(Friedrichshagen. Jahreswende zu 1903.)
Im Kieferngrunde wollte es schon dunkeln. Aber aus der Richtung des Sees kriecht noch einmal etwas hinein wie eine braune Dämmerung, nachträglich, verspätet.
Diese nackten graden Kiefernstämme treiben ihrem Himmel gegenüber eine drollige Mimikry. Wenn die Sonne verblutet, werden sie rot wie glühende Metallpfeiler; wenn das Regenwasser sie genetzt hat und aus dem grauen Wolkenfenster dann wieder ein blaues Himmelsauge bricht, spiegeln sie blau; wenn der Himmel in düsterer Nebelbank untergeht, stehen sie schwarz wie die Masten einer Totenflotte.
Ich klettere den kurzen Sandhang des Uferwalles empor, hinter dem der See liegt.
Auf den Säulen ist hier wirkliche Lichtglut, es ist noch einmal so hell geworden, daß sie Schatten hinter sich werfen.
Und jäh bin ich selber im strömenden Quell dieses Lichts.
Zart violett der leicht beschneite Eisteller unter mir. Drüben die Berge und das schmale Ufer ein verwischter Rauchstreifen von intensivem Grün, — grün bloß durch Lichtzauber, denn es stehen dort perspektivisch klein nur die gleichen winterdunklen Kiefern wie hier, in denen selber kein Spangrün ist. Darauf als zweite Farbschicht, fächerhaft von Westen herauffließend wie das Delta eines ungeheuren Lichtstromes das brennendste Karminrot. Hoch, hoch empor, bis es endlich jäh, fast ohne Übergang, als klappe ein Rand um eines Purpurmantels, umschlägt in ebenso grelles Schwefelgelb. Das stößt zum Zenith endlich an ein ganz süßes, ganz feines, abendliches und doch auch noch ungewöhnlich erhelltes Himmelsblau. Rechts und links, wo das Gelb in das absteigende Blau einfließt, leuchtet noch einmal wie Reflex auf einer schönen Feder ein magisch zartes und doch auch lichtstarkes Grün.
Ich wende mich, und hinter mir über den dunklen Kiefernkronen schwimmt im blassen Blau der große silberne Mond. Vom Kirchlein in der grau verträumten sonnenfernsten Seeecke, wo die Spree einmündet, hallen kurze, harte Klänge über die schalltragende Eisdecke daher.
Diese wunderbaren Dämmerfarben, die den Heimgang des Jahres seit Abenden jetzt hier begleiten und zu einem Schauspiel machen, als sei es irgend ein besonderes Weihejahr, das da in nordlichthafter Glut noch scheidend gefeiert wird: sie sind schwerlich gewöhnlicher, wie man zu sagen gelernt hat, normaler Art.
Wieder einmal mag es Vulkan-Asche sein, die da oben vom Sonnenkuß brennt gleich den roten Kiefern hier unten und ihr Licht dann noch einmal zu denen zurückwirft.
Asche von jenen grauenvollen Schlachtfeldern Mittelamerikas, wo die Sphinx, die Chimära sich plötzlich auf die armen Menschen geworfen hat, sie zu Tausenden zu fressen wie im Griechenmärchen.
Eine Glutwolke verschlingt eine blühende Stadt, brennt den hilflosen Opfern die Lungen aus. Dann wirft sie ihre Mähne empor, hoch, immer höher. Bis sie wie ein Ring um die Erde fliegt. Und auf der andern Seite des Planetenkolosses steigen dem stillen Beschauer über seinem See und seinem Kiefernfrieden liebliche Farbenwunder auf, ein buntes Zauberspiel der Luft. Ihn entzückt, was dort verheert hat. Eine Katastrophe, ein Weltuntergang — und Schönheit. So war es 1883, als an der Sunda-Straße der Vulkan Krakatau explodiert war und vierzigtausend Menschen verschlungen hatte. So jetzt, obwohl nur in kleinem Maße, noch Martinique.
Uns aber fangen solche Kontraste an, vertraut zu werden.
Ein ganzes Sonnensystem platzt, verdampft; und uns ist das ein blinkendes Sternchen; ein Kind hebt die Händchen danach auf: „Wie schön! Schenk mir das Silberfünkchen dort zum Spielen!“ Wir gewöhnen uns, daß jede Entwickelung, jeder Fortschritt, jedes Hübsche, Interessante, Erlebenswerte der Weltgeschichte erkauft wird durch eine Folterkammer der ausgesuchtesten Scheußlichkeiten.
Damit wir zum Sylvesterpunsch von 1903 ein philosophisches Bonmot sprechen können, sind seit dreitausend Jahren Menschen ersten Ranges verbrannt, gefoltert, gekreuzigt, von wilden Tieren gefressen worden.
