, als er von Goethes Unglück sprach: „Alles arbeitet in seinem Kopf und drängt ihn zur Tätigkeit, und doch will er sein Amt nicht abwarten ... Hat Botanik, Anatomie, Kunst studiert, Alles wieder liegen lassen und arbeitet nun über die Theorie der Farben.“ Und Schopenhauer belehrt uns:

Die bloßen Talentmänner kommen stets zur rechten Zeit; denn, wie sie vom Geiste ihrer Zeit angeregt und von dem Bedürfnis derselben hervorgerufen werden, so sind sie auch gerade nur fähig, Diesem zu genügen. Sie greifen daher ein in den fortschreitenden Bildungsgang ihrer Zeitgenossen oder in die schrittweise Förderung einer speziellen Wissenschaft; dafür wird ihnen Lohn und Beifall.

Das Genie hingegen trifft in seine Zeit wie ein Komet in die Planetenbahnen, deren wohlgeregelter und übersehbarer Ordnung sein völlig exzentrischer Lauf fremd ist. Demnach kann es nicht eingreifen in den vorgefundenen regelmäßigen Bildungsgang der Zeit, sondern wirft seine Werke weit hinaus in die vorliegende Bahn, auf welcher die Zeit solche erst einzuholen hat. Daher steht das Genie in seinem Treiben und Leisten meistens mit seiner Zeit im Widerspruch und Kampf.

Aus innerster Seele hat Goethe diesen Kampf und diese Einsamkeit des genialen oder auch nur des eigenartigen Menschen in seinen Dichtungen manches Mal dargestellt. Was hat nicht Tasso zu tragen, weil sich die Welt in ihm anders spiegelt als in regelrechten Hofleuten und fürstlichen Personen! Die Kühnsten der goethischen Helden ballen in ihrer Verzweiflung sogar gegen den Himmel die Faust. „Ich dich ehren? Wofür? Hast du die Schmerzen gelindert je des Beladenen? Hast du die Tränen gestillet je des Geängsteten?“ So ruft Prometheus, und nicht weniger bitter ist das Mitleid, mit dem Mephistopheles die Jubelhymnen der Erzengel in seiner Weise abschließt: „Von Stern und Welten weiß ich nichts zu sagen; ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen ... Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen!“ Werther erschießt sich, Faust führt die Giftschale an den Mund, und ihr Dichter bekennt:

Daß die Symptome dieser wunderlichen, so natürlichen als unnatürlichen Krankheit [des Lebensekels] auch einmal mein Innerstes durchrast haben, daran läßt ‚Werther‘ wohl Niemand zweifeln. Ich weiß recht gut, was es mich für Entschlüsse und Anstrengungen kostete, damals den Wellen des Todes zu entkommen, sowie ich mich aus manchem spätern Schiffbruch auch mühsam rettete und mühselig erholte.

So schrieb er 1812, als sich Zelters Stiefsohn das Leben genommen hatte, und vier Jahre später, als er den ‚Werther‘ selber wieder gelesen:

Da begreift man denn nun nicht, wie es ein Mensch noch vierzig Jahre in einer Welt hat aushalten können, die ihm in früher Jugend schon so absurd vorkam.

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Schicksal des Eigenartigen

So wenig wertvoll also erschien auch diesem Bevorzugten das Leben. Das Verbleiben darin konnte er nur durch einen geheimnisvollen Lebensdrang erklären, der unser Sonderwesen erst völlig ausgebildet und danach völlig verbraucht sehen will, ehe er die Auflösung des Leibes, seines Werkzeuges, zuläßt.

Ein Teil des Rätsels löst sich dadurch, daß Jeder etwas Eigenes in sich hat, das er auszubilden gedenkt, indem er es immerfort wirken läßt. Dieses wunderliche Wesen hat uns nun tagtäglich zum besten, und so wird man alt, ohne daß man weiß: wie und warum. Beseh’ ich es recht genau, so ist es ganz allein das Talent, das in mir steckt, was mir durch alle die Zustände durchhilft, die mir nicht gemäß sind und in die ich mich durch falsche Richtung, Zufall und Verschränkung verwickelt sehe.

Daß Goethe stets bemüht war, sein Inneres vor fremden Anforderungen nach Möglichkeit zu beschützen oder davon wieder freizumachen, und wie ernst und treu er sich um die höchste Ausbildung seiner Persönlichkeit bemühte, haben wir in manchen Einzelheiten gesehen; einen deutlichsten Ausdruck fand dies Bestreben um die Mitte seines Lebens durch die Flucht nach Italien. Alles Befreien unserer Persönlichkeit, alle Entfaltung unserer besonderen Kräfte, alles Offenbaren unserer Begabung durch Taten oder Werke, alles Herausstellen von Leistungen, die unser Gepräge haben, stimmt uns nun aber glücklich.

Volk und Knecht und Überwinder,

Sie gestehen jederzeit:

Höchstes Glück der Erdenkinder

Sei nur die Persönlichkeit.

