Drittes Kapitel.

»Herein!«

»Bitt’ schön, ich bringe den Kaffee.«

Es war die Kleine von gestern, die ungeniert hereinspazierte.

Karl Heinrich stand noch in Hemdärmeln, er hatte bei dem Klopfen an niemand als Herrn Lutz gedacht; einen Moment war er so verdutzt, daß er vergaß, ihren freundlichen Guten-Morgen-Gruß zu erwidern.

»Gut geschlafen, Durchlaucht?«

»Danke, sehr.«

»’s is a bissel weich, das Bett,« sagte sie und klopfte im Vorbeigehen auf die gestickten Kissen, »aber Prinzen sind’s halt so gewohnt.«

Während sie den Kaffeetisch deckte und dabei sein kostbares Necessaire rücksichtslos auf einen Stuhl schob, suchte er nach dem Rock, aber der war im Nebenzimmer, oder Herr Lutz hatte ihn mit hinausgenommen, keinesfalls war er zu finden.

»Soll ich einschenken?«

»Bitte.«

»Ein Stück Zucker oder zwei?«

»Eins, bitte.«

Er suchte immer noch, die ganze Situation war ihm so unfaßlich, daß er es nicht wagte, Fräulein Käthchen anzusehen.

»Soll ich einschenken?«

»Was suchen S’ denn?«

»Nichts.«

»Nun trinken S’ erst mal.«

Sie zerschnitt die Weißbrote und strich Butter darauf: »So.«

»Danke schön.«

Ihre sorglose Sicherheit gab ihm einigermaßen die Haltung zurück, so daß er trotz der Hemdärmel sich an den Tisch setzte und zu trinken begann. Die Kleine stützte sich auf die Lehne eines Sessels und sah ihm zu. »Schmeckt’s?«

»Ja, danke.«

Er war so einsilbig, daß sie nun ihrerseits einen Augenblick unsicher wurde, aber auch nur einen Augenblick. ›’s is halt ein Prinz,‹ erwog sie im stillen, ›die sind schon immer ein bissel langweilig.‹ Aber im übrigen gefiel er ihr ausgezeichnet.

›Was er für eine feine Weste anhat, und die seidene Krawatte, – und dann auch das Gesicht – halb sieht er aus mit dem blonden Haar wie ein Engländer.‹

Die Kleine stützte sich auf die Lehne eines Sessels und sah ihm zu.

Die Thür öffnete sich, und Herr Lutz trat herein. Oder vielmehr: er trat nicht herein, sondern blieb wie angewurzelt stehen.

Der Prinz in Hemdärmeln beim Kaffee und die freche Person als Zuschauerin!

»Eure Durchlaucht –?«

»Was?«

»Das Frühstück …«

»Was ist damit?«

»Das Frühstück – ich sehe: Eure Durchlaucht haben bereits das Frühstück?«

»Ja. Das Fräulein hat es hereingebracht.«

Karl Heinrich sagte das etwas verlegen, denn natürlich mußte es Herrn Lutz kränken, daß fremde Leute in seine Pflichten und Rechte pfuschten, aber Herr Lutz zog ein so tiefbeleidigtes, albernes, böses, anmaßendes Gesicht, daß den Prinzen die Galle übermannte:

»Gehen Sie hinaus! Warten Sie draußen, bis ich rufe.«

Herr Lutz war wie vom Donner gerührt. Er hatte sich verhört! Es war ja nicht möglich!

Aber ob er sich verhört hatte oder nicht, jedenfalls war die Handbewegung Seiner Durchlaucht unheimlich deutlich. Sie wies strikt auf den Ausgang, es blieb nichts übrig, als das Zimmer zu verlassen.

Nun stand Lutz draußen auf dem zugigen Korridor, den das dicke Dienstmädchen fortwährend mit Wasser überschwemmte. Der einzige Raum, in den er sich hätte retten können, war sein greuliches Hinterzimmer, aber da fand sich Frau Dörffel, die gleichfalls mit Wasser über die Dielen fuhr.

»Bleiben S’ nur draußen, jetzt mach’ ich hier rein.«

Lutz stand draußen auf dem zugigen Korridor.

So ging er in seinen dünnen Lackschuhen auf dem nassen Korridor vor des Prinzen Thür auf und ab und wartete. Er hatte sich gestern in der Eisenbahn oder heute nacht in dem miserablen Bett erkältet, er nieste – dreimal, sechsmal, zwanzigmal, immer wieder, und jedesmal sagte das dicke scheuernde Geschöpf: »Zur Gesundheit!«

Eine nette Gesundheit!

»Warten Sie, bis ich rufe,« hatte der Prinz gesagt, aber es schien ihm gar nicht einzufallen, zu rufen.

Und das Mädchen kam auch nicht wieder heraus.

Herr Lutz legte das Ohr an die Thür und versuchte zu horchen, aber er hörte nur undeutlich die beiden reden.

›Ein hübscher Skandal,‹ dachte er, ›das fängt gut an! Gleich am ersten Tage!‹

So wartete er eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, drei Viertelstunden, schließlich geriet er in eine Art Verzweiflung. Das dicke Mädchen war fort, alles ringsumher still, nur das umkränzte Pappschild »Willkommen« grinste ihm ins Gesicht …

Karl Heinrich lehnte, immer noch in Hemdärmeln, in seinem Sessel, rauchte eine Zigarette nach der andern und hörte lachend auf Fräulein Käthchens Schwatzen.

