Viertes Kapitel.

In Rüders Gasthaus am Neckar hatte Käthie immer nur nachmittags zu thun. Vormittags half sie der Großtante bei der Wirtschaft zu Hause, während nach Tisch alle beide über die Neckarbrücke nach Rüders Gasthaus pilgerten. Rüder war ein Schwager der Frau Dörffel und somit – im weiten Sinne des Wortes – auch mit Käthie verwandt.

Vielleicht giebt es und gab es in Heidelberg weit bessere Gasthäuser als das Joseph Rüders, aber über der alten Baracke lag ein ruhevolles Behagen. Wer in den Garten wollte, mußte von der Straße her durch das winklige Haus tappen, und der Flur war so niedrig, daß die langen preußischen Junker, die bei den »Sachsen-Preußen« aktiv waren, ihre Schädel sorgfältig in acht nahmen.

War man aber erst in den Garten gelangt, so hatte die Not ein Ende. Man saß unter den alten Lindenbäumen unmittelbar an der Ufermauer des Neckars, gegenüber lag Heidelberg mit dem Schloß, man trank Joseph Rüders guten, ehrlichen Wein und freute sich seines Lebens.

Und freute sich der hübschesten kleinen Kellnerin, die den Wein kredenzte.

Wie es mit vielen Gasthäusern geht, daß sie im Laufe der Zeiten ihren Charakter wechseln, so war des guten Joseph Gastwirtschaft ursprünglich nur eine ordinäre Schifferkneipe gewesen. Alte Damen und Honoratiorenfamilien mit jungen Töchtern entdeckten den Garten als ein stilles Asyl, in dem man fern vom Lärm nachmittags Kaffee trinken konnte, bis eines Tages die Studenten Josephs Haus aufstöberten und der Idylle ein Ende machten.

Sie kamen nachmittags und blieben bis in die Nacht. Sie vollführten den ewig gleichen Skandal und ließen ihre Doggen über die Mauer weg in den Neckar apportieren; sie tranken in einem Monat mehr, als Joseph früher in ganzen Semestern verzapft hatte; nach drei Wochen hatten sie die armen alten Damen so gründlich ausgeräuchert, daß diese nie wiederkamen.

Oft sagten Frau Rüder und Frau Dörffel und Frau Rüders zwei Schwestern – lauter bejahrte Frauen: »Früher war es stiller und gemütlicher, wenn auch nicht so viel verdient wurde.« Aber sie sprachen das mit der friedlichen Trauer, die man derartigen Schicksalsfügungen gelegentlich weiht.

Nur in einer Hinsicht waren alle vier fest überzeugt, daß der Wechsel seine außerordentlichen Nachteile habe: in Bezug auf Käthie.

Als siebzehnjähriges Ding hatte sie nett und artig den Damen im Garten den Kaffee serviert; sie war ja auch damals schon ein Durchgeher, der immer seinen eignen Willen hatte, es fiel indessen nie schwer, sie wieder in die richtige Gangart zu bringen. Seit aber die Studenten da waren, ließ sich mit dem Mädel nichts mehr anfangen. Oft nahmen die alten Frauen sie ins Gebet und verwarnten sie:

»Sei nicht so wild, halt mehr auf dich.« Dann saß sie in der Küche mit ihrem Strickzeug und ließ die endlosen Ermahnungen geduldig über sich ergehen. Sie hatte bisweilen versucht, zu widersprechen und zu sagen, daß sie sich keiner Schuld bewußt sei und daß man, wenn man jungen Herren Wein trägt, sich nicht haben könne wie eine zimperliche Gans, aber die vier Frauen fielen mit so viel Gegenbeweisen und Schelten über sie her, daß sie schließlich gar nichts mehr erwiderte. Sie saß ganz still und geduldig, wie jemand, der eingeregnet ist und auf die Sonne wartet.

Kamen dann endlich nachmittags die ersten Studenten und riefen draußen im Garten: »Käthie! He, Käthie!« – dann war sie wie verwandelt. Das Strickzeug flog in den Tischkasten, und im nächsten Augenblick lief sie durch das Haus, daß ihre kurzen Kleider, unter denen man die kleinen Stiefel sehen konnte, um sie her wirbelten.

Sie saß ganz still und geduldig.

