(Friedrichshagen. Weihnachten.)

Der Orion schwimmt mit seinen weißen und rötlichen Sternenblüten über dem schwarzen Kiefernforst herauf.

Still und starr steht dieser wetterharte Wald da mit seinen kalten Stämmen, das Geheimnis seines rastlosen Eigenlebens tief verschlossen im unsichtbaren Innern.

Und diese ungeheuren Sternbilder folgen dem Umschwung der Erde mit ihrer mathematischen Strenge, heute wie sonst, all ihre Rätsel bergend in den paar bunten Lichtpünktchen, die aus der Weltraumsnacht funkeln wie die Augen im Dunkel umgehender Raubtiere. Ist Deine Weltanschauung stark genug, Weihnachten noch zu ertragen ...?

Was sind diesen Sternen des Naturforschers unsere kleinen Menschenfeste! Als das Geschlecht der Nadelhölzer jung war, räuberte der Ichthyosaurus im deutschen Korallenmeer, und die alte Erde mußte noch öfter als zwölfmillionenmal um die Sonne laufen, ehe das kleine Menschlein aus seiner Höhle kroch. Als der rote Stern Beteigeuze dort im Orion weiß war, bestand diese ganze Erde wohl noch nicht, und die Sonne war ein verwaschener Nebel. Wenn er dermaleinst herabgebrannt ist zu schwankender Nachtglut wie Mira, der Wunderstern im Walfisch, der nur noch periodisch aufglimmt und wieder erlischt — dann wird diese Sonne vielleicht längst wieder verschwunden sein und das letzte Teilchen eines irdischen Nadelholzstammes wird ein Kohlenstäubchen in einem eiskalten Meteorblock sein, der irgendwo in einem anderen System als heimatloser Fremdling landet.

Was will vor solcher Perspektive bestehen!

Auf solchen Urweltsbaum kleben wir unsere lieben lustigen Weihnachtskerzen. Aus Flittergold pflanzen wir ein Bildchen darauf, geformt nach der Zickzackarabeske eines solchen Weltraumsterns, dessen Lichtpunkt in unserer Atmosphäre zittert — wir Eintagsfliegen zwischen Äonen der Zeit und Siriusweiten.

Und wir träumen, daß unter diesen Kerzen und diesem Stern das ewige Menschenkind in seiner Krippe liege — und daß die ewige Liebe von hier als unhemmbares warmes Lichtband durch die Welten ströme. Durch den kalten Raum, wo die Eisenmeteore sausen und die Kometen zur Sonne stürzen und alle paar Billionen Meilen ein einsamer Weltkörper sich dreht, immer dreht und dreht durch die Jahresfolge der Billionen ...

Es ist die große Anschlußfrage unserer Zeit, die hier erklingt.

Das Alte sollen wir retten. Und das Neue soll doch hinzu. Wo ist die Brücke?

Mein Auge, mein kleines Menschenauge in dieser Weihnachtsnacht der Menschenliebe, bohrt sich ein in den roten Stern des Orion mit seinem inbrünstigen Sehnen. Wie seltsam, daß ich diesen Stern doch sehen kann, mit diesem schwachen Menschenauge!

Es muß doch ein Verwandtes sein zwischen dem Stern und mir. Ich weiß: wenn ich dort wäre und ganz scharfe Augen hätte — als ganz kleines Lichtpünktchen dieser Art erschiene unsere Sonnenwelt auch dort. Die gleiche Lichtpost geht her wie hin. In diesem Licht steckt unsere Einheit.

Aber Licht, nur Licht! Wie weit ist das von der Menschenliebe.

Und doch: dieses Licht ist ein Zauber ohnegleichen. Es kündet mir, daß alle diese Sterne aus den gleichen Elementen aufgebaut sind wie die Erde, wie der Kieferbaum, wie ich selbst. Aus den winzigen Regungen dieses Lichtpünktchens lese ich in der untrüglichen Sicherheit eines ewigen Dokuments, daß dieser Stern und alle dort nach denselben Gesetzen der Schwere sich bewegen, nach denselben Gesetzen des Lichtes Wellenzüge entsenden durch den Äther, kraft deren auch mein Christbaum hier leise rauschend über meinem festlichen Tische schwebt, kraft deren meine dreißig Kerzen hier leise knisternd ihr Weihelicht ergießen.