Was hatte sie ihm nicht alles in der einen Stunde erzählt! Wie alt sie sei: achtzehn – woher sie sei: aus Krems an der Donau, furchtbar weit her – wieviel Corps in Heidelberg sind und wo sie kneipen, wie der Rektor heißt, daß Herr Viktor von Scheffel augenblicklich in Heidelberg wohne und nächste Woche einen Fackelzug bekomme, daß sie zwei beste Freundinnen habe, die sich beide an ein und demselben Tage verlobten, wie teuer dieses Jahr der Wein sei, aber sehr gut, und so weiter. Dann fing sie an zu inquirieren und wie ein Untersuchungsrichter ihn auszufragen:

»Waren S’ denn schon mal in Heidelberg?«

»Nein.«

»Aber vielleicht in Tübingen?«

»Auch nicht.«

Ob er Brüder hätte? – »Nein.« – Aber Schwestern? – »Nein.« – Aber Eltern? – »Die sind tot.«

»O wie schrecklich! O wie schrecklich!«

Sie sah ihn so mitleidig an, als ob er eben vom Kirchhof komme, aber dann fiel ihr ein, daß es ihr selbst gerade so ergangen war:

»Ich hab’ nämlich auch keine Eltern mehr.«

»O –«

Und sie betrachteten sich trotz des hellen Sonnenscheins und ihrer eben noch guten Laune mit dem etwas konventionellen Mitgefühl.

»Denn die Dörffel ist nur meine Frau Tante oder Frau Großtante. Ich bin auch nur bei ihr zur Hilfe.«

Sie hielt das Kaffeebrett, das sie schon vor einer halben Stunde zusammengeräumt hatte, immer noch in den Händen, und auf der Lehne eines Sessels sitzend sah sie trübe vor sich hin.

Karl Heinrich blickte sie schweigend an. Sie war eigentlich ein fremdartiges Ding, ganz anders wie die blonden Mädchen in Karlburg. Das Gesicht war südländisch braun, die gelockten Haare tiefdunkel und ebenso dunkel die Augen. Es lag etwas sehr Zierliches über der ganzen Figur, man mußte unwillkürlich an ein Zigeunermädchen denken.

Sie gab sich einen kleinen Ruck, als ob sie die sentimentalen Anwandlungen abschütteln wollte:

»Ich möcht’ nie wieder nach Oesterreich, ich möcht’ immer in Heidelberg bleiben, es ist hier zu schön.« Und ehe er etwas erwidern konnte, fuhr sie rasch fort in einem unvermittelten Gedankensprung: »Das Gedicht gestern, das ich hergesagt habe, war das schön?«

»Ja,« sagte er galant, »es hat mir ausgezeichnet gefallen.«

»Nein, es war nicht schön.«

»Nicht?«

»Ich habe es zuerst nicht auswendig lernen wollen, aber die Frau Dörffel, die Tante, hat es gewollt. Wenn Sie nun anders ausgesehen hätten, als Sie die Treppe herauf kamen, hätte ich Ihnen wohl den Flieder gegeben, aber das Gedicht hätte ich nicht hergesagt.«

»Fräulein Käthchen, wie hätte ich denn aussehen sollen?«

»Anders? Wie hätte ich denn anders aussehen sollen?«

»Nun – so –«, sie errötete, »ich weiß nicht.«

Er lachte und stand auf und ging zu ihr.

»Fräulein Käthchen, wie hätte ich denn aussehen sollen?«

Er legte seinen Arm um ihre Schulter und beugte sich nahe zu ihr. Ein paar Sekunden blickten sie sich an, dann küßte er sie.

Sein erster Kuß.

Die Kleine konnte sich nicht wehren, denn sie hielt das Brett mit Kaffeekanne, Butterglocke und Tassen in der Hand; aber als er auf den ersten Kuß einen zweiten folgen lassen wollte, wich sie zurück!

»Nein, nein, nicht!«

»Käthie …«

»Ich will nicht! Ich will nicht!« Sie stampfte mit dem Fuß auf und sah einen Augenblick bitterböse aus.

Eine kleine schwüle Pause trat ein, dann nahm sie das Brett auf den linken Arm, strich sich mit der rechten Hand über die schwarzen Locken und sagte:

»Denn daß Sie’s ein für allemal und gleich heute wissen: ich bin verlobt, schon bald ein Jahr.«

Er betrachtete das Bild.

Karl Heinrich war so verlegen, verdutzt, – er wollte etwas sagen, aber er brachte nur ein paar gestotterte Laute heraus. Seine erste bescheidene Liebesaffaire war schmählich verunglückt. Vielleicht bildete er sich ein, unter so bewandten Umständen ein unverzeihliches Attentat begangen zu haben, eine Niederträchtigkeit gegen das vertrauensselige, offenherzige Ding, er zog ein so beklommenes Gesicht voll Reue, daß sie ihrerseits sich nun ärgerte, den hübschen, netten Prinzen so angefahren zu haben. Wie reizend er aussah mit seinem bestürzten, feuerroten Gesicht, das war wirklich einmal ein lieber Kerl.

