(Friedrichshagen. Vor-Ostern.)

Über die Wasserfläche geht ein schwerer, kalter Wind.

Alles liegt in schwarz und braun, der Frühling scheint noch einmal erstorben.

Langsam, wie zähe erdfarbige Schollen, treiben die braunen Wellen vorbei. Bisweilen ist mir, als schaute ich nicht auf einen See, sondern auf tief zerpflügtes Ackerland. Und durch die Scholle schimmert es auf Momente wie Bernstein durch. Dann meint das Auge den verlorensten Grund zu fassen: gelbe Sandbänke der Tiefe, auf denen die Muscheln und die Kiesel unablässig mitrollen, oder gespenstische schwarze Streifen Moor. Die Wassersäule scheint plötzlich anzusteigen, sich zu heben von unten, bis sie platzt und einen Fächer weißer Gischt wirft. Doch der Blick folgt wieder der Fläche und nun ist es doch bloß das endlose einförmige Spiel, der flache Zug vor dem Winde, Scholle um Scholle, eine unabsehbare vorbeirollende halbstarre und doch bewegte Masse, vorne am Lande tiefbraun, je mehr nach draußen desto mehr ganz starr und schiefergrau, bis die Berge drüben darauf liegen wie eine nasse graugrüne Nebelwolke. Ein paar Krähen schweben geisterhaft kohlschwarz zwischen Himmel und Erde, spähend über den Wassern wie Raubvögel, unbekümmert um den leise heulenden, schneidend eisigen Wind. Am Ufer knistern die Erlen, wenn die Welle in das Stelzwerk ihrer ausgewaschenen Wurzeln schlägt.

An solchem Tage kommt der Frühling selbst wie ein düsteres Geheimnis. Der schwärzeste Moorgrund der Dinge ist bewegt. Was wird er ans Ufer spülen?

„Wir sind umgeben von Geheimnissen.“

Sagt Goethe.

Feste haben für mich längst aufgehört, etwas anderes zu sein als Tage des stillen Gedenkens an das Geheimnisvolle aller Menschheits- und Naturdinge.

Ich unterscheide rückblickend bei mir drei Stimmungen vor einem solchen Feste wie Ostern.

Eine alte, früh überkommene und auch früh verlorene Stimmung der Gewißheit, wo der Tag in einem festen, bald zweitausend Jahre alten Weltbild bekräftigte, wo er ein Erinnerungstag an Tatsachen sein sollte.

Dann eine lange Stimmung des Zweifels, des Unbehagens, die einen Schatten gerade auf diesen Tag warf, ihn aus einem weichen Feiertag zu einem harten kämpfenden Alltagstage des Gedankens machen wollte. Bis dann endlich ein Drittes, ohne daß ich es rief, auch das ablöste.

An solchem Tage, der vom Reiß in der Winternacht oder von den blauen Auferstehungsglöckchen der Welt-Frühlingswiese singt oder von den Geistesflämmchen über Menschenstirnen an einem Tag der Erfüllung, — an einem solchen Tage suche ich heute weder einzelne Tatsachen, noch Tatsachen-Kritik. Ich suche eine Stimmung, die ab und zu ihren Feiertag verlangt: die Stimmung des Geheimnisses.

Ich fühle das Bedürfnis, mich still an meinen einsamen See hier zu setzen und mir zu sagen: Nun tu was Du willst, — darin steckst Du; über Deinen eigenen Schatten springst Du nicht; das Geheimnis hat Dich, heraus kannst Du nicht; also werde fertig, wie Du kannst.

Im Grunde steckt dieser Begriff des Geheimnisses ja doch auch hinter all den anderen Standpunkten. Er ist sozusagen jene blaue Tinktur der Ideenwelt, die der Alchimist für die Metalle suchte, die Ur-Essenz, die bleibt, wenn man überall die Mischung ablöst.

Hinter allen dogmatischen Glaubenslehren steht als letzte Instanz das Schicksal, der „unergründliche Ratschluß“. Wenn ich eine Todesanzeige im hergebrachten Stil lese, so empfinde ich, wo Halt gemacht wird und wo das anfängt, worin wir alle einig sind: die tinctura aurea des Denkens.

Die Götter Homers haben viel Macht, sie gehen auf Wolken und essen Ambrosia; aber wenn die Sache ganz aufs größte kommt, wenn sich entscheiden soll, ob Hektor oder Achill der Sieger ist, woran die ganze Komposition der Ilias hängt, — dann losen sie. Schicksal!