»Bier, Käthie!«

»I komm’ schon!«

»Wieviel? Fünf sechs, sieben, wieviel seid’s denn? Acht. Da setzt euch her, da am Wasser, ich richt’ euch den Tisch.«

Und je voller es im Garten wurde, um so rascher sprang sie. In beiden Händen schleppte sie große Bierkrüge, und wenn es so arg wurde, daß von allen Seiten her ein Kreuzfeuer von Rufen auf sie eindrang:

»Käthie, die Speisekarte!«

»Bier, Käthie!«

»Hierher, Käthie!«

Dann lachte sie, daß ihre weißen Zähne wie zwei blanke Reihen zwischen den roten Lippen leuchteten.

»I komm’ schon! Habt’s euch nicht!«

Sie sprang hin und her, überall sah man ihre weiße Schürze und ihre nackten braunen Arme, die schlank waren wie die eines Kindes. Sie verlor nie den Kopf, sie vergaß nichts, keinen Löffel, keine Gabel, so daß oft die Frauen in der Küche ihr erstaunt nachblickten: »Ein Tausendsassa!«

In der Ledertasche am Gürtel, die sie nachts unter ihr Kopfkissen legte, trug sie einen Haufen Geld, aus dem sie beim Wechseln Händevoll hervorholte und auf den Tisch warf. Im Augenblick war das Wechselgeschäft erledigt, und im nächsten Augenblick rasselten die Münzen wieder in die Tasche.

»Verzählst du dich nie, Käthie?« fragte einer der Studenten.

»O freilich. Aber das macht nix. Ihr seid’s ja ehrliche Leute, ihr gebt mir’s ja wieder.«

»Prost, Käthie, sollst leben! Trink mal mit!«

»Dank’ schön!« Sie strich mit dem Rücken der Hand über ihre roten Lippen und that dann einen guten Schluck aus des Studenten Glas.

Einer oder der andre versuchte, sie um die Taille zu fassen und festzuhalten, aber weg war sie wie der Blitz.

Und die vier Frauen in der Küche sahen alle diese kleinen Scenen mit einer Mischung von Bedauern und Mißbilligung, mit dem leisen Neid des Alters und mit der moralischen Strenge des Alters.

Sollte man das immer wieder und jeden Tag von neuem anschauen? Wie diese Käthie, die der Frau Dörffel ihre Großnichte und der Frau Rüder ihres Mannes Tante-Enkelin war, so unter die Studenten kam – gewissermaßen moralisch hinabgezogen wurde?!

Man konnte eine andre Kellnerin engagieren, natürlich, aber du lieber Gott, das ist leichter gesagt als gethan. Es giebt Kellnerinnen, die erstens nicht so fleißig sind, zweitens nicht so ordentlich, drittens nicht so flink, viertens nicht so ehrlich und fünftens – ja dieses »Fünftens«! – nicht so hübsch.

War Käthie wirklich denn eigentlich hübsch? Oft fragten die vier das einander und schüttelten die dünnen Zöpfchen. »Entschieden nicht!« Der Teint zu braun, viel zu braun, die Arme zu dünn, die ganze Figur ohne rechte Formen. Sie waren alle vier in ihrer Jugendzeit schöner gewesen.

Aber die Studenten fanden Fräulein Käthie reizend, so reizend, daß sie an Käthies Geburtstag Berge von Blumen schickten, und daß sie ganz ohne Frage mehr ihretwegen hierherkamen als wegen Rüders Weinen und Frau Rüders Kalbsnierenbraten.

Käthie that einen guten Schluck aus des Studenten Glas.

Verschiedene Male erwogen die vier, ob sie nicht die heilige Pflicht hätten, dem fernen österreichischen Vetter Franzel mitzuteilen, wie sündhaft gut sich seine Verlobte hier amüsiere, aber dann würde dieser Franzel aller Wahrscheinlichkeit nach wie ein Donnerwetter dazwischenfahren und Käthie für immer mit nach Wien nehmen.

Und schließlich beruhigten sich die vier in der tröstlichen Erwägung, daß Käthie zwar mit ihnen verwandt, aber doch nur entfernt verwandt sei. Es war traurig, daß sie ein so leichtes Ding wurde, aber was war dagegen zu thun? Nichts. Das Geschäft blühte, und das war denn doch schließlich die Hauptsache.