Und um ihn zu trösten, sagte sie:

»Was man halt so verlobt nennt. Mit der Heirat kann der Franzel noch lange warten. Er will schon, aber ich nicht. Finden S’, daß ich sehr österreichisch spreche?«

»Oesterreichisch?« Er verstand nicht, was sie wollte, dieser neue Zickzacksprung brachte ihn ganz aus dem Konzept.

»Ich hab’ ’s Oesterreichische ganz verlernt, weil ich’s nicht mag. Weil’s der Franzel redet. Er ist nämlich a Wiener.«

»So.«

»Sie dachten wohl, er wohnt hier in Heidelberg?«

Karl Heinrich hatte in der Eile über diesen Fall noch nicht nachgesonnen, aber um eine Antwort zu geben, sagte er:

»Ja, das dachte ich.«

Käthie lachte, als ob das ein ausgezeichneter Witz sei; sie mußte das Brett auf den Tisch stellen, um bei dem heftigen Lachen die Tassen nicht in Gefahr zu bringen. »Noch nie ist der Franzel in seinem ganzen Leben aus der Wienerstadt herausgekommen. Außer nach Ungarn. Er ist ja so an langweiliger Kerl. Wissen S’, was er ist? A Juckerhändler.«

»Ein was?«

»Für die Fiaker kauft er die Rosse, darin ist er sehr gescheit. Letzthin hat er zwei schneeweiße Schimmeln aus Ungarn geholt, die dann der Nicky Esterhazy ihm abgekauft hat.«

»Aber …«

»Sehen S’, das ist der Franzel.« Sie drehte sich um, nestelte an ihrem Mieder und holte eine kleine Photographie hervor, die an einem sehr warmen Platz über dem Herzen geruht hatte.

Er betrachtete das Bild, und Käthies Kopf bog sich über seinen Arm, um gleichfalls den Anblick zu haben.

»Gelt, er ist recht hübsch?«

»O ja.«

»Der Schnurrbart ist das beste, nicht wahr?«

»Hm!«

Der Franzel hatte sich im vollen Staat photographieren lassen, eine Rose im Knopfloch, auf dem Kopfe den etwas schief sitzenden Cylinder mit flacher Krempe, im Munde eine lange, dünne Virginiazigarre und in der behandschuhten, außerordentlich großen Hand eine Reitpeitsche mit einem silbernen Pferdekopf.

»Fesch ist er, gelt?«

»Hm!«

»Und ich nehm’ ihn doch nicht!«

Erstaunt blickte er sie an.

»Denn erstens, er könnte bald mein Vater sein, weil er zu Peter und Paul dreißig wird, und zweitens, ich geh’ nicht nach Wien, ich mag nicht.«

»Aber –«

»Es ist nämlich so, daß der Großtante Dörffel ihr Bruder der Vater gewesen ist vom Franzel. Und meine Mutter selig war dem Franzel seinem Vater die Cousine. Deshalb. Wie ich schon so klein war, hat’s immer geheißen: die soll den Franzel heiraten. Nun zu vorigen Johannis hat er geschrieben, ob ich will, und alle haben gesagt: Ja, ich soll. Da hab’ ich ›ja‹ gesagt, aber ich hab’ gesagt: Nicht gleich, und erst will ich noch warten.«

Sie nahm das Bild und betrachtete es nachdenklich:

»Eigentlich ist er ja ein lieber Kerl, gelt, die Augen?«

Karl Heinrich wurde es bei all diesem Gerede abwechselnd kalt und heiß. Sie stand unmittelbar neben ihm, ihre dunkeln Locken streiften seine Schulter, und wie sie hastig und aufgeregt sprach, bewegte sich ihre junge Brust unter dem engen Mieder auf und ab.

»Schließlich, heiraten muß jede, nicht wahr? Und in Heidelberg ewig bleiben kann man auch nicht, gelt?«

»Nein.«

Sie fuhr sich flüchtig mit der Hand über die Augen, um etwas fortzuwischen, dann schob sie Franzels Photographie zwischen die Kaffeetassen, atmete tief auf und nahm das Brett von neuem auf den Arm.

»Nun muß ich gehen.«

Sie wollte an ihm vorbei, da hielt er sie einen Moment fest und – er konnte nicht anders – gab ihr einen zweiten Kuß. Es war im ersten Augenblick ein etwas zaghafter Kuß, der seiner Keckheit wegen gleichsam um Verzeihung bat, aber als ihr roter, warmer Mund nicht zurückwich, preßten sich seine Lippen fester, immer dichter, heißer.

»Käthie!«

Beide atmeten schwer. Einen Augenblick ließ er sie los und beugte den Kopf zurück, um sie anzusehen, dann küßte er sie von neuem, immer wieder. Bis ein leises Frösteln über sie hinlief und sie sich stumm losmachte.

»Und wie heißen denn Sie?«

»Nicht mehr –«

»Süße Käthie!«

»Und wie heißen denn Sie?«

»Ich? Ich heiße Karl Heinrich.«

»Zwei Namen?«

»Ja.«

»Karl – – Heinrich – das klingt so seltsam.« Dann plötzlich umschlang sie ihn mit beiden Armen stürmisch:

»Karl Heinrich!!« …

*

Herr Lutz prallte von der Thür zurück, als diese sich unerwartet öffnete, aber ohne ihn zu beachten ging das Mädchen mit heißen Wangen an ihm vorbei über den Korridor.

