6

Auf den ersten Blick könnte es so einfach scheinen, und es gibt Menschen genug, die sich dabei beruhigen: der Mensch ist die Krone, wenn nicht, wie man sonst sagte, der Schöpfung, so doch der Lebensentwicklung auf Erden; senkrecht ist diese Entwicklung zu ihm heraufgekommen, so wird sie also auch allein über ihn weiter gehen. Hier gibt es aber vonseiten des richtig sehenden Naturforschers sogleich einen scheinbar zwingenden Widerspruch. Das Bild des Lebensheraufgangs ist in den geologischen Zeitaltern und erhaltenen Zeugen keine einfache Leiter. Wenn man eines der bekannten Haeckelschen Bücher oder sonst ein neueres Werk zur Stammesgeschichte aufschlägt, so gewahrt man den wirklichen Stammbaum als riesigen Zweigknäuel, der zunächst wie das äußerste Gegenteil aussieht. Die Einzelheiten habe ich selbst gelegentlich für die Kosmosleser in meinem Bändchen über den »Stammbaum der Tiere« gegeben, wo sie leicht nachgesehen werden können. Sieht man bei der gewöhnlichen Zeichnung darin zwar auch noch etwas wie ein grundlegendes »Empor« grade durchschimmern, so verliert sich der nähere Blick doch immer mehr in einem Astwald. Die Aufzweigungen gehen da, dort in Gabelungen, Tiefenästen, krummen Linien aller Art auseinander, das Alte bleibt massenhaft neben dem Neuen und reckt sich auch bis ins heutige Zeitniveau, zuletzt ist der Affe lebend neben dem Menschen als eigene Astspitze, und der verlorene Blick fragt, wo es denn hier weiter gehen solle. Vielleicht wieder ganz von unten heraus, vielleicht hier, da auf einem Ast. Mag der Mensch auf seiner Ecke auch gehen oder mag er hundert Millionen Jahre dort stehen bleiben wie das alte Lingulatier: beweisen kann man ihm das erstere aus diesem nach allen Richtungen züngelnden Astwirrwarr, scheint es, gewiß nicht. Und es ist wahr, man muß auch dieses Bild erst einmal ganz gründlich geistig verdaut haben, um noch wieder für dritte Züge zugänglich zu werden.

Zunächst ist eins doch wieder ein fester Fleck in dem ganzen Knäuel. Wo immer der Mensch in jenem Baum einmal hängen mag: an seiner Stelle ist er, was er nach der oben gegebenen Wesensskizze eben ist, – er ist heute jene vollkommenste Anpassungs- und Herrschform des irdischen Lebens, die ganz unzweifelhaft dabei ist, die ganze übrige irdische Lebenswelt unter ihr Zepter zu bringen. Der Mensch saugt, was da noch von anderen Zweigen des Stammbaums um ihn herum blüht, praktisch in sich ein. Was er brauchen kann, läßt er bestehen von all dem Tier- und Pflanzenvolk, was er nicht will, rottet er aus. Das geht schon so und so viel tausend Jahre jetzt und hat schon das allgemeine Bild verwandelt, es ist kaum zu sagen wie. Begünstigte Pflanzen beginnen ganze Erdteile zu überziehen, unerwünschte Tierarten sind zu Massen verjagt, vernichtet. Eine Welle rauscht hier über die Erde, der aber auch nichts mehr standhält. Wie immer die tierische Entwicklung noch gehen wollte, – gegen diesen menschlichen Ansturm kommt nichts mehr auf. An ein paar erwünschten Ecken, zu Kulturpflanzen, Kulturtieren, hat er selbsttätig umgestaltet in schnellstem Schritt: von eigenen Entwickelungen, wie sie auch kommen möchten, ist praktisch bei der Schnelligkeit des menschlichen Umklammerns, Einsaugens keine Rede mehr. Wenn der Orang-Utan noch so viel Entwicklungszukunft in sich trüge: er käme nie mehr dagegen an, was der Mensch längst über ihn bestimmt hat.

Das Aufsaugen des ganzen noch bestehenden Stammbaums durch den einen Menschen vollzieht sich aber nicht bloß so äußerlich. Es hat noch einen tieferen, innerlicheren Sinn. Wir saugen die ganze übrige organische Welt auch geistig ein. Sie geht ein in unser Bewußtsein, unsere Forschung, erhält dort eine ganz neue Einheit. Indem wir ihren heutigen Inhalt hier zu uns herüberziehen, greifen wir sogar (nach jenem großen uns eigenen Prinzip der Umkehr der Naturprozesse, des Aufrollens der Vergangenheit) auf die früheren, längst vergangenen Stammbaumteile zurück. Nicht bloß, was noch neben uns lebt, lassen wir gleichsam in unser Inneres einwachsen und dort geistig neu auferstehen, sondern auch die ältesten abgetrockneten Seitenzweige der Vorwelt reihen wir wieder ein, ziehen wir auch in unsere Vergeistigung. Viel reiner, viel erhabener noch als in jenem Gewaltprozeß wird hier jedes Tier in unserer Wissenschaft und Erkenntnishelle nachträglich noch einmal »Mensch« bis zum Ichthyosaurus hinab, der einst scheinbar ohne jeden Anschluß nach oben als Nebenzweig verdorrt war. Auch an einen dritten Weg sei wenigstens erinnert. Er klingt schon bei einzelnen Haustieren an. Wir vermenschlichen wenigstens gewisse höhere lebende Tiere auch selbsttätig von uns aus in ihrem Gemütsleben, ziehen sie hier zu uns herauf. Was haben wir da aus dem Hund nicht bereits gemacht! Und vielleicht, wenn wir die Gesetze des Empfindungs- und Seelenlebens überall kennen lernen werden, was wird auch hier für ein Fortgang noch liegen können, der noch wieder anders wäre als Gewaltherrschaft und eigene Menschenforschung, – der der armen niederen Lebensform nachträglich selber, soweit noch möglich, einen Segen des Geistes gäbe, der da oben an der einen Stelle zu einem immer gewaltigeren Schöpfersturm angewachsen ist.

