Zweites Kapitel.
»Heidelberg!« – »Heidelberg!«
Die Schaffner mit ihrem badischen Accent gingen rufend den Zug entlang und rissen die Thüren auf.
»Fünf Minuten Aufenthalt!«
»Ein Jahr Aufenthalt,« sagte der Doktor. Er hatte von Darmstadt an geschlummert und war jetzt in wundervoller Stimmung. »Nach so einem kleinen Schlaf ist man wie neugeboren.«
Herr Lutz half mit dem ewig abgezogenen Hut Seiner Durchlaucht beim Aussteigen, holte dann die Taschen und Schirme aus dem Coupé und übergab diese und andre Utensilien dem Hoffourier, der seit drei Tagen bereits in Heidelberg weilte, um für Seine Durchlaucht Quartier zu mieten, Wagen zu bestellen und alles das auszuführen, was voranreisende Fouriere zu besorgen haben.
Man ging – der Fourier als Führer voran, Herr Lutz drei Schritte hinterdrein – durch den langgedeckten Bahnhof nach der Haltestelle der Wagen.
An einem hübschen Landauer mit galonniertem Kutscher machte der Fourier Halt und öffnete den Wagenschlag, der Prinz wollte einsteigen, aber der Doktor hielt ihn zurück:
»Wir gehen doch zu Fuß, es ist ein wunderschöner Abend.«
Der Fourier sah erstaunt auf Herrn Lutz, dieser ebenso erstaunt auf den Prinzen und Karl Heinrich gleichfalls verblüfft auf den Doktor.
»Zu Fuß?«
»Ja, warum nicht?«
»Wenn Sie meinen …«
»Wo liegt die Wohnung?« fragte der Doktor den Fourier.
»Am Markt, Nummer achtzehn.«
»Schön.«
Und Herrn Lutz, den Fourier, den Kutscher im Dunkel zurücklassend, gingen die beiden in der That zu Fuß nach der Stadt.
Karl Heinrich war nie zu Fuß gegangen, das heißt nie in den Straßen der Stadt. Wenn ihn der Weg durch Karlburg führte oder durch eine der andern kleinen Städte von Sachsen-Karlburg, so geschah das meist zu Wagen, selten zu Pferde, aber nie zu Fuß. Es war, als ob es ganz außer dem Bereich der Möglichkeit liege, daß der Fürst oder der Erbprinz oder fremde Fürstlichkeiten das Karlburger Pflaster mit den Stiefeln berührten.
Weshalb das so war? – Vielleicht hätte nicht einmal der Hofmarschall Herr von Lehe darauf eine Antwort gefunden, aber uralte Sitte hatte den Gebrauch gleichsam zum Gesetz erhoben.
Man ging – der Fourier als Führer voran.
Wie in Frankfurt auf dem Bahnhof streiften fremde Menschen an dem Prinzen vorbei; er mußte ausweichen wie jeder andre, und die Kutscher, die vom Bahnhof her in die engen Straßen fuhren, jagten so dicht an ihm her, daß er einmal hastig nach des Doktors Arm griff und sich bestürzt an ihn lehnte.
»Die fahren einen ja über!«
»Man muß aufpassen,« sagte der Doktor trocken.
Nun wurden die Straßen wieder breiter, man konnte ruhiger gehen.
Es war dreiviertel zehn Uhr, aber der erste Maiabend füllte die Luft mit so sommerlicher Wärme, daß die Leute vor den geöffneten Hausthüren standen. Die Mädchen spazierten Arm in Arm ohne Hut auf und ab, bisweilen kichernd, oft laut lachend; Studenten, die in Scharen vorbeigingen, nickten den Mädels vertraulich zu, es war ein lebhaftes Treiben voll südlicher Wärme.
Da drang aus einer Seitenstraße Musik, ein dichter Schwarm Menschen wälzte sich aus der Gasse auf die Hauptstraße, nun füllte sich die Luft mit Rauch, und mit schmetternden Trompeten und vielen hundert Fackeln kam ein Zug Studenten an dem Prinzen vorbei.
Sie gingen immer zwei in einer Reihe, von je zwei Fackelträgern flankiert, lauter lustige Gesichter, die den aus allen Fenstern schauenden Mädchen zulachten.
»Was ist da los?« fragte der Doktor einen der Zuschauer.