Er blickte auf seine goldene Uhr: »Anderthalb Stunden!«

Und als er zehn Minuten später die Toilette seines Herrn vollendete, machte es Herrn Lutz einen diabolischen Spaß, zu beobachten, wie Seine Durchlaucht sich Mühe gab, unbefangen zu erscheinen.

»Wie ist das Wetter, Lutz?«

»Gut, Eure Durchlaucht.«

»Heute ist doch Mittwoch?«

»Jawohl, Eure Durchlaucht.«

Lauter überflüssige Fragen, wie sie jemand stellt, der sich einer gewissen Schuld bewußt ist.

Und wenn irgend jemand Seine Durchlaucht durchschaute, dann war es Herr Lutz. O, er kannte diese hohen Herrschaften, die nie recht den Mut ihrer dummen Streiche haben und sogar ihrem Kammerdiener gegenüber alles vertuschen möchten. Kleine, schwächliche Seelen ohne Energie.

Erbprinzen sind keine Fürsten, ihre Bedeutung nach außen ist in manchen Fällen gleich null. Tausendmal ereignete sich der Fall, daß Erbprinzen nie zur Regierung gelangten. Mit Erbprinzen rechnen, heißt nicht viel mehr als Lotterie spielen.

›Nein,‹ sagte sich Herr Lutz, ›dieses Heidelberg paßt mir nicht. Ich kehre zurück nach Karlburg. Wer, wie ich, seines Hochfürstlichen Herrn Vertrauen genießt, braucht hier nicht Bedienter zu spielen. Seine Hochfürstliche Durchlaucht ist sechsundfünfzig Jahre alt, Seine Hochfürstliche Durchlaucht kann mit Bequemlichkeit achtzig werden. Bis dahin dürfte man sein Schäfchen im Trocknen haben und auf alle Erbprinzen pfeifen.‹

Und während er seinen neuen Herrn abbürstete, dachte er:

›Warte! Wenn ich nach Karlburg komme, wenn ich erzähle! Da wird man Augen machen!‹

Der Prinz schien seine kurze Befangenheit Lutz gegenüber merkwürdig schnell überwunden zu haben:

»Sehen Sie nach, Lutz, ob der Herr Regierungsrat fertig ist, rasch!«

Mit sehr verbissener Miene kam Herr Lutz zurück:

»Herr Regierungsrat lag noch im Bett. Er zieht sich jetzt an.«

»Zum Kuckuck, wie ist das möglich?! Es ist ja zwölf Uhr mittags!«

Herr Lutz zog die Krawatte fest.

Lachend ging der Prinz über den Korridor, nickte Käthie zu, die in der Küchenthür stand und ihm zulächelte, und pochte mit der Faust gegen des Doktors Thür:

»Aber Doktor! Es ist Mittag!«

»Ja, gleich, fünf Minuten!«

Unnötigerweise wartete der Prinz vor der Thür, immer die Kleine anschauend, die sich merkwürdig lange im Korridor zu schaffen machte; dann endlich erschien der Doktor, höchst flüchtig angekleidet.

»Einen Moment. Lutz! Wo ist Lutz?! Lutz, helfen Sie mir mal. Hinten die Krawatte festziehen – so. Einen Moment noch, Durchlaucht. Bürsten Sie mich mal ab, Lutz. Und dann holen Sie mir einen Schluck Kaffee.«

»Wir wollen spazieren fahren,« sagte Karl Heinrich, der seine hellen Handschuhe anzog und immer noch mit Käthie Blicke wechselte.

»Nicht fahren, gehen.«

»Auch gut.«

Und Herr Lutz zog die Krawatte fest, bürstete und holte Kaffee. Alles mit der vornehmen Ruhe seines Standes. Aber innerlich kochte es in ihm. Das schlug dem Faß den Boden aus: dieses Schulmeisters Frechheit! Dieser Herr behandelte ihn als Diener, als Allerweltsbedienten! »Bürsten Sie mich mal ab, holen Sie Kaffee.« Konnte der edle Herr nicht seinen Rock selbst abbürsten?! Lutz zitterte vor Aufregung.

Eines fürstlichen Kammerdieners Pflichten und Rechte sind so streng umschrieben wie die eines hohen Beamten. Er dient lediglich und ausschließlich den persönlichen Bedürfnissen seines Herrn, er hat mit allen gröberen Arbeiten nichts – absolut nichts! – zu thun, der Unterschied zwischen einem Kammerdiener und einem ordinären Lakaien ist überhaupt nicht in eine Formel zu bringen. Der eine ist Künstler, der andre Handwerker.

Herr Lutz, der für den Schulmeister Kaffee holt! Es war zum Lachen! Oder vielmehr durchaus nicht zum Lachen.

Und Karl Heinrich litt das! Statt zu sagen: »Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Herr Doktor, daß Herr Lutz alle Aufträge nur durch meinen Mund empfängt«, stand Seine Durchlaucht ruhig dabei und sah zu, wie Lutz bürsten mußte.

