(Reisetagebuch. Schreiberhau.)

Über mir ragt es wie schwarze Zinnen einer gewaltigen alten Schloßruine. Durch eine Lücke im zerfallenen Gemäuer hängt ein schräger grauer Sonnenstreifen in den Schatten hinein wie ein jahrtausendalter Wust Spinngewebe. Er deutet in den Schloßhof, der roh verwildert liegt. Grünes Kraut steht fast mannshoch in der ganzen Breite. Irgendwo tropft Wasser, tickend wie eine gespenstische Uhr, aus dem Spalt eines geborstenen Marmorbrunnens.

Es ist Naturwerk, dieses Schloß.

Seine Zinnen sind grotesk zerspaltene Granitzacken des Riesengebirges, und der Schloßhof ist der innerste Kessel der großen Schneegrube.

In uralten Tagen lag in dieser kraterartigen Höhlung unter der Kammmauer ein Ungetüm, das mit bleichen Augen ins Tal hinunterglotzte: der Gletscher.

Mit seinen ungeschlachten Tatzen hat es die Blöcke dort herausgeschoben und cyklopisch wie eine Brustwehr getürmt, mit seinem schwerlastenden Leibe hat es den Grund ausgetieft zum gähnenden Kessel. Aber es ist ihm im Laufe der Zeiten ergangen wie dem fetten Lollus im Keller in Bechsteins Märchen: immer dünner und dünner ist es hingeschmolzen, immer magerer lag es zum Schluß in seinem viel zu weiten Felsennest. Heute weht nur noch ein leiser Schatten von ihm durch die Grube, ein unsichtbar körperloses Etwas, das als kellerhaft kalter Hauch am leeren Fleck noch einen letzten Kampf kämpft mit seiner furchtbarsten Feindin, der Sommersonne.

Wenn die Ebene weithin in allen Farben des Frühlings prangt und selbst auf dem hohen Kamm die blauweißen Anemonen blühen, dann liegt in dem alten Drachenkrater noch der Winterschnee zu zähen Lasten gehäuft. Aber zuletzt muß er doch weichen. Die Wendestunde, in der einst der Drache für immer der Sonne unterlag, wiederholt sich: die Sonne bezwingt auch den letzten Schneestreifen der Grube. Einmal, am Ende der Eiszeit, ist das entscheidend geschehen: einmal hat die Sommerwärme den ganzen Schnee weggetaut, während früher immer ein Rest überdauerte als Zutat zum nächsten Winter; damals ist das Ungeheuer des Gletschers ins Herz getroffen worden durch Baldurs Schwert.

Heute, da ich hier sitze, liegt die weite Landschaft am Kammesfuße eingesponnen im heißen Juli-Glast.

Hier in der Schneegrube hat gerade endlich der erste Frühling gesiegt.

Noch stecken in den tiefsten Granitschründen auch jetzt ein paar letzte Schneeflecken, aber schon grau vom tauenden Zermürben. Lustige Quickwässerlein rinnen leise davon herab. An der Grenze aber vollzieht sich jenes liebliche Schauspiel des Frühlingssieges, das auf tauenden Alpenpässen so oft meine Freude war: noch farblos weißliche oder gelbe Pflanzenspitzen, spargelhaft eingerollte Blätterknospen, durchbrechen mit eigener Kraft und Wärme die morsche Schneedecke, noch ehe sie sich selber gelüftet hat. So ringt sich an der Furka die zierliche violettblaue Soldanella (Soldanella pusilla und alpina) sogar als geöffnetes Blütenglöckchen aus selbstgewärmten Schmelzlöchern des Lawinenschnees zum Staunen des Naturfreundes heraus.

Wo aber der Kesselgrund schon völlig frei ist, da erfüllt ihn ein wahrer lebendiger Schnee: halbmeterhoch ragen in weitem, schneeweißen Blumenteppich die wundervollen Dolden der seltenen narzissenblütigen Anemone (Anemone narcissiflora), des „Berghähnleins“ der Gebirgsleute. Auf jedem lichtgrünen Hauptstengel stehen etwa ein halbes Dutzend großer Einzelblüten ganz nach Narzissenart. Ein berauschender Honigduft liegt über der Wiese. Man kann über den ganzen Kamm wandern, ohne dieser köstlichen Blume zu begegnen, hier aber tritt sie plötzlich als Herrscherin auf, — das schönste Sinnbild des Sonnensieges im alten Drachenbett.

Auf der Gletschermoräne selbst aber stehen niedrige, noch völlig blattlose Weidenbüsche im ersten goldenen Kätzchenschmuck, ein seltsam später Anblick für den, der aus dem Tal kommt, wo längst alle Blätter in schwerer grüner Sommerfülle rauschen.

Einsam und still ist es hier.

Oben an den Zinnen erscheint ab und zu ein punkthaft kleines Zwerglein scharf vor dem Himmelsblau: einer aus dem endlos dort vorbeihastenden Fremdenstrom, der sich etwas näher an den schwindelnden Abhang gewagt.

Hier herunter kommt in Tagen keiner, denn selbst der kaum sichtbare Pfad von unten her ist heute noch ein wahrer Steg ins Drachennest, wie man ihn sich im Märchen träumt: Block um Block, wie ihn der Riese abgerollt und liegen gelassen, will übersprungen sein und dazwischen schiebt sich in jede Lücke noch viel unwegsameres Knieholz, schwarzgrüne Büschel wie struppige Gnomenköpfe, aber zäh, als sollte ein Schwimmer sich durch halbflüssiges Pech durchkämpfen.

Eisdrache und Sonnenkampf, weiße Blütensterne — und Mensch. Das alles ist Natur.

Immer vor solchem reinen Bilde bewegt mich der tiefe Widerspruch, der in unserer Zeit durch dieses Wort geht.

Ich denke an seinen wechselnden Klang in den Jahrhunderten.

Da ist das Buch des Lukretius nahe der Wende vor Christus, im Abendrot der echten Antike, — von der „Natur der Dinge“. Natur ist hier das Offenbarungswort, das Himmel und Erde öffnet, das magische Wort, das die „Dinge“ bewegt.

Dann kommt eine Zeit, da heißt Natur soviel wie Teufelsspuk. Auf einsamem Kreuzweg wird sie gesucht, wenn die Eulen schreien; mit Bluthandschrift muß seine Seele verschreiben, wer sie sehen will.

Aber aus dem Munde eines Mannes, der gelebt und geliebt, gelacht und gegrübelt hat und der zuletzt auf dem Scheiterhaufen steht, um ein Märtyrer seines naiven Menschentums zu werden, — aus dem Munde des Nolaners Bruno ringt sich das Wort: Gott-Natur.

Dann kommen Rousseaus Tage, und ein Klang romantischer Wehmut, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese, zittert aus dem Wort.

Der größte Dichter vom deutschen Stamme steht in seinem Garten vor dem Wunder eines grünen Blattes und wiederholt abermals das große: Gott-Natur.

Und nun ist das Wort schon mit hineingerissen in die wilden Wogen des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Getöse ist plötzlich darin wie von einer ungeheuren stampfenden Maschine. Ein tausendstimmiger Jubelruf erschallt, Kränze wehen, — heisa, der Mensch sitzt hoch auf dieser Maschine, sie trägt ihn, er regiert sie. Seine Natur! Der Mensch Herr der Naturkräfte, Herr der Welt. Diese Hoffnung reißt empor wie ein Schwindel.

Aber die Vision wechselt jäh.

Der weiße Dampf der Lokomotive teilt sich und auf einmal liegt der Mensch unter der Maschine, ein zuckendes Haupt auf blutiger Schiene. Fühllos geht die Maschine über ihn fort. Und die sterbende Lippe stammelt „Gott-Natur“, — es klingt aber wie eine Blasphemie.

Kein Wort in unserer Zeit wiegt so schwer wie dieses Wort Natur.

