Erstes Kapitel.

Der »Regierungsanzeiger«, der an jedem Sonnabend in Karlburg erscheint, ein kleines Blatt in Quartformat, auf einem merkwürdig veralteten Papier gedruckt, brachte am 18. April folgende Mitteilung:

»Seine Durchlaucht der Erbprinz hat am Mittwoch in Gegenwart Seiner Durchlaucht des Fürsten, Seiner Excellenz des Staatsministers von Brandenberg, sowie Seiner Excellenz des Wirklichen Geheimen Oberregierungsrats Baer, unter persönlicher Assistenz des Schulrats Dr. Finke, des Herrn Gymnasialdirektors Professor Schneidewind, sowie des gesamten Lehrerkollegiums des Fürstlichen Franz Georg-Gymnasiums nach eingehender und überaus umfassender Prüfung das Abiturientenexamen bestanden. In den Fächern: Griechisch, Lateinisch, Deutsch, Französisch, Englisch wurde die Note I erteilt, in Mathematik und Naturwissenschaften die Note II a (gut), in Religion, Geschichte und Geographie die Note I–II (recht gut). Die Gesamtnote lautete I, gleich: summa cum laude. Am 1. Mai wird Seine Durchlaucht der Erbprinz die Universität Heidelberg für die Dauer eines Jahres beziehen. Als Begleiter wurde von Seiner Durchlaucht dem Fürsten Herr Dr. phil. C. Jüttner bestimmt, der seit acht Jahren die wissenschaftliche Ausbildung Seiner Durchlaucht des Erbprinzen geleitet hat. Herr Dr. phil. Jüttner hat aus Anlaß des so überaus glänzend bestandenen Examens von Seiner Durchlaucht dem Fürsten die Ernennung zum Regierungsrat erhalten.«

Am 30. April, einen Tag vor der Abreise, wurde der neue Regierungsrat von Seiner Durchlaucht dem Fürsten zur Audienz befohlen. Mit seinem grämlichen, vorzeitig gealterten Gesicht saß der Fürst schlaff vor dem großen Schreibtisch, in einem kleinen Sessel ihm gegenüber der Erbprinz.

»Sie kennen meine Anschauungen, Herr Regierungsrat: ich wünsche die wissenschaftliche Ausbildung meines Neffen in derselben ernsten Weise fortgeführt wie bisher. Der Prinz wird nach Ablauf des Studienjahrs als Offizier bei den Gardehusaren in Potsdam eintreten; bis dahin will ich, daß der Erbprinz in strenger, gemessener Arbeit seine Studien fortsetzt. Das Universitätsjahr soll für Seine Durchlaucht so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen, sondern der wissenschaftlichen Ausbildung gehört. Unter seinen militärischen Kameraden und Standesgenossen zu Potsdam wird der Prinz Gelegenheit finden, in angemessener Form die Freiheiten des Lebens kennen zu lernen; bis dahin wünsche ich, daß Studium und Lebensweise denselben geregelten Gang nehmen wie bisher. Haben Sie mich verstanden?«

Der Fürst saß vor dem großen Schreibtisch.

Der kleine Doktor verneigte sich so tief, daß sein Orden, das Kreuz von Sachsen, in rechtem Winkel von seiner Brust niederhing.

Dann neigte er sich noch ein zweites Mal – er war entlassen.

Er ging durch die langen, dunkeln Gänge nach dem rechten Flügel des Schlosses, wo seine zwei Zimmer neben denen des Prinzen lagen. Ein Moderduft, wie er alten Schlössern eigen ist, lagerte dumpf in diesen düsteren Gängen, und die Aprilsonne, die durch die fliegenden Regenwolken bisweilen leuchtete, brach durch die niedrigen Bogenfenster nur in schwachen, dünnen Streifen. Wie lautlose Schatten glitten die Lakaien auf den verwitterten Teppichen durch die Korridore; nur wenn sie an den Fenstern vorbeihuschten, schimmerten ihre dunkeln Gestalten eine Sekunde lang in Not und Gold.