Jetzt fehlte nur noch, daß der Schulmeister etwa sagte: »Putzen Sie mir die Stiefel.« Hätte er es nur gesagt! Es hätte eine Katastrophe gegeben!

Der Doktor setzte seinen neuen Pariser Cylinder auf, zog, obwohl es sehr warm war, aus Eitelkeit den eleganten Frühlingspaletot an und sah alles in allem wie ein höchst chic gekleideter Gentleman aus. Aber neben Karl Heinrich machte er trotzdem eine schlechte Figur. Der eine groß, schlank, jugendlich, der andre klein und viel zu gut genährt. Wer sie zusammen sah, konnte keinesfalls begreifen, was zwei so verschiedene Menschen zu einander geführt hatte.

»Also wollen wir wirklich keinen Wagen nehmen, Doktor?«

»Aber bewahre! Bei dem Wetter! Wir wollen aufs Schloß gehen.«

Karl Heinrich konnte sich auch heute noch nicht recht in dieses »Zu-Fuße-gehen« finden, es erschien ihm so sonderbar, am hellen Tage durch die Straßen zu spazieren, keinen Wagen hinter sich, keinen Diener. Es ging ihm wie den übernervösen Menschen, die sich vor den Straßen fürchten und beim Ueberschreiten der Plätze alle Sicherheit verlieren.

Gut, daß er den Doktor als Begleiter hatte.

Die Treppe hinab mußte man tasten, weil das Treppenhaus in einem mystischen Zwielicht lag, dann ging es im Hausflur durch eine Reihe Kisten, und nun standen sie vor der Thür in der Sonne.

»Ein Wetter! ein Wetter!« sagte der Doktor. »Da muß man gesund werden. Förmlich heiß. Heute fühlt man sich Mensch.« Allen Mädchen, denen sie begegneten, schaute er ins Gesicht, und im stillen dachte er: ›Wer weiß, was dieses liebe Heidelberg einem noch Gutes bringt. Vielleicht daß man sich auf seine alten Tage doch noch entschließt. Mein Gott, wenn man noch mal lieben könnte, richtig lieben! …‹

Karl Heinrich betrachtete neugierig wie ein Kind die Ladenfenster.

Sie kamen nur langsam vorwärts, denn vor allen Läden blieb Karl Heinrich stehen und betrachtete neugierig wie ein Kind die Ladenfenster. Es gab da eine Menge Dinge, die er nie gesehen hatte, und die ihm der Doktor erklären mußte, dann plötzlich überkam ihn ein kindischer Wunsch:

»Wir wollen mal hineingehen, irgend etwas kaufen.«

»Was denn?« fragte der Doktor erstaunt.

»Das ist einerlei, ich möchte nur mal kaufen.«

Und so kauften sie: zwei seidene Krawatten, helle Handschuhe, einen Federhalter und Federn, Tinte, Schreibpapier, Visitenkarten, eine elegante Schreibmappe, die Karl Heinrich dem Doktor schenkte, und schließlich für sechs Mark ein silbernes Armband, an dem kleine Münzen klingelten.

»Wer soll denn das haben?«

»Fräulein Käthie.«

»Welche Käthie?«

»Die gestern das Gedicht hergesagt hat.«

»Heißt die Käthie?«

»Ja, die heißt Käthie.«

Und jetzt erst kam es dem Doktor zum Bewußtsein, daß er heute einen ganzen langen Vormittag verschlafen hatte. Er räusperte sich und sah den Prinzen von der Seite an: das war ja ein guter Anfang.

›Recht hat er,‹ dachte er im stillen, ›Jugend ist nicht zum Versauern geschaffen. Wer noch einmal zwanzig Jahre alt wäre!‹

An der Berglehne stand alles im Blütenschmuck, und als sie nun bergauf stiegen, bot die langsam unter ihnen niedersinkende Stadt ein zauberhaftes Bild. Auf allen Schieferdächern lag die helle Sonne, die in die Schornsteine der Häuser tief hineinzuschauen schien, drüben stand der Odenwald im hellen Maiengrün, und nun wurde ein langer Silberstreifen sichtbar, der jenseits der Häuser hell aufblitzte; der Neckar!

Sie sagten es beide in einem Atem:

»Der Neckar!«

Dann standen sie eine Weile stumm, den Strom hinauf schauend.

Dann standen sie eine Weile stumm, den Strom hinauf schauend und den Strom hinab.

Der Neckar. Der aus Schwaben kommt, aus Schillers Heimat, aus Uhlands Lande, aus dem Schwaben der Hohenstaufenkaiser. Er fließt vorbei an der alten Feste Tübingen, bei Reutlingen, gen Stuttgart, durch Heilbronn, vorbei an des alten Berlichingen Nest durch ein Land, in dem jeder Fuß Boden Erinnerung atmet und Poesie.

Bis dann der Neckar endlich nach Heidelberg kommt und in die weite, flache Ebene des Rheins hinauszieht. Der Neckar endet nicht in Mannheim, wie es die Karten der Geographen lehren, er endet in Heidelberg. Er endet wie kein andrer deutscher Fluß: in einem Märchenglanz von Schönheit.

