(Friedrichshagen. Am Auferstehungstag.)

Heute wandere ich tief in der dürren Kiefernheide und suche den Frühling.

Die Luft ist hart, der Himmel weiß: es könnte auch Oktober sein. Ich denke an deutsche Länder, wo der Frühling wie ein Rausch kommt, in hinreißenden Farben. In der lieben Mark geht es wie in einem mageren Prozeß: es gibt da nur ganz feine Indizienbeweise.

Da liegt ein gelblicher Würfel Schlagholz. Wie mein Auge aber die graue Walddämmerung darüber durchsucht, stößt es da, dort auf kleinste Silberpünktchen, die pfeilschnell die Luft durchqueren, jedesmal einen schwachen Blitz in der Grundfarbe weckend, wenn sie eine hellere Stelle passieren.

Der Fremde weiß nicht, was hier stäubt in den noch so herben Tag hinein. Aber ich kenne sie als alter Käfersammler: die winzigen Borkenkäfer des Kiefernholzes, die jetzt schwärmen. Wenig später, und sie sind wieder völlig verschwunden, tief vergraben in ihrem krausen Bergwerk im Holz.

Auf den Schlagstämmen klettert auch schon eilfertig ihr wilder Gegner, der schwarz-weiß-rote Clerus, der Ameisenkäfer, der selber zum Schutz in prächtiger Mimicry die Ameisen-Wespe Mutilla in Farbe wie Gestalt täuschend nachahmt.

Während ich aber seinem trippelnden Wesen zuschaue, fällt in mein Ohr jäh ein überlautes Gegacker. Glüüh, glüh, glü, glück, glück, glückglücklücklick ... Die Silben folgen sich immer rascher wie bei einer heransausenden pfeifenden Lokomotive.

Das ist der Grünspecht.

Umsonst sucht der Blick ihn heute in seiner vertrauten, pfeilschnell gewechselten Horcherstellung senkrecht am Ast. Nur wenn ich draußen, jenseits der Schonung, stände, sähe ich ihn. Über den gleichmäßigen jungen Nachwuchs ragt dort einsam eine ältere, pinienhaft entfaltete Kiefer zum blinkenden weißen Himmel auf. Auf einem ihrer höchsten Äste sitzt der Specht, nah der Spitze, exponiert wie eine Krähe, und er reckt den Hals senkrecht zum Zenit empor und schmettert seinen Glückjuchzer. Völlig verwandelt ist er — er ist verliebt. Ja, es ist Frühling. Die Indizien stimmen zueinander.

Ich träumte in den stillen Aprilmorgen hinein.

Auferstehungstag. Ich dachte an die ungeheuren Kräfte, die dieser Frühling im Schwachen auferstehen läßt.

Ich dachte an den Saftstrom, der unter seinem Bann von allen Pflanzenwurzeln aufwärts drang, dieses geheimnisvolle Pumpwerk der Holzgefäße, das bei der amerikanischen Rebe mit einem Druck von fast 2½ Atmosphären arbeitet und einer Quecksilbersäule von 180 cm Länge die Wage hält!

Und ich dachte an die lieblichen Blaukehlchen, die winzigen Singvögelchen Skandinaviens, die nach des trefflichen Gätke Rechnung auf ihrer Frühlingsheimkehr in einer einzigen Nacht die Strecke vom Sudan jenseits der Sahara bis Helgoland durchfliegen. 45 Meilen nehmen sie in der Stunde, dreimal mehr als der schnellste Schnellzug. Mehrere tausend Meter hoch geht es dahin, damit die kolossale Sperrmauer der Alpen keine Störung giebt. Und nach diesem Sturm über ein Meer und anderthalb Erdteile sind sie noch so leistungsfähig, daß sie nach kurzer Rast auf Helgoland sogleich weiterfliegen. Das ist der Frühling! Ein ganzer Planet erscheint auf einmal eng gegenüber seiner Kraft, die eine arme Pflanze, ein schwaches Vögelchen durchseelt.

Er muß ja auch selber heran dazu, der ganze Planet.

Ich träumte mich über den weißen Himmel dort über den Wachholderbüschen hinaus in den eisigen Weltraum, wo die Erde mit ihrer schiefen Achse dahinrollte, sehr viel schneller noch als die Blaukehlchen auf ihr flogen. Jetzt begann der schiefe Planet wieder sein Nordantlitz der Sonne zuzuwenden, obwohl er sich gleichzeitig rückwärts von dieser Sonne entfernte. Und die Gnade lag auf dem zugewandten Scheitel, die Eiszapfen seines Bartes schmolzen, es wurde Lenz.