Alles drängt darauf, ringt und lechzt darnach. Dieser Begriff Natur hat die Sterne erobert, die Billionen von Meilen von uns abstehen, er hat den Menschen selber erobert, hat die Geschichte erobert, die Milchstraße ist ihm nur ein Zeichen, der Mensch eine Station, die Zukunft eine mathematische Gleichung.

Und doch ist vielleicht kein zweites Alltagswort unserer Tage so wenig geklärt, so verschleiert, so mißverstanden wie „Natur“.

Auf ungezählten denkenden Menschen liegt es wie ein Tyrann.

Sie wissen nicht, wie sie ihm entrinnen sollen, aber sie fluchen ihm. Jeder Fortschritt der Naturforschung erscheint ihnen wie ein Schritt mehr zum Minotaurus hin, der sie in seiner Höhle zu Asche verbrennt.

Was tut’s, wen tröstet’s, ob in diesem Minotaurus ganze Sonnensysteme mit uns sinnlos verpulvert werden. Je größer das Ungeheuer wird, es steigert sich nur seine Ungeheuerlichkeit. Du magst diesen Leuten von Doppelsternen und Marskanälen, von Urweltmeeren und dem Werdegang des Menschen zwischen tollem Getier erzählen: das Gemüt hat immer nur das Gefühl, daß es selber dabei gefressen wird. Nun hat dieser Drache auch schon die Geschichte des Menschen. Wo wird er Halt machen? Alles packt er. Gibt es denn gar keine Grenzen dieses Verheerungszuges?

In mein einsames Sinnen mischt sich wieder ein altes Bild.

In einem verwitterten Büchlein fand ich unlängst Dokumente aus dem Leben des Naturforschers Konrad Gesner, des Meisters der Tierkunde im sechzehnten Jahrhundert. Ich suche seit Jahren Stoff zusammen über sein Leben. Daheim habe ich die alten Pracht-Folianten seiner Werke, ein Monumentalwerk deutschen Fleißes.

Zeit seines Lebens war er ein armes dürres Männlein, dieser Gesner, unsagbar fleißig, mit den großen Augen des Genies, aber vom Leben unerbittlich gedrückt. Und doch: eins drückte diese Seele nicht: Skrupel über den Natur-Begriff. Sie war nicht gerade besonders liebenswürdig gegen ihn im gewöhnlichen Sinne, diese Natur. Um ihn, den pflichttreuen Arzt, wütete die Pest. Mit 49 Jahren schon ist er selber ihr erlegen. Als sie, die er mannhaft bei anderen bekämpft, ihn endlich selber „hatte“, da hat er sein Testament niedergeschrieben, das uns heute noch erhalten ist. Er hatte nicht über allzuviel Glücksgüter zu verfügen. Nur eine Rente von hundert Gulden kann er stiften, daraus sollen jährlich zwei ärmste Kinder gekleidet werden. Aber seinem Geschlecht läßt er eine andere Aufgabe vergeistigterer Art. Je einmal im Jahr soll die Familie sich in allen ihren Gliedern zu einem frohen Liebesmahl vereinigen. Ein goldener Becher soll dabei kreisen, den er mit dem Testament übergibt. „Sonderlich“ sollen daraus die trinken, „welche etwas Zwytrachts miteinander gehebt.“ Nach dem Mahl soll einer ein paar Sprüche aus dem Evangelium vorlesen, „welche dienind, Fried, Liebe und Einigkeit zu förderen.“ „Demnach,“ aber heißt es zum Schluß, „soll er ihnen fürhin bringen (vorzeigen) meine Figurenbücher der Tieren, daß sy sich die zu besächen belustigend, und durch myn Gedächtniß, auch ihre Kind, welche tugendlich, zu der Lehr oder sonst zu guten und ehrlichen Künste und Uebungen erzüchten.“ Dieser Mann hatte kein Gefühl dafür, daß sein „Tierbuch“ die Weihe jener Sprüche stören könne. Es ist ein friedevoller Optimismus, der aus den Worten dieses besten Kenners der „Natur“ in seiner ganzen Zeit spricht ....

Das Ergebnis der unheilvollen Trübung, die für unsere Tage das Wort „Natur“ bedeckt, ist der immer tiefer fressende Pessimismus.

Es ist die Weltanschauung des knirschenden Sklaven.

Man fühlt, daß man gegen die überwältigenden Resultate der Naturforschung dauernd nichts machen kann. Dieser Sieg kommt ja nicht allein durch den Gedanken. Man darf Darwin in den Boden verfluchen und steigt doch in eine Eisenbahn, spricht durch ein Telephon. Von dieser Ecke her gibt’s kein Entrinnen, und wer einmal in der realen Bahn sitzt, hält schließlich doch auch bei der Station Darwin, ganz unversehens. Aber man glaubt zugleich zu fühlen, daß man damit etwas in Kauf nehmen soll, was das ganze innerste Leben lahmlegt. Man bekommt einen Toten ins Haus für immer. Zuerst heißt die Folgerung Resignation. Und dann heißt sie Pessimismus.

Täuschen wir uns nicht: der Pessimismus als theoretisch ausgesprochene lehrhafte Philosophie ist immer nur eine gelegentliche Erscheinung; der Pessimismus der Stimmung aber nagt und nagt bei uns fortgesetzt wachsend in allen Kreisen, wo man unter jener Sonnenfinsternis des Naturbegriffs wandelt und diese Sonnenfinsternis für ein Ergebnis der Astronomie hält.

Für mich liegt hier mehr und mehr eine Sache auf Biegen oder Brechen.

Ich bin mir nicht einen Moment mehr unschlüssig, daß in der Frage „Optimismus und Naturforschung“ die Schicksalsfrage der ganzen künftigen Naturforschung liegt.

Wenn die Naturforschung ihren Naturbegriff nicht aus dem Pessimismus herausbekommt, so geht sie im ganzen doch wieder herunter und muß heruntergehen.

Gewiß: wir steigen in die Eisenbahn. Aber täuschen wir uns doch auch darüber nicht, daß technische Erfindungen wohl eine Weile so fortreißen können, daß alles andere darüber in den Hintergrund kommt, — aber auf die Dauer hält das allein nicht stand. Wenn die Idee all dieser Dinge endlich überall in den Pessimismus führt, so erlischt schließlich doch das Interesse auch an diesen Erfindungen, es stirbt eben an dieser Idee. Wenn ich ideell doch immer auf der Schiene liege mit einem Knebel im Mund und einem Strick um Arme und Beine, so wird schließlich auch die Freude an der Eisenbahnfahrt immer dünner, die Fahrt weckt nur fatale Assoziationen. Und endlich steige ich lieber wieder in die alte rappelnde Postkutsche.

Ich persönlich gestehe gern, daß ich ohne eine optimistische Grundlinie in meinem Naturbegriff selber die eigene Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Dingen längst eingestellt hätte. Nichts wäre mir mehr zuwider, als das Paktieren, das ewige Versuchen, um die Allgewalt dieser Dinge herumzukommen.

Ich sehe ja, wie es anderen geht. Sie suchen auch aus der schwarzen Flut des Pessimismus sich herauszuhalten. Aber im Grunde ist ihnen alle Naturforschung doch nur die ewige Gleitbahn in diesen Pessimismus. So suchen sie „Grenzen des Naturerkennens“, Mauern, wo der Naturforscher angeblich nicht weiter kann. Da soll endlich das Reich der Trübsal aufhören, der blaue optimistische Sonnenhimmel doch noch beginnen.

Täuschen wir uns aber wieder nicht.

Es gibt diese Grenzen nicht.