So hatte Goethe bei allen Leiden, die ihn als eine eigenartige und zugleich sehr zarte Persönlichkeit trafen, in seiner ziemlich freien Stellung und in der dadurch gegebenen Möglichkeit freier, persönlicher Arbeit eine unversiegliche Quelle des Glücks. Besonders mußte ihn auch sein beständiges Lernen erheitern, denn das Lernen ist, was im Zeitalter der Zwangsschulen nicht Jedermann weiß, eine Ursache des Wohlbefindens und muß es sein, da es eine Ausdehnung und Bereicherung unserer Persönlichkeit, ein inneres Besitzergreifen der Welt bedeutet. „Das einzige reine Glück“, lehrt Schopenhauer,

welchem weder Leiden, noch Bedürfnis vorhergeht, noch auch Reue, Leiden, Leere, Überdruß notwendig folgt, ist das reine willensfreie Erkennen (die ästhetische Kontemplation) ...

Quellen des Glücks

In der Kindheit verhalten wir uns viel mehr erkennend als wollend. Gerade hierauf beruht jene Glückseligkeit des ersten Viertels unseres Lebens, infolge welcher es nachher wie ein verlorenes Paradies hinter uns liegt. Wir haben in der Kindheit nur wenige Beziehungen und geringe Bedürfnisse, also wenig Anregung des Willens; der größere Teil unseres Wesens geht demnach im Erkennen auf, und zwar in dem Erkennen, das im stillen an den individuellen Dingen und Vorgängen die Grundtypen, die Ideen, das Wesen des Lebens selbst aufzufassen beschäftigt ist. Hieraus entspringt die Poesie und Seligkeit der Kinderjahre.

Der geniale Mensch ist dem Kinde verwandt – Goethe ist bei Lebzeiten oft ein großes Kind genannt worden – und bedarf nicht erst der Mahnung: „So ihr nicht werdet wie die Kinder ...“ „Der gewöhnliche Mensch“ sagt wiederum Schopenhauer,

diese Fabrikware der Natur ist einer völlig uninteressierten Betrachtung der Dinge, welches die eigentliche Beschaulichkeit ist, nicht – wenigstens nicht anhaltend – fähig. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf die Dinge nur insofern, als sie irgend eine, wenn auch nur sehr mittelbare Beziehung auf seinen Willen haben. Der Geniale dagegen verweilt bei der Betrachtung des Lebens selbst, strebt, die Idee jedes Dinges zu erfassen, nicht dessen Relationen zu andern Dingen und zum Willen. Während dem gewöhnlichen Menschen sein Erkenntnisvermögen die Laterne ist, die seinen Weg beleuchtet, ist es dem Genialen die Sonne, welche die Welt offenbar macht ...

Der Normalmensch ist gänzlich auf das Sein verwiesen, das Genie hingegen lebt und webt im Erkennen. Daraus folgt, da alle Dinge herrlich zu sehen, aber schrecklich zu sein, daß auf dem Leben der gewöhnlichen Leute ein dumpfer, trüber, einförmiger Ernst liegt, während auf der Stirn des Genies eine Heiterkeit eigener Art glänzt.

Schopenhauer hatte bei diesen Ausführungen Goethe, den er persönlich kannte, im Auge. Und der Kanzler v. Müller, der die Erlebnisse des alten Goethe am nächsten sah, sagt geradezu, daß er jedes Unglück durch das Erkennen zu überwinden trachtete.

Denn ihm war es Bedürfnis, von jedem noch so heterogenen Zustande einen deutlichen Begriff zu gewinnen, und die unglaubliche Fertigkeit, mit der er jedes Ereignis, jeden persönlichen Zustand in einen Begriff zu verwandeln wußte, ist wohl als das Hauptfundament seiner praktischen Lebensweisheit anzusehen, hat sicher am meisten beigetragen, ihn, den von Natur so Leidenschaftlichen, so leicht und tief Erregbaren, unter allen Katastrophen des Geschicks im ruhigen Gleichgewicht zu erhalten. Indem er stets das geschehene Einzelne sofort an einen höheren allgemeinen Gesichtspunkt knüpfte, in irgend eine erschöpfende Formel aufzulösen suchte, streifte er ihm das Befremdliche oder persönlich Verletzende ab und vermochte nun, es in der Form naturmäßiger Gesetzlichkeit ruhig zu betrachten, ja als ein Geschichtliches, gleichsam nur zur Erweiterung seiner Begriffe Erscheinendes, zu neutralisieren. Wie oft hörte ich ihn äußern: „Das mag nun werden, wie es will, den Begriff davon habe ich weg; es ist ein wunderlicher komplizierter Zustand, aber er ist mir doch völlig klar.“ So gewöhnte er sich denn immer mehr, Alles, was im nähern und weitern Kreise um ihn vorging, als Symbol, ja sich selbst nur als geschichtliche Person zu betrachten, ohne darum an liebevoll persönlicher Teilnahme für Freunde und Gleichgesinnte abzunehmen.

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Erkennen und arbeiten

Im Jahre 1817 rühmte Knebel seinen alten Freund gegen Frau v. Schiller mit diesen Worten:

Er hat sich ein Reich der Kenntnisse und Wissenschaften erschaffen, worin er sich immer zu beschäftigen weiß, und seine fast unerschöpfliche Produktivität sichert seinen Geist vor äußern Anfällen des Schicksals.