Wenn man aber den Menschen so ungeheure Macht bewähren sieht, rückwärts ein Herr und Gärtner und Neuschöpfer des ganzen Entwicklungsbaumes in der Praxis zu werden, so sinnt man doch, meine ich, verständiger- und auch rein naturwissenschaftlicherweise darüber nach, ob die Art, wie dieser Mensch selber aus dem Baum gewachsen ist, nicht doch noch wieder eine etwas andere gewesen sein müßte. Wohl, der Baum ist keine grade Leiter. In seiner Verzweigung scheint eine Art Methode des Entwicklungshergangs wirksam zu sein, die uns ja nicht wundern kann, wenn wir auch nur in einigen Zügen die Darwinsche natürliche Zuchtwahl, die aus verschiedenen Varianten die besten weitersteigert, für etwas richtig halten; diese Zuchtwahl wird bis zu gewissem Grade immer Spielräume verschiedener Varianten erwarten lassen, also eine gewisse Breite der Dinge, ohne daß sie doch eine Hauptlinie, die triumphierte, ausschlösse. Und so werden wir, meine ich, doch überlegen, ob nicht durch den ganzen Astwald die Linie des Menschen eine zentrale bildet.

Er war zum Schluß die zweifellos beste, allumfassende Anpassung auch in Darwins Sinn, – sollen wir meinen, daß sie bloß eine Zufallsblüte ganz jäh wie aus dem Nichts gewesen sei – oder ist es nicht wahrscheinlicher, daß sie eben doch schon auch vorher Schritt für Schritt auf ihre universale Höhe geführt wurde? So wie wir uns das aber fragen, fragt der nächste Augenblick: ja, aus was für einer Organbildung erwuchs denn unser Schlußerfolg? Und dann sind wir ohne jede Mystik bei einem Organ oder Organsystem, mit dem allerdings das ganze scheinbare Wirrsal des Gesamtstammbaums der Lebewesen sich in der einfachsten Weise in eine entscheidende durchhaltende Zentrallinie und so und so viel Seitenbiegungen umzugliedern scheint, – wofern man nur ein klein wenig den Tatsachen schlicht ins Gesicht sehen und sich nicht aus lauter Angst vor künstlich hineingetragener »Mystik« die Augen zuhalten will.

Das Organ unseres Sieges, das Organ, das uns selber über das Organbilden hinausgeführt hat zu der überorganischen Stufe des Werkzeugs, ist das Gehirn. Dieses Gehirn oder, allgemeiner gesagt, das Zentralnervensystem, ist vom Augenblick an, da es für uns erkennbar an der Wurzel des Stammbaums auftritt, immer und überall das Organ des Fortschritts gewesen. Man versteht aus dem Zusatzwörtchen »zentral« bei ihm selber, was es in einer Steigerung von »Organismen« dazu machen mußte. Von Anfang an ist es nicht bloß ein Organ unter Organen gewesen, sondern eines über allen. Nicht bloß der Orientierungsapparat nach außen war es, sondern vor allem das Organ der inneren Einheit im Lebewesen. In diesem Sinne hat zweifellos seine älteste Vorstufe schon die persönliche Einheit der einzelnen Zelle geschaffen und steht somit unmittelbar schon an der Wiege des Lebens überhaupt. Wo es aber dann weiter wirkte, in die vielzelligen Wesen, die Zellstaaten, hinein, da straffte es fortgesetzt die Einheitsarbeit aller Organe erst recht eigentlich zum immer vollkommeneren »Organismus«. Wo es sich vertiefter einlebte in diesem Sinne, da mehrte sich mit ihm nicht das bunte Variationsbeiwerk, sondern es steigerte sich die Organisationshöhe. Ging das Leben sonst in unendliche Breite, so ging es hier empor. Was in den Ästen des Stammbaums ein Stück weit emporgeht, steigt unverkennbar stets mit ihm. Wo es aber frei durch das Ganze in immer weniger gehemmter Linie herauskommt, da ist der zentrale Fortschrittsstamm des Ganzen. Und nun kann praktisch nicht zweifelhaft sein, wo das ist.