Schweigend stiegen sie weiter bergauf und traten durch das alte Thor von rotem Sandstein in den Schloßgarten.

Ein paar Fremdenführer gähnten am Eingang, aber drinnen unter den alten, epheuumsponnenen Bäumen war alles still und einsam. Die fremden Besucher weilten um diese Mittagsstunde unten in ihren Hotels, die Studenten sitzen zur gleichen Stunde in der Stadt beim Frühschoppen, und die Heidelberger selbst haben nicht Zeit, mittags umherzubummeln.

Ein Eichkätzchen sprang vor ihnen durch den Epheu, sonst rührte sich nichts ringsum. Und schweigend gingen sie weiter, über die Brücke in den Schloßhof, hinaus auf den Altan, zurück an dem zerschossenen Turme vorbei, die Balustraden entlang.

Der Doktor sprach bisweilen einige Worte, aber der Prinz antwortete einsilbig oder nickte nur stumm.

Erst nach geraumer Zeit, in der der Doktor im Gehen sich gelobt hatte, jeden Tag heraufzukommen und damit seiner Kurzatmigkeit zu steuern, sagte Karl Heinrich:

»Wir wollen eine Flasche Wein trinken – haben Sie Lust?«

Ja, der Doktor hatte Lust.

»Nehmen Sie eine Zigarre?«

»Ja, danke.«

So saßen sie unter dem grünen Dach der alten Bäume, tranken und rauchten. Sie sprachen einiges über das Schloß und den schönen Tag, dann versanken sie beide wieder in Schweigen.

Die Sonne, die durch die Blätter blinzelte, die große Stille ringsum, der Wein, die Zigarre – alles wirkte auf den Doktor nach dem für seine Verhältnisse anstrengenden Marsch einschläfernd. Er versuchte, der Hypnose zu widerstehen, aber das gelang ihm mit großer Anstrengung nur zweimal; beim dritten Male öffneten sich die widerspenstigen Augendeckel nicht mehr.

Erst nach einer Weile merkte Karl Heinrich, als er etwas Gleichgültiges fragte und keine Antwort bekam, daß sein Begleiter wieder einmal eingeschlafen war.

Er lächelte, er war ihm nicht böse – nein, im Gegenteil.

Er lehnte sich weit zurück in seinen Stuhl, den Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt.

War er je im Leben so glücklich gewesen? Nie! Tausend Eindrücke waren gestern und heute auf ihn eingestürmt, aber kein Mißton fand sich dazwischen, sie klangen alle harmonisch zusammen in einen einzigen Glücksaccord. – Käthie, Freiheit, Heidelberg, der Neckar, das Schloß, der Frühling, die goldene Zukunft – ein einziger Strom von Freuden, ein einziger Rausch.

Käthie – er nahm das silberne Armband und ließ es in der Sonne glitzern.

›Ob sie sich darüber freut? Ob ich ihr ein besseres kaufen soll?‹ Er legte das Ding um sein Handgelenk und nahm es nicht wieder ab. Ihm war, als ob Käthie das Band schon einmal getragen hätte, als ob es gleichsam ein Stück von ihr sei, etwas Greifbares, das sie ihm näher brachte.

Er nahm das silberne Armband und ließ es in der Sonne glitzern.

Da drang in die Mittagsstille ein Lärm; zehn, zwölf Studenten mit dunkelblauen Mützen kamen durch den Garten, riefen den Kellner, bestellten Bier und brachten zusammen mit den drei großen Kötern einen solchen Skandal in den Garten, daß sogar der Doktor sich unruhig bewegte und aufwachen zu wollen schien.

»Kellermann!«

»Jawohl!«

»Kellermann, sorgen Sie dafür, daß Bier kommt!«

»Schön!«

»Kellermann!«

»Was?«

»Der Kellner soll die Speisekarte mitbringen!«

»Schön!«

»Kellermann!«

»Was?«

»Er soll auch Zigarren mitbringen!«

»Schön!«

Dieser Kellermann kam darauf ohne sonderliche Eile an Karl Heinrich vorüber, ging in die Wirtschaft und erschien nach einiger Zeit als Assistent des Kellners mit Bierseideln.

»Kellermann!«

»Was?«

»Der verdammte Köter läuft über die Blumenbeete – fangen Sie ihn!«

»Schön!«

Aber Kellermann fing ihn nicht, sondern pfiff nur. Mit einer total verrosteten Stimme rief er ein paarmal: »He, hierher!«, und als das nichts fruchtete, gab er den Versuch auf.

»Kellermann!«

»Was?«

»Holen Sie drei Postkarten.«

»Schön!«

Er kam zum zweitenmal an Karl Heinrich vorbei, der ihn nun genauer betrachtete. Er trug eine Art Uniformrock und eine Portiermütze dunkelblauer Farbe, seine ganze äußere Erscheinung sollte ohne Frage auf eine Stellung als Diener hinweisen, aber nie hatte jemand – wenigstens nach Karl Heinrichs wohlgeschulten Begriffen – weniger Aehnlichkeit mit dem Typ eines solchen. Er ging beständig in einem kleinen Trab, ohne schneller von der Stelle zu kommen als andre Leute, die ihre Wege in ruhigem Schritt zurücklegen, seine Nase war blaurot, und der Schnurrbart, den er im Gegensatz zu andern glattrasierten Dienern trug, hing melancholisch-jämmerlich nach beiden Seiten. Die Augen hatten etwas Trauriges, sie schienen immer nur geradeaus zu sehen und alles, was rechts und links lag, absolut unbeachtet zu lassen. Er sah auch Karl Heinrich nicht an, obwohl er zweimal ganz dicht an ihm vorbeitrabte.