Damals war Goethe durch den Tod seiner Frau einsamer geworden und hatte auch noch die etwas gewaltsame Trennung vom Theater zu verwinden. Nach dem allerletzten Schlage, der ihn traf, nach Augusts Tode oder Untergange, schrieb Goethe selber:

In solchen Epochen fühl’ ich erst recht den Wert eines allgemeinen Wissens, verbunden mit einer besonderen Teilnahme an dem Guten und Schönen, das die unendlich mannigfaltige Welterscheinung uns darbietet.

Damit meinte er kein untätiges Betrachten. Vielmehr war angestrengtes Arbeiten ein Hausmittel Goethes, um über schmerzliche Erlebnisse hinwegzukommen. Besonders nach dem Tode eines Nahestehenden fragte er, „was uns zu erhalten und zu leisten übrig bleibt.“ „Das Außenbleiben meines Sohnes“ schreibt er an Zelter, als August an der Pyramide des Cestius begraben war,

das Außenbleiben meines Sohnes drückte mich, auf mehr als eine Weise, sehr heftig und widerwärtig; ich griff daher zu einer Arbeit, die mich ganz absorbieren sollte. Der vierte Band meines ‚Lebens‘ lag, über zehn Jahre, in Schematen und teilweiser Ausführung, ruhig aufbewahrt, ohne daß ich gewagt hätte, die Arbeit wieder vorzunehmen. Nun griff ich sie mit Gewalt an, und es gelang so weit, daß der Band gedruckt werden könnte ... Plötzlich riß ein Gefäß in der Lunge, und der Blutauswurf war so stark, daß, wäre nicht gleich und kunstgemäße Hilfe zu erhalten gewesen, hier wohl die ultima linea rerum sich würde hingezogen haben.

Aber auch in gewöhnlichen Zeiten nutzte Goethe das Arbeiten und Lernen als Mittel zum Wohlbefinden aus. „Vielleicht waren die Marienbader Zeiten [die Sommer 1820-22] die glücklichsten des goethischen Alters“ urteilt ein guter Kenner[37], und bezeichnend ist, daß dieser Kenner in der begründenden Fortsetzung lauter Lerngelegenheiten aufführt.

Auf der Hin- und Rückreise hielt er sich immer länger im alten historischen Eger auf. Auf seinen mineralogischen Fahrten durchquerte er neue Strecken des Landes. Einzelne Ausflüge führten u. a. nach Franzensbad, Liebenstein, Dölitz, Hartenberg, Falkenau, Seeberg, Schönberg, Waldsassen, Redwitz, Elbogen. Seine meteorologischen Studien fanden Förderung im Stifte Tepl. Alle sozialen und nationalökonomischen Einrichtungen studiert er; er läßt sich im Erzgebirge das neu eingeführte Spitzenklöppeln zeigen, beobachtet die Glasfabrikation, interessiert sich für Schleifsteine, für Maschinen zum Zügeln der Ochsen, für böhmische Pflüge; er wohnt dem Unterricht und der Prämienverteilung im Gymnasium zu Eger bei, sieht Schulbücher und Chrestomathien durch, läßt sich über den Geist wie über Einzelheiten der Verwaltung und Regierung aufklären; alles Altertümliche und Eigenständige fällt ihm auf, z. B. die Organisation der künischen Freibauern im Südwesten von Pilsen, die eine Art von Selbstregiment führen.

Man sieht Goethe in seinen Eigentümlichkeiten nie deutlicher, als wenn man seinen Bericht über die Kampagne in Frankreich liest. Der König von Preußen, der Herzog von Braunschweig, sein eigener Herzog, alle die Offiziere und Soldaten um ihn herum kämpfen mit den Franzosen und mit den noch gefährlicheren Unbilden eines unaufhörlichen Regenwetters. Goethe befindet sich mitten in diesem Kampf und Erleiden, aber sein Geist richtet sich auf naturwissenschaftliche Erkenntnis. Eine weiße Topfscherbe, die in eine Quelle geworfen war und nun aus der Tiefe herauf die schönsten Farben zeigt, beschäftigt ihn tagelang, wochenlang. Als Verdun bombardiert wird, geht er abends mit einem Fürsten von Reuß hinter den Weinbergsmauern, die sie vor den Kugeln der Belagerten schützen, auf und ab; der Fürst fragt nach des Dichters letzten Arbeiten, und Goethe spricht stundenlang von der weißen Scherbe und von seinen sonstigen optischen Studien. Sie reden die Nacht hindurch, denn der Fürst wird von Goethes Ausführungen ergriffen; sie wärmen sich bei einbrechendem Morgen an einem Biwakfeuer der Österreicher und reden weiter über die Wunder der Natur. Und als Goethe vierzehn Tage später immer noch mit den Kriegsgenossen dem ärgsten Regen und tausend Unbequemlichkeiten ausgesetzt war, dachte er auch immer noch an seine Quelle und die Blau- und Violettfarben der Scherbe.

Es regnete unaufhörlich, nicht ohne Windstoß; die Zeltdecke gewährte wenig Schutz. Glückselig aber Der, dem eine höhere Leidenschaft den Busen füllte! Die Farbenerscheinung der Quelle hatte mich diese Tage her nicht einen Augenblick verlassen; ich überdachte sie hin und wieder, um sie zu bequemen Versuchen zu erheben. Da diktierte ich an Vogel (des Herzogs Schreiber) in’s gebrochene Konzept und zeichnete nachher die Figuren daneben. Diese Papiere besitze ich noch mit allen Merkmalen des Regenwetters.