Die Geschichte der organischen Welt, wie die Anatomie der noch lebenden Formen zeigt es. Ganz unten und früh hat das Prinzip zunächst die Sonderung der tierischen Zellenstaaten von den pflanzlichen bestimmt. Das Tier trat in seine straffe Einheitszucht ein, die Pflanze blieb loserer Verband. Die Pflanze ist allerdings bis heute in gewissem Sinne immer Nährapparat des Tiers geblieben und insofern selber eine Art frei angegliederten Organs dort, so daß man sie nicht ohne weiteres als Seitenast bezeichnen kann. Aber der Fortschritt der Gesamtorganisation blieb fernerhin jedenfalls beim Tier als Zentrallinie. In uralten Tagen ist offenbar ein erster Grundriß dort entstanden, nach dem der Tierkörper nervös vereinheitlicht werden konnte, – als Grundlage alles weiteren. Die Anatomie der vorhandenen Würmer verrät uns noch etwas davon, die entscheidende Urweltsform selbst muß aber noch vor der Zeit gelebt haben, aus der wir versteinerte Reste besitzen, also in der Gegend jener mehrerwähnten Hundertmillionenziffer. Eine Weile gab es dann Variationsbreite. Das Prinzip steigerte ein Stück weit scheinbar in mehrere Tiertypen hinein, Gliedertiere, Stachelhäuter, Mollusken, endlich Wirbeltiere. Im ersten Falle gab es eine Weile Fortschritt, im zweiten eine Art Kreisbewegung, im dritten sehr früh auch einen kurzen Fortschritt. Dann blieben diese drei Linien aber wieder starr stehen, und nur die der Wirbeltiere begann unhemmbar aufzusteigen im weiteren Sinne des Prinzips. Es bedarf nur schlichtester anatomischer Einsicht, um zu sehen, daß das Bauchmark der Gliedertiere, das zerstreute Nervensystem der Mollusken, das Ringmark der Stachelhäuter schlechtere Varianten waren gegenüber der glänzenden logischen Lösung im Rückenmark des Wirbeltiers. Man hat aus den verschiedenen Möglichkeiten grade hier allerdings gern das Vorhandensein einer zentralen Steigerungslinie zu leugnen versucht. Man zeichnete den Stammbaum so, daß alle vier Typen von damals als gleich lange Äste bis zur Gegenwart reichen, und meinte, das Wirbeltier sei doch nur ein Sproß neben andern in ihrer Art ebenso hoch aufwachsenden fortan gewesen. Diese Form des Bildes ist aber falsch. Sie übersieht, daß die drei Typen der Gliedertiere, der Stachelhäuter und der Mollusken bereits in der ersten großen Epoche der Erdgeschichte, der paläozoischen, alles erreicht hatten, was ihnen an Organisationssteigerung beschieden war. Stachelhäuter und Mollusken (diese im Tintenfisch) waren bereits an ihrem oberen Ziel, als für uns der Vorhang der Lebensgeschichte aufging, und auch die Gliederfüßer standen schon beim Krebs, und noch innerhalb der paläozoischen Zeit erreichten auch sie ihren Gipfel, das Insekt. Von da ab, viele, viele Millionen der Erdgeschichte bis heute, sind sie starr an ihrem letzten Steigerungspunkt stehen geblieben und nur in eine zum Teil ungeheure Formenbreite gegangen. Sie haben jenen Zustand, nicht der Degeneration ohne weiteres, aber der lebendigen Versteinerung, Erstarrung hinsichtlich einer echten Organisationssteigerung angenommen, der für alle Seitenäste des Stammbaums so charakteristisch ist; nicht die eigentliche Lebenskraft, wohl aber die Steigerungsenergie scheint sie innerlich verlassen zu haben. Umgekehrt aber der Stamm der Wirbeltiere. Schon neben ihrer kurzen Anstiegszeit in der paläozoischen Epoche hatte er es zu drei Stufen hinauf gebracht, die in der Nervenzentralisierung, im Gehirnbau, ihren Spitzen weit über waren: zum Fisch, zum Amphibium, zum Reptil. Und von da ab durch alle folgenden Millionen steigt und steigt nun dieser eine Stamm, anstatt selber zu erstarren, fort und fort, – er allein nicht bloß zeitlich weiter wachsend, sondern fortgesetzt auch, was der kolossale Unterschied gegen drüben ist, wachsend im Sinne von Steigerung. Ich meine, es ist wirklich haltlose Spielerei, wenn einer ablehnen will, daß dieses Wirbeltier die zentrale Linie war und bis heute blieb. In der mesozoischen Epoche fällt in sie, während die Reptilien wieder in die Variationsbreite gehen, der ungeheure weitere Ruck des Säugetiers, – des Säugetiergehirns, mag man ohne Umschweif sagen. In den Ausgang der Kreidezeit fällt in diese Säugetiere der neue, offenbar abermals ganz unerhört große Steigerungsruck der echten Plazentalsäuger. In den Einzelgruppen ihrer Variationsbreite sieht man auch hier während der Jahrmillionen der Tertiärzeit vielfach noch eine Weile gleichsam die Steigerungsspannung dieses Rucks nachzittern; Marsh und Osborn haben uns die famosen Gehirnausgüsse alttertiärer und spättertiärer Huftiere gegeben, bei denen man deutlich verfolgt, daß auch in diesen Nebengruppen die relative Gehirnmasse und die Gehirngestaltung noch eine Weile leise anstieg. Man braucht aber nur eine Reihe Gehirne aus der Primatengruppe, also von Halbaffen, Affen, Menschenaffen, daneben zu legen, um abermals zu sehen, wo auch jetzt die zentrale Linie weiter ging ohne anzuhalten, während dort wiederum bald Erstarrung eintrat. Irgendwie in dieser Primatenfolge, jedenfalls aber auch hier nochmals zentral der Steigerung nach, liegt dann als letzte, weit überbietende Krone der Mensch selbst, was seit Linné, wie gesagt, zoologisch kein Vernünftiger mehr zu bestreiten gewagt hat.