Daß wir überhaupt sind, daß wir so sind, so weit sind, verdanken wir einem erbarmungslosen Daseinskampfe, von dessen Blutbad die Geschichte rot ist wie dieser Abendhimmel.
Und aus diesem Blutbade zerschmetterter Existenzen steigt nicht bloß die Schädelpyramide Tamerlans: auch die Sixtinische Madonna und die Neunte Symphonie steigen heraus, und Iphigenie und der Lehrsatz des Pythagoras.
Über Kampf, Tod, Schmerz, Verzweiflung, Folter läuft die Entwickelung.
Wir haben zuviel gelernt, zu klar sehen gelernt, wir von nunmehr schon 1903, um uns gegen dieses „Weltgesetz“ die Augen zuhalten zu können.
Ist dieses Gesetz aber nicht doch der Tod aller Freude an der Entwickelung?
Der Zweck heiligt das Mittel. Wir begrüßen es als grandiosen Kulturfortschritt, daß wir diese Jesuitenmoral nicht mehr anerkennen. Und doch soll das Weltgesetzbuch auf dieser Moral stehen? Dazu all unser Erkenntnisfortschritt?!
Wir drehen unsere neue Jahresziffer um ein Jahrhundert rückwärts, auf 1803.
Es ist das Datum, da Herder uns verließ, der Mann, der zuerst in der Geschichte der Menschheit nur ein Kapitel gesehen der großen Sternengeschichte und der zu der Frau von Stein sagte, daß „wir erst Pflanzen und Tiere gewesen seien“. Es waren die ersten reifen Gedankenfrüchte, Weltgedanken, Menschheitsgedanken, vom erstarkten Baum der Forschung.
Hundert Jahre nochmals zurück hatte Newton über seiner Optik gesessen.
Noch vor hundert war das Fernrohr erfunden worden.
Und noch vor hundert fuhr Columbus auf seiner vierten Reise durch das westindische Meer und erwarb Kopernikus sich die Doktorwürde.
Dafür aber all diese Erkenntnis, um zu erkennen, daß auch der Mensch der Natur nur abgepreßt worden ist auf der Folter ....
Die rote Dämmerungswelle dort hat ihren Höhepunkt erreicht. Rasch beginnt sie jetzt zurückzuebben. Es ist, als sinke die blaue Himmelsglocke, selber dabei noch funkelnd, langsam über sie herab, tiefer und tiefer.
Ein Schauspiel von wunderbarer Feierlichkeit, dieser stille Kampf der Lichter an einem Abendhimmel.
Es ist nicht wahr, daß die Entwickelung immer durch Folterschmerzen gegangen sei.
Äonen vor uns ist sie durch immerwährende Verwandlungen vorgeschritten, in denen noch gar kein Schmerz bestand. Durch unendliche Raumweiten neben uns arbeitet sie noch immer so. Da ballen sich Welten, entfalten sich zu harmonischen Systemen. Und werden wieder eingeschmolzen in noch größere Massenansammlungen. Aus denen arbeitet dann wie eine tickende Uhr das große Weltgesetz abermals Harmonien und entsprechend noch umfassendere heraus. Nie erfolgt ein wirklicher Zusammensturz in der Idee. Denn es muß immer ein Größeres sein, das das Kleine an sich reißt, in sich auflöst. Größerer Stoff aber: größerer Weg, höhere Harmonie. Die dann bleibt, bis ein noch größeres System auch dieses wieder umarmt, zu einer Neuzeugung zwingt.
In diesen ganzen Naturprozessen außerhalb des Organischen waltet nicht das, was wir „Schmerz“ nennen. Bausteine fügen sich zu immer höheren Bauten aneinander, nichts weiter. Wir denken gar nicht an Schmerzmöglichkeiten. Sollen die Metallteilchen klagen, daß sie ihre frühere Gravitationslage verlassen, um in ein neues Formgebilde eingeschmolzen zu werden, in einer neuen Lage in ihm aufzuerstehen? Mögen aber auf dieser Linie auch ganze Milchstraßen verbrennen wie eine Wolke Kohlenstaub — in diesem Wandel waltet immer noch kein Schmerz. Es waltet der unendliche Gesetzesfrieden wie in dem stillen Wechsel der Dämmerfarben dort. Niemals wahrer Tod, denn das Gesetz stirbt nie; immer nur Wandel; und Wandel in Höheres hinein.
„Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags,
Doch Deine Boten, Herr, verehren
Das sanfte Wandeln Deines Tags.“
Doch inmitten jetzt dieses grenzenlosen Kosmos-Friedens, in dem ein Weltuntergang nicht mehr ist als eine in herrlicher Farbenglorie verblutende Abendsonne: — das Lebendige. Wenn die Kälte dieses Winterabends den kleinen Vogel, der dort zwitschert, bis ins Mark faßt, so bebt er vor Schmerz. Und das begann mit dem ersten zellenartigen Gallertpünktchen an einer Uferklippe vor vielen Millionen von Jahren. Und sein Triumph ist der Mensch. Der Triumph der Feinfühligkeit in Schmerzempfindung. Ein seltsamer — Triumph.
Dennoch: welche ungeheure Fortschrittskette im reinen Sinn von Entwickelung in diesem Stück organischen Lebens. Welcher Umschwung mit diesem grünen Schimmelhäutchen einer Urweltklippe!
Auf diesem Häutchen wuchsen schließlich Augen, die das Licht, die Farben, die Formen der Dinge sahen, das blaue Meer, die Sonne, das Abendrot und den Sternenhimmel. Und hinter diesen Lichtaugen begann das Klümpchen grauer Nervensubstanz zu denken, zu schließen, zu folgern. Die Natur unten hatte immer nur gestreut, Samen der Dinge gestreut und hatte das Harmoniegesetz grob gewaltsam sieben und sichten lassen. Jetzt ging aus denkenden Gehirnen und schauenden Augen die höhere Stufe hervor: die bewußte Zwecksetzung, dieses fabelhafte Spar-Prinzip der Entwickelung, dieser einzigartige Fortschritt im kleinsten Kraftmaß. Es durfte dann diese befreite, hier überschüssige Kraft sein, die eine Kunst, eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Kultur schuf. Und der Mensch ist es, der diese Krone sich aufs Haupt setzt, der Mensch als Triumph des sehenden, denkenden, zwecksetzenden Lebens.
Ein Triumph also doch. Aber erkauft um jenen andern ....?
Das Glöcklein da drüben ist plötzlich verstummt, wie erstarrt von der rasch wachsenden Abendkälte. Aber das Eis selber singt und summt leise fort. Und ich höre eine Stimme der Naturgeister zu den schwarz ersterbenden Kiefern und dem mondduftigen Himmelsrund herauf.
Deine Rechnung ist falsch. Du hast ja noch gar nicht erfaßt, was der Mensch zwischen Lebensschmerz und Sternenfrieden wirklich soll.
Dieser Mensch ist nicht bloß der einfache Triumph der Entwickelungslinie, die über das Leben ging.
Er ist auch ihre Korrektur.
Er ist die Versöhnung zwischen dem großen Zweck im Leben: dem Bewußtwerden der Welt, — und dem furchtbaren Mittel: dem Schmerz. Er ist der Protest des Weltgesetzes gegen dieses Mittel.
Zwei Gaben ohnegleichen sind für diese Arbeit in ihn gelegt.
Die erste ist das Prinzip der Liebe.
Im Moment, da er als Triumph der Entwickelung die Hand ausstreckt nach der Naturherrschaft, bricht auch dieses Prinzip mit einer fortreißenden Elementargewalt aus ihm hervor. Prometheus, der das Feuer des Himmels, die Naturkraft der Weltallssonnen in einem hohlen Stabe, einem Menschenwerkzeug, trägt, wird Christus, der seinen Fluch hängt an jeden, der Schmerz sät. Er predigt die Köstlichkeit, die Heiligkeit alles Lebendigen. Er lehrt, daß Du selbst in allem bist, in der Lilie, die Du brichst, und im Wurm, den Dein Fuß zertritt. Aus dem Staube sollst Du die Opfer ziehen und ihre Wunden verbinden, Du, der sehende Mensch.
Natur bist Du und bleibst Du, nichts ist in Dir als Natur. So muß auch diese Stimme aus der Natur selber kommen, die Stimme einer Einkehr, einer Umkehr, die ein furchtbares Mittel wieder mildern, wieder versöhnen will.
Das Leben zeugte Bewußtsein und damit ein unendliches Entwickelungsfeld von höherer Art. Aber es zeugte auch den namenlosen Schmerz, der plötzlich in diese Entwickelung von der Stufe des Lebens an versponnen schien. Nun glänzt in den Lichtaugen dieses Bewußtseins auf einmal die Liebe. Die große Entwickelungskorrektur ist im Spiel! Mag Prometheus jetzt wirklich wachsen, bis er aus der Kraft seines Stabes voll Sonnen-Energie Planeten bewegt und zu den Sternen fliegt, — immer wird der Christus in ihm mit ihm wachsen. Er wird mit dem Leben wandern und die Schmerzen wieder aufheben, die das Leben schlägt.