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Die Scherbe im Wasser

Alle Übel haben ein anderes Gesicht, je nachdem wir uns zu Zeit und Ewigkeit, zu Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verhalten. Goethe rät uns Zweierlei, was sich nicht sogleich zusammenreimen will: Lebe im Augenblick! Lebe in der Ewigkeit! Eine Brücke zwischen beiden Begriffen schlägt er, wenn er Eckermann zuruft: „Halten Sie immer an der Gegenwart fest! Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.“ Räumlich drückte er denselben Gedanken gern durch lateinische Sprichwörter aus: „Hic est aut nusquam quod quaerimus“, „Hic Rhodus, hic salta!“ Verdeutscht und verzeitlicht im ‚Wilhelm Meister‘: „Hier oder nirgends ist Amerika!“

Er warnt also vor jeder Beschädigung und Geringschätzung der Gegenwart durch die Vergangenheit oder durch die Zukunft und will Ähnliches sagen wie Christi Mahnungen: „Laßt die Toten ihre Toten begraben! Sorget nicht für den anderen Morgen!“ Weil die Menschen die Gegenwart nicht zu würdigen, zu beleben wüßten, schmachteten sie so nach einer besseren Zukunft, kokettierten sie so mit der Vergangenheit, sagte er zum Kanzler, als von romantischen und sentimentalen Gedichten, von Proben der ihm verhaßten „Lazarettpoesie“ die Rede war. Demselben Freunde riet er, sich nicht durch Reue und schmerzliche Rückblicke die Stunde zu verderben:

Keine Rekriminationen, keine Vorwürfe über Vergangenes, nun doch nicht zu Änderndes! Jeder Tag bestehe für sich! Wie kann man leben, wenn man nicht jeden Abend sich und Andern ein Absolutorium erteilt!

Ein Mann nach Goethes Sinn mußte nach jedem Unfall sofort wieder auf den Beinen stehen. Karl August war nach seinem Sinn:

Wenn Etwas mißlang, so war davon weiter nicht die Rede. Ich dachte oft, wie ich dies oder jenes Verfehlte bei ihm entschuldigen wollte, allein er ignorierte jedes Mißlingen auf die heiterste Weise und ging immer sogleich wieder auf etwas Neues los.

Mit Vergnügen erzählte er auch vom Salinendirektor Glenck in Stotternheim, dem in seinem Schacht ein sehr kostspieliges Mißgeschick passiert war, der jedoch in seinem Bericht keinen andern Gedanken hinzufügte, als: „Ich habe eine Erfahrung gemacht, die mir nicht verloren sein soll.“ „Das nenne ich doch noch einen Menschen, an dem man Freude hat!“ rief Goethe aus.

Gegenwartsmenschen

Sich selber schildert Goethe als einen Gegenwartsmenschen etwas anderer Art. Er mochte sich seine eigene Vergangenheit nicht wieder lebendig machen (außer wo sie schon so weit von ihm entfernt lag, daß er sie kühl-geschichtlich, als Etwas, was ihn wenig anging, betrachten konnte). Er mochte seine Dichtungen nicht gern wieder lesen; selbst seine ‚Iphigenie‘ von 1786 war ihm 1793 lästig, als die Freunde in Düsseldorf sie hören wollten. Er wünschte nur Das vorzutragen, was ihm jetzt gerade gemäß war: Naturwissenschaftliches am liebsten. Er erzählt, daß er durch diese Eigenheit in Jacobis Hause, wo man in ihm den früheren Freund wieder genießen wollte, in ein Mißverhältnis kam; denn er konnte und wollte nicht „ganz der Alte“ sein und machte sich um seine günstige Erscheinung und Wirkung keine Gedanken.

Wie ich überhaupt ziemlich unbewußt lebte und mich von Tag zum Tage führen ließ, wobei ich mich, besonders die letzten Jahre, nicht übel befand, so hatte ich die Eigenheit, niemals weder eine nächst zu erwartende Person, noch eine irgend zu betretende Stelle vorauszudenken, sondern diesen Zustand unvorbereitet auf mich einwirken zu lassen. Der Vorteil, der daraus entsteht, ist groß: man braucht von einer vorgefaßten Idee nicht wieder zurückzukommen, nicht ein selbstbeliebig gezeichnetes Bild wieder auszulöschen und mit Unbehagen die Wirklichkeit an dessen Stelle aufzunehmen. Der Nachteil mag dagegen wohl hervortreten, daß wir mit Unbewußtsein in wichtigen Augenblicken nur herumtasten und uns nicht gerade in jeden ganz unvorhergesehenen Zustand aus dem Stegreife zu finden wissen. In eben dem Sinne war ich auch nie aufmerksam, was meine persönliche Gegenwart und Geistesstimmung auf die Menschen wirke.