Und ich fühle den starken Weltenarm auf einmal, den uralten, urgewaltigen, in dem wir beide ruhen, mein roter Stern dort und ich, mein Weihnachtsbaum im engen Erdenhause und der grenzenlose Sternenweihnachtsbaum am schwarzblauen Firmament der Winternacht.

Wie wunderbar ist der schlichte Gedanke, daß auch die Menschenliebe, daß die schlichte Forderung, wie sie das Evangelium ausspricht, in der ewigen Gesetzmäßigkeit des Alls steht!

Ein urgesetztes Werden kommt herauf aus dem Grau des Unbekannten. Es formt sich als Sonne, erzeugt Planeten. Auf einem solchen Planeten blaut ein Meer, aus dem Wasser heben sich Inseln. In der kristallenen Tiefe, dann am feuchten Rand der Klippe entfaltet sich Leben. Tieraugen öffnen sich zum Licht, Pflanzengrün atmet in der Sonne. Unter einem solchen grünen Baum schlägt zuletzt der Mensch seine herrlichen Lichtaugen auf. Wie ein Tier ringt dieser Mensch anfangs noch blutig-wild um seine Existenz. Aber im Banne seiner höheren, vertieften Lichtsehnsucht steigen Marmortempel auf mit Gebilden der Kunst. Und auf einer höchsten Stufe, noch umbrandet von tausendfachem Sturm, aber sieghaft wie das einsame Lämpchen der Krippe in der Wüste, gibt der Mensch auf seinem rastlos rollenden Planeten sich selbst ein neues Gesetz. Es soll nicht mehr gelten: Auge um Auge, Zahn um Zahn — die alte, einfache, mathematisch strenge Gleichungsformel des Naturkampfes. Siebenmal siebenmal soll jetzt die Schuld vergeben werden. Im Nächsten sollst Du Dich selbst erkennen und heiligen. Das bist Du, lehrt Dich der Inder schon zu allem sagen. Erkenne Dich selbst, predigt der Grieche — Dich selbst in allem, was um Dich ist. Nun heißt es: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Stunde, da diese Weisheit endlich Wort wurde und in einer Menschenwiege lag, feiern wir als Weihnachtsfest.

Das alles aber mußte kommen nach ganz fester Naturgesetzlichkeit.

Es lag in den Urelementen dieser unserer Sonnenwelt schon, daß es so werden mußte.

Was siehst Du aber brennen in den tausend und tausend Sternen dort? Tausend- und tausendmal die gleichen Urelemente, bewegt von der gleichen Gesetzlichkeit. Jede dieser Welten, wenn ihre Stunde erfüllt ist, muß durch ihre gleichen Hauptstufen wandern. Jede muß ihre Station erklimmen der Intelligenz, des Lichthungers im Geist. Mögen die äußeren Formen tausend- und tausendfach verschiedene sein: die Grundlinien werden sich nie verleugnen können.

Es ist ein altes Wort, daß in aller Intelligenz, auf so verschiedenen Welten unseres Alls sie nun erblühe, immer gewisse mathematische Grundanschauungen gemeinsam sein müßten. Ein Mensch der Erde und ein Intelligenzwesen des Orion würden sich in einer Sprache sofort verstehen: nämlich, daß die Summe der Winkel im Dreieck gleich zwei rechten sei, oder daß der pythagoreische Lehrsatz gelte. In diesem Worte liegt ein tiefes Heil. Denn zu diesem ewigen Gemeingut muß auf einer bestimmten Stufe zweifellos auch der schlichte, der wirklich mathematisch schlichte Kerngedanke der Menschenliebe gehören: der ganz einfache Schluß, daß wir alle weiter kommen, wenn wir uns nicht totschlagen und auffressen; daß wir das Schlechte besser ausrotten durch tätige Gegenliebe als durch Haß; daß wir groß sind, menschheitsgroß, weltengroß, wenn wir in allen uns selbst sehen, winzig, ein Stäubchen im Sturm, wenn wir uns trotzig isolieren.

Wenn die Wesen von Milliarden Sternen sich nie begegnen werden (was wir ja auch nicht wissen, schließlich!) — milliardenmal müssen sie doch in jedem System, auf jeder rollenden Kugel für sich diese schlichte Gesetzmäßigkeit des Evangeliums finden, so gut wie sie den pythagoreischen Lehrsatz in irgend einer Form, und mögen sie ihn nennen, wie sie wollen, finden werden.