Es ist aber die gleiche Losurne des unsterblichen Dichters, in der Demokrit nachher seine Atome tanzen ließ. Aus diesem schwarzen Erlenzweig hier mit seinen üppigen feuchten violetten Blattknospen, in denen eine so verlangende Frühlingsbrunst nackt aufdrängt, kann ich die ganze Naturforscherwelt entwickeln, über Pflanzen und Planeten bis zur Urfrühlingskraft brennender Weltallssonnen; ich glaube persönlich, daß sie sich wirklich ganz entwickeln läßt, ohne Dualismus und ohne Eingriffe; aber ich weiß, daß auch zuletzt die Atome in der Urne schwingen und daß aus fernsten Nebelflecken und Milchstraßen eine höchst wunderbare mathematische Figur auftaucht, die, ohne Sinus und Cosinus schlicht in Goethe-Deutsch ausgedrückt, bedeutet: Weltgeheimnis.

Schließlich meine ich, daß es sogar recht gut so ist.

Wieviel Ansichten, Theorien, Glaubenssätze, Weltanschauungen ergießen sich über uns! Und mit wie mancher möchte man als wahrhaft fatal rechnen, wenn sie nun ganz wahr wäre, der Welt wirklich ins geheimste Uhrwerk schaute.

Mit dem Geheimnis kann man leben.

Man wird ja von selbst davor bewahrt, übermütig zu werden. Aber von der Unendlichkeit des Unbekannten läßt sich doch immer etwas erwarten. Wieviel Frühling, dieses liebste Geheimnis, mag noch darin stecken!

Das Geheimnis dieses Festfriedens ist nur, daß man das Geheimnis überall richtig zu finden weiß.

Ostergeheimnis! Ist es wirklich bloß das Geheimnis, daß ein Mann Wunder tun konnte, wie Wasser in Wein verwandeln, oder auf H2O gehen, oder von den Toten leibhaftig auferstehen ....?

Ich schaue in die braunen Wellen vor mir mit ihrem unablässigen Ansturm, ihrem Heben und Senken, und mir ist, ich blicke in das Gehirn der Menschheit, in das der arbeitende Gedanke tiefe Furchen gräbt. Und in eine solche Furche arbeitet sich ein, keimt und sproßt, daß das Naturgesetz etwas Heiliges sei, das nicht verletzt werden dürfe. Daß Himmel und Erde nicht dabei erlöst werden könnten, sondern im gleichen Moment zusammenbrechen müßten in das ewige Chaos hinein, da ein winzigstes Ringlein nur aus der Sternenkette dieses Gesetzes glitte.

Hängen doch an jedem Ringlein ganze Welten! Was ist im Kosmos klein, was groß? Wenn dieses Ringlein hier unten auf der winzigen Erde brechen sollte, so stürzte der ungeheure Sirius mit herab, die Milchstraße löste sich auf, Surturs Weltbrand verschlänge das All.

Ein Atom verschoben aus seiner heiligen Lage, in die es die Entwickelung der Jahrmillionen gebracht — und alle Harmonien dieses Kosmos splitterten auseinander.

Und das sollte geschehen sein gerade damals, als der Grundstein gesetzt wurde zu der herrlichsten Harmonie dieser ganzen Erde: zu der Idee der großen friedlichen Menscheneinheit durch die Menschenliebe?

Und der Gedanke keimt und sproßt weiter.

Sollte nicht hinter der größten Tat der Menschheit auch nur ein Mensch gestanden haben? Sollten nicht hinter jenen wunderbaren Berichten nur tiefste Symbole stecken? Sollte nicht das große Auge einer tiefsinnigsten Dichtung uns daraus anschauen, die in Gleichnissen formte, was nachher für reale Wahrheiten gehalten worden ist — die größte Dichtung des größten Dichters aller Zeiten, — aber doch nur eine Dichtung ....?

Oder sollte die Menschheitsseele in ihrem Ringen nach einer ethisch und sozial befreienden Tat, die alles bisher Geschehene umwarf und die Weltgeschichte durch das scheinbar Unmöglichste — die Liebe — aus den Angeln zu heben sich vermaß, — sollte sie ein Zeichen dort sich nur geschaffen haben, ein Bild ihrer eigenen inbrünstigen Sehnsucht, das die unvollkommene Legende nachher als Personenschicksal vergröberte und mißverstand?