Doch der Mensch hat noch eine zweite Gabe.
Immer, wenn der Gedanke diese Bahn der Entwickelung quer durch den Schmerz gehen sah — und dann die Liebe sah, wie sie den Schmerz wieder lindern wollte, ist auch das dritte gedacht worden: ob die Liebe nicht die Entwickelung lähmen müsse?
Wenn der Fortschritt immer wieder zu einer Bruchstelle führt, die als Schmerz empfunden wird: muß nicht die Liebe ein Gegner des Fortschritts sein?
In hundert Stimmen klingt das schon heute in unsere Zeit hinein. Es sind die Stimmen der Tolstois, die alle Herrlichkeiten der Kunst und der Forschung und der Geistes- und Körperfreiheit für nichts achten um der Liebe willen, — weil sie doch alle nur wieder Schmerzquellen öffneten. Und es sind die Stimmen der Nietzsches, die rufen: werde hart, wenn Du aufwärts willst, — wer um der weichen Seele willen zurückschaut, der erstarrt wie das Weib des Lot in der Bibel.
Wäre die Liebe, die nachträgliche mitleidige Liebe allein gegen die arbeitende Entwickelung gestellt: kein Zweifel, daß sie allein wirklich zu einem hemmenden, retardierenden Element werden müßte. Sie würde das Höhere in seinem Werden hemmen um der Wehen dieses Werdens willen. Starr würde in ihrer Hand allein die Welt wie dieser vereiste See hier, starr, stagnierend, konservativ, losgeschaltet vom Frühlingssturm der Entwickelung.
Aber im erwachten Menschengeiste lebt noch eine zweite Kraft, die auch das wieder aufhebt in ein noch höheres hinein. Eine Kraft, die den Schmerz überwindet in der Entwickelung selbst ohne den Schritt dieser Entwickelung zu hemmen.
Es ist die Kraft der Ideal-Schau.
Es ist die Kraft, die über Linien, über Stufen der Entwickelung selber hinwegschaut. Die von einer Stufe aus, von einer errungenen Harmonie aus schon die nächste als „Ideal“ aufsteigen sieht, sonnenhell, frühlingshaft, im Jugendschein und Lichtschein des Ideals. Und die sieht, daß der Weg von unserer schon errungenen Wirklichkeit zu diesem Höheren darüber, zu diesem Ideal, nur führen kann durch eine Lösung, ein Sinken unseres augenblicklichen Besitzes, — durch eine kurze Disharmonie. Die aber diese Disharmonie mit ihrem Schmerz freiwillig auf sich nimmt, den Blick fest auf der winkenden Goldzinne des Ideals. „Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ Innerlich ist der Schmerz vernichtet im Moment, da er aufgenommen ist in die Linie zum Ideal. Von hier die Freudigkeit, die bis in den Tod reicht, die Freudigkeit, die den Weisen den Giftbecher trinken und den Heiligen sein Kreuz tragen läßt, die aus den Augen des Idealschauers leuchtet, um den schon die Flamme des Scheiterhaufens züngelt. Das Kreuz wird genommen, weil Du morgen im Paradiese bist.
Erst mit dieser Ideal-Schau ist der ganze Anschluß wieder da des sehenden Menschen an die arbeitende Fortschrittslinie der Natur in seiner Brust.
Der freiwillige Anschluß.
Es war der Preis des Sehens: die Forderung dieser Freiwilligkeit. Mit dem Sehen, mit dem Bewußtsein kam der Schmerz. Er ist erlöst wie der Fliegende Holländer der Sage, da er freiwillig gewählt wird vom höchsten Sehen, von der Ideal-Schau, die durch sein Dunkel schon durch und durch schaut bis auf den brennend roten Streifen der höheren Sonne hinter ihm ....
Langsam schritt ich durch den dunklen Wald meinem Hause zu.
Über den schwarzen Wipfeln brannten die großen Sterne der Winternacht. Ich dachte an Menschen dieser kleinen Erde, die auf ihrer Sternwarte ein Menschenleben daran setzten, ein paar winzige Änderungen in den Bewegungen dieser Gestirne festzustellen, ein winziges Fünkchen nur zum Geistesfortschritt dieser Menschheit, vielleicht erst in Jahrtausenden mit tausend andern zu einem kleinen Flämmchen zusammenwachsend. Und doch Ideal-Schau.
Und ich dachte an die kleinen frierenden, hungernden Vögelchen in diesem Walde, — und daß diese Menschen auf ihre Fensterschwelle Brodkrumen streuen würden, um sie zu sättigen. So weit waltete auch die Liebe schon.
Es lohnte sich doch noch, ein neues Jahr anzufangen ...
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