Dieses Durchhalten in der festen Richtung des Zentralnervensystems seit so unermeßlichen Zeiträumen hat in jedem Betracht etwas Bedeutsames. Karl Ernst von Baer, der alte verdienstvolle Begründer der neueren Embryologie, hat gelegentlich gesagt, der Inhalt der Lebensentwicklung sei der zunehmende Sieg des Geistes über den Stoff. Wenn man bei diesem Geist sich nicht eine außernatürliche Macht denken will und sich auch stets darüber klar bleibt, in wieviel Klammern der Instinkte usw. das tierische Gehirnleben auf den untermenschlichen Stufen noch als Geist liegt, so enthält dieser Satz die tiefste Wahrheit, die sich vom Standpunkt des »Empor« über den Stammbaum des Lebens auf der Erde aussprechen läßt. Für die Zukunft des Menschen ziehe ich aber ein paar kurze Folgerungen aus der langen Rede.

Seit über hundert Millionen Jahren steht hinter dem Menschen also ein zentraler, nie unterbrochener Lebensfortschritt, – nicht bloß ein einfaches Weiterleben, sondern eine unausgesetzte Steigerung im Anschluß an die nervöse Zentralisierung, die noch jetzt der organische Quell seiner Erfolge ist. Alle entschiedenen Steigerungswenden tierischer Organisation liegen seit unfaßbar langen Zeiten in seinem Stamm, dagegen keine einzige dauernde Erstarrung. Die letzte große Wende (das ist sehr wichtig) liegt, nachdem in so viel Zeiten die Steigerung nicht abgelassen hatte, erst verhältnismäßig ganz nah noch hinter uns: der Ruck im Menschengehirn zur Kultur. Mag man ihn bis in die Tertiärzeit schieben, so ist doch die Spanne seither im Vergleich mit den früheren Zeiträumen winzig. Wir stehen also unzweideutig erst grade wieder im Anfang einer neuen Vertiefungsepoche, die an Kraft der Steigerung, mit der auch sie eingesetzt hat, wahrlich nicht nach »Nachlassen« aussieht; haben wir doch wohl mit Recht den Satz gewagt, daß dieser Schritt im Menschengehirn zur Freiheit ungefähr noch einmal als ebensoviel bezeichnet werden kann, wie alle Lebensentwicklung zusammengenommen, vom grundlegenden ersten Zellenbau etwa abgesehen, bis dahin geleistet hatte. Eine günstigere Wahrscheinlichkeit für auch ferneren Lebensfortschritt überhaupt und dafür, daß dieser Fortschritt auch weiterhin in der zentralen Linie des Menschen liegen werde, die jetzt seit so endloser Zeit alle entscheidenden Steigerungstreffer dort erhalten hat, kann nicht wohl aufgestellt werden.