Und wenn Jahrtausende ihnen dann wandern über den Tag, da zum ersten Mal diese obere Mathematik der Liebe ihnen klar wurde: sie alle werden auch ein Symbol dann suchen und besitzen für die Gnade dieses Tags — sie werden ihre „Krippe“ haben und ihren „Weihnachtsbaum“, in den Bildern eben und Gedankengängen ihres Sterns.

Ein symbolischer Christbaum in diesem Sinne muß ragen durch den ganzen, ganzen Weltraum, so weit die Schwere wandert und das Licht wandert, kurz, so weit die Gesetzmäßigkeit wandert, die aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen schafft.

Jedes Lichtpünktchen, das von einer Sonne bis zu uns hernieder Kunde gibt, das im Prisma sich zum Spektrum unserer irdischen Elemente bricht und damit auf die gleiche Grundlage weist, — es hat eine tiefste Beziehung zu diesem unaufhaltsamen Weihnachtsprozeß aller kosmischen Entwickelungen. Mit eigener Symbolik gesprochen: es ist eine Kerze am Weihnachtsbaum.

Stille Nacht, heilige Nacht.

Es geht mehr durch dieses schwarzblaue Firmament da oben als bloß Meteorsplitter und Kometen. Auch von Weltkörper zu Weltkörper rauscht auf den Flügeln der Gesetzmäßigkeit das ewige „Das bist Du“ und „Erkenne Dich selbst“. Und wieder auf der Flugbahn dieses ewigen Imperativs geht der Glaube mit an die Erlösung durch das höhere Gesetz, das Gesetz des oberen Geistesstockwerks — der Glaube an den endlichen „Sternenfrieden“ in dieser ganzen unermeßlichen Zersplitterung der Schöpfung, in der die Welten durch den uferlosen Raum wirbeln wie silberner Staub.

Friede auf Erden!

Hat dieser Glaube wirklich schon Weltenflügel?

Wenn die Sterne über Dir brennen, schleierlos, mit der ganzen Majestät des grenzenlos Wirklichen ... und Du sagst Dir, daß diese kleine Erde mit ihren paar Millionen intelligenter Wesen noch bebt unter dem Getümmel unausgesetzten Kampfes ...!

Wird auch nur auf Erden dieser rohe Kampf je enden, wird eingehen in einen reinen, freudigen Waffengang der Intelligenz unter Herrschaft der Menschenliebe? Oder ist nicht schon dieses Ideal zu groß — zu groß über alle Kraft der Naturgesetzlichkeit hinaus ...

Der Nachtwind rauscht leise über mir durch die Kiefernzweige. Ich aber denke, daß auch diese Kiefer einst einmal ein Ideal bloß war im Weltenschoße. Und doch hat das ewige Werden sie zustande gebracht, mit dem Wunderbau ihres Zellenleibes, mit all den unsagbaren Feinheiten, die da keimen, atmen, wachsen, zu hohen Säulen aufsteigen lassen.

Und auch die Sterne dort waren einmal Ideal, leise vorgeträumte Fern-Realien. Nichts von ihnen war einmal da als dieses schwebende Zukunftsbild im Schoße des Urgeheimnisses. Und doch sind sie geworden, geworden, was sie sind, dieses unbeschreiblich erhabene Himmelsspiel kreisender Kugeln, die sich in harmonischen Abständen eingestellt haben, um sich auf Jahrbillionen nicht zu stören, auf daß auf ihren Planeten die zarte Blüte des Lebens sich entfalte.

Willst Du der Macht, die diese Ideale sich erfüllen konnte, Schranken setzen?

In feierlicher Ruhe brennen die Sterne fort über dem schwarzen Walde, dem vereisten See.

Der Blick des Einzelnen auf seinem Planeten aber kehrt zuletzt friedevoll von aller versöhnten Himmelsschau zurück. Er haftet auf dem lieben eigenen Weihnachtsbaum. Und er liest in seinen kleinen, trauten Flämmchen das alte Weltenwort, das vor nun bald zweitausend Jahren gesagt ist: „Wer mich hat, der hat alles andere auch.“ Jeder in seinem Kreise erlebt das All. Und in seinen kleinen Weihnachtskerzen brennt der tiefste Sinn all aller Sterne mit.

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