Am 3. Mai nachmittags vier Uhr gab es in Rüders Garten Corpskonzert. Die Corpsdiener, deren Senior Herr Kellermann war, erschienen schon vor drei, um die Tische zu arrangieren: in der Mitte die »Vandalen« als präsidierendes Corps, rechts vorn am Neckar die »Sachsen«, daneben die »Rhenanen«, daneben die »Sachsen-Preußen«, dann an der Kegelbahn die »Schwaben« und diesen gegenüber die »Westfalen«.

Käthie half, während Herr Rüder mit prüfendem Blick umherging und sich die Miene gab, als sei er die Seele des Geschäfts. Er trank mit den Corpsdienern kleine Schnäpse und gab ihnen mißfarbene Zigarren von der Sorte, die er von sechs Uhr früh bis zwölf Uhr nachts rauchte. Hätte man aus den von Herrn Rüder in Jahresfrist verdampften Zigarren eine lange Stange gebildet, so würde dieselbe nahezu einen Kilometer Ausdehnung erreicht haben; in die Höhe gerichtet, hätte diese Tabakstange die höchsten Berge des Odenwalds überragt.

Um halb vier erschienen die Musici, um das ihnen zustehende Faß Bier an den rechten Platz zu schaffen und dasselbe in Muße anzustechen; dann wurden von den vier Frauen, den sechs Corpsdienern, den fünf Musici und Käthie die Lampions an den Bäumen aufgehängt, Herr Rüder inspizierte noch einmal die Küche, Käthie band eine neue, schneeweiße Schürze um, und als nun so alles für den Empfang vorbereitet war, spielte die Musik Tusch, denn Punkt vier betrat »Vandalia« – acht Burschen und zwölf Füchse – den Garten.

»Holla, Käthie!«

»Wie geht’s?«

Sie war sofort von zwanzig Rotmützen umringt, die ihr die Hände schüttelten und lachend auf sie einredeten. Während Herr Rüder, der Onkel, und die vier Tanten sich respektvoll im Hintergrund hielten, die Musici »Was kommt dort von der Höh’?« spielten und die sechs Corpsdiener mit ruhiger Höflichkeit Posto faßten, stand Käthie wie eine kleine Königin in ihrem Kreise.

Ein dicker junger Herr, dessen Backen ganz mit Watte und schwarzen Binden verpackt waren, fand ihre besondere Teilnahme.

»Armes Tschaperl, haben s’ dich wieder abgestochen? Nein, bist du auch halt ungeschickt!« Sie nahm seinen dicken Kopf, den er willig herlieh, in ihre Hände und betrachtete die Verpolsterung. »Geh, so was!«

Aber »Vandalia« behielt die hübsche Käthie nur eine kurze Weile in ihrem Kreise, denn wieder blies die Musik Tusch, und »Saxo-Borussia« erschien auf dem Plan, die es nun ihrerseits als ihr gutes Recht beanspruchte, Käthie die Hände zu schütteln. Und auf »Saxo-Borussia« folgte »Suevia«, auf »Suevia« »Rhenania«, auf »Rhenania« »Guestphalia«; die Musici hatten kaum Zeit, zwischen allen Tuschs in Eile einen Schluck Bier zu trinken; große und kleine Hunde kläfften, der ganze Garten wimmelte von roten Mützen und blauen, grünen und gelben, und allenthalben sah man das lachende Gesicht der Kleinen, die immerfort noch Hände zu schütteln hatte, mit jedem ein Wort tauschen sollte, jeden kannte und jeden mit Namen nannte.

Dieses eine junge Ding, das von hundert jungen Studenten gefeiert wurde, allein zwischen den hundert hin und her schritt, alle duzte und von allen geduzt wurde – das war wirklich ein seltsamer Anblick. Eine sonnige Unbefangenheit lachte aus ihren hellen Augen, sie nahm die Huldigungen entgegen wie etwas ganz Selbstverständliches.

Sie nahm seinen dicken Kopf in ihre Hände.

Zwischen all dem Lärm schallte plötzlich eine Stentorstimme:

»Hierher, Käthie!«

Es war der lange Wedell von den Sachsen-Preußen, der das rief.