Die Naturforschung ist nicht abzugraben etwa vom Seelischen, wie ein Maulwurf durch einen Wasserkanal. Ihr Naturbegriff muß auch das umspannen, wenn er nicht eine Narretei sein will, — es fragt sich bloß wie. Das bequeme „Ignorabimus“ eines Naturforschers, der im Grunde seines Herzens nie etwas anderes als Stockmaterialist war, hilft nicht fort von der viel größeren, tieferen, schwereren Aufgabe: den Naturbegriff selber vor der pessimistischen Vernachtung zu retten. Hier gilt das alte Wort: Davonlaufen nützt auf keinen Fall.

Auch mit dem Zweifel an dieser oder jener naturwissenschaftlichen Einzelhypothese ist nichts getan. Mit ein bißchen Zweifel an der Zuchtwahl oder sonst einem Stück Darwinismus oder mit einem allgemeinen schnodderigen Satz eines Kritikers, dem der ganze Darwinismus noch nicht mechanistisch genug ist, kommst Du nicht durch, so fröhlich das auch heute wieder dieser und jener träumen mag.

Das alles sind kleine Mittelchen, die einen Moment den Laien froh machen können, aber dauernd doch an die Sache nicht rühren.

Denn die großen Linien im Sachmaterial der heutigen Naturforschung lassen sich nicht mehr umwerfen. Es bleibt die allgemeine Naturgesetzlichkeit, es bleibt die Grundtatsache allgemeiner Entwickelung, es bleibt der Mensch als Glied in der großen Kette der Natur. Um diese Dinge kommen wir schlechterdings nicht mehr herum, und was an der Anerkennung dieser Hauptlinie schon stirbt von älteren Anschauungen, das muß eben sterben.

Was ich aber behaupte, ist, daß es einem tieferen religiösen Empfinden gar nicht einfällt, hier zu sterben, wofern nur eine Klärung über den Naturbegriff und eine Loslösung vom Pessimismus damit Hand in Hand geht.

Die erste Aufgabe ist allerdings, daß man den Menschen nicht wieder gewaltsam losreißt von der Natur aus lauter Eifer für „Natur“. Das ist bisher mit wahrer Hartnäckigkeit geschehen.

Der Begriff „Kraft und Stoff“ hat dabei eine merkwürdige Rolle gespielt.

Seltsam genug ja: unsere Zeit ist die erste, die wirklich Ernst damit gemacht hat, den Menschen restlos einzubeziehen in die Natur. Aber diese unsere gleiche Zeit hat sich auch alle Mühe gegeben, ihn durch unglückliche Begriffsworte in seinem ganzen Fühlen weiter wieder von der Natur fortzugraulen als irgend eine.

Kraft und Stoff sind in der exakten Forschungssprache vortreffliche und durchaus nötige Abstraktionen. Man kann sie auch philosophisch anstandslos benutzen, um eine bestimmte Linie einheitlichen Zusammenhanges der Dinge in der Welt zu begründen. Lege ich dieses Formelwort aber didaktisch als Generaldefinition der „Natur“ sans phrase zu Grunde, so werfe ich grade den Menschen vor dieser Natur in eine unfaßbare Öde.

Ich werfe ihn nämlich nicht, wie die Schwärmer für das Wort gemeint haben, in die höchste Realität, sondern in die äußerste Abstraktion.

Um den Menschen in die Natur zu bringen, ziehe ich von ihm ab und ab, bis nur das ausgezehrteste, mit nichts mehr greifbare Gespenst übrig ist. Dann ziehe ich die ganze übrige Natur ebenso fasernackt aus und nun endlich bringe ich die Ähnlichkeiten zusammen. In dieser Eiseskälte erfriert aber dem Beschauer die Natur, und sein eignes Eingehen in diese Natur bedeutet ihm nichts anderes als auch nur ein Miterfrieren.

Im Grunde bleibt ihm trotz alles Redens seine eigene Kraft-Stoffheit etwas ebenso absolut Fremdes wie die der Natur. Und auf diesem Wege kommt er von sich als lebendig warmem Menschen nie und nimmer zu der sonst bekannten Natur, — das tertium comparationis ist ein Gespenst, das er an beiden nicht kennt. Schließlich wird er es ja der Natur noch eher andichten mögen als sich. Dann ist er aber erst recht von ihr fort, weiter als je. Ich begehe eine Handlung, die im Sinne der Menschenliebe ist, wie sie am schlichtesten nach wie vor die Sprüche des Evangeliums aussprechen: — Kraft und Stoff. Ich begehe die aufs äußerste entgegengesetzte Niederträchtigkeit: Kraft und Stoff. Ich lebe oder bin tot, glücklich oder unglücklich, arbeitsam oder faul, bin ein Mensch oder bin der Sirius: Kraft und Stoff. Dieser Begriff gehört zu denen, die, weil sie überall passen, nirgendwo passen.

Die Folge dieser künstlichen Trennung des Menschen von der Natur ist aber der erste Teufelsfinger für den Pessimismus.

Der arme Hörer denkt, es muß nun einmal dieser Kraft-Stoff-Natur sich ausliefern, er empfindet es aber innerlich als einen Absturz wie vom prangenden Leibe eines schönen Mädchens zum schlotternden Skelett. Alle wahre Entwickelung hört ihm zugleich auf, denn alles ist ja eins. Eine uferlose graue Weltöde frißt ihn in sich hinein: der Minotaurus Natur.

Und dabei bedeutet doch diese ganze Idee von „Kraft und Stoff“ tatsächlich gar nichts anderes als die naturwissenschaftlich exakte Formel für etwas, was die Gottes-Vorstellung auf ihrer höchsten Stufe genau so suchte: die Existenz nämlich von Zusammenhängen in der Gesamtwelt, von einem durchgehenden Grundprinzip. Es ist das gleiche Prinzip, das in der Absolutgültigkeit der Logik und der mathematischen Verhältnisse vor uns auftaucht. Auf diese eine Karte aber nun die ganze Definition der Natur setzen wollen, wäre genau so, wie wenn einer etwa als einzige Eigenschaft seines Gottes hinstellen wollte: er ist unendlich, und nun verlangte, daß wir auf Grund dessen schon in ein religiöses Gemütsverhältnis mit diesem Gotte einträten.

Gerade die strengste Naturforschung zwingt uns, in diesen Begriff Natur noch ganz andere Dinge als entscheidend aufzunehmen vom Moment an, da wir Ernst damit machen, den Menschen vollständig in die Natur zu übernehmen.

Wir Menschen überschauen ein gewisses Stück Weltbegebenheiten. Räumlich ein Stück nebeneinander, bis in die fernsten Nebelflecke. Durch die Verzögerung des Lichtstrahls aus der großen Ferne ordnen sich schon die entfernteren Raumdinge zum Teil direkt in Zeitdinge um. Andere nähere, greifbare Merkmale vergangener Tage um uns her kommen hinzu und so sehen wir schließlich auch einen Zeitausschnitt, ein Hintereinander von so und so viel Millionen Jahren mehr oder minder deutlich. Etwas anderes zu Aussagen über die „Natur“ haben wir nicht als den Inhalt dieses für uns begrenzten Raum- und Zeitausschnitts.

In diesem doppelten Ausschnitt aber sehen wir nun keineswegs bloß ein belangloses Auf- und Abplätschern eines Stoff- und Kraftmeers.

Wir sehen vielmehr eine höchst eigenartige Entwickelungslinie. In dieser Linie stehen aber wiederum nicht bloß aufglänzende und wieder verglühende Sterne, Wechsel von warm und kalt, Auftauchen irgend eines Sauriers und Wiederabsterben seiner Art.

Vielmehr vollziehen sich darin die allereigentümlichsten Sachen und zwar werden uns diese aufdringlich deutlich vom Moment an, da wir den Menschen restlos aufgenommen haben in diese Linie der Entwickelung.