Abermals doch knüpfen sich hier Fragen an, friedlichere auch jetzt, nachdem die großen Drachen wohl etwas von ihren Schrecken eingebüßt haben, aber Fragen. Wenn das »Erbe des Lebens« im Menschen also vermutlich dazu führt, daß er wirklich auch weitergehen wird, so möchte man gern wissen, inwiefern in dieses Weitergehen nun bestimmte Hilfen noch weiter eingreifen könnten, wie sie früher die Entwicklung in Fluß gehalten haben. Man könnte ja einen Augenblick denken, er braucht nichts mehr von dem, was früher galt. Er hat doch jetzt seinen hellen Verstand. Mit dem geht er überall frei aufs Ziel, braucht er keine natürliche Zuchtwahl für sich mehr, wird er seinen Kulturfortschritt selber fortan in die Hand nehmen. Neue Ideen wird er von hier erzeugen, neue technische Erfindungen machen, neues von Sternen und Zeiten zu sagen wissen, neue Ordnungen seines Zusammenlebens finden. Daran glauben wir gewiß, an dieses wachsende Teil bewußter Selbstarbeit. Da wir aber nach dieser Seite die nächsten Entdeckungen nicht nennen, die nächsten Ideen nicht bezeichnen können (wir müßten sie ja selber erst finden dazu, selber ein Stück Zukunft spielen), so wären wir hier rasch am Ende weiterer Betrachtung. Inzwischen ist aber ebenso gewiß, daß wir neben diesem hellen Felde im Menschen auch jetzt noch immer ein tieferes, dunkleres haben, in dem zwar auch in ihm gearbeitet und wohl auch Zukunftsarbeit grade getan wird, das aber seinem Bewußtsein noch lange nicht so offen steht, sondern wo er immer noch auf tiefe Naturhilfen von Innen heraus auch im eigenen Selbst angewiesen ist, nach wie vor. Wir haben solche Dinge erwähnt, die bei ihm doch auch noch auf solches vom Verstand nicht unmittelbar erreichtes Innenland wiesen: Triebhaftes, das nicht Instinkt war, doch aber unmittelbarer tief heraus waltete, wie in Liebe, Gemütsdingen. Wir haben vom geheimnisvollen »Es« gesprochen, mit dem die Kunst aus uns heraus schafft, aber auch, wie die hier selbsttätig, traumartig auftauchende Phantasie mit ihrem scheinbaren reinen Spiel von jeher Ideen, Einfälle geliefert hat, die der Verstand selbst gebrauchen konnte auch für die nüchternste »Wirklichkeit«. Hinter unsern größten Entdeckungen und Erfindungen steht von je auch ein Stück solcher Phantasie. Diese Dinge sollen alle auch keine »Wunder« sein im groben Sinne, sollen innerhalb des Göttlich-Natürlichen, wie alles Obere schließlich auch, liegen; aber sie bilden doch eine tiefere Unterschicht auch in uns hellen Wesen dort. Dann ist da auch unser Intellekt selber als Instrument sozusagen, mit dem wir oben so hell wirtschaften, wie wir wollen, der aber zuletzt auch nach unten wieder an dieses Dunkle angewachsen ist, von wo er zwar nicht Erfahrungsmaterial, aber Gesetze, Förderungen, Schäden mitbekommen kann, die wir ihm nicht geben oder nehmen können. Endlich ist außer diesen Dingen, die mehr oder minder alle um das Gehirn liegen, auch noch unser übriger Körper vorhanden. Er stellt im ganzen noch einmal wieder eine solche Geheimschrift für uns dar. Noch ist unsere Stufe so, daß unsere tiefste Organisationseinheit ihn zwar praktisch umfaßt bis in jede Faser, doch aber unser freier Verstand noch lange nicht überall auch an ihn herankann. Äußerlich beginnen wir ja auch damit schon lebhaft, große Forscher haben uns über den Zellenstaat in uns bis zu gewissem Grade schon belehrt, der Arzt schafft, wenn auch oft noch ein bißchen plump versuchend, an uns und in uns herum, versucht den erkrankten Zellenstaat im Einzelfalle als sozialer Helfer einzurenken, amputiert und immunisiert und so fort. Eine gewaltige Zukunftsaufgabe wird auch hier der wachsende bewußte, zweckdienliche Eingriff und Anschluß sein mit dem höchsten Ideal, daß die Freiheit unseres Gehirns endlich auch zu diesem ganzen Unterstock verfügende Macht bekäme, womit noch eine neue Stufe wohl wieder erstiegen wäre in der Richtung der Vereinheitlichung durch das Zentralnervensystem; unsere Enkel und Urenkel werden sicherlich auch in dieser »Eroberung des Leibes« tatkräftig weitergehen, – wer weiß (im Traum gesagt), bis zu was für wunderbarem Ziel, wo Blutkreislauf, Herzschlag, Verdauung usw. auch vom Gehirnbewußtsein her unmittelbar beeinflußt werden könnten und der Kopf wirklich auf ganz normalem Wege sozusagen hellsehend bis in die Eingeweide hinunter würde. Inzwischen arbeitet aber bis auf weiteres unser unteres Zellenreich tatsächlich noch in Ungezähltem wie eine Welt für sich, verwaltet sich nach altem Naturbrauch weiter, bewährt ihr Automatisches und was sonst im alten Naturerbe der alten Naturzüchtung steckt. An diesen Körper ist aber auch noch wieder Fortpflanzung und Vererbung angeschlossen und ragt mit ihm selber weit in das Dunkelgebiet, das wir einstweilen nur in seinen Leistungen studieren, aber nicht selber umschrauben und lenken können. Und in all diesen genannten Tiefenzonen unseres Menschenwesens werden wir also auch weiter zweifellos noch das Walten der großen unmittelbaren Entwicklungs- und Steigerungsgesetze des alten Lebens erwarten müssen, die uns bis heran auf unsere Höhe gebracht haben. Mag für ihre oberen Wege schon vieles neue, wie es die Kultur gibt, in Betracht kommen: als innerlichste Mitspieler werden sie weder zu umgehen, noch zu entbehren sein. Fragte sich, ob wir von dieser Zukunftsarbeit nicht schon etwas gewahren könnten.

Hier ist nun freilich auch einstweilen ärgerlich, daß wir von dem »Wie« der Umwandlung im tieferen Lebensbereich, dessen Spur wir hier an uns selber wiederfinden möchten, so wenig ganz Sicheres wissen. So deutlich wir jene zentrale Richtungsbahn im Stammbaum sowohl wie Umwandlungen überhaupt sehen im Laufe der Vergangenheit, so wenig fest haben wir noch heraus, nach was für einer Gesetzmäßigkeit sich jedesmal der Umschwung selbst und vor allem die uns bedeutsamste Form dabei, die eigentliche Steigerung, vollzogen hat.