Und als sie nicht kam, sondern über den etwas barschen Ruf erstaunt zu ihm hinüberblickte, trotzig, ärgerlich, stieg er mit seinen langen Beinen über zwei Stühle weg zu ihr:

»Das verleiht dir Saxo-Borussia, Käthie: das Band. Trag es in Ehren, Käthie, mach dir, mir, uns, Saxo-Borussia, Heidelberg keine Schande.«

Er nahm das vierfarbige Seidenband seines Corps und legte es dem verdutzten Mädchen um Schulter und Taille.

Und während die andern Corps überrumpelt und über den seltsamen Einfall etwas verstimmt herüberschauten, schlugen die Sachsen-Preußen triumphierend mit ihren Bierseideln auf den Tisch: »Bravo!«

»Sollst leben, Käthie!«

»Prost Käthie!«

Der einzige, der in dieser kritischen Minute, da Saxo-Borussia sich wieder einmal etwas Extraordinäres erlaubte, die Geistesgegenwart behielt, war Herr Grimm Vandaliae:

»Käthie!«

»Was?«

»Vandalia giebt dir gleichfalls das Band.« Im Nu hatte er das rot-gold-rote Band von seiner Weste gerissen und knüpfte es dem Mädchen um die Brust.

Ganz Vandalia lärmte vor Freude.

»Bravo!«

»Käthie Vandaliae!«

»Käthie, auf dein Spezielles: Einen Ganzen!«

»Einen Ganzen!«

Der Trubel, das Schreien und Freudengebrüll war so groß, daß der Vertreter Suevias, der kurz entschlossen das Beispiel der andern nachahmte und Käthie sein gelbes Seidenband um die Taille legte, nicht zu Worte kam oder wenigstens nur den Nächstsitzenden verständlich war.

Damit war an Suevia die Reihe, in das »Käthie-Geschrei« einzustimmen, es war ein heilloser, lustiger, toller Lärm.

Rhenania folgte, Guestphalia – willig oder nicht – gleichfalls, und nun stand das Mädel mit vor Freude glühenden Backen in der Mitte der lachenden Studenten, alle fünf Seidenbänder um ihre junge Brust geschlungen, deren kleiner Veilchenstrauß ganz verdeckt war. Rot, blau, gold, grün, weiß, gelb, schwarz, alle Farben flimmerten im Seidenglanz auf ihrer weißen Bluse; bald blickte sie lachend und etwas verwirrt im Kreise umher, bald auf ihre neuen Bänder, die auf ihrer Brust auf und ab tanzten.

Dann – ohne Ueberlegung wie immer – nahm sie das nächste beste Bierglas (es gehörte dem kleinen Graumann Rhenaniae) und hob es hoch:

»Ihr seid’s alle lieb! Prost, alle!«

Und mit einem langen Zuge leerte sie das volle Glas.

Da fühlte sie sich umfaßt und emporgehoben. Es war der tolle Fink von den Vandalen, der sie unter dem Knie ergriffen und wie eine Feder hoch in die Höhe geschwenkt hatte:

»Käthie soll leben!!«

»Käthie!!«

Sie hielt immer noch das leere Bierglas in der Hand, sie wollte etwas sagen, vielleicht schelten, aber unter sich sah sie hundert bunte Mützen, hundert lachende Gesichter, hundert Gläser, die sich ihr entgegenstreckten, und da lachte sie – lachte – –

Tusch!

Allgemeines Verstummen.

Mitten in dem tollen Lärm war das letzte der Corps im Eingange des Gartens erschienen, »Saxonia«, das sich verspätet hatte und mit zehn Mark in Strafe genommen werden würde.

Tusch!

»Saxonia« lüftete feierlich und gemessen zur Begrüßung die Mützen, und feierlich und gemessen erwiderten die fünf andern Corps den Gruß.

Einen Moment war Käthie vergessen.

Da fühlte sie sich umfaßt und emporgehoben.

Denn alle Blicke richteten sich gespannt, neugierig, etwas neidisch auf einen schlanken jungen Herrn, der neben Herrn Bilz, »Saxonias« altem »erstem Chargierten«, artig seine dunkelblaue Mütze erhoben hatte.

»Das ist er!«

»Da der erste.«

»Welcher? Der neben Bilz?«

»Ja, der.«

Also das war der Erbprinz. Der Erbprinz von Karlburg. Der glänzendste »Fuchs«, den »Saxonia« je »gekeilt« hatte. Ein veritabler Erbprinz!