Der Laie hört heute: der Mensch stammt vom Affen ab. In der Form, wie er das zu hören bekommt, liegt vielfach das gleiche Unglück, wie bei jener Kraft-Stoff-Antwort. Du stammst vom Affen ab, folglich bist du eigentlich nur ein Affe; zähme deinen Ehrgeiz, steige eine Stufe herunter, laß dich von einem Niedrigeren, von der tierischen Natur fressen: — Minotaurus. Auch hier liegt die pessimistische Folgerung auf der Hand: was nützt Dein Arbeiten, Du bleibst, was Du warst, Kraft, Stoff, Tier, Affe — in Summa: ewig gleichförmig plätschernde „Natur“, dieses scheußliche, allesverschlingende graue Abstraktum. In Wahrheit ist die entscheidende Folgerung: der Affe ist also nur ein Übergang gewesen zu unvergleichlich viel Höherem, es gab etwas in der organischen Entwickelung, das den Affenzustand wie eine Puppenhülle abwarf und zum Lichte flog.

Von solcher Betrachtungsweise kommt man auf ganz andere Schlüsse auch im Menschen selbst vor der Natur und in der Natur. Der schlichte Übergang der Lebensstufe unterhalb des Menschen in den Menschen hinein nach einfachem Naturgesetz bleibt nicht nur bestehen, er wird sogar zu einer Säule des wahren Baues. Nur durch ihn gewinnen wir ja ein Recht, zu sagen: der Mensch ist auch ein Stück Natur, eine Stufe der sich entwickelnden Natur. Wenn der Mensch das aber ist, so gewinnt die Natur ganz unzweideutig das folgende höchst eigenartige Antlitz.

In dem Stück Entwickelung, das wir überschauen können, zeigen sich dann zwei ganz überwältigend große Entwickelungsstufen. Die erste will ich als die Stufe des Gesetzes bezeichnen, die zweite als die Stufe der Liebe.

Die erste Stufe ist für uns eine gegebene im Moment, da der Vorhang uns über dem Kosmos zeitlich aufgeht.

Sogleich und für uns vom ersten Tage an sehen wir hier die Welt ausgeliefert einer unerschütterlichen Gesetzmäßigkeit. Bestimmte Bahnen sind den Stoffen fest eingepaukt. Ein Körper, der unter bestimmten Schwereverhältnissen fällt, fällt nach einem ganz bestimmten Gesetz immer so. Und der Sinn gleichsam aller Dinge scheint erschöpft in diesem Naturgesetz.

Es hat etwas Großartiges in seiner ruhigen Majestät, dieses Gesetz, aber auch etwas Unerbittliches. Welten fallen aus seiner Hand: Milchstraßen, Fixsternsysteme, Sonnen. Es gibt keinen Zufall vor ihm: alles muß so sein, wie es ist. Aber alles Werden, alle Welten, die entstehen, scheinen zunächst in ihrem Sinn auch erschöpft in diesem Muß.

Dieses Ur-Naturprinzip wird mit derselben Ruhe, womit es eine Welt schafft, diese Welt auch wieder zertrümmern, wenn sie eine Fehlerquelle in sich hat. Es ist die Inkarnation einer unerbittlichen Gerechtigkeit einfacher Art: was wird, muß seine Folge tragen. Wird es schlecht, so stürzt seine Strafe über es herein, wird es gut, so erntet es unendlichen Lohn.

Wir brauchen nicht von Gravitation und anderen naturgeschichtlichen Werten zu reden, — dieses unerbittliche Gesetz ist uns aus einer anderen Quelle mindestens ebenso geläufig: in dem alten Bibelworte nämlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es ist der moralische Triumph der Formel A = A.

Ich sage, dieses Gesetz ist für uns da mit dem Anfang der Welt. Das ist an sich freilich noch kein Beweis, daß es ewig da war. Es könnte sich selber in unbekannten Vor-Äonen erst entwickelt haben, als eine Überwindung des regellosen Zufalles im Geschehen, als das erste ungeheure Ordnungsprinzip, das sich herauskristallisierte in unendlichen Vorkämpfen der Welt. Diese „Mythologie der Logik“ braucht uns hier jedenfalls nicht zu beschäftigen.

Sicher ist, daß das Gesetz da ist, wo unsere Erkenntnis beginnt. Das geringste Ballungsstäubchen Nebelmaterie, mit dem unsere ganze Entwickelung eingesetzt haben könnte, können wir uns nur vorstellen schon im Banne dieser Gesetzmäßigkeit.

Aber ebenso sicher wieder sehen wir weiterhin, innerhalb jenes uns sichtbaren Stückes Naturentwickelung, eine Fortentwickelung über dieses Prinzip hinaus.

Auch wir Menschen auf dieser Erde, Natur wie wir sind, hängen in jener großen Gesetzmäßigkeit. Wenn wir fallen, fallen wir nach der mathematischen Weltregel des Gravitationsgesetzes. Wieviel wir der Natur außer uns hinlegen, soviel erhalten wir zurück, Kraft um Kraft. Messen wir das an einem wüsten Zufallsgeschehen, so müssen wir uns ehrlich dessen freuen.

Nur diese Gesetzmäßigkeit aller, aber auch absolut aller Vorgänge der Welt hat uns, wenn noch in beschränktem Maße, so doch anwachsend mit jedem Tage, zum Herrn so vieler Naturprozesse werden lassen. Dieser ungeheuren schlechterdings untrüglichen Ehrlichkeit der Natur verdanken wir alle Erfolge unserer Technik. Kein Zündhölzchen zünden wir an, kein Haus steht, kein Schiff fährt ohne diese Verläßlichkeit der Natur.

Und doch!

In uns Menschen arbeitet sinnfällig noch etwas über diesem Prinzip.

Ein geliebter Mensch beugt sich zu weit über das Fensterbrett und stürzt ab. Er muß stürzen nach dem Naturgesetz der Schwere. Er stürzt, weil Logik gilt; er stürzt, weil A = A ist. Sein Einsatz, seine Schuld war das Hinauslehnen. Die Naturgesetzlichkeit vollzieht das absolute „Muß“, den Lohn: er stürzt und liegt zerschmettert da. Unerbittlich.

Wir aber fragen: konnte diese Schuld nicht vergeben werden?

Unser Herz ringt gegen dieses „Muß“, es ist uns auf einmal etwas Furchtbares, scheint uns entsetzlich vor solchem Falle.

Wenn wir zu entscheiden gehabt hätten: unser ganzes bestes Inneres hätte sich aufgelehnt gegen diese furchtbare Konsequenz, tausend Stimmen des Mitleides, der Solidarität von Mensch und Mensch hätten sich erhoben in uns, unser ganzes höchstes sittliches Empfinden hätte gerufen „Nein!“

Und doch sind auch wir Natur.

Aber das macht: in uns Menschen ist schon ein zweites Prinzip.

Die Liebe.

Das Mitleid, die Toleranz, das Eingehen auf jede Sehnsucht des einzelnen, das Vergeben der Schuld, die höhere Gerechtigkeit.

Überschauen wir auf dieses Prinzip hin jenes allein bekannte Stück Weltengang, so müssen wir sagen: der ganze aktive Inhalt dieses Stückes ist wesentlich die allmähliche Entwickelung dieses zweiten Prinzips.

Da entsteht die Erde und durch diese Erde, auf dieser Erde entsteht als ihre höchste Äußerung der Mensch. Im Menschen aber zeigen sich die Keime endlich ganz offen. Auf einer bestimmten Stufe seiner natürlichen Kulturentwickelung hören wir aus seinem Munde frei als Ideal aussprechen: fortan soll nicht mehr gelten Auge um Auge, Zahn um Zahn, sondern siebenmal siebenmal sollst Du eine Schuld vergeben um der Liebe willen. Der Fortgang der Menschheit seitdem ist ein langsamer, aber zäher Versuch, das nicht bloß zu sagen, sondern durchzuführen. Über den Ausgang besteht für mich kein Zweifel. Wir arbeiten an der Realisierung dieses Ideals, und all unser sittlicher Fortschritt geht hierher.