Eine alte Idee meinte: es liegt nun einmal im Leben, daß es fort und fort empor muß. Wie das Hühnchen im Ei aus einer kleinen Keimzelle sich einfach gradeaus entwickeln muß zu einem fertigen Huhn mit all seinen Organen, gepeitscht gleichsam von einem ehernen Gesetz, das es in diese letzte Form schmieden soll, so werde auch der Stammbaum der Arten im ganzen heraufgedrängt von einem solchen unentrinnbaren Schicksalszug des »Empor«. Orthogenesis, zwangsweise Entwicklung nur nach einer Richtung empor, könnte man das mit einem Fremdwort nennen. Es ist richtig, der Gedanke ist auch besten Köpfen immer wieder so aufgetaucht. Trotzdem will er uns, obwohl das Ergebnis schließlich eines wirklichen großen »Empor« auch im Stammbaum vorliegt, in dieser losen Form meist nicht recht genügen, er sieht so nach einem andern Wort bloß ohne näheren Inhalt, den wir doch gerade suchen, aus. Auch will das Stammbaumbild mit seinen stehenbleibenden Nebenästen, gelegentlichen Variationsbreiten ohne Steigerung und ähnlichem, auch wenn man an eine zentrale Linie glaubt, die immer emporgegangen ist, trotzdem nicht ganz zu dem Bilde so passen. Schließlich ist das, wie in unserm eigenen Alltagsleben mit dem Guten. Wir sehen es sich im ganzen wohl durchsetzen, aber das geht doch nicht so wie in einem einfachen Marsch aufs Ziel; daneben zeigen sich tausend Zickzackwege, die doch auch einen Grund verlangen. Dahinein stellte sich nun Darwins allbekannter Zuchtwahlgedanke. Das Leben habe allerdings einen beständigen Zwang, sich zu verändern. Jede Art ergebe, anstatt starr zu bleiben, was sie ist, in ihren Nachkommen immerzu gewisse Varianten. Darunter seien bessere und schlechtere. Die besseren aber erhielten sich im Lebenskampf auf die Dauer gegenüber allen andern, und so könnte die Art steigen. Diese Lehre entspricht sicherlich mehr dem wahren Stammbaumbilde, wo der Fortschrittsbaum beständig aus einem breiten Variationsrasen zu wachsen scheint, – ihr Weg ist stets etwas loser. Zum Ziel muß sie aber natürlich auch kommen. Um den großen Aufstieg zu erklären, muß sie annehmen, daß hundert und mehr Millionen Jahre lang nach gewisser Richtung immer wieder bessere Varianten dabei waren, die zum Siege kamen. In diesem Sinne haben beide Lehren doch wieder eine gewisse letzte Ähnlichkeit, und wie sollten sie nicht, da zuletzt die zu deutenden Tatsachen immer die gleichen bleiben. Seit aber Darwins Idee in der Welt ist, hat man sich auch immer wieder bemüht, ob man nicht doch in der Gegend der guten Varianten zu einem noch etwas graderen Wege kommen könne. Eine Partei hat immer wieder Gewicht auf Lernen und Übung der Einzelwesen gelegt. Von hier sollte der Fortschritt doch, wenn das Spiel einmal im Gange war, noch unmittelbarer beeinflußt worden sein, indem eine Art, die etwa ein Organ besonders eifrig übte, schon immer mehr gute Varianten in dieser Richtung (mit bereits verfeinertem Organ) hervorgebracht hätte. Im Verfolg haben viele hier sogar das ganze Fortschrittsprinzip sehen wollen; andere haben bestritten, daß Übung und Lernen so auf die Nachkommen unmittelbar fortwirken könnten; noch andere haben verwickelte dritte Erklärungen gesucht, um das letztere (Nichtvererbung einer erworbenen Organverbesserung) zu halten und das erste doch nicht ganz zu umgehen. Der Streit ist hier noch ungeschlichtet.