»Saxonia« hatte mit dieser Acquisition ein unermeßliches »Schwein« gehabt. Ein unerhörtes »Schwein«, einen »Dusel« sondergleichen.

Man war sonst nicht neidisch, wahrhaftig nicht, »suum cuique«, aber wie gut hätte sich die Durchlaucht unter dem Sachsen-Preußen-Stürmer ausgenommen, oder in der roten Vandalenmütze, oder in den Rheinländerfarben!

Er verneigte sich nach allen Seiten, als ob die Grüße, die seinem Corps galten, ihm persönlich dargebracht seien, er war ganz offenbar noch befangen und immer noch nicht im stande, die neuen Verhältnisse wie ein gewöhnlicher Sterblicher zu betrachten.

Da – –

Bei Gott, das war ein starkes Stück von Käthie!

Alle reckten sich, um das zu sehen!

Sie hatte des Erbprinzen beide Hände grüßend erfaßt!

Aber richtig: sie kannte ihn ja. Er wohnte ja bei der Dörffel.

Sie hatte des Erbprinzen beide Hände grüßend erfaßt.

Und der Prinz wurde glühend rot im Gesicht, während seine neuen Freunde, überrascht wie alle andern, um ihn und das Mädchen einen Kreis schlossen.

»Erlaube, Käthie,« sagte Herr Bilz und machte einen schüchternen Versuch, sie zurückzuziehen, aber sie beachtete ihn gar nicht.

»O, das ist schön,« sagte sie mit leuchtenden Augen, »das ist zu schön, daß Sie hierher zu uns kommen. Mit euch.« Sie sah sich um im Kreise, von Herrn Bilz auf den kleinen Grafen Munster, auf Konrad Gräbenitz und die andern: »Also nun gehört er zu euch, das ist zu schön.«

Karl Heinrich hatte das Gefühl, daß alle seine neuen Corpsbrüder, die ihm noch Halbfremde waren, erstaunt ihn musterten, daß der Regierungsrat, der hinter ihm stand, ganz starr sein müsse, daß alles – daß er – daß sie – aber ihre beiden kleinen warmen Hände hielten ihn fest, strömten ihren Lebensmut und ihre Lebensfreude zu ihm hinüber, und er vergaß alles. Er hörte nicht die Musik, die ihm zu Ehren auf Kellermanns Anordnung »Heil dir im Siegerkranz« spielte, er sah nicht die Gesichter ringsumher, er blickte in die zwei dunkeln Augen, die ihn, glücklich wie die eines Kindes, leidenschaftlich wie die eines Weibes, anblitzten.

Dann saß er an einem Tische, der eigentlich gar kein Tisch, sondern nur ein ungehobeltes Tannenbrett war, und hielt vor sich ein großes Glas Bier und dachte wie Käthie: Es ist zu schön.

Man sprach mit ihm, und er sprach mit den andern, er trank, er sang aus einem Kommersbuch ein Lied, das die übrigen auswendig konnten, lachte, antwortete auf jedes, was man ihn fragte, aber er that alles wie im Traum.

Einer nach dem andern von seinen Corpsbrüdern kam zu ihm, stieß mit ihm auf Duzbrüderschaft an und nannte ihn dann: »Du« –, das war so seltsam. Die fünf Musici spielten ein jämmerliches Getön, das ihm zuerst blechern und unharmonisch erschien, aber mit der Zeit begannen ihre Lieder weich zu klingen, wie fernher summende liebe Melodien, die er irgendwann einmal gehört und längst vergessen hatte. Bisweilen sah er nach dem Doktor, der weiter unten am Tische saß, große Quantitäten Bier trank und sich ausgezeichnet amüsierte. Und bisweilen streifte Käthie an ihm vorbei, oder er sah sie drüben durch die Reihen der Tische gehen; immer fand er ihre Augen.

Dann wurde es Abend, das Schloß drüben am Berge tauchte in die Schatten der Nacht, in den Häusern von Heidelberg jenseits des Neckars wurden Lichter angezündet, und nun steckten Herr Rüder und die Corpsdiener die Lampions an, die über allen Tischen baumelten, in den Bäumen und an der Ufermauer schaukelten, daß ihr Bunt und das Bunt der Mützen und das helldurchstrahlte Grün der Büsche eine leuchtende Farbensymphonie ergaben.