An der Turmseite wurden die Gänge noch düsterer, die Quaderwände noch dicker, die Fenster klein wie Schießscharten und die Luft so schwer, daß der Regierungsrat kaum atmen konnte. Er war ein Freund von echten Bieren, aber diese Biere hatten die Freundschaft schlecht belohnt und ihn – namentlich seit einigen Monaten – so korpulent werden lassen, daß er an Asthma litt.

»Heidelberg wird dir gut thun,« sagte sein Freund, der Dr. med. Schneider; »da wirst du endlich wieder spazieren laufen und Berge steigen.«

»Ja, Heidelberg wird mir gut thun!« seufzte der Herr Regierungsrat seit vielen Wochen.

Er war fünfunddreißig Jahre alt, aber er sah aus wie ein Vierziger.

»Mein Unglück war,« sagte er oft, »daß ich an den Hof kam. Was war ich für ein lustiger, freier Mensch, und was bin ich geworden! Die Ideale sind futsch, die Freiheit ist futsch und die Gesundheit auch. Sie haben mich da im Schloß erstickt.«

Seine Freunde lachten ihn dann aus:

»Dieser Doktor! Der ein Leben führt wie der Herrgott in Frankreich! Während andre Schulmeister hungern, diniert er, kauft alle Jahre Wertpapiere und bekommt Orden!«

Aber er winkte trübe ab:

»Nein, nein, es ist schon so. Sie haben mich da oben erstickt.«

Und nun endlich waren diese greulichen acht Jahre vorbei! Er setzte sich in Frack und Orden auf seinen bequemen Lehnstuhl, trank einen »Cusinier jaune« und faltete die Hände über der weit gespannten Weste.

Vor ihm standen die zwei großen, vollgepackten Koffer, die nur noch den Frackanzug aufzunehmen brauchten, ehe der Lakai sie schloß.

Diese lieben zwei Koffer! Symbole der Freiheit!

Und Heidelberg! Morgen schon!

Keine Diners mehr mit der grauen Langweile, keine Kammerherren und Staatsminister, vor denen man stets etwas erschrickt, keine Lakaiengesichter, Kutschergesichter, nichts mehr von diesem großen, schauderhaften Schlosse, in dem der Mensch das Atmen verlernt.

Nur noch Karl Heinrich, der mit hinauszog.

Karl Heinrich, der Erbprinz.

»Wenn dieser Junge nicht gewesen wäre, ich hätte es nicht ausgehalten.«

Vor ihm auf dem Arbeitstisch standen fünf oder sechs Photographien in vergoldeten Rahmen, die alle in raschen, langen Schriftzügen eine Widmung trugen: »Seinem verehrten Lehrer – Karl Heinrich« – »Seinem guten Freunde Dr. phil. C. Jüttner – Karl Heinrich« – »Seinem treuen Mentor – Karl Heinrich.«

Das erste Bild zeigte einen pausbäckigen Jungen in Reitanzug, etwa zwölf Jahre alt, ein hübsches, frisches Gesicht mit zwei großen Augen wie die eines Mädchens; die andern waren aus späteren Jahren. Das Gesicht schien da schmaler geworden, unfroher, die Haare lockten sich nicht mehr, sondern waren militärisch kurz geschnitten.

Er nahm ein Bild nach dem andern in die Hand, und mit diesen Bildern zogen noch einmal die acht Jahre an ihm vorbei, ihr ganzer langweiliger Inhalt: Dinieren, Bücklinge machen, wenig Arbeit und verteufelt wenig Freuden, Neid der Kollegen, viele neue Fräcke, viele neue weiße Westen, ein Orden, ein vornehmer Titel, Spazierenfahren, Gähnen und als Resultat eine Herzverfettung. Dieselbe Krankheit, an der die unglücklichen Straßburger Gänse leiden.

»Geh nach Tisch zwei Stunden spazieren,« das predigte sein Freund ihm jeden Tag, und jetzt – er sah nach der Uhr, die in der prallen Weste wie eingekeilt ruhte – war es Zeit, diese langweilige Wanderung anzutreten.

Aber der arme Regierungsrat fand nicht die Kraft zu dieser Selbstüberwindung.