Vergleicht man nun die beiden Naturprinzipien miteinander, so erscheint das erste wie das alte Testament der Welt, und das zweite wie das neue. Das erste reicht von dem uns erschaubaren „Anfang der Welt“ bis in den Menschen hinein; das zweite läßt sich, als auf seinen ersten ganz hellen irdischen Lichtpunkt hin, mit einem Namen lokalisieren bei Christus, mit dem jenes Ideal zweifellos den ersten festen Schritt zur Tat getan hat, einerlei wie sich nun der Schleier über der Persönlichkeit einmal löse.

Auch diese beiden Naturprinzipien haben das Eigenartige, daß das zweite nicht kommt, um das erste aufzuheben, sondern nur um es in ein Höheres hinein zu erfüllen.

Die Liebe wirft die Welt keineswegs wieder zurück in den wüsten Zufall. Sie umfaßt das rein Gesetzmäßige, — wie ja ihr Träger für unsere Kenntnis, der Mensch, sich rein natürlich auch im Banne dieses Gesetzmäßigen entwickelt hat, ohne Riß, ohne Magie. Aber sie bringt in dieses Gesetzmäßige einen neuen Sinn.

Dem Zufall gegenüber war schon ein großer Sinn das einfache „Muß“. Die Liebe aber sagt jetzt: das Muß tut es noch nicht. Das Muß schafft Glück, aber auch mit der gleichen Folgerichtigkeit bis ins siebente Glied heilloses Unglück. Die Liebe aber will nur Glück, nur Beglückendes. Sie wird das Muß nicht als solches aufheben, aber sie wird versuchen, es in ihren Dienst zu stellen: das folgerichtig Schlechte wird sie auszurotten suchen und nur das folgerichtig Gute erhalten.

Die Frage wird sich nur hier vorwagen, ob sie das kann.

Betrachten wir aber wieder das Stückchen uns bekannter Tatsachen.

Wäre die Liebe etwas dualistisch der Natur Entgegengesetztes, so möchte die Antwort heikel sein. Aber sie ist ja selber in unserer Linie nur die sich entwickelnde Natur. Und da ist eins wieder über alle Maßen überraschend.

Diese Liebe leuchtet genau erst da auf, wo wir im Kulturmenschen ein Wesen sehen, das zugleich mit Siebenmeilenstiefeln auf die Herrschaft über das ganze „Muß“ losschreitet, — auf die Herrschaft über alle Naturgesetzlichkeit wenigstens seines engeren Bereichs. Der Mensch in diesem Sinne, „Herr der Erde“ als Techniker, als Naturforscher — und dieser Mensch durchdrungen von der Liebe: — diese Erde wäre ein Reich der Liebe innerhalb ihrer Naturgesetzlichkeit und durch sie.

Nun mag man ja sagen, dieser Mensch mit seiner ganzen Erde sei nur ein Pünktlein in der Natur. Ein Sternlein sei diese Erde unter Milliarden. Was will das eine Sternlein der Liebe selbst dann gegen Milliarden Sterne der fortgesetzten reinen Naturgesetzlichkeit bloß im alten Sinne.

Aber gerade weil ich das Auftauchen des Menschen und der Liebe in ihm nicht als eine Magie auffasse, sondern als ein naturnotwendiges Werden auf dieser Erde, halte ich solche Notwendigkeit auch auf anderen Weltkörpern für möglich.

Ja, ich halte sie aus strengen Verstandesgründen sogar für sicher. Ich sehe in der Menschwerdung eine kosmische Stufe, die genau so milliardenmal eintritt zu ihrer Zeit, wie Milliarden Sterne leuchten gleich unserer Sonne zu ihrer Zeit.

Aus der Naturstufe Mensch wird sich aber immer auch das Naturprinzip Liebe neu offenbaren, milliardenmal, durch die ganze Natur hindurch, — wenn es eben ein Naturprinzip, eine höhere sich entfaltende Form dieser Natur ist.

Auf jedem belebten Weltkörper werden Menschen erwachen und in diesen Menschen ein Funken Liebe und zugleich ein Wegstückchen Naturbeherrschung, — ein Stückchen Bändigung der Natur zu Zwecken der Liebe.

Und in diesem ihrem Werk müssen die Funken wohl schließlich sogar zusammenfließen. Ist doch die Verbindung zuletzt eine reine Frage der Technik. Was sollen wir aber einer Technik für Schranken setzen, die sich Millionen von Jahre über das hinaus entfaltet, was wir heute besitzen. Zusammenhänge werden sich herausstellen zwischen den unzähligen kleinen Ecken und Winkeln der Naturbeherrschung.

Im Moment, da alles Geschehen der Welt in den Händen, im Willen intelligenter Wesen liegt, alle Naturgesetzlichkeit nur in der Linie arbeitet, die dieser Wille will, — in dem Moment würde die zweite Stufe erfüllt sein. Naturgesetz und Liebe fielen zusammen im Sinne, daß das Naturgesetz nur mehr wirkte in der Richtung der Wünsche der Liebe. Seine unendlichen Möglichkeiten wären sozusagen polarisiert auf die eine Ebene — der Liebe.

Für unsern Blick, in der Linie, die wir allein auf unserer Stufe denken können, bedeutete das die Stufe der vollkommenen Seligkeit: den Himmel. Wobei immerhin offen bleiben mag, wie auch diese Stufe von noch weiterer Entwickelung überwunden, überboten werden könnte.

— — —

Solange die Menschheit jetzt über sich nachdenkt und Ideen darüber schriftlich niedergelegt hat, ist sie immer auf diesen fernen Zielgedanken hinausgekommen einer gesetzmäßigen Welt, aber mit einer obersten Leiterin in dieser Gesetzmäßigkeit: der Liebe. Die Gesetzmäßigkeit sorgend für die ewig Fortwirkung jeder Ursache. Aber die Liebe das erste „Daß“ setzend, von dem alle diese Fortwirkungen ausstrahlen.

Unsagbar aber hat sich der Gedanke abgequält mit der Tatsache, daß offenbar dieses Ideal heute noch nicht erfüllt sei.

Ungeheure Ketten solcher naturgesetzlichen Folgerichtigkeit liefen auf höchste Unlust, auf das Gegenteil aller Liebesforderung hinaus.

Man stieß eben gegen den Sachverhalt, daß wir erst im Werden der zweiten Stufe stehen, daß hinter uns nicht die Liebe, sondern die Stufe des wahllosen Muß steht, während erst vor uns, in der Ferne und durch uns in endlosester Projektion, die wahre Aufhebung dieses Muß in die Liebe steht.

Schließlich hat aber auch an den verschiedensten Stellen das unentwegte Grübeln auf die Zukunftshoffnung geführt: auf die Idee einer Seligkeit in einer Ferne der Zeit, am „Ende der Dinge“, am „jüngsten Tag“, im „Nirwana“, und wie die Worte lauten mochten.

Auch das ist der grübelnden Menschheit immer und immer wieder klar geworden: ihre seltsame Zwitterstellung halb scheinbar mit der „Natur“, halb gegen die „Natur“.

Es waren die zwei Stufen der Natur, die in ihr rangen: die Raupe, die unter quälendem Schmerz sich selber als Puppe gebären soll.

Abwechselnd fühlte der Mensch sich Herr der Natur und gefressen von der Natur. Heute liebend, geliebt, die Wunden heilend, die Beladenen aufrichtend, die Dinge regierend nach seiner Seligkeitssehnsucht, die alle gleich beglücken, verklären sollte. Morgen in Krankheit, die jäh aus seinem Innern fraß, vom Dämon besessen, unter Leichen hinstürzend, tausendfach im Bann völlig unverständlicher, unbeherrschbarer, unberechenbarer „Notwendigkeiten“, die einfach blind, gefühllos ihre Bahn abklapperten.