›Welch ein merkwürdiger Mensch,‹ dachte der Prinz, aber seine Aufmerksamkeit richtete sich weniger auf diesen als auf die Studenten.

Sie tranken trotz der frühen Morgenstunde gehörige Quantitäten Bier.

Sie saßen so entfernt, daß er nur ihr lautes Lachen hörte oder das häufige »Kellermann«-Rufen, immerhin konnte er sie in Muße beobachten. Sie trugen sämtlich Mütze und Band in den Sachsenfarben, das war das einzige, was sie als Studenten kennzeichnete. Nichts an ihnen erinnerte an die alten, traditionellen Studentenfiguren, wie sie zu jener Zeit – Ende der siebziger Jahre – noch in den Büchern oder auf den Theaterbrettern umherspukten. Kein Schnürrock, keine Kanonenstiefel und keine Tabakpfeife, elegante Jungens, die sich auch ohne jene halbvergessene Vermummung ihres Studententums offenbar außerordentlich freuten.

Sie tranken trotz der frühen Morgenstunde gehörige Quantitäten Bier, es war amüsant und lustig, sie zu beobachten.

Irgend etwas regte sich in dem Prinzen, eine Sehnsucht, ein nie gekanntes Gefühl der Einsamkeit. Er blickte auf den dicken Regierungsrat, der mit seiner erloschenen Zigarre schlief und plötzlich so merkwürdig alt aussah. Gewiß, der Doktor war ein guter Kerl, mit dem Karl Heinrich seit vielen Jahren in bester Weise harmoniert hatte. Dieser Doktor war der erste und einzige gewesen, der in die stickige Luft des Karlburger Schlosses einen frischen Zug und in des Prinzen kalte Jugend einen Hauch von Lebensfreude gebracht hatte, aber …

In dieser Stunde begriff Karl Heinrich! Daß man ihn daheim in Karlburg betrogen hatte, um seine ganze Jugend! Bediente, die mit ihm spielen mußten, Bediente, mit denen er spazieren ritt, Bediente jahraus jahrein, von früh bis spät, ewig nur bezahlte Leute!

Bis gestern war er ja überhaupt blind gewesen! Er hatte nichts vom Leben gewußt, gar nichts! Man hatte ihn gefangen gehalten, in einem goldenen Käfig, wie ein Tier, das dressiert werden soll.

Ein großer, hübscher Junge ging an ihm vorbei: »Kommen Sie mit, Kellermann, wir wollen eine Bowle ansetzen, Maibowle.«

»Schön!«

Mit müden, glanzlosen Augen sah der Prinz ihm nach. Er wird immer allein bleiben, zeitlebens.

Da kam der Kellner hastig hergelaufen und tippte dem erstaunten Prinzen formlos auf die Schulter:

»Sehen Sie mal hin! Der Herr, der da allein kommt! Das ist Herr von Scheffel!«

»Wo?«

»Da!«

»Doktor!« Karl Heinrich rüttelte den Schläfer. »Wachen Sie mal auf!«

»Was –? Was?!«

»Da kommt Scheffel. So wachen Sie doch auf!«

»Ja, ja –«

Also das war er. Der den Ekkehard gedichtet hatte. Und die Rodensteinlieder!

Der Kellner war mittlerweile auch zu den Studenten hinübergelaufen mit der gleichen Mitteilung, die an dem langen Tisch Sensation machte. Herr von Scheffel war damals in seinem lieben Heidelberg ein ziemlich seltener Gast, manche der jüngsten Studenten hatten ihn nie gesehen.

Da kam er!

Irgend einer schien den andern etwas zuzurufen, dann stellten sich alle zwölf um ihren Tisch in Reihe und:

»Wohlauf, die Luft geht frisch und rein

Wer lange sitzt, muß rosten!

Den allersonnigsten Sonnenschein

Läßt uns der Himmel kosten …«

Das fröhliche Wanderlied scholl seinem Dichter mit einer Begeisterung entgegen, wie sie dem Liebling von Heidelberg nur aus zwölf jungen Kehlen an einem solchen Frühlingstag zujauchzen konnte.

Er lächelte, und als die zwölf blauen Mützen der Corpsstudenten den alten Burschenschafter grüßten, zog er seinen Hut und ging dankend vorüber.

Und wie die Studenten thaten, so that Karl Heinrich: er nahm den Hut ab und grüßte tief.

Der Dichter lächelte auch ihm zu und dankte.

Langsam ging er weiter, bis er allmählich in den Büschen des Parks verschwand. Lange noch begleitete ihn das Lied, bis es jubelnd-übermütig ausgeklungen war:

»Hallaho: die Pforten brech’ ich ein

Und nehme, was ich finde.