›Erstens kann es jeden Augenblick regnen,‹ dachte er, ›und zweitens hat es wirklich keinen Zweck, an diesem letzten Tage sich noch abzuquälen. In Heidelberg wird das alles anders, da läuft man den ganzen Tag. Wenn ich mich in Heidelberg in acht nehme, nicht viel esse, nicht viel trinke und mit Karl Heinz durch die Berge steige, werde ich vielleicht noch einmal gesund.‹

In dem offenen Kamin prasselte ein leichtes, aprilgemäßes Holzfeuer, in dem warmen, weichen Sessel saß es sich unendlich behaglich, er schloß die müde blinzelnden Augen. Dann öffnete er sie noch einmal und richtete sich halb auf in der plötzlichen Erwägung, daß er beim Schlafen den Frack zerdrücke und lieber die bequeme Sammetjoppe anziehen wolle, aber er war schon zu müde.

»Der Frack wird in Heidelberg aufgebügelt.«

Als der Erbprinz eine halbe Stunde später in des Doktors Zimmer kam, fand er ihn schwer schnarchend. Er lächelte und breitete die grüne Decke, die eine Tante des Regierungsrats diesem zum Geburtstag gestrickt hatte, über die Kniee des Schlafenden.

Der Erbprinz fand den Doktor schwer schnarchend.

Leise, auf den Zehen ging er wieder hinaus.

Und der Doktor träumte, er wäre am Neckar wieder so dünn und hager geworden wie einst vor fünfzehn Jahren, als er auf Schusters Rappen in Jena einzog.

*

Der Kurierzug hält in Karlburg nur, wenn hohe und höchste Herrschaften denselben zu benutzen beabsichtigen.

Als er pfauchend mit seiner riesigen Lokomotive in die offene Halle fuhr, öffneten die Lakaien die schweren Eichenthüren des Fürstenzimmers, und der Fürst trat in Generalsuniform, auf den Arm seines Neffen gestützt, langsam auf den Perron. Zweimal umarmte er den Prinzen, dann lehnte er sich, als der Prinz in ein Coupé erster Klasse gestiegen war, schwer auf den sofort dargebotenen Arm eines Kammerherrn.

Die Thüren der Waggons, aus deren Fenstern die neugierigen Gesichter der Reisenden schauten, wurden geschlossen, der Bahnhofsvorsteher in roter Mütze und weißen Handschuhen gab auf einen Wink des Hofmarschalls ein Zeichen, der Zugführer pfiff, die Lokomotive antwortete, und langsam, wuchtig setzte sich der schwere Zug von neuem in Bewegung.

Karl Heinrich stand am Fenster und verneigte sich ein letztes Mal ehrerbietig vor dem Oheim. Eine kurze Weile sah er noch die Offiziere und Kammerherren, die mit der Hand an der Mütze oder mit abgezogenem Hute ihn grüßten, darauf die Gepäckträger und ein paar Arbeiter, die am Ende des Bahnhofs sich militärisch stramm aufstellten, dann atmete er tief auf.

Karl Heinrich stand am Fenster.

Aber er blieb noch am Fenster, während der Doktor seinen Cylinder in eine Hutschachtel packte und eine grün-blau karierte Reisemütze hervorsuchte.

Karlburg verschwand, eine Weile fuhr der Zug durch den Langenhagener Wald, jetzt flogen die Dörfer Rotenberg und Hude vorbei, und nun – der Prinz kannte die Stelle genau – sauste der Kurierzug über die Grenze.

Noch einmal atmete er tief auf.

Dann sah er sich um nach seinem Begleiter, der beschäftigt war, die gelbe Ledertasche zu durchstöbern.