Und der Bedrängte, Ratlose konstruierte in der Not einen ewigen Gegensatz der Dinge: hier das „Ich“, Liebe setzend, einiges vollbringend, aber dann wieder ohnmächtig, — dort „die Natur“, die weltengroße kalte Muß-Maschine, die um der Konsequenz der heiligen Logik willen alle Gefühle und Sehnsuchten zermalmte.

Auch hier war das Symptom erfaßt, — bloß der Sinn hinkte.

Es kam die Antwort Hiobs, daß wir den Sinn der Welt nicht verstehen könnten, weil wir zu klein sind.

Oder die furchtbare Antwort des Harfners bei Goethe:

„Ihr führt ins Leben ihn hinein,

Ihr laßt den Armen schuldig werden,

Dann übergebt ihr ihn der Pein,

Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.“

Dieser Vers malt unvergleichlich das reine „Muß“. War das das Weltprinzip nach wie vor? Der einzige Sinn der „himmlischen Mächte?“

Was Wunder, wenn Prometheus sich dagegen auflehnte, das trotzige Ich, das, an den Felsen des „Muß“ geschmiedet, doch noch höhnt:

„Ich kenne nichts Ärmeres als Euch Götter.“

Prometheus hat eben tatsächlich etwas mehr als das Muß. Er hat die Forderung der Liebe.

Aber der Kontrast ist nur der von älter und neuer.

Das Alte ist eine unermeßlich große Masse, — das Neue ein paar Lichtpünktchen. Man denke an die paar Menschen, die um Liebe nach den Sternen blicken — und diesen Erdball unter ihnen, der kein Gesetz hat als das des „Muß“, wonach er jährlich 365 Mal um sich und einmal um die Sonne fällt. Aber gib dem Neuen die ganze Zukunft mit in Kauf und die Folge der Milliarden Generationen nach ihm, — und Prometheus wird Christus, er wird Newton, der den Mond schon fallen sieht wie einen Apfel, er wird der Erfinder, der mit elektrischen Wellen über Meere spricht und endlich: nicht er hängt mehr am Kaukasus, sondern dieser ganze Kaukasus wächst und zerfällt, je nachdem er es zu Zwecken seiner Liebe will, er, der Herr der Naturgesetze.

Wie bisher über die Einzelheiten dieser Dinge gestritten worden ist, so wird auch noch weiter darüber gestritten werden müssen. Was ich aber meine, ist, daß diese Gedankengänge sich völlig vertragen mit den Dingen, die der moderne Naturforscher lehrt.

Nirgendwo steckt auch nur die geringste Konzession darin, die vom Naturforscher verlangt würde.

Es wird bloß darin Ernst gemacht mit dem, was gerade dieser Forscher verlangt und verlangen muß: daß nämlich der Mensch in seinem ganzen Umfange in die Natur aufgenommen werde. Dieser Mensch muß dabei bleiben, was er ist. Er wird nicht plötzlich bloß Kraft und Stoff, oder nur eine Mischung aus H2O und einigen anderen Elementen. Er bleibt Hiob und Prometheus und Christus und Faust, bleibt in der uralten brennenden Sehnsucht seiner Ideale, bleibt in seiner Weltverzweiflung und Welthoffnung und Weltüberwindung, bleibt in seiner Liebe.

Von all diesen Dingen wird man doch wohl nicht glauben, daß der Naturforscher plötzlich daran rüttle?

Er gerade ist doch der allerletzte, als Beobachter, der Phänomene scharf auseinander zu halten gelernt hat, — der einen Unterschied leugnen sollte zwischen einem Stein, der einfach nach dem Gravitationsgesetz fällt, oder einer insektenfressenden Pflanze, die unerbittlich ihr Opfer aussaugt, — und dann einem Menschen, in dem das schlichte christliche Gebot auferstanden ist, daß man mit den Armen das Brod teilen und seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst?

Was der Naturforscher in erster Linie verlangt, ist, daß diese Unterschiede nicht durch Magie erklärt werden, sondern als natürliche Entwickelungen.

Gerade das aber wollen ja jene Ideengänge, denen alle jene Vorgänge nur Entwickelungsstufen einer und derselben Natur sind.

Gerade der Naturforscher wird doch auch der letzte sein, der unabsehbare Zukunftsfernen dieser einmal angeschlagenen Entwickelungswellen leugnet. Von ihm stammt ja die erste exakte Fassung des alten Glaubens, daß alles Geschehene für die Ewigkeit geschehen, in die Ewigkeit hinein geschrieben sei: er lehrt uns, daß die Kraft nie erlischt und daß der geringste Schlag im Äthermeer fortzittert durch alle Äonen hindurch in immer weiter sich zerteilenden Kreisen, — diesen wunderbaren Gedanken von der Unsterblichkeit der Wirkungen, auf dem Fechner seine ganze tiefsinnige Philosophie aufgebaut hat.

Aus der Astronomie und nicht aus der Märchendichtung stammt unseren Tagen die Idee, daß gleiche Ursachen auch auf anderen Sternen zu gleichen Wirkungen, nämlich organischer Lebensentfaltung bis zu intelligenten Wesen hinauf, führen müssen.

Aus unserer Technik, die in allen Zügen angewandte Naturwissenschaft ist, stammt die schlichte Folgerung, daß unserer Beherrschung des mechanischen Geschehens keine Grenze gesteckt sei. Dieses Mechanische hat in sich keinen Riß und das macht es zum kontinuierlichen Bande, das wir fort und fort weiter aufrollen, nachdem wir einmal fest Hand angelegt haben. Der größte Unsinn, den der Wilde sich ausdenken konnte, ist von unserer Technik schon erfüllt: daß wir durch Wände sehen könnten, daß wir den Blitz zu einem zahmen Haustier machen könnten, das uns die Stube erhellt, daß wir mit einer Wolke Stoff, die leichter als Luft ist, durch die Luft fliegen könnten, daß wir das Licht zwingen könnten, uns Rede zu stehen, wie es in der Glutatmosphäre der Sonne oder im Nebelfleck der Andromeda aussieht.

Wie anders aber nimmt sich der Naturbegriff aus, wenn wir ihn von solchen Linien her fassen!

Wie groß erscheint der Mensch darin: der Träger der Naturwende auf unserem Stern!

Ausgelöscht ist das Minotaurusbild.

Jener Kampf des Herzens gegen die eiserne Logik ist der große Höhenkampf der Natur selbst, der in uns ringt, — der zweite Schöpfungstag, der mit dem ersten streitet.

Über das graue Nebelfeld zuckt ein optimistischer Strahl.

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In der Edda kommt ein furchtbares Schlußbild alles Weltgeschehens vor, zu furchtbar doch, als daß es selbst dort, wo Götter und Welten sterben, als endgültiger Abschluß gedacht würde. Himmel und Erde sind verbrannt und über die Stätte hat sich ein uferloses schwarzes Meer ergossen. Nichts mehr lebt darin. Nur ein gespenstischer Spielmann zieht darüber und nach dem einförmigen Takt seiner Melodie heben sich die Wellen unablässig herauf, um wieder zu sinken, — auf und ab, ein zweckloses Einerlei — und das in alle Ewigkeit.

Auf ein solches grauenvolles Phantasiebild lenkt aber als Wirklichkeitsschluß der falsch angewendete Materiebegriff.

Das Meer ist der abstrakte Stoff, der Spielmann mit seiner unendlichen Melodie ohne Wechsel die abstrakte Kraft. Und es ist hier nicht bloß ein Endbild, es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles in einem. Den Menschen mit seinen Hoffnungen und Idealen in dieses Meer hinabziehen, heißt ihn schon jetzt vernichten.

Und doch ist nichts nötig, als die Natur-Definition nur auf eine etwas größere Fülle der Phänomene zu bauen statt auf eine solche einzige skeletthafte Abstraktion, — und dieses Meer des gespenstischen Spielmannes wird zu der blauen Welle, aus der in einer Lotosblume das Gotteskind Mensch erblüht, das Kind, in dem die Gott-Natur sich selber fortschreitend neu zur Welt bringt.