Unterdessen haben aber noch andere versucht, das »Gut« und »Schlecht« der neuen Variationen ohne solche Übungsvererbung an sich vertiefter zu fassen. De Vries hat gelehrt, neben den kleinen besseren und schlechteren Varianten habe es zeitweise immer einmal größere Umwandlungen, »Mutationen«, gegeben, die, am betreffenden Fleck bei vielen Individuen zugleich auftretend, das ganze Artbild ruckweise von innen heraus zu einer neuen Einheit gestaltet hätten; sei solche neue Einheit besser gewesen, so habe sie sich gleich so durchgesetzt, und alle Umwandlung der Arten sei nur über solche Mutationen gegangen. Hier ließe sich, wenn die Sache genau stimmt, doch noch wieder manches überdenken. In der Linie zum Menschen, die seit hundert Millionen Jahren jetzt immer Wandel und Fortschritt gezeigt hat, müßten also in all der Zeit immer wieder solche großen Mutationen, und zwar stets gute, steigernde dabei, gelegen haben. Hier könnte zu denken geben, daß wir doch in dieser zentralen Linie das Gewicht schon aufwachsende Einheit in der Organisation legten. Sie bedingte uns die eigentliche Steigerung überall. Sind nur diese eigentlichen Steigerungen Werke der Mutationen, während vielleicht die gewöhnliche Wechselbreite der Artentfaltung Ergebnis des einfachen kleinen Variierens wäre, das den Stammbaum in der Breite reicher macht, aber nicht am »Empor« arbeitet? Das wäre schon interessant. Man könnte sich denken, daß grade das Zentralnervensystem mit seinem Einheitszug einen besonderen Zug zu Mutationen hatte. Wieder aber von da schweift der Gedanke. Ob in den Mutationen nicht doch ein »orthogenetisches«, unmittelbareres Fortschrittsprinzip verkappt stecken könnte. Nach de Vries können sie zwar bald gut, bald schlecht sein, obwohl stets mit innerer Einheit, also sozusagen als ganze Kerle in ihrem Fall, ganze Engel, ganze Teufel, nicht Halbwerk. Wenn es aber von je doch auch schon Mittel und Wege in der Entwicklung gegeben hätte, den Mutationen bestimmte Richtungen zu geben? Jener Einfluß von Gebrauch und Nichtgebrauch eines Organs könnte hineingespielt haben, ihn einmal zugegeben. Im gewöhnlichen Sinne verfeinerte er bloß das viel geübte Organ bei den Nachkommen. Zog er aber auch Mutationen heran, und zog sie gleichsam in seine Folge nach irgendeinem Geheimgesetz, so konnte Gewaltiges erfolgen: das Organ konnte nach ganz neuer verbesserter Zweckeinheit stoßweise umgeschaffen werden und wohl noch weiter ein ganzes Organsystem so auf eine neue höhere Stufe mit einem Ruck gebracht werden. Die Nutzanwendung wieder auf das Zentralnervensystem, von dem die ganze übrige Körpereinheit abhing, liegt auf der Hand, – hier hätten bestimmt gerichtete Fortschrittsmutationen stets die gesamte Organisation auf eine neue verbesserte Grundlage heraufreißen müssen; man denkt unwillkürlich an den Ruck vom Reptil etwa zum Säugetier oder – wir reden ja doch auf ihn immer wieder hin – vom ursprünglichen Primaten zum Menschen. Schwere Fragen, – ja, wer will die einstweilen lösen? Mag man alles, was man »mystisch« zu nennen pflegt, d. h. alle Eingriffe und Gängelbänder von außen in dem großen heiligen Selbstvorgang der natürlichen Lebensentfaltung folgerichtig ablehnen, – zugeben wird man müssen, daß wir in diesem »Natürlichen« durchaus auch noch im Lande der »unbegrenzten Möglichkeiten« sind. Wenn uns Darwin die entscheidende Frage in die Varianten gelegt hat, so war das gewiß ein Schritt weiter. Aber nun steht die Schlachtlinie wieder dort. Sind die Varianten schon auf Richtungen beeinflußt, sind die wahren Steigerungsvarianten ruckweise Mutationen, sind diese Mutationssteigerungen selber schon bestimmt gerichtet, – Fragen, starke Fragen, wert als Erkenntnisnüsse ersten Ranges geknackt zu werden, aber, Hand aufs Herz, grade in der untermenschlichen Welt des Lebens zurzeit ungeknackt oder doch nur mit losen Denkwahrscheinlichkeiten vorläufig hier und da durchleuchtet. Statt den Menschen von hier zu enträtseln, werden wir fast mehr geneigt sein, von ihm aus rückwärts nach dort hinunter noch etwas mehr verstehen zu lernen. Und nur ein Fingerzeig mag uns doch eben auch bei ihm gegeben sein, daß wir gegenüber all jenen Dunkelgebieten in ihm unser Augenmerk darauf richten, ob und wie auch dort das Variieren selber sich äußere. Wenn an diesem Variieren aller nicht vom freien Intellekt erzielte Fortschritt von je irgendwie gehangen hat, so müssen wir doch annehmen, daß auch in allem tieferen Menschentum, das der Intellekt zwar verwerten und kulturell ausgestalten, aber nicht selber bisher erzeugen oder beeinflussen kann (erinnern wir uns noch einmal an das alte Bild, daß der Mensch zwar den Baum der Erkenntnis, aber noch nicht den des Lebens besitzt!), dieses natürliche Variieren fortgesetzt eine gewaltige, ja entscheidende Rolle spielen müsse. Obwohl die meisten Menschen, die bei Zukunft der Menschheit an Gott weiß was für kühne Utopien denken, diesem schlichten Punkt kaum eine Beachtung zu schenken pflegen, scheint er mir doch der zurzeit allerbedeutsamste und wirklich lehrreichste zu sein.