Hier erscheint uns sein Im-Augenblick-Leben als etwas Unfreiwilliges; aber auch der Ausruf: „Ich will nicht hoffen und fürchten wie ein gemeiner Philister“ kennzeichnet ihn. In den schwersten Zeiten machte er es sich zur Regel, nicht vor und zurück, sondern auf den Tag zu schauen, nur dem gegenwärtigen Tage zu leben. Und auf die Frage: „Was ist deine Pflicht?“ antwortet er: „Die Forderung des Tages.“

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Leben in großen Zeiträumen

Aber wir wissen schon, daß er nicht mit kleinen Tagesdingen den Tag ausfüllte, nicht mit Tageblattlesen, mit Tagesklatsch-Anhören, mit Teilnahme an politischem Tagesstreit. Als im Juli 1830 in Paris die Revolution ausgebrochen war, sagte Goethe zu Soret: „Nun, was denken Sie von dieser großen Geschichte? Alles steht in Brand! Es verläuft nicht mehr bei geschlossenen Türen! Der Vulkan kommt zum Ausbruch!“ Soret stimmte ein: „Die Lage ist entsetzlich! Eine so erbärmliche Familie, die sich auf ein ebenso erbärmliches Ministerium stützt, gibt wenig Hoffnung. Man wird sie schließlich fortjagen.“ Da guckt Goethe den Gast ganz verwundert an und ruft aus: „Aber ich rede ja nicht von dieser Gesellschaft! Was liegt mir denn daran! Es handelt sich um den großen Streit zwischen Cuvier und Geoffroi.“ Darauf also hatte Goethe während der Juli-Revolution geachtet, und er hatte recht: denn in diesem Streit handelte es sich wirklich um etwas Großes: um die Entwicklungslehre, und Das war Etwas, woran Goethe viele Jahre mitgearbeitet hatte, was ihn wirklich mehr anging als das jeweilige Bild auf dem politischen Theater der Pariser.

Wissenschaft und Kunst reichten ihm dauernde Güter; lesend und beschauend konnte er sich mit den besten Vorfahren, schreibend mit den besten Künftigen unterhalten.

Wie es die Welt jetzt treibt, muß man sich immerfort sagen und wiederholen: daß es tüchtige Menschen gegeben hat und geben wird, und Solchen muß man ein schriftliches gutes Wort gönnen und auf dem Papier hinterlassen ...

Ich möchte mich nur mit Dem beschäftigen, was bleibende Verhältnisse sind und so nach der Lehre des Spinoza meinem Geiste die Ewigkeit verschaffen.

So schrieb der Vierzigjährige, und dieser Wunsch lebte immer in ihm. Es war nicht Absicht und ist doch kein Zufall, daß die Dichtung, die ihn durch sein ganzes Leben hindurch beschäftigte, der ‚Faust‘, die Geschichte von drei Jahrtausenden umfaßt: von der Eroberung Trojas bis zu Byrons Teilnahme am Befreiungskriege der Neugriechen. Auch wenn er sich, wie so oft und gern, in den Sammlungen seines Hausmuseums bewegte, ließ er sich von ältesten und neuesten Zeiten erfreuen, belehren, unterhalten. Wir wissen, wie viel Liebe er den Dichtern der Vergangenheit: Molière, Shakespeare, Calderon und besonders den Griechen zuwandte. Bald machte er sich im alten germanischen Norden heimisch, bald in Arabien, dann unter Neugriechen oder Serben, dann unter Chinesen. Wenn ihn vielleicht einer der Neuesten zu entthronen meinte, achtete er gar nicht darauf und steckte vielleicht tief in den persischen Dichtern. „Die Perser“, so sprach er dann zu einem Hausfreunde, „hatten in fünf Jahrhunderten nur sieben Dichter, die sie gelten ließen, und unter den verworfenen waren mehrere Kanaillen, die besser als ich waren.“

Seinen geologischen Studien dankte er es, daß er noch mehr über die Jahrtausende zu blicken sich gewöhnte. Es scheint, daß namentlich auf Bergeshöhen auch sein geistiges Auge den weiten Ausschau liebte. So stand er einmal mit Eckermann am Abhange des Ettersberges und blickte auf die Siedelungen und Hügel in der Nähe und auf die blauen Berge in der Ferne. Der Gefährte brachte ihm Muscheln und zerbrochene Ammonshörner vom Straßenrande. „Immer die alte Geschichte!“ sagte Goethe, „immer der alte Meeresboden! Wenn man von dieser Höhe auf Weimar hinabblickt und auf die mancherlei Dörfer umher, so kommt es einem vor wie ein Wunder, wenn man sich sagt, daß es eine Zeit gegeben, wo in dem weiten Tale dort unten die Walfische ihr Spiel getrieben. Und doch ist es so, wenigstens höchstwahrscheinlich. Die Möwe aber, die damals über dem Meere flog, das diesen Berg bedeckte, hat sicher nicht daran gedacht, daß wir beide heute hier fahren würden. Und wer weiß, ob nach vielen Jahrtausenden die Möwe nicht abermals über diesen Berg fliegt!“

Auch als er an seinem letzten Geburtstage auf dem Kickelhahn war, glitten seine Gedanken von seiner Lebenszeit aus bald über zu den großen Zeitspannen der Erdgeschichte. Zuerst dachte er an die in jugendlichem Wagemut im nahen Ilmenau begonnenen Bergwerksbauten, die später aufgegeben werden mußten.