Achsenschiefe. Ein undurchdringliches Planetengeheimnis schläft in dieser kosmischen Frühlingsursache. Alles hängt daran, bis in das Jauchzen dieses Spechts, das Schwärmen dieser Borkenkäfer — und doch wissen wir nicht, was hinter ihr steht. Alles sonst in diesem himmlischen Billardspiel der Sonnenkinder ist so wunderbar regelmäßig, deutet so ganz auf einen harmonisch-einheitlichen Ursprung: die Kugelgestalt, die Bahnebenen, die Umlaufszeiten. Nur die Achsen gehen ihren anscheinend irregulären Weg. Jupiter ragt fast gerade, Uranus ist fast ganz entgleist; die Erde steht nachdrücklich schief. Kein Schimmer eines Warum ist uns gegeben.

Wie wenig wir wissen! Eine ganz dunkle, unergründbare Tatsache — und an der hängt aller Frühling, all diese Konzentrierung der Liebe auf eine Jahreszeit, alle Poesie, die wieder auf dieser Liebe ruht. Eine schiefe Planetenachse ragt hindurch — und schiefe Menschenweisheit.

Und doch haben wir schon ein Gesetz wenigstens entdeckt auch in dieser Achse. Ohne ihre Schiefe selbst zu ändern, wandert sie in großen Zeiträumen kreiselnd einmal herum. Sie sucht sich andere Sterne, auf die sie deutet, bis sie endlich zum gleichen wiederkehrt. In einem Zyklus von über zwanzigtausend Jahren geschieht das.

Mehr als zwanzigtausendmal Frühling! Vor meinem Geiste, den auch die große Lenzkraft anhauchte, erschien ein solcher Zyklus als Einzeljahr, nur in unermeßlichen, höheren Verbänden. Da war die ganze Eiszeit mit ihren fünfhunderttausend Jahren, die ihr Penck zuschreibt, nur ein einziger Winter und ihr Ende nur ein großer Frühling. Vielleicht war es der erste Frühling, den der ganz klar sehende, ganz begreifende Mensch erlebte! Vielleicht hatte noch lange vor dem, in der Kreidezeit, der Frühling überhaupt erst begonnen. War die Erdachse einst gerade gewesen wie die des Jupiter und hatte sich erst gesenkt in jenen Urtagen der großen Saurier? Träume, wenn der Saft steigt mit seinem Atmosphärendruck und die Wanderschwinge hunderte von Meilen wie ein Spiel nimmt!

Aber der Gedanke wanderte zurück auf den letzten dieser Zwanzigtausendzyklen.

Ich dachte, wie der große Hipparch um 150 v. Chr. schon dieses Kreiseln der Erdachse, das den Polarstern verschiebt, wissenschaftlich erfaßte.

Und wie es ein paar Jahrtausende weiter zurück schon hineingespielt in die geheimnisvolle astronomische Mythologie der Ur-Babylonier, der Sumerer, in die Tierkreis-Rechnungen und Tierkreis-Mythen dort. Es ist das geheimnisvolle Volk, an das wir heute so oft und so lebhaft denken, das immer gesuchte, endlich sicher gefundene Volk im Morgenrot der Kultur, dessen Tempel eine Sternwarte und dessen Astronomie ein Gottesdienst war.

Und über diesem Volke, im Morgenhimmel all unserer Weisheit, ragen schon die Zyklus-Rätsel der schiefen Erdachse, schimmern die großen Zeichen der Über-Frühlings-Periode!

Mir aber ist, als schimmere noch etwas anderes, etwas noch viel Weihevolleres darin.

„Aus den Gruben hier im Graben hör ich des Propheten Sang.“

In welchem wunderbaren Auferstehungs-Frühling leben wir Menschen von Tag zu Tag! Immer neue Welten der Vergangenheit tun sich uns kund, leben auf in uns. Um 3000 v. Chr. begann diese „moralische Astronomie“ der Sumerer schon zu verblassen, sich einzusargen zum Winterschlaf. 1900 n. Chr. rollt sie wie eine Frühlingsoffenbarung wieder über die Erde, weil ein paar alte Tonzylinder mit Schriftzeichen sich gespiegelt haben in der Kristallflut einer wunderbaren kosmischen Höhenmacht: der rückschauenden, die Geschichte wieder erweckenden Menschheitsseele.

Ein alter astronomischer Traum kündet: wenn Du viel schneller noch reisen könntest als der Lichtstrahl, der doch in jeder Sekunde zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, wenn Du die Lichtpost der Erde von Jahrhundert zu Jahrhundert noch einmal überholen könntest: — das Weltgeschehen würde sich Deinem Anblick umkehren, noch einmal sähest Du Cäsar auftauchen unter den Dolchen der Brutus und Cassius, sähest Sokrates mit seinem Giftbecher und die Sumerer auf ihrer Sternwarte, die Gletscher der Eiszeit, die auf Norddeutschland lagen, und die immergrünen Haine der Tertiär-Zeit, die Ur-Säugetiere von Neu-Mexiko und den letzten Ichthyosaurus am Ausgang der Sekundär-Periode ...

Wie ein Märchen klingt das.

Der Mensch, dieser winzige Planetensohn, der durch die Schwere an seiner harten, widerwilligen Scholle klebt, kann nicht fliegen. Fliegen nicht einmal wie die Blaukehlchen. Geschweige denn mit dem Lichtstrahl.