Ostergeheimnis, wirst Du scheitern an solchen Gedanken?

Die Handlung der Evangelien nur ein Symbol, ein Gleichnis, eine Dichtung, ein Vorgang im der Menschheitsseele! Ich weiß, wie viele heute ihr Geheimnis hier wirklich noch hoffnungslos im Sande sähen. Um die Menschenliebe geht es auch ihnen. Von des Menschen Erlösung spielt das große Mysterium. Aber der Mensch ist ihnen doch zu klein dazu. In tausend melancholischen Stimmen klagt es durch unsere Zeit, daß der Baum, der aus dieser Gedankenfurche erwachsen sei, wohl wild und stark heute stehe. Aber das Geheimnis rausche nicht mehr durch seine Zweige. Er sei kein heiliger Baum. Nur kalte Sterne äugten durch seine kahlen Äste. Kein Weihnachtsstern und kein Osterschein und keine Pfingstflamme.

Ich aber frage: Was kann denn überhaupt abgrundtiefer im Geheimnis sein, als eben — ein Mensch?

Du verlangst den, der noch einmal leiblich auferstanden ist, nachdem er gegangen war. Was aber ist geheimnisvoller, als das Alltägliche, das so unsäglich Schlichte scheinbar: daß überhaupt ein Mensch geboren wird, daß er aufersteht aus dem Unbekannten in dieses Leben hinein?

Wenn Du alle Pfade des Liebeslebens mit der Wissenschaft, die Dir beschieden ist, durchpilgert hast: Du kehrst heim mit dem Geständnis, daß hier immer wieder das ungeheuerste Mysterium sich vollzieht — allein wert, daß Du still Einkehr bei Dir selber hältst und Dir Feiertage setzest des Geheimnisses, das Dich vom Tage Deiner Zeugung und Geburt an umschließt.

Und Dichtung?

Bist Du so schnell fertig mit dem Geheimnis, wenn ein Mann nicht wirklich auf Wassern geht, sondern wenn diese Geschichte nur das tiefe Gleichnis einer größten Dichtung sein soll? Ist nicht gerade die Existenz einer großen Dichtung etwas noch viel Geheimnisvolleres als irgend eine Tatsache der „Wirklichkeit“? Ist nicht die Dichterkraft des Genius das größte aller „Wunder“, unsagbar viel größer und wunderbarer als ein realer Krug Wein, der aus einem realen Kruge H2O verwandelt ist?

Ich denke an alle die Riesen, die seit Jahrtausenden auf den Wellen der Dichtung zu uns wandeln, Gestalten, viel größer als ein Mensch, zusammenfassende Gestalten, die ganze Zeiten, ganze Ideen verkörpern. Sie überdauern Generationen, sie leben Jahrtausende, sie haben ewige Jugend und Kraft. Wo steht, wohin projiziert sich in der „Realität“ eine Figur wie Faust? Sie schwebt im Raum- und Zeitlosen, und doch ist sie greifbarer, ist sie unvergleichlich viel lebendiger und viel wertvoller als Millionen und Abermillionen wirklicher Menschen, die auf der Erde sich nach den Ziffern des Gravitationsgesetzes bewegt haben, H2O getrunken haben und verweht sind, man findet ihre Spuren nicht mehr.

Auch diese Dichtergestalten sind aus dem Geheimnis geboren. Sie leben im Geheimnis. Im Dichtergeiste hat „es gezeugt“, hat „es geschaffen“, das dunkle „es“ der tinctura aurea alles Naturgeschehens.

Ich richte in diesem Augenblick nicht im einzelnen über jene Theorien. Ich lasse sie vorbeiziehen an mir, wie diese braunen Wellen hier vorübergehen im Zug des Windes. Vorhanden sind sie als Theorien, das schafft keiner mehr aus der Welt. Und nach ihnen werden noch mehr kommen, wie der Wellen hier noch mehr kommen. Wir sind erst in den Anfängen der Spekulation über den wahren Lauf der Geschichte, überall, also auch hier.

Aber ich sage: wenn es so wäre, wenn den Evangelien eine tiefe, unsagbar rührende symbolische Dichtung zu Grunde läge — die Dichtung vom neuen Menschen, der sich zur Menschenliebe durchgerungen und der auf Erden, wie alle Idealträger, zunächst sein Kreuz tragen muß, bis über Leid und Tod des einzelnen das Ideal unbesiegbar aufersteht und weiterlebt und die zähe alte Erde aus den Angeln reißt: — ich sage, wenn das als eine Wahrheit jemals erwiesen werden könnte, was würde das ändern an der welterschütternden Größe dieser Tat und an ihrer tiefen Verankerung im Geheimnisvollen?