Nach so vielen Jahren war denn zu übersehen: das Dauernde, das Verschwundene. Das Gelungene trat vor und erheiterte, das Mißlungene war vergessen und verschmerzt. Die Menschen lebten alle nach wie vor, ihrer Art gemäß, vom Köhler bis zum Porzellanfabrikanten. Eisen ward geschmolzen, Braunstein aus den Klüften gefördert, wenn auch in dem Augenblick nicht so gesucht wie sonst. Pech ward gesotten, der Ruß aufgefangen, die Rußbüttchen künstlichst und kümmerlichst verfertigt, Steinkohlen mit unglaublicher Mühe zutage gebracht, kolossale Urstämme in der Grube unter dem Arbeiten entdeckt; und so ging’s denn weiter, vom alten Granit, durch die angrenzenden Epochen, wobei immer neue Probleme sich entwickeln.

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Wer so in größten Zeitverhältnissen lebt, gleicht dem sehr reichen Manne, der noch nicht zu jammern braucht, wenn ihm ein Haus abbrennt oder ein Schiff untergeht. Aber Goethe schalt überall auf das Jammern und Klagen, weil es das Unglück verschlimmert. Jedes Übel ist größer oder kleiner, je nachdem wir uns ihm zuwenden oder abwenden und von unserm Innern aus Trübes oder Heiteres dazu tun. Goethe war für Schweigen, so lange es irgend anging.

Es ist ein eigner, grillenhafter Zug,

Daß wir durch Schweigen das Geschehene

Für uns und Andre zu vernichten glauben,

so spricht der Graf in der ‚Natürlichen Tochter‘, und der König antwortet ihm:

O laß den Menschen diesen edeln Stolz!

Gar Vieles kann, gar Vieles muß geschehen,

Was man mit Worten nicht bekennen darf.

Als nach der Schlacht bei Jena und der Plünderung von Weimar tausend Leute auch ihm ihre persönlichen Nöte und Verluste gern in höchsten Tönen schildern wollten, fanden sie bei Goethe nicht immer das gewünschte Echo. „Daß jeder Narr jetzt seine eigene Geschichte hat, Das eben ist keine der geringsten Plagen der jetzigen bösen Zeit.“ Aber viel ärgerlicher war er, wenn Andere das wirkliche Übel noch durch Hinzudichten eingebildeter Übel vermehrten und von einem Zusammenbruch alter deutscher Herrlichkeit sprachen, die gar nicht vorhanden gewesen war.

Goethes einsichtigste Freunde verstanden sein Schweigen nach großen Verlusten, z. B. nach dem Tode Schillers. Der Dresdner Kunstkenner Johann Gottlob v. Quandt, der das Unglück hatte, beide Beine zu brechen, rühmt geradezu, daß Goethe in seinen Briefen an ihn in „richtigem Takt“ dieses Unglücks nicht erwähnte:

Ich litt an der unzweckmäßigen chirurgischen Behandlung drei Jahre unaussprechlich. Jedesmal hatte ich einen Kampf zu bestehen, wenn mich Jemand bedauerte, denn das vergebliche Mitleid weckt nur besiegte Schmerzen. Selbst das Mitleid, welches ein Freund fühlt, kann den Unglücklichen nicht freuen, denn es ist das Leiden des Andern, was uns doch kein Vergnügen machen kann. Das wußte Goethe sehr wohl. Einer Weimaranerin, die mich in Dresden besucht hatte und ihm meinen Zustand ausführlich beschreiben wollte, fiel er in’s Wort: „Verderben Sie meine Phantasie nicht! Quandt steht in seiner vollen Kraft und Tätigkeit vor mir.“ Unsere Freundin teilte mir diese Äußerung schriftlich mit, die mich erfreute, denn ich erkannte daraus, daß in Goethe ein Bild von mir stand, das ihm lieb war.

Wo des Unglücks oder des Verdrießlichen durchaus gedacht werden mußte, suchte Goethe nach den mildesten Ausdrücken, dämpfte alles Schmerzhafte, hob das Erfreuliche hervor. Wir haben allemal, wenn wir von Not und Tod sprechen, einen großen Vorrat von Haupt- und Eigenschaftswörtern zur Auswahl, und an denen, die wir wählen, zeigen wir, wie es mit unserer Philosophie und unserem Herzen bestellt ist. Goethe war fast ein Schönfärber, wenn er über vergangene, unabänderliche Dinge berichten mußte[38]; Niemand sonst wird dem Herzog Karl August die Zerstörungen in Weimar nach der Schlacht bei Jena so gering dargestellt haben wie er; Niemand auch wird dem Fürsten den Glauben, daß sich alles Beschädigte bald besser wiederherstellen lasse, so sehr gestärkt haben. –

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Kleinkriegen des Unglücks

Dieses Streben, in großen Zeiträumen zu leben und gegenwärtiges oder jüngstvergangenes Übel zu vergessen oder doch eher zu verkleinern als zu vergrößern, hat eine gewisse Beharrlichkeit und Tapferkeit zur Folge. Unruhig-ängstliche Zeiten können nur vergehen, wenn möglichst viele Menschen ihre gewöhnlichen Geschäfte so besorgen, wie wenn nichts passiert wäre,

Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist,

Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter,

Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, Der bildet die Welt sich.