Er lachte: »Sie suchen wohl schon den Wein, Doktor?«

»Nein, den hab’ ich. Ich suche den Korkzieher, ich bin wie verdurstet.«

Eine Weile unterhielten sie sich, aber des Doktors Konversation hatte den Fehler, daß sie, mochte man sprechen, über was man wollte, stets in einem Bogen auf seine eigne Person lenkte. Er holte aus seinem Ueberrock eine orangefarbene Broschüre: »Die Naturheilmethode bei Verfettungskrankheiten und Fettleibigkeit« und zeigte dem Prinzen einige blau angestrichene Stellen:

»Nach der Methode lebe ich von jetzt an. Keine Butter, kein Fett, kein Oel, kein Reis, keine Rüben und was da sonst noch verboten ist. Lesen Sie, bitte, die Stelle durch. In Heidelberg wird das durchgeführt, strikt.«

Karl Heinrich, der so schlank war wie ein gut gewachsener junger Baum, hatte alle Bücher und Schriften über des Doktors Krankheit durchstudiert, so that er ihm auch jetzt den Gefallen und las die unendlich langweiligen Rezepte.

»Morgens eine Tasse Kaffee oder Thee mit etwas Milch und 75 Gramm Brot. Mittags 100 Gramm Suppe, 200 Gramm gesottenes Rindfleisch, 25 Gramm Brot. Abends ein bis zwei weiche Eier und so weiter.«

Aber schließlich wurde ihm die Sache fad.

»Zum Kuckuck, Doktor, das ist gegen die Verabredung! Zum wenigsten heute, wo es nach Heidelberg geht!« Er schlug ihm derb auf die Schulter. »Wir beide allein, und niemand, der einen kujonieren kann! Man kann’s noch gar nicht begreifen, daß das jetzt wirklich ist! Wenn Sie das Buch nicht wegstecken, werf’ ich’s aus dem Fenster.«

Der Doktor lächelte etwas wehmütig.

»Ja, ja, Karl Heinrich.«

Merkwürdig: die große Freude, die er seit Monaten und Wochen auf diesen Erlösungstag zusammengedrängt hatte, wollte nun, da der Tag und die Freiheit gekommen waren, sich nicht einstellen.

›Es ist zu spät,‹ dachte er, ›das hätte ein Jahr eher kommen müssen. In Heidelberg wird Karl Heinz mich begraben.‹ Und während der Prinz wieder am Fenster stand, rollten über des Regierungsrats dicke Wangen zwei Thränen, die er mit dem Handrücken fortwischte.

»Wie das schnell geht,« sagte der Prinz; »es ist enorm. Sehen Sie nur mal her, das saust alles vorbei. Da, ein Storch! Da, in der Wiese! Rasch doch, sehen Sie! Rasch doch!«

Der Doktor that ihm den Gefallen und blickte hinaus, aber sah keinen Storch, das Tier war ihm auch durchaus gleichgültig.

»Ich könnte den ganzen Tag am Fenster stehen, wenn das alles so vorbeifliegt. Dörfer und Berge, die man nie gesehen hat. Sehen Sie die Mühle da? Famos.«

Karl Heinrich war aufgeregt wie ein Kind, das seine erste Eisenbahnfahrt macht. Ein einziges Mal in seinem Leben hatte er eine größere Reise ausführen dürfen, mit seinem Oheim an den Hof zu Dresden, aber das war zehn Jahre her. In Karlburg benutzte man die Eisenbahn selten, denn in dem kleinen Fürstentum brachten gute Pferde einen schneller ans Ziel als die Eisenbahnen mit ihrem verzwickten Sekundärbetrieb.

Und auf allen Bahnhöfen fremde Gesichter, Engländer, Offiziere, ein Drängen und Hasten, nichts von der feierlichen Ruhe, wie sie daheim im Schloß zu Karlburg herrschte.

In Eisenach und Bebra kam Herr Lutz, der Kammerdiener, ans Coupé, um mit abgezogenem Hute sich nach Seiner Durchlaucht Wünschen zu erkundigen; er that das so auffällig, daß die Fremden von allen Seiten her den Prinzen anstarrten.

Heftiger als es seine Art war, sagte Karl Heinrich: »Lassen Sie das, bleiben Sie in Ihrem Coupé, ich will das nicht. Ich wünsche zu reisen, ohne aufzufallen.«

In Eisenach und Bebra kam Herr Lutz ans Coupé.