Nur etwas mehr Mut braucht es in der Definition des gleichen Dings.

Hat man diese große Linie aber einmal resolut erfaßt, so ist es leicht, in sie noch eine Menge einzelner Züge hineinzuzeichnen, die jetzt alle nach der optimistischen Seite weisen.

Die Stufe der Liebe ersteht rein „natürlich“ aus der Urstufe des Gesetzes, sagte ich. Sie entwickelt sich in dem uns bekannten Weltausschnitt in der Phase, die allmählich zum Menschen hinleitet und endlich in diesem selbst gipfelt. Hier aber wird die Frage wichtig, ob dann nicht in der Stufe des reinen Gesetzes doch auch schon ein optimistisches Prinzip erkennbar gewaltet haben müsse.

Diese Frage berührt allerdings zunächst das unendlich schwierige teleologische Gebiet.

Auch auf diesem Gebiete haben wir uns vorweg vor einem Irrtum zu hüten, der ebenso gefährlich werden kann wie der falsch verstandene Materie-Begriff.

Wenn ich Ernst mache mit der Behauptung, es sei der ganze Mensch ein Stück Natur, so darf ich nicht sagen: es gibt in der Natur keine Zwecke. Der Mensch handelt nach Zwecken, und also handelt die Natur auf der Stufe Mensch nach Zwecken. In einer Generaldefinition der Natur muß der Satz stehen, daß sie jedenfalls unter bestimmten Verhältnissen bewußt zwecksetzend, also im ausgesprochensten Sinne teleologisch arbeitet. Der Sieg der Liebe, von intelligenten Wesen durchgefochten, wird auf alle Fälle erreicht werden mit den Mitteln solcher Teleologie.

Andererseits bleibt aber ebenso wahr, daß lange Zeit hindurch nichts verhängnisvoller gewirkt hat, als das Hineindeuten von Zwecken in die reine Stufe des Muß.

Es war wie ein Aufatmen für die Naturforschung, als aus diesem Teil der Natur das teleologische Prinzip zunächst einmal nach Möglichkeit herausgedrängt wurde zu Gunsten einer Betrachtung reiner Kausalzusammenhänge.

Wenn ich mich überhaupt mit dem „Muß“ beschäftige, so muß dieses auch herrschen.

Jede Einmischung irgend welcher Art wäre Magie, und die zerstört das Fundament unserer anderen größten Errungenschaft: des Vertrauens in die absolute Naturlogik, in das ewige: „Gleiche Ursachen, gleiche Wirkungen.“

Gleichwohl gibt es noch eine dritte Betrachtungsweise, die eben möglich wird, weil beide Gebiete doch natürlich zusammenhängen.

Das „Muß“, das „Gesetz“, hat den Menschen und die Liebe schließlich in der von ihm allein beherrschten Welt doch auch hervorgehen lassen. Es hat eine ungeheure Entwickelungskette erzeugt, die zu diesen Höhenphänomenen hinführte. Unter diesen Umständen fragen wir uns, ob nicht mit der ersten Setzung dieses Muß wenigstens doch auch schon ein optimistisches Grundprinzip mit gesetzt war, das solche Blüten ermöglichte.

Wohlverstanden: ich will auch jetzt keineswegs die geschlossene Kette des Naturgesetzlichen durchbrechen mit einer hineingeschmuggelten Zweckkreuzung, einem Finger aus Numero x, der die Kette beugt.

Ich teile konsequent den Standpunkt Fechners, der immer und immer wieder seinen Hörern eingepaukt hat: alle Welt-Teleologie muß im Naturgesetz umschlossen sein, muß gesetzt sein, wenn sie besteht, durch die Naturgesetze, nicht noch einmal neben oder hinter ihnen; wenn es einen Zweck im Fall des Steines gibt, so kann er einzig und allein erfüllt werden durch diesen in der mathematisch genauen Formel der Gravitation gegebenen Fall und nicht noch einmal extra; in diesem genauen Wortsinne gibt es keine Meta-Physik, das heißt: nichts noch einmal hinter der Physik.

Aber wenn das Weltmuß an einer Stelle des uns sichtbaren Bildes in eine optimistische Linie im Sinne eines Anlaufens auf wachsende Glückseligkeit einmündet, — werden wir nicht erwarten dürfen, daß in der ersten Setzung dieses Muß bereits als ein optimistisches Ziel irgendwie gegeben war? Mit andern Worten: steckt nicht schon ein optimistisch zu deutender Faden in der Stufe des Gesetzes?

Ich glaube, daß wir ihn erkennen können. Er offenbart sich in dem eigentümlichen Zwange der Weltlogik, der das Harmonischere über das Disharmonische rein mechanisch triumphieren läßt.

Diese Logik hat noch gar nichts direkt zu tun mit Lust oder Schmerz. Sie trifft Sterne und Steine und Staubteilchen, man kann sie durchführen durch eine absolut mechanisch gedachte Natur.

Aber innerhalb dieses Mechanismus waltet sie als ganz bestimmtes Ordnungsprinzip. Sie siebt unablässig das regellose Auftauchen der Formen durch auf eine ganz bestimmte, fort und fort gesteigerte Ordnung, eine harmonische „Anpassung“ der Teile aneinander.

Ihr Werk ist, daß die rein gesetzmäßige Natur nicht als ein unendlich buntes Phantasiestück, sondern bereits als ein „Kosmos“ erscheint.

Es ist die Logik, die Empedokles als Weltordner pries und die in unsern Tagen Darwin als sein Prinzip der natürlichen Auslese der Passendsten im Organischen auf den Schild erhoben hat.

Diesem Weltprinzip allein verdanken wir die Möglichkeit eines mindestens auf Jahrmilliarden stabilen Fixstern- und Planetensystems, die Grundbedingung also der uns bekannten organischen Entwickelung. Und diesem Prinzip verdanken wir zweifellos den Menschen selbst, der das Ideal geradezu einer prachtvollen Anpassungs-Auslese darstellt.

Die gewöhnliche Antwort lautet allerdings, daß dieses Gesetz der Erhaltung des Passenderen doch ganz selbstverständlich sei.

Ja, warum aber ist es selbstverständlich?

Es ist selbstverständlich, erstens weil eine Logik, eine Gesetzmäßigkeit überhaupt in der Welt ist. In einer reinen Kuddelmuddelwelt wäre es gar nicht selbstverständlich. Es ist aber selbstverständlich zweitens noch, weil in dieser Weltlogik mit ihrer ersten Setzung eine optimistische Tendenz steckt, etwas was zu harmonischen, stabilen und immer harmonischeren, stabileren Verhältnissen in der Welt drängt.

Auch dieser Gedankengang ist ein sehr schwieriger im Ausbau, den ein paar Sätze gewiß nicht erschöpfen können. Er berührt unter anderem ja die tiefste philosophische Kernfrage der ganzen Darwinschen Idee. Aber so viel, meine ich, leuchtet doch schon durch, daß auch er nur einen optimistischen Zug in das Gesamtbild fügen kann. Gleichzeitig umfaßt er aber wieder nur ein streng naturwissenschaftliches Gebiet. Läßt er sich doch sogar die extremste mechanistische Ausnutzung des Zuchtwahlprinzips im Gebiet des Lebendigen gefallen, die nur möglich ist, — ohne ein Titelchen seiner optimistischen Färbung dabei preiszugeben.

Von den einzelnen Phänomenen der Anpassung aus läßt sich dann wieder ein sehr klarer optimistischer Faden finden in der „Entwickelung“ der Dinge, wie sie uns unser Naturausschnitt geschichtlich weist.