„Ruhe und nachgiebige Beharrlichkeit“ pries Goethe seiner Gattin als das Einzige an, was leidlich durch’s Leben helfe. Und seinem unglücklichen Sohne schrieb der Achtzigjährige nach Italien: „Wer sich in die Welt fügt, wird finden, daß sie sich gern in ihn finden mag; wer Dieses nicht empfindet oder lernt, wird nie zu irgend einer Zufriedenheit gelangen.“

Ausdauer an dem Orte, wo sie einmal seien, rät er auch den Freunden an. „Ihr werdet vordringen durch’s Bleiben“ ruft er Kestnern zu. „Wer seinen Zustand verändert, verliert immer die Reise- und Einrichtekosten, moralisch und ökonomisch, und setzt sich zurück.“ Und ebenso an Herder:

Die zehn weimarischen Jahre sind Dir nicht verloren, wenn Du bleibst; wohl wenn Du änderst. Denn Du mußt am neuen Ort doch wieder von vorne anfangen und wieder wirken und leiden, bis Du Dir einen Wirkungskreis bildest. Ich weiß, daß bei uns Viel, wie überhaupt, auch Dir unangenehm ist; indessen hast Du doch einen gewissen Fuß- und Standort ... Es kommt doch am Ende darauf an, daß man aushält und die Andern überdauert.

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Ruhe, Beharrlichkeit, Gottvertrauen

Schließlich fand Goethe im Glauben eine starke Hülfe zum Leben, zum Ertragen der tausendfältigen Not und Pein. Er war kein Rechtgläubiger im Sinne der einen oder andern Kirche, aber er glaubte an die Fortdauer der Persönlichkeiten nach der Auflösung ihrer irdischen Leiber, besonders an ein weiteres Wachsen und Wirken der hier schon als stark bewährten Geister, und er glaubte an Gott.

Goethe 1828.
Gemälde von Josef Stieler.


GRÖSSERES BILD

Goethe 1832.
Von C. A. Schwerdgeburth.


GRÖSSERES BILD

Gott glauben heißt, in’s Tätige übersetzt, sich in Gottes Willen ergeben, das Weltregiment ihm anvertrauen, sich selber in seine Hände legen. In jüngeren Jahren nannte Goethe die höchste Macht wohl auch „Schicksal“ oder „Natur.“ „Du hast uns lieb“ redete er das Schicksal an: „Du hast für uns das rechte Maß getroffen.“ So glaubt er mit siebenundzwanzig Jahren, und mit dreiunddreißig rühmt er ebenso die „Natur.“ „Wir sind von ihr umgeben und umschlungen, unvermögend, aus ihr herauszutreten ... Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten. Sie wird ihr Werk nicht hassen.“[39]

Und oft gesteht er später in Prosa und Versen das gleiche Gottvertrauen. Sogar im fröhlichen Liede, das er in den Kriegsstürmen von 1813 an einer Wirtstafel zu Oschatz niederschreibt:

Ich habe geglaubet, nun glaub’ ich erst recht!

Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht,

Ich bleibe beim gläubigen Orden:

So düster es oft und so dunkel es war

In drängenden Nöten, in naher Gefahr,

Auf einmal ist’s lichter geworden!

Und lebt nicht dieser Glaube auch in seinen größten Werken, in der ‚Iphigenie‘, im ‚Wilhelm Meister‘, im ‚Faust‘?

Jawohl! das ewig Wirkende bewegt,

Uns unbegreiflich, Dieses oder Jenes

Als wie von ohngefähr zu unserm Wohl,

Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen,

Und wie getragen werden wir an’s Ziel.

Dies zu empfinden, ist das höchste Glück,

Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht,

Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden.

[37] August Sauer, Goethe und Österreich II.

[38] Gestehen wir zu: er war es völlig. Man vergleiche zum Beispiel, wie er 1821 in den Annalen über 1811 den bösen Streit mit dem Ehepaar v. Arnim darstellt, die er doch im folgenden Jahre als „Tollhäusler“ bezeichnet hat, die er froh sei, losgeworden zu sein. Es lohnt sich auch, die ‚Kampagne in Frankreich‘ mit dem Bericht zu vergleichen, den der gemeine Soldat Laukhardt über dieselben Dinge gegeben hat (C. F. Laukhardts Leben und Schicksale, Dritter Teil, Leipzig 1796).

[39] Das Fragment über die Natur, das in Goethes Werke immer wieder aufgenommen wird, ist nicht von Goethe, sondern von Georg Christoph Tobler aus Zürich verfaßt, der 1781 viel mit Goethe umging. Vielleicht hat Goethe ein wenig daran gearbeitet, ehe er es in’s ‚Tiefurter Journal‘ gab. Hier dürfen wir es als etwas Goethisches erwähnen, da es, wie er selber später bestätigte, seine damalige Denkart ausdrückt.

Gedruckt bei E. S. Mittler & Sohn, Berlin SW68, Kochstraße 68-71.


Dr. Wilhelm Bodes Goethe-Bücher

Verlag von E. S. Mittler & Sohn, Berlin SW68


Goethe

in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen

Auch eine Lebensgeschichte

4. und 5. Tausend Umfang 836 Seiten Geheftet M 12,95,
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Die Post.