Du heiliger Veit von Staffelstein,

Verzeih mir Durst und Sünde!«

»Cantus ex est! Ein Schmollis dem Dichter!«

Die Gläser klirrten auf den Tisch. –

*

Es war nachmittags fünf Uhr, als der Oberkellner im Hotel zum »Prinzen Karl« nach zweistündigem Diner Seiner Durchlaucht und dem Herrn Regierungsrat den Nachtisch servierte.

Der Dichter lächelte auch ihm zu und dankte.

Sie saßen beide einsilbig und abgespannt. Die neugierigen Blicke der Hotelgäste, die devoten Kellner, das einförmig endlose Diner – alles wirkte nach den vorhergehenden Stunden fad und wie ein schlechter Abklatsch der Karlburger steifen Langeweile. Der erste große Rausch der Freiheit war für beide vorüber.

Der Piccolo kam mit einer Visitenkarte und überreichte sie flüsternd dem Regierungsrate:

»Der Herr ist draußen, er bittet freundlich, ob er den Herrn Regierungsrat einen Augenblick sprechen könnte.«

»Mich?« Der Doktor war erstaunt und drehte die Karte hin und her: »Konrad von Gräbenitz, stud. jur. Wer ist das, den kenne ich nicht. Was will der Herr?«

»Er bittet freundlichst, ob er den Herrn Regierungsrat einen Augenblick sprechen könnte.«

»Ja, das höre ich.«

»Fragen Sie doch, was er will, Doktor,« sagte Karl Heinrich gleichmütig.

»Ja, is gut. Ich käme gleich.«

Der Doktor stand etwas verdrießlich auf, denn im Gegensatz zu andern Leuten war er nach jedem Diner schlechter Laune, weil er sich mit Recht sagte, daß er, wie immer, zu viel gegessen hatte.

Im Rauchzimmer traf er den Herrn, einen sehr eleganten jungen Mann, dessen Gesicht wie ein Beefsteak zerhackt war.

»Mein Name ist Regierungsrat Jüttner.«

»von Gräbenitz.«

»Bitte, nehmen Sie Platz.«

»Ich habe mir die Freiheit genommen, Herr Regierungsrat, meine Karte heute mittag in Ihrer Wohnung abzugeben, man sagte mir dort, daß ich Sie hier antreffen würde.«

»Ja ja.«

»Meine Bitte, Herr Regierungsrat, geht dahin, daß Sie die große Liebenswürdigkeit haben möchten, mich Seiner Durchlaucht vorzustellen.«

»Dem Erbprinzen?«

»Ich bitte darum.«

»Und – e – was, und – e – weshalb? –«

»Ich möchte Seiner Durchlaucht im Auftrage meines Corps die Bitte vorlegen, ob Seine Durchlaucht unserm Corps die Ehre geben würde, heute abend dem Kommers beizuwohnen.«

»Ach so!« Er lächelte. Das hätte er sich gleich denken können. Denn was ist im Anfang des Semesters für die Verbindungen wichtiger, als neue Mitglieder »keilen«! Gottesfürchtig und dreist sein, das ist bei diesem und jenem Werbemetier die Hauptsache. Und gleich einen Prinzen fangen! Das wäre ein hübscher, fetter Bissen.

Was würde man in Karlburg dazu sagen, wenn Karl Heinrich, der Erbprinz, in einer Studentenkorporation Mitglied würde! Freilich thun das sogar die preußischen Prinzen und Thronfolger in Bonn, aber was man in Berlin zu erlauben beliebt, braucht deshalb für Karlburg noch längst nicht maßgebend zu sein. Im Gegenteil.

Der Fürst würde – ganz ohne Frage – darüber sehr wenig erfreut sein, und alle Schuld würde – ebenfalls ganz ohne Frage – ihm, dem Doktor, beigemessen werden. Er war nicht nach Heidelberg geschickt, um sich zu amüsieren, sondern einem weltfremden jungen Prinzen die richtige Direktive zu geben. Er sah die Gesichter der Karlburger Hofleute, wenn eine solche Nachricht dort eintreffen würde: das apoplektische Gesicht des Hofmarschalls, die Fischaugen des Herrn von Baltz – alle erschreckt, empört, angstvoll auf Durchlaucht schauend.

Aber Karl Heinrich!

Wie der Junge auftauen würde! Endlich ein Mensch werden wie andre Menschen.

Was lag dem Doktor schließlich an der Allerhöchsten Ungnade. Uebers Jahr war seine Erziehungsaufgabe ja ohnehin schon beendet, und dann – lieber Gott, dann fängt man eben was andres an.

Und welch eine Wohlthat, den Karlburger verknöcherten Seelen einen Streich spielen zu können! Nie, natürlich, würde er das Kreuz von Sachsen erster Klasse erhalten, nie Geheimrat werden, nie mehr zu Hofe geladen werden – aber was will das alles heißen!

Karl Heinz, sein einst kleiner Karl Heinz – der Junge, dem sie daheim die Kehle zugeschnürt hatten! Sein guter Karl Heinz! Für den.

Er stand auf:

»Kommen Sie, bitte, mit!«

Und ganz fest und heiter, als ob es sich um eine Bagatelle handle, überschritt der Doktor die Schwelle des Speisesaals, seinen Rubikon, der ihn für ewig von dem gelobten Lande der schönen Orden und großen Titel schied.