»Das sind die Corpsstudenten, die feiern heute S. C.-Antrittskommers.«
»Aha!«
Mit vielen hundert Fackeln kam ein Zug Studenten.
Zuerst kamen die Vandalen als präsidierendes Corps mit ihren roten Mützen, die mit dem goldenen Band die badischen Landesfarben vertreten, dann die Sachsen-Preußen in weißen Stürmern, danach die grünen Westfalen, die gelben Schwaben, die blauen Rheinländer und zum Schluß die dunkelblauen Sachsen, die kleine Veilchenbouquets an ihren Mützen trugen. Die drei Chargierten jedes Corps gingen in Wichs: Cerevis, Sammetpekesche, weiße Lederhosen, hohe schwarze Stulpenstiefel, in der Hand das Rapier; alle andern nahmen die Affaire weniger feierlich, sondern schlugen zum Schutz gegen den Pechqualm der Fackeln die Rockkragen in die Höhe.
Mehr als einer blickte dem Prinzen, der in der vordersten Reihe der Zuschauer stand und mit großen, offenen Augen den Zug anschaute, scharf ins Gesicht: das war ein neuer Student, den man noch nicht kannte, ein eleganter junger Mann, vielleicht ließ sich der »keilen«.
Die enge Straße war so angefüllt gewesen von Lärm und Musik, Menschen und Fackelqualm, daß es jetzt, als der Zug vorbei und alle Leute ihm nachgelaufen waren, plötzlich still und einsam erschien.
»Na,« sagte der Doktor mit einem triumphierenden Lächeln, als ob er den Zug persönlich erdacht und arrangiert gehabt hätte, »war das hübsch?«
»Sehr.«
»So geht das in Heidelberg alle Tage. Immer lustig.«
Als sie dann nach einigem Suchen am Markt das Haus Nr. 18 gefunden hatten, schlug es vom Kirchturm in langen, langsam verhallenden Tönen zehn Uhr.
Einen Augenblick zögerten beide, denn das alte Haus sah trotz seines breiten, hell erleuchteten Flures nicht so aus, wie der Prinz – und vielleicht auch der Doktor – erwartet hatten. Links vom Eingang lag ein Friseurladen, der bereits geschlossen war, rechts ein großes Materialwarengeschäft, dessen Tonnen voll Gurken, Linsen und getrockneter Aepfel die halbe Thür versperrten.
Die Lehrlinge und ein dickes Dienstmädchen betrachteten neugierig Herrn Lutz, der bereits angelangt war, mit einem höchst indignierten Gesicht neben dem Hoffourier stand und auf den bestürzten Mann heftig einredete.
»Es war das beste Quartier in ganz Heidelberg,« beteuerte dieser, »die teuerste Wohnung in der ganzen Stadt – es sind acht Zimmer, Herr Lutz!«
Aber Herr Lutz stieß mit seinem Lackstiefel gegen ein hohles Petroleumfaß, daß es dröhnte:
»Dann hätten Sie telegraphieren sollen, dann wäre man noch nicht abgereist, hätte die Reise verschoben!«
Jetzt traten der Prinz und der Doktor aus dem Schatten der Straße in das Licht des Eingangs.
»Ist das hier richtig, Lutz?«
»Jawohl, Eure Durchlaucht, leider.«
Der arme Fourier war kreideweiß.
»Haben Sie die Zimmer angesehen, Lutz?«
»Jawohl, Eure Durchlaucht, ein uraltes, verwohntes Haus. Ein für Eure Durchlaucht ganz unmögliches Quartier.«
Der Prinz wurde unsicher. Dieser erste Tag seiner Universitätsreise hatte mit tausend neuen Eindrücken und neuen Anschauungen seine ganze bisherige Denkweise wie ein Sturmwind aufgerüttelt, er sah alles in verändertem Lichte, aber er war nicht mehr oder noch nicht im stande, die Dinge um sich her zu beurteilen, zu taxieren.
Konnte er überhaupt in dieses Haus hineingehen oder nicht? Durfte er das? Ueber seinem hübschen, jugendlichen Gesicht lag ein solcher Zug von Unbeholfenheit, daß Herr Lutz seine heute verlorene Position zurückzuerobern glaubte.
»Befehlen Eure Durchlaucht, daß Eure Durchlaucht im Hotel ›Prinz Karl‹ absteigen. Das Hotel liegt hundert Schritte entfernt. Die Koffer werden sofort hinübergebracht.«
Dem Fourier stand der kalte Schweiß auf der Stirn, während zu den zwei Lehrlingen und dem dicken Dienstmädchen sich andre Neugierige gesellt hatten, die mit offenem Munde horchten.