Karl Bilz, der mit seinem melancholischen Schnurrbart neben Karl Heinrich saß – er war Saxonias bester Fechter, sah aber zwischen den derben, geröteten Gesichtern seiner Corpsbrüder aus wie ein verkleidetes Mädchen –, sagte mit seiner leisen Stimme zu dem Prinzen:

»Wenn es dir recht ist, gehen wir eine Weile spazieren.«

»Ja, gern.«

»Man wird müde von dem langen Sitzen.«

Sie gingen durch die Reihen der Tische und den niedrigen, schlecht erleuchteten Hausflur hinaus auf die Landstraße. Vor dem Zaun standen Jungen und Mädchen und erwachsene Dirnen, die auf die Musik horchten. Weiter entfernt vom Hause wurde es ganz still, nur hin und wieder drückte sich ein Liebespaar im Dunkeln an ihnen vorbei. Der Mond war noch nicht aufgegangen, die Straße lag im Schatten der Sommernacht, und je weiter sie gingen, um so leiser und ferner klang die Musik herüber. Jetzt spielte sie: »Es zogen drei Bursche wohl über den Rhein«, aber es war nur noch wie ein Verklingen, während rechts in den Neckarwiesen die Heimchen zirpten und ein paar Frösche quakten.

»Gefällt es dir in Heidelberg?«

Es war nur eine konventionelle Frage, die das Schweigen unterbrechen sollte, aber in das immer noch verhaltene Glücksgefühl fiel sie wie ein erlösendes Wort.

»Du?!«

Mit einem eisernen Drucke preßte der Prinz des andern Hände, fest wie einer, der zum ersten Male im Leben sein Herz öffnen darf.

Der Student war bewegt. Er verstand sicherlich nicht, was in diesem stürmischen Händedruck lag: die große Sehnsucht eines Menschen, der, endlich befreit, seines ganzen Lebens Leidenschaft ausströmt – aber er war stolz, ergriffen.

Der Prinz, der ihn zum Freunde forderte!

Und dann saßen sie wieder an dem Tannentische im Kreise der andern. Die Laune aller war, wenn möglich, noch lustiger geworden, rings um den Prinzen lachende junge Gesichter, die ihn hell, freundschaftlich anblickten. Jeder trank ihm zu:

»Karl Heinrich, dein Wohl!«

»Karl Heinrich, auf dein Spezielles!«

Und er nickte, lachte, stieß mit ihnen an.

In den Nachmittagsstunden war ihm und den andern das »Du« noch ungeläufig gewesen, jetzt klang es mühelos.

»Morgen gehst du mit auf den Fechtboden, Karl Heinrich.«

»Schön.«

»Roux soll dich einpauken.«

»Wer ist das?«

»Der Fechtmeister.«

»Schön.«

»Wirst du Kolleg hören, Karl Heinrich?«

»Ja, Institutionen und Pandekten.«

»Ach, Unsinn.«

Und man erklärte ihm mit einmütigem Leichtsinn, daß kein Mensch in Heidelberg Kolleg hört, wenigstens nicht im Mai, am allerwenigsten im ersten Semester.

»Ich habe in Karlburg tausend Bowlen angesetzt!«

Er lächelte und hörte den eifrigen Auseinandersetzungen, an denen sich alle unisono beteiligten, scheinbar aufmerksam zu, aber ihm war, als ob in den warmen Sommerabend und seine Lust etwas Kaltes dringe von fern her, eine graue eiserne Gewalt, die alles zerstören werde. In dem finsteren Schlosse zu Karlburg saß einer, der ihn hierhergeschickt hatte, um zu arbeiten. »Das Universitätsjahr soll für Se. Durchlaucht so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen, sondern der wissenschaftlichen Ausbildung gehört.«

Scheu blickte er nach dem Doktor hinüber, der hierher gesendet war, um die Ausführung des fürstlichen Willens zu überwachen, aber dieser Doktor stand vor einer riesigen Steingutterrine, in beiden Händen je eine Weinflasche, deren Inhalt er in die Terrine glucksen ließ.