Goethes Leben
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M

11,—

In reichem Ganzleinenband

M

14,—

Dies Buch, schon nach seinem Äußern eine geschmackvolle, feinsinnige und liebenswürdige Erscheinung, enthält weit mehr als sein Titel besagt, nämlich den ganzen inneren Werdegang des Dichters und des Menschen in der ersten Weimarischen Zeit, als der Garten und sein Haus, heute darum mit Recht eines der verehrtesten Heiligtümer und Pilgerziele der thüringischen Hauptstadt, Goethes täglicher dauernder Aufenthalt war, und in den letzten beiden Abschnitten Ausblicke in Goethes Mannes- und Greisenalter.

Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.


Der weimarische
Musenhof

Siebente Auflage 13. bis 15. Tausend

487 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Geheftet M 8,—
In farbigem Pappband M 11,—
In Ganzleinenband M 13,—

Die Männer und Frauen des Hofes und der Gesellschaft zu Weimar, welche die Umwelt der Klassiker bildeten, erwachen in diesem Buche zu neuem Leben. Fesselnd schildert der bekannte Goetheforscher die vor Goethes Erscheinen in Weimar liegende Regierungstätigkeit und die künstlerischen Neigungen der früh verwitweten Fürstin. Aber auch die Dichter und Künstler selbst treten uns in greifbarer Gestalt und sprechend gegenüber. So gewinnt man aus dem Buche nicht nur angenehme Unterhaltung, sondern zugleich auch eindrucksvolle Belehrung. Diese Wirkung wird verstärkt durch einen sehr reichen Bilderschmuck.


Karl August
von Weimar


Zweite Auflage


Jugendjahre

382 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

In schönem Pappband M 7,20

In anschaulicher Darstellung und dabei streng sachlich schildert der Verfasser die Jugendentwicklung und Erziehung des fürstlichen Kindes, das Heranreifen zum Herrscher, den Charakter des jungen Herzogs, der das kleine unwichtige Weimar zu einer Pflegestätte geistigen Lebens, zur Hauptstadt der deutschen Gelehrten und Künstler umwandelt. Unter der Charakteristik der Persönlichkeiten des Weimarer Hofes tritt besonders die quellenmäßige, fein abgewogene Darstellung des Freundschaftsverhältnisses zwischen Karl August und Goethe hervor.

Literarisches Zentralblatt.


Goethes Sohn

‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖ 3. und 4. Tausend ‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖

420 Seiten mit 16 Bildnissen

M

7,50

In farb. Pappband

M

10,—

In Ganzleinen-Geschenkband

M

12,—

Dieses neue unterhaltende Buch behandelt ein besonders wichtiges Stück von Goethes Leben. Wir sehen den Dichterfürsten als Vater und Erzieher, aber auch seine ganze häusliche Umgebung sowie deren Tun und Treiben. Und zwar auf vierzig Jahre, denn August entwuchs dem Vaterhause niemals. Jedes Blatt der anziehenden Lebensbeschreibung bestätigt zudem, daß es nicht leicht war, Goethes und Christianens Sohn und Ottilies Gatte zu sein.


Charlotte
von Stein

‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖ 18. und 23. Tausend ‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖‖

725 Seiten mit vielen Abbildungen

M

10,—

In Ganzleinen-Geschenkband

M

15,—

Feierstunden sind es, die man dem feinsinnigen Verfasser des Buches verdankt, wenn man ihm folgt in den Duft und die Poesie Weimarer Zeiten. Wie Bode das Wesen der Frau von Stein und das Wesen ihrer Liebe schildert, das ist ein Genuß, den sich niemand von uns entgehen lassen sollte. Durchflutet von Liebe zu dem behandelten Stoff, geistreich und klar in Sprache und Form, kann das interessante und mit guten Illustrationen geschmückte Buch nicht genug empfohlen werden, auch als Geschenkwerk für unsere heranwachsenden Töchter.

Die Deutsche Frau.


Goethes
Liebesleben

Siebentes und achtes Tausend

472 Seiten mit zahlreichen Bildertafeln

== Kopfleisten und Textabbildungen ==

Geheftet

M

8,—

in farbigem Pappband

M

11,—

in geschmackvollem Leinenband

M

13,—

Ein Buch, das zum ersten Male die Mädchen- und Frauengestalten in das Licht der historischen Wahrheit rückt. Sie treten uns hier als Menschen von Fleisch und Blut entgegen, und durch ihr Wirken und Handeln, ihr Lieben und Leiden wird uns wiederum auch Goethe lebendiger, menschlich näher gerückt. Es ist ein wundervoll feinsinnig geschriebenes Buch, voll blühender Darstellungskraft.

Schlesische Zeitung.


Die Tonkunst
in Goethes Leben

== Zwei Bände / Zweites bis viertes Tausend ==

700 Seiten mit 24 Bildertafeln und zahlreichen Musikstücken

M 11,50, in hübschen Pappbänden M 12,95
in stilvollen Halbpergamentbänden M 14,40

Der Laie wie der Musikfachmann wird die köstlichen Früchte aus dieser lebendig anschaulichen Darstellung ernten. Es ist bewundernswert, wie Bode bis ins kleinste Goethes musikalischen Neigungen nachgegangen ist, dessen Beziehungen zu den Komponisten seiner Gedichte und zu andern zeitgenössischen Meistern der Tonkunst.

Neue Musik-Zeitung.