Achill, der nur durch die winzige Dunkelzelle eines Dichtergehirnes phantomhaft gewandelt ist, ist mehr wert für uns als alle Griechen zusammengenommen, die damals die schwarze Erde getreten haben.

Jene Dichtertat behielte den ganzen riesenhaften Zug in vollem Maße, der auch so den Dingen zukommt. Im Geheimnisvollen aber wurzelte sie nur um so sicherer eben als Dichtertat. Ja gerade so bliebe sie in einem Größeren, als ein wirkliches einzelnes Menschenschicksal geben kann.

Der Rationalist bekäme Unrecht, der hinter den ungeheuren Menschheitsmoment bloß ein Stückchen Menschenleben eines Einzelnen auf dem winzigen Raum zwischen Betlehem und Golgatha deuten wollte.

In den Geheimzellen eines Dichtergehirns ist unendlich viel mehr Raum und es ist mehr darin als bloß eine Person. In Goethes Gehirn haben Faust und Egmont, Tasso und Werther, Iphigenie und Gretchen eine ganze Lebensbahn erfüllt. Im Dichtergeiste jenes Giganten an der Schwelle unserer Zeitrechnung hätte die ganze Menschheit mit all ihren ethischen Errungenschaften bis dahin gelebt, sie hätte sich zusammengefunden darin zu einer einzigen Tat — und gelebt hätte darin die ganze Zukunfts-Menschheit von Jahrtausenden nach ihm, geeint durch das Ideal der Menschenliebe. Der Dichter der Bergpredigt! Was willst Du mehr?

Der Wind heult hohl über die Wellen, die braunen Gedankenfurchen.

Offenbarung! ruft es. Wo bleibt die Offenbarung? Offenbarung brauchen wir.

Nun, alle Dichtung ist Offenbarung. Vom Geheimnis kommt es, zum Geheimnis geht es, unmeßbar, unwägbar, und doch von Welten kündend, Welten der Urtiefe, der Idealerweckung, der innersten Fortentwickelung, und Welten verwandelnd, Welten aufbauend, Welten zeugend: — das ist die Offenbarung; aber was ist es anders, als auch die Dichtung, die Kunst; es gibt keine bessere, schärfere Definition für sie.

Ja man muß das Geheimnis nur am rechten Fleck begreifen.

Manchmal scheint mir, als sei der ganze Hader und Fortschritt menschlicher Ideen bloß ein Kampf um die Perspektive. Wie die Dinge projiziert werden, hintereinander gelegt werden, darum ringen wir. Und wo das Blau des Geheimnisvollen beginnt. Darum aber auch diese ewige Auferstehung der Gedanken. Nichts fällt wirklich ins Grab, es wechselt nur seinen Projektionsort.

Diese Erkenntnis gibt Frieden, heute wenigstens für eine Feiertagsstunde, vielleicht später auch einmal für den Alltag. Die braunen Wellen zogen an mir vorbei, immer vorbei und der Wind blies, eine unablässige, fleißige Naturarbeit. Die Natur machte da keinen Feiertag, sie arbeitete. Jede dieser Wellen mochte ein klein wenig an diesem Ufer umschaffen, trug sie auch nur ein Hölzchen darauf, ein Sandkörnchen davon.

Ich dachte an die Rede der Leute: der See behält nichts, er gibt alles wieder, wenn’s auch eine Weile dauert.

Im Grunde macht es das Naturgeheimnis auch so.

Es ist kein Minotaurus, der verschlingt, um zu verderben. Es läßt die Welten, Menschen, Ideen in seinem Blau verschwinden und zahlt sie in Höherem wieder aus. In dieser tinctura aurea steckt wirklich wie in der der Alchimisten auch der Stein der Weisen, der alle Gebrechen, alle Unvollkommenheiten heilt, der ewige Jungbrunnen, der den Fluch der Zeitlichkeit aufhebt.

Diese ewige Wiedergeburt als Auferstehung des Geistes im allen Dingen erkennen, — das wäre der wahre neue Osterglaube.

Aber dazu bedarf es noch gar mancher Auferstehung erst im eigenen Innenleben der Idee.

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