Er wunderte sich selbst über seine Kühnheit, denn Herrn Lutz anzufahren, war in der That eine Kühnheit. Herr Lutz war bisher nicht mehr und nicht weniger als zweiter Kammerdiener Seiner Durchlaucht des Fürsten gewesen, hochangesehen bei allen Kavalieren, gefürchtet bei der niederen Dienerschaft, umworben von allen denen, die mit Bittgesuchen dem Fürsten nahten. Seine Ernennung zum Kammerdiener des Erbprinzen war allgemein so gedeutet worden, daß damit für Herrn Lutz eine Art Mission gegeben war, eine Vertrauensstellung, in der es sich darum handelte, dem jungen Prinzen in der Fremde nicht nur zur Seite zu stehen, sondern auch dessen Lebensführung in die richtigen Bahnen zu leiten.

Herr Lutz verfärbte sich und schien einen Moment seine Fassung verlieren zu sollen; dieser ganz unmögliche Fall trat indessen nicht ein. Er verneigte sich und ging.

Aber zwei Stunden später in Frankfurt empfand man es doch unangenehm, daß Lutz unsichtbar blieb, denn Karl Heinrich sowohl als der Doktor hatten Hunger und Durst. Was thun?

»Sehr einfach,« sagte der Doktor, »wir gehen selbst.«

»Selbst?«

»In den Wartesaal. Wir haben zwanzig Minuten Zeit.«

»Aber –«

»Was denn? Das ist doch ganz selbstverständlich.«

»Na ja …«

Am Büffett herrschte ein unerhörtes Gedränge, dem Doktor trat jemand auf die Hühneraugen, und einige Augenblicke waren die beiden getrennt.

Jetzt gab es von hinten einen Puff, daß Karl Heinrich bis an das Büffett flog; im nächsten Moment rief ihn jemand an:

»Mein Herr, was wünschen Sie?«

Er war total verwirrt, aber das junge Ding am Büffett, ein rundes Mädel mit kohlschwarzen Augen, wurde ungeduldig.

»Bitte, wählen, mein Herr, die andern Herrschaften warten! Würstel? Oder kaltes Kotelett?«

Er sah sich um nach dem Doktor, ganz fassungslos, dann griff er auf gut Glück nach den Würsteln, zwei fettigen Dingern, die in ein Papier notdürftig verpackt waren.

»Vierzig Pfennig.«

Er faßte in die Tasche, dann in die andre Tasche, in noch eine – nirgends Geld!

»Vierzig Pfennig, mein Herr!«

»Ja, ja –« Er suchte verzweifelt.

Irgend jemand hinter ihm schrie: »Zum Donnerwetter, kommt man denn gar nicht ’ran?!« – alle drängten, stießen, riefen nach Bier, es war zum Verrücktwerden. Nie in seinem Leben war der Prinz in einer solchen Lage gewesen, – in der linken Hand hielt er die Würstel, mit der rechten suchte er, und dabei fühlte er, wie er vor Scham und Verlegenheit blutrot wurde.

Er faßte in die Tasche – nirgends Geld!

Das kleine Fräulein hatte ein menschliches Rühren, denn der hübsche Junge gefiel ihr:

»Nehmen Sie nur die Würstel mit, bringen Sie ’s Geld nachher.«

Da endlich klemmte sich der Doktor durch die Menge und bezahlte.

Mühsam quetschten sie sich den Weg zurück, dann nahmen sie an einem der ungedeckten Tische Platz und schlangen hastig und ohne aufzusehen die heißen Bissen hinunter.

»Wohin fahren die Herren?« fragte der Portier, in der Hand eine große Glocke.

»Nach Heidelberg.«

»Haben S’ noch Zeit, noch Viertelstunde, wird abgerufen.«

»Hier haben Sie ein Glas Bier!« rief der Doktor ihm nach, der drei Glas Bier von dem Brett des Kellners nahm. Der Portier kam wieder an den Tisch, dankte und trank:

»Prost, auf den Herren ihr Wohl. Der junge Herr ist wohl Student? In Heidelberg.«

»Stimmt,« sagte der Doktor, der jetzt in glänzender Laune war.