Vorweg vom menschlichen Körper, wie er vorhin in einen gewissen Gegensatz zu unserm Großhirngeist gebracht ist, ist ja schon ganz oberflächlich gesehen kein Zweifel, daß er individuell ganz unverkennbar auch jetzt noch unausgesetzt variiert. Jeder von uns ist Zeuge dessen mit seinem persönlichen Gesicht, aus dem dich aus dem Spiegel nicht die Menschheit, auch nicht bloß deine Rasse, dein Volk anschauen, sondern eben noch einmal du, deine persönliche Variante dort. Wie weit das aber bis in die kleinsten Maße, Verhältnisse, Muskelzüge und Organeinzelheiten geht, davon wissen sowohl unsere Kriminalbeamten, wenn sie jemand genau wiedererkennen wollen, zu sagen, wie auch unsere Handwahrsagerinnen, die zwar nicht viel Schicksal aus der Hand lesen werden, aber doch das eine jeden lehren mögen, daß zu seinem Schicksal auch seine Hand mit persönlichen Variationslinien gehört. Unzähliges sieht auch hier wie ziemlich belangloses Spielen aus, das wir im Geistesleben lose Phantasie nennen würden und das die ewigen Kreuzungen noch ins Unendliche weitertreiben. Daneben erscheinen aber auch schon Dinge, die doch nicht ohne Belang sind. Wir sehen von Geburt an widerstandsfähigere, gesündere Varianten neben schwächeren, harmonisch schönere Körper neben häßlicheren, reinere Rassentypen neben verwischteren. Und auch über dem Schicksal dieser Varianten, dieser Plus- und Minusvarianten, walten entschiedene Auslesen in Darwins Sinn.

Teils begünstigt der Intellekt das Bessere und merzt das Schlechtere aus, teils bleibt doch auch hier ein Teil einfacher Zuchtwahl im Spiel, die den körperlich gesünderen, edleren, echteren Typus im allgemeinen weiter kommen läßt, als den geschwächten. Zwar gibt unser kulturelles Wirtschaftsleben hier viele Verschiebungen hinein und scheint oft einer rechten Zuchtwahl des körperlich Besseren gradezu entgegenzuarbeiten. Doch wirken soziale Besserungen dem auch umgekehrt wieder entgegen, über deren Fortschritt mit unserer Kultur doch auch kein Zweifel ist. Einzelne speziell menschliche Zuchtwahlfragen wird der Verstand in der Folge noch ganz besonders hier zu regeln haben, er sieht sie dafür aber auch schon jetzt. So ist unser allgemeines Mitleid, diese herrliche Blüte grade unseres edelsten Menschentums, doch immerfort auch ein leiser Anlaß zu einer Art »negativer Zuchtwahl«, indem sie auch den körperlich Minderwertigen durchs Leben zu helfen sucht. Nun kann man zwar sagen, daß viele sonst körperlich Schwache doch geistig noch vieles, selbst Großes leisten können, – man denke nur an den kranken Spinoza als riesengroßen Denker, und daß sich hier oft schon ein Ausgleich für das Menschheitskapital im ganzen ergeben wird; auch ist Mitleid selber so hohe Gotteskraft in uns, daß es sich auf alle Fälle durchsetzen muß. Aber eine gewisse Verschiebung der Auslese zum Besseren liegt hier körperlich gewiß vor, die unser Kulturverstand im ganzen noch wird wieder korrigieren müssen. Ich sehe auch da einen Hauptfortschritt im Sozialen, das der gesunden Variante immer mehr freie Bahn schafft, sie immer vollkommener zur Entfaltung kommen läßt; dann können wir schon manches Minderwertige um Gottes Lohn mitschleppen, wenn nur das Tüchtige Luft und Licht in jedem Fall bekommt. Vergessen wir nicht, daß auch im Kriege nach der einen Seite eine gefährliche »negative Auslese« dieser Art liegt, das Opfer grade zahlloser körperlich bester Elemente; auch hier muß uns eine tiefe Mahnung liegen, daß auf jeden Krieg, auch den sieghaftesten, eine Zeit verdoppelter sozialer Hilfsarbeit folgen muß, die dem Volke erst wieder auf sein Gleichgewicht heraufhilft, indem sie jedem tüchtigen Element, wo immer es sich bietet, verdoppelt Licht und Raum schafft.

Im ganzen aber wird man, wenn man auf alle diese Dinge blickt, sagen, daß aus diesem individuellen Körperspiel mit seinen kleinen Plus- und Minusvarianten doch noch nicht eigentlich Änderungen oder gar große Fortschritte bei uns herauszusteigen scheinen, sondern es macht den Eindruck, daß es sich dabei im letzten Ausgleich immer nur um eine gewisse Erhaltung des Bestehenden auf einem ungefähr guten Fuß handelt. Wir müssen an dieser Stelle zufrieden sein, daß sich eine ungefähr gesunde, nicht unedel gebildete, ihre alten Körperfügungen in Rasse und sonst mehr oder minder rein ausdrückende Menschheit im status quo behaupte.

Ich betone dabei auch das Wort Rasse, denn ich bin, wie gesagt, nicht der Ansicht, daß es in absehbarer Zeit eine Notwendigkeit oder ein Vorteil für die Menschheit wäre, wenn grade die Rassenmerkmale sich gegeneinander ausglichen. Wohl muß es geistige Kulturwerte geben, die über allen Rassen stehen, und muß es eine Erziehung aller Rassen geben, daß sie hier eine gewisse oberste Gesetzgebung der Menschheit anerkennen. Auch der Begriff Nation selbst kann eine solche mehr geistige Kultureinheit sein, unter der verschiedene gesunde Rassen in treuer Gemeinarbeit zusammenhalten. Aber der Unterschied, wo er einmal gegeben ist, braucht sich deswegen nicht zu verwischen.