Da legte sich der Doktor ins Mittel:
»Man kann doch die Wohnung erst einmal ansehen.«
Der Prinz nickte: »Ja, gewiß.« Und so ging man hinein.
Herr Lutz hatte wieder verspielt. Bis zum heutigen Tage war ihm dieser Doktor der gleichgültigste Mensch gewesen: ein Schulmeister, wie ihn die Prinzen nötig haben, ein Herr, der am Hofe nicht die geringste Bedeutung hat, dessen Einfluß, mit dem eines Kammerdieners verglichen, gleich Null ist, und nun das! So was! Der Dicke erlaubte sich, ihn, Lutz, wie einen Lakaien zu behandeln! That und benahm sich, als ob er der Prinz selbst wäre!
Er knirschte in die Zähne: »Dem – geb’ ich’s!«
Die Steinfliesen im Hausflur waren offenbar frisch gescheuert und mit weißem Sand bestreut, an allen Ecken der Treppen standen hellbrennende Lampen, große und kleine, und das schwere Eichengeländer der Treppe war so völlig mit Tannenguirlanden umwunden, daß es seinen eigentlichen Zweck, bei dem engen Aufgang als Halt zu dienen, völlig verfehlte. Oben hörte man ein Tuscheln, ein Rascheln von Weiberröcken, ein lautes: »Er kommt!« – dann Thürenschlagen, – dann feierliche Stille.
Und als der Prinz mit seinem kleinen Gefolge, dem sich in einiger Entfernung die Lehrlinge und das dicke Dienstmädchen anschlossen, die oberste Treppenstufe erreicht hatte, sah er sich drei steif knicksenden Matronen und einem gleichfalls tief knicksenden jungen Mädchen gegenüber.
Er hatte seine Ruhe wiedergefunden. O dergleichen feierliche Empfänge kannte er, – er war wieder der Prinz, vor dem sich alles neigt.
Das Mädchen, einen Fliederstrauß in der Hand, trat einen Schritt vor und knickste noch einmal. Dann blickte sie ihn mit ihren großen braunen Augen ohne jede Scheu an und sagte mit heller, freier Stimme:
»Dem Prinzen, der aus fernem Land
Zu unserm lieben Neckarstrand
Gezogen kommt, dem bring’ ich hier
Des Frühlings allerschönste Zier.
Zieh fröhlich ein in unser Haus,
Und gehst du wieder einst hinaus,
Dann denke immer treu zurück
An Heidelbergs Studentenglück. –
Bitte schön!« Sie gab ihm den Strauß in die Hand.
Karl Heinrich hatte wie festgewurzelt gestanden, die Linke auf den obersten Knauf des Treppengeländers gelehnt. Während der ganzen Zeit hatten seine Augen und die des Mädchens einander nicht losgelassen.
Eine der alten Frauen trat vor:
»Und nun, wenn Eure Durchlaucht die hohe Ehre haben wollten – ich bin nämlich die Frau Dörffel – und wollten sich die Zimmer ansehen?«
Er nickte. Er wollte etwas sagen, auch zu dem Mädchen, aber die Worte kamen ihm nicht auf die Lippen.
Mit dem großen Fliederstrauß in der Hand ging er höflich hinter der alten Frau her, die ihm triumphierend erst die Salons zeigte: »Da hat im vorigen Semester der Herr Graf von Bredow gewohnt,« – dann sein Schlafzimmer, dann zwei nette kleine Zimmer: »für den Herrn Doktor«, endlich eine ziemlich dürftige Hinterstube, in der Herr Lutz wohnen sollte: »Und das ist das Zimmer für den Bedienten.«
Herr Lutz, der zwei Schritte hinter dem Prinzen neben dem Fourier ging, wurde blaß wie ein Tischtuch. »Bedienten!« Das Wort klang wie ein Peitschenhieb.
Auch Karl Heinrich empfand den ungewollten Falschton des Wortes.
»Sie meinen für meinen Kammerdiener?«
»Ja, für den da.«
Die gute Frau ließ ihn noch nicht los. Immer voranleuchtend, zeigte sie ihm jeden Raum, den man in einer neuen Wohnung kennen muß, und immer ging der Prinz mit seinem Fliederstrauß gehorsam hinterdrein, nur ein einziges Mal unwillkürlich lächelnd.