»Denn glückliche Reise!«

»Danke!«

Der Prinz saß wie in einem Traum. Er nahm eine von des Doktors Zigarren und blies den Rauch in die Luft. Ohne zu fragen oder zu grüßen, kamen zwei Herren an den Tisch und setzten sich hart neben ihn; alles hier war formlos, jeder ging, kam, rief, wie er Lust hatte, keiner kümmerte sich um den andern. Am Nebentisch saß ein Dutzend Backfische mit ihrer Pensionsmama, die eine Freundin zur Bahn geleiteten. Alle zwölf schienen ihre Aufmerksamkeit auf ihn – Karl Heinrich – zu konzentrieren, aber keineswegs ehrfürchtig wie die Karlburger jungen Damen, sondern mit schelmischen kleinen Blicken und darauffolgendem Lachen und Tuscheln.

»Prost, auf den Herren ihr Wohl!«

»Was, das ist hier ein Leben?« sagte der Doktor. »Lustig, was?«

Und der Prinz nickte.

Niemand außer den zwölf Backfischen beachtete ihn, keiner kümmerte sich um ihn, ein großer, feister Herr stieß an seinen Stuhl, ohne sich zu entschuldigen.

»Kellner,« rief der Doktor, »noch zwei Glas! Aber rasch!«

Verstohlen, schüchtern musterte Karl Heinrich seinen Begleiter von der Seite. Wie dieser Doktor sich in dem Wirrwarr zurechtfand! Ueberhaupt, der war gar nicht wiederzuerkennen! Als ob der Doktor in Karlburg ewig gefroren gewesen sei und jetzt auftaue. Bier war ihm nach der medizinischen Broschüre streng verboten, und nun trank er es doch, gleich zwei, drei Glas in zehn Minuten.

Der Doktor stand auf:

»’s wird Zeit. Dies Frankfurt ist eine liebe Stadt. Nächste Woche fahren wir beide mal wieder her und machen uns einen lustigen Tag. Das ist von Heidelberg ein Katzensprung.«

Als sie schon im Coupé saßen, kam das Pensionat und promenierte auf dem Bahnsteig hin und her. Und als der Zug sich in Bewegung setzte, blickten alle zwölf ihm nach, und eines der Fräulein nahm sogar sein Taschentuch und winkte – im Gefühl der sicheren Trennung – Karl Heinrich zu: »Adieu!«

»Das sind Frauenzimmer, diese rheinisch-mainischen Mädels!« lachte der Doktor. »Andre Rasse als bei uns.«

Frankfurt verschwand, der Doktor kramte in der Ledertasche, und Karl Heinrich stand wieder am Fenster, die heiße Stirn gegen die kalte Scheibe gedrückt.

Eines der Fräulein nahm sogar sein Taschentuch und winkte.

Mädchen – Frauen – auch das war ein neuer Begriff in seinem Leben. Wie man ihn in allem klösterlich erzogen hatte, fern von seinen Altersgenossen und fern von jedem, was nicht mit dem Hofleben im engsten Zusammenhang stand, so auch selbstverständlich fern von allem, was Weib hieß. Der Fürst war Witwer, kinderlos, die Hoffestlichkeiten beschränkten sich seit Jahren auf ein bescheidenes Maß, der Hof zu Karlburg war seit einem Dezennium nicht viel mehr als ein Junggesellenhaushalt großen Stils.

Die Dämmerung zog über die weite Rheinebene, und als der Zug Darmstadt passiert hatte, lagen die Dörfer der Bergstraße im Dunkel der Nacht.

Hin und wieder blitzten Lichter vorbei, und irgendwo da hinten im Westen, keine Stunde entfernt, floß der Rhein. Der Rhein! Süddeutschland! Rechts, hart vorbeistreifend, die Berge des Odenwalds! Bisher lauter Geographiebegriffe, jetzt nahe zum Greifen!

In rasender Schnelligkeit fuhr der Zug durch die Nacht, immer weiter trug er Karl Heinrich fort von dem kalten Norden; und die freudlose Jugend, das düstere Schloß, der Winter lagen hinter ihm.