Und doch, — wie ich hier stehe und an die Sumerer denke und den Tierkreis verschiebe — ich, hier an meinem Schlagholz-Stoß im märkischen Kiefernwalde, ich bin mit allen in meiner Zeit auf solchem Fluge.

Unser Gehirn, das Geschichte enträtselt, ist der Apparat, der das Weltgeschehen sich aufstauen läßt, wie die Wasser sich vor dem biblischen Helden stauten, der die Sonne rückwärts wandern heißt, der die Dinge umkehrt und noch einmal auferstehen macht.

Es war das raumüberwindende Meisterstück der Natur: diese unendlich fein reflektierende Platte Menschenhirn, Menschengeist. Aber es war auch die Zeit damit überwunden im gleichen Moment, da diese Platte auf die Vergangenheit eingestellt wurde, da sie rückwärts gewandt wurde.

Der Menschengeist, der Geschichte sinnt, — das ist die Auferstehung.

Er ist das große Ostergeschenk der Natur, der Ostertag der Jahrmillionen.

Sie haben ihn gemacht, diese Jahrmillionen. Nun zahlt er heim, indem er sie erweckt.

Und was hat er für Gaben dazu! Geht doch dieses Geschichtsschauen nicht bloß durch Tabellen und Zahlen, durch winzige Mosaikstiftchen der grabenden, wieder äußerlich sammelnden wissenschaftlichen Forschung. Hinter diesen Stiftchen und Steinchen erhebt sich erst das ganz Große des Menschen: seine Dichterkraft, die Zeugekraft seiner Phantasie, die das Getrennte, das gräberhaft Zerfallene kraft des inneren „Werde“ wieder zusammenschließt, bis die schlotternden Gerippe wieder auferstandene Seelen sind, die mit uns leben.

So verklärt sich die Geschichte als Forschung zur Geschichte als Dichtung in dem höchsten Sinne, der in der Dichtung erst wieder die ganze lebendige Wahrheit sieht. So wird das Schauen zur Tat. Und das erst ist die ganze Auferstehung.

Noch ist unsere Kraft jung.

Noch ahnen wir kaum erst den ungeheuren Schöpferberuf, den Erlöserberuf, der in uns gelegt ist: die Überwindung des zeitlichen durch den ewigen Geist, in dem es keinen Tod, kein Alter, keinen Winter gibt.

Wenn unsere Wissenschaft aus Keilschrift enträtselt, was vor fünftausend Jahren durch die Seele der Menschheit flutete und ebbte, ahnen wir die eine Seite. Wenn durch die Dichterkraft Shakespeares Julius Cäsar leibhaftig vor uns zu wandeln beginnt, dämmert die andere auf. Aber eines stellt sich uns heute schon ganz dar: Nichts ist verloren in der Natur, das nicht geweckt werden könnte.

Das ist unserer Weisheit sicherster Schluß: keine Wirkung kann und konnte je verloren gehen.

Wenn ich meine Hand auf diesen Holzstoß hier lege, so zittert die Kraftwelle durch alle Ewigkeit, ewig individualisiert, ewig zu finden, im Brennspiegel der Kräfte wieder zu konzentrieren, zu fangen für den, der — einen Brennspiegel besitzt.

Das ist das Grundgesetz alles Geschehens, aller „Natur“ — aller Gott-Natur.

Der Urgrund der Dinge, der dieses Gesetz gesetzt hat, hat die Unsterblichkeit zugleich mit gesetzt. Der Spiegel aber — und hier liegt die zweite, die eigentlich krönende Tat — ist in unserer Hand. Nun ist nur noch eines nötig: unendliche Zukunft. Und in diese Unendlichkeit vor uns hinein wird die ganze Unendlichkeit hinter uns wieder auferstehen.

Der Specht oben rief wieder sein Glück, Glück, Glück.

Wie der Ton verschwebte, verschwebte mein Träumen durch den herben Frühlingstag.

Er ist noch herb, unser Frühling. Eine junge Menschheit sind wir, in den Anfängen erst. Halb schwankt der Zauberspiegel noch in einer Kinderhand.

Aber wie sonnig ist, daß alle unsere Wege zum gleichen Ziele aufwärts lenken.

Religiöses Schauen wirft den Auferstehungsgedanken uns wie einen Blitz zu, der im Moment für alles andere zu blenden scheint. Aber die Wissenschaft taucht auf, ohne Glanz, keuchend in schwerer Arbeit. Doch die Idee umgoldet sie, und nun wird offenbar: sie ist auf dem gleichen Wege. Und die Dichtung, ihr oft so fremd, erscheint nur als ihre eigene Krönung, ihre Vollendung in das Lebendige hinein, das die zeugende Tat ewig hat, während die Zerstückelung es nie erreicht.

Indizienbeweis! Er genügt mir auch für die große Weltenfrühlingswelt, wie Specht und Borkenkäfer für die kleine im märkischen Kiefernwald.

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