Bis man endlich in dem Salon wieder landete.
Ein kleiner Sofatisch aus Mahagoniholz war sauber gedeckt mit Tellern, Bierflaschen, zwei offenen Weinkaraffen, Brot, Butter und kaltem Aufschnitt. In der Mitte stand ein Topfkuchen, der von Epheublättern am unteren Rande umgeben und in seiner Höhlung mit drei Rosen ausgefüllt war.
»So, wenn Sie nun essen wollen, Eure Durchlaucht –«
»Ja. Danke schön.«
Von einem Fortgehen ins Hotel war nicht die Rede.
Mit dem Fliederstrauß in der Hand ging der Prinz hinter der alten Frau her.
»Macht mal alle, daß ihr herauskommt!« rief Frau Dörffel, und diese Aufforderung war nicht überflüssig, denn abgesehen von dem Doktor, Lutz, dem Fourier und den vier Frauen sah man in der Thür die zwei Lehrlinge und das dicke Mädchen, die neugierig die ganze Wanderung mitgemacht hatten und jetzt staunend das Arrangement des Sofatisches bewunderten.
»Haben Eure Durchlaucht sonst noch Wünsche?«
»Nein, danke.«
»Es ist auch alles da. Frisch Wasser, Handtücher, Lichter, Streichhölzer – sieh mal nach, Käthie, ob im Schlafzimmer Streichhölzer sind.«
Die Kleine ging hinein und kam wieder. »Ja, zwei Schachteln.«
»Na, denn gute Nacht, Eure Durchlaucht. Nun schlafen Sie nach der langen Reise recht tüchtig. Und träumen Sie was Schönes.«
»Danke.« Er nahm ihre dicke dargebotene Hand und fühlte einen gutgemeinten Druck.
Auch die Kleine kam unbefangen: »Wünsche gut zu schlafen.«
*
Vom Kirchturm schlug es Mitternacht. Im Hause war es totenstill, alles schlief, sogar Herr Lutz, der eine Stunde und länger in seinem Loch von Hinterzimmer wie ein Tiger auf und ab gewandelt war. Kein Schrank in diesem Zimmer, sondern nur ein paar Kleiderhaken mit einer gemeinen Kattungardine! Kein Spiegel, keine reguläre Waschtoilette, und dies Bett! Ein eisernes Gestell mit geblümten ordinären Ueberzügen!
»In dem Bett schlaf’ ich nicht,« er nahm sich das fest vor, »lieber bleibe ich wach, die ganze Nacht.«
Als einzigen Schmuck zeigte die kahle Wand über dem Bett ein frommes Bild: Sankt Sebastian, der, an einen Baum gebunden und von Pfeilen durchlöchert, mild und fast heiter in die Welt schaut. Herr Lutz konnte an diesem geduldigen Märtyrer keine Freude haben, er war ein Mann aus anderm Holz geschnitzt.
›Wartet nur bis morgen,‹ dachte er, ›wartet nur alle! Ich schreibe an den Hofmarschall, ich schreibe an Seine Durchlaucht selbst!‹
Schließlich legte er sich dann doch schlafen, der Gewalt weichend. Man hatte ihm ein Butterbrot und eine Flasche Bier ins Zimmer gestellt, die er beide am liebsten aus dem Fenster geworfen hätte, jetzt meldete sich aber der Hunger, und auf dem geblümten Bett sitzend, verzehrte er das kärgliche Mahl.
Käse!
Vor übergroßem Grimm kamen ihm fast die Thränen ins Auge.
Hätten ihn die Lakaien in Karlburg jetzt so – hier – gesehen! Herrn Lutz, der abends sein Glas guten Bordeaux haben mußte und seit Jahren einen so schwachen Magen hatte, daß der Koch in steter Sorge war, wie er Herrn Lutz zufriedenstellen könnte.
Wenn es in dieser Stunde nach Wunsch und Willen Lutzens gegangen wäre, er hätte Kanonen auffahren und dieses Heidelberg in Grund und Boden schießen lassen. Den Fourier vor die eine Kanone gebunden und den Doktor vor die andre! Und die Frauenzimmer dito!
Käse!