Immer, solange man in Linien dieser Geschichte etwas hineinschaut durch Astronomie, Geologie, Paläontologie, Anthropologie, hat ja der Gedanke frappiert, daß es da doch eigentlich im ganzen ständig emporgehe: — vom chaotischen Nebelfleck zum Sonnensystem, von der Glutkugel zur bewohnbaren Erde, vom einzelligen Urtier zum Menschen. Und im Menschen vom Mammutjäger zu Plato und Kopernikus und Goethe.

Aber es gibt doch auch gegenteilige Meinungen, anknüpfend an die Kuddelmuddel-Definition einer völlig sinnlosen Natur.

Da erscheint diese ganze angebliche Entwickelung der Erde bloß als der Degenerationsprozeß eines erkaltenden, verfallenden Planeten. Das ganze Leben ist bloß eine Verfallsanpassung, die mit fortschreitender Erkaltung auch des benachbarten Gestirns wieder verschwinden wird. Der physikalische Satz aus der Lehre von der Entropie wird herangezogen, wonach in einer endlich begrenzten Welt schließlich die Temperaturdifferenzen sich völlig ausgleichen müßten und damit jedwedes Weltgeschehen endgültig zum Stillstand käme. Die Anpassung wird gefaßt als etwas völlig zielloses, ein ganz beliebiges Jenachdem, in dem alles gleichwertig ist, was überhaupt da ist: heute der Bacillus, morgen der Wurm oder der blinde Olm oder der Mensch.

Und doch steckt auch hier wieder gerade in der skeptischen Auffassung das eigentlich Gewaltsame, das Vergewaltigende den schlichten naturgeschichtlichen Tatsachen gegenüber.

Die Skala der Entwickelung in dem uns gegebenen zeitlichen Weltstück einfach bloß auf das Thermometer hin zu definieren, ist genau so abstrakt einseitig wie jene Skelettierung des Naturbegriffes auf „Kraft und Stoff“.

Ich lasse den Entropie-Satz dabei von vorne herein aus dem Spiel, da er mit einer endlichen Welt rechnet, für die natürlich alle Ideen von unendlicher Entwickelungsfolge fortfallen, die aber selber dafür auch völlig aus jedem Beweis fällt. Ich beschränke mich auf die engeren Tatsachen-Linien. Im Moment, da der Planet seine eigene Sonnenglut verliert, erwacht nach gangbarer naturwissenschaftlicher Annahme auf ihm die wunderbare Stufe des uns bekannten organischen Lebens, wahrscheinlich zuerst in jener Bakterienform, die mit ihrer gewaltigen Fähigkeit, hohe Temperaturen zu ertragen wie schaurig tiefe, noch das Kennzeichen einer weiteren, umfassenderen kosmischen Anpassung verrät. Für die engeren Erdverhältnisse richtet sich dann dieses Leben mehr und mehr ein, aber keineswegs im Sinne einer bloß passiven Anpassung.

Immer deutlicher heben sich die Versuche heraus, durch sinnvolle Ausbildung herrschend zu werden auf der Erde.

Zuerst erscheint das zerteilt über ganze Gruppen von Pflanzen und Tieren, die mit Hilfe hier dieser, dort jener Leibesorgane bestimmte Gebiete erobern: das Wasser, die Erde, die Luft, andere Wesen, Licht und Finsternis, Hochgebirge und Tiefsee, Wärme und Kälte. Wir sehen solche zersplitterten Anpassungskreise, doch schon von gemeinsamem Stamm, bei den Insekten; dann wieder den Reptilien; die wieder werden vom Typus des Säugetiers überboten. Gleichzeitig aber vollzieht sich ein wunderbares Zweites. Neben die zersplitterten Anpassungsversuche ganzer Gruppen, in denen jede eine Möglichkeit starr vertritt, stellt sich ein Bestreben, zahlreichste Möglichkeiten auf eine Form, eine Art zu vereinigen, eine Art zu konstruieren, die auf jede Bedingung der Erde zweckmäßig reagiert. Diese Art in ihrer Vollendung muß Erdherrscher im absoluten Sinne werden. Wir wissen, welche es ist: der Mensch.

Dieser Mensch ist nicht wieder eine Anpassung neben vielen wie der Käfer, wie der Olm, wie der Vogel. Er ist die absolute, die erfüllende, sämtliche Einzelversuche zusammenfassende Anpassung der Erde. Es wird ihm ermöglicht durch sein Gehirn, das im Werkzeug eine höhere, neue, überbietende Stufe des Organs schafft. Mit diesem Gehirn und Werkzeug wird der Mensch Erdbeherrscher. Die Erde geht auf in ihn. Seine Erde ist sie fortan. Ein Stück seiner Maschinen, ein Knochengerüst seines Werkzeugkörpers.

An jener einseitigen Thermometer-Skala gemessen fällt das Aufwachsen des Kultur-Menschen in eine Zeit schon vorgeschrittener Erkaltungssymptome der Erde, — mag er auch noch so früh in der Tertiär-Zeit entstanden sein, so fällt doch sein erster höherer Kulturanstieg, den wir kennen, zusammen gradezu mit der nachtertiären Eiszeit, — also auf alle Fälle einem gewaltigen Symptom jener angeblichen Planetendegeneration. Man sollte meinen, diese Erdperiode müßte auch die ersten sichtbaren Verfallszeichen des Lebens einleiten. Statt dessen erfindet jetzt gerade der Mensch die künstliche Feuererzeugung: der erste Schritt zu der Enträtselung und Beherrschung der Wärme überhaupt als Naturkraft.

Und nun dieser Mensch (um in den Gedankengang von oben wieder einzulenken) — dieser Mensch ist es, der sich zu der Stufe der Liebe erhebt, dieser Mensch wird Christus! Mindestens scheint das Intellektuelle ein ganz anderes Tempo seiner Bahn einzuhalten als die Thermometer-Skala als Absolutwert erwarten läßt.

Wir haben, um es immer wieder zu sagen, nur die eine einzige Naturlinie bis hierher zur Schau, nur dieses eine Paradigma und Beispiel der uns bekannten Erdentwickelung.

Aber wer will vor diesem einen Beispiel wirklich leugnen, daß es in allen seinen Zügen geradezu schreit nach einer optimistischen Deutung, die diese Liebe als das sichtbare Ziel faßt und die Naturbeherrschung und alles, was zu ihr führte, samt allen Anpassungen, Planetenwandlungen und so weiter, als das Mittel?

Wenn sich irgendwo ein reiner Kausalzusammenhang, aufgedeckt von nüchternen Naturforschern, die jede teleologische Betrachtungsweise sorgsam vermieden wie den bösen Feind, im Ganzen gedeckt hat mit diesem Endsinn, so ist es diese Entwickelung vom Nebelfleck bis auf den Menschen, der die Naturkräfte eine nach der andern in seine Hand bringt, um auf ihren Schultern ein Reich der verfeinerten Kultur, der idealen Menschlichkeit, der Liebe zu gründen.

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So wanderten meine Gedanken in der stillen Stunde in dem alten blumenweißen Gletscherbett, während die Tropfen in den schattenkühlen Felsschrunden leise von dem letzten schmelzenden Schnee fielen.

Ich dachte an die Folgen der Jahrtausende, da Tropfen, klein wie diese, das ganze Gebirge abtragen würden. Und das hatte die Menschheit vor sich, — Zeiten, in denen Gebirge schwanden und neu wurden durch Tropfen, die ein Sandteilchen herabschwemmen und anderswo wieder antragen....

Ich dachte an die lieblichen Blütensterne dieser Anemonen — und wie viel sonst noch in eine echte Natur-Definition einginge.

Auch ein rhythmisches Kunstprinzip muß in dieser Natur stecken, das unten diese Blume gebaut hat und oben im Menschen als Raffael und Goethe und Beethoven herausgeblüht ist.

Und aus dieser Natur sollte sich nicht doch ein beglückendes, erlösendes Evangelium herauslesen lassen, — nun wir doch einmal jetzt endgültig ihr angehören durch Forschungsresultate, die keiner mehr umwerfen kann?

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