Was den Prinzen betrifft, so verstieg sich Herrn Lutz’ Grausamkeit nicht zu dem Gedanken eines Majestätsverbrechens, aber ehe er einschlief, malte er sich allerlei Bilder aus, wie Karl Heinrich am eignen Leibe die Folgen seiner übereilten Thorheit empfinden sollte. »Der bleibt hier nicht wohnen, darauf wett’ ich!«
Aber der Alltröster Schlaf kam und wiegte den müden Lutz in friedlichere Träume.
Der Regierungsrat, der unter allen Umständen, im Wagen, im Stuhl, in der Eisenbahn, im Bett, ausgezeichnet schlief – viel zu ausgezeichnet, denn gerade dieses unendliche Schlafen verdickte sein Blut –, lag schwer schnarchend, Karl Heinrich war der einzige im Hause, der noch wachte.
Er versuchte einzuschlafen, aber es ging nicht, dieser seltsame Tag hatte zu viel gebracht.
Er dehnte und reckte sich in seinem Bett, dessen Kopfkissen mit Stickereien verziert waren wie bei einem Damenbett, schließlich zündete er Licht an und stand wieder auf.
Ein merkwürdiges Zimmer, lauter Möbel aus längst vergangener Zeit, Stühle mit steifen Lehnen und dünnen Beinen, ein ebensolches Sofa und darüber auf einer Marmorkonsole eine goldene Uhr, die unter einer Glaskuppel ihr leises Ticktack hören ließ. Auf den Fenstersimsen lagen lange rote Polster mit gehäkelten Ueberzügen, und die Fenster selbst waren holländische Schiebefenster, die aus vielen kleinen Scheiben zusammengesetzt waren und deren Mechanismus der Prinz erst nach langem Probieren entdeckte.
Mit dem Licht in der Hand betrachtete er die Bilder.
Ueber dem Zimmer lag ein eigentümlicher, aber nicht unangenehmer Geruch, halb nach frischer Wäsche halb nach Aepfeln. Mit dem Licht in der Hand betrachtete er die Bilder: Paul und Virginie, die gestörte Hochzeitsfeier, Bismarck, die spanische Tänzerin Lola Montez, – Lola im Reitkostüm, lebensgroß, schön, strahlend, – dann nochmals Paul und Virginie, ein Mensurbild und endlich, über das ganze Zimmer, an alle Wände und in alle Ecken verteilt, eine Unzahl Studentenphotographien in immer demselben Fünfgroschenrahmen. Die meisten trugen eine Aufschrift mit einer Dedikation »An Madame Dörffel«, es waren offenbar lauter Studenten, die einmal hier gewohnt hatten.
Manche dieser Bilder waren nur Silhouetten, aber nie hatte der Künstler es unterlassen, die Farben der Mütze und des Bandes getreu darauf zu malen. Und viele der Bilder waren alt: 1848/49 – 1853 – 1854/55 – seltsam. Vergessene Menschen, vielleicht längst gestorben. Die hatten alle hier in dem alten Eichenbett geschlafen, bei dem Ticktack der goldenen Uhr, da aus dem Fenster geschaut. Ein ewiges Kommen und Gehen, immer neue Gesichter, immer nur Jugend, immer nur Jugend – immer neue Jugend.
Und jetzt war er der Junge! Karl Heinrich. Der Erbe dieser andern. Bild für Bild sah er aufmerksam an, manche der Namen waren ihm bekannt: Karl Hohenlohe – Fürstenberg – Prinz Weimar – Bredow …
Dann öffnete er das Fenster und sah auf den Marktplatz, an dem hie und da eine Laterne brannte. Die Nacht war immer noch warm wie im Hochsommer, er atmete die weiche Luft in tiefen Zügen.
Im Hotel zum »Prinzen Karl«, wo der große Kommers stattfand, setzte von Zeit zu Zeit die Musik ein; und so deutlich, daß man fast jedes Wort verstehen konnte, klangen durch die todstille Nacht die hellen Stimmen der Studenten:
»O alte Burschenherrlichkeit …«
Ueber der Kirche und den Häusern schimmerten die Sterne, nur selten hallten die Schritte eines verspäteten Nachtschwärmers auf dem einsamen Platz.
Er war so müde, die Augen fielen ihm fast zu; aber leise lächelnd, wie jemand lacht, der sehr glücklich ist, blieb er auf die roten Polster des Fensters gelehnt.
Bis die ersten Hähne krähten, und der Himmel im Osten über dem Neckarthal sich hell färbte.