»Nein, es gehört keine Zitrone daran!« hörte Karl Heinrich ihn aufgeregt rufen, und als irgend jemand am unteren Tisch zu widersprechen schien, hieb der Doktor mit einer der Weinflaschen auf die Tischplatte und rief fuchsrot vor Eifer:

»Ich habe in Karlburg tausend Bowlen angesetzt! Man wird zum Donnerwetter doch wissen, ob Zitrone dazu gehört!!« – –

An diesem Abend saß Herr Lutz und wartete zu Hause auf die Heimkehr Seiner Durchlaucht.

»Ich komme wahrscheinlich nicht vor elf Uhr,« hatte Seine Durchlaucht gesagt, »Sie können, wenn Sie wollen, Lutz, bis dahin ein Glas Bier trinken gehen.«

Herr Lutz hatte das gethan, das heißt, er hatte einige Schoppen Rotwein zu sich genommen, da er Bier nicht vertragen konnte. Der Wein war nicht schlecht, so daß Lutzens Laune im Laufe des Abends ruhiger und versöhnlicher wurde als seit Tagen.

›Man soll nichts,‹ dachte er, ›auf die Spitze treiben; lieber in dieser verfluchten Universitätsstadt ein Jahr ausharren als querulieren. Man setzt sich dabei doch nur in die Nesseln.‹

Um halb elf ging er, wie alle Bürgersleute, heim, zündete in den Zimmern die Lampen an, ordnete Seiner Durchlaucht Schlafgemach und schaute dann aus dem Fenster. Er gähnte etwas, aber er war noch nicht müde.

Immerhin hätte Seine Durchlaucht jetzt nach Hause kommen können.

Elf Uhr. – –

Der Beruf eines Kammerdieners höchster Herrschaften ist seltsam, ernst. Lutz kannte viele seiner Kollegen: die ihm auf Reisen an fremden Höfen vorgestellt waren, Rosanoff, Kroll, Bietingsfeld, Männer, in deren Händen zuzeiten Europas Geschicke lagen. Vor allen an Rosanoff mußte er denken. Welch ein Mann! Er sah aus wie ein russischer Staatsrat und trug den Medschidje-Orden. Oder Bernhuth, erster Kammerdiener Seiner Hoheit des Herzogs von Koburg. Ein Bonhomme, liebenswürdig, fein, gütig gegen Untergebene und von freiester Ungezwungenheit im Verkehr mit den Großen. Oder Legrand, den man auf eine halbe Million schätzte, oder Schäffer, dessen Glück bei Frauen – selbst denen der höchsten Kreise – einen ganzen Sagenkreis geschaffen hat.

Mitternacht. – –

In Karlburg ging man um elf Uhr schlafen, in einem behaglich durchwärmten Zimmer. Man trank einen Schluck alten Rotweins, ehe man das Licht löschte, und dehnte sich dann müde, zufrieden unter der weichen seidenen Decke. Ein geregeltes Leben erhält den Menschen gesund, früh zu Bett ist eine goldene Lebensweisheit. In diesem gottverfluchten Ort war das alles anders.

Ein Uhr. – –

Herr Lutz fuhr auf. Er war auf dem Rohrstuhl am Fenster eingenickt, jetzt schmerzte ihm der rechte Arm, der auf dem harten Fensterbrett aufgestützt gelegen hatte. Ja, zum Donnerwetter, was sollte das heißen?! Ein Uhr und noch nicht zu Hause! Wenn jemand sagt: »Ich komme um elf«, dann hat er um elf da zu sein! Ein kühler Nachtwind strich durch das geöffnete Fenster, der Herrn Lutz husten machte. Er hatte sich während des kurzen Schlummers erkältet, ganz ohne Frage.

Er ging auf und ab in den Zimmern, ruhelos auf und ab, verärgert, todmüde, – bis es drüben auf dem Kirchturm zwei Uhr schlug.

Ganz plötzlich erfaßte ihn eine Angst: es ist etwas passiert! Man hat den Prinzen ermordet! Es war eine lächerliche Idee, die er sich bald wieder ausredete, aber eine Unruhe erfaßte ihn, die sich nicht mehr vertreiben ließ. Er nahm einen der altmodischen Britannialeuchter und trat damit hinaus auf den Korridor. ›Ich werde die Wirtin wecken,‹ dachte er, ›die Person muß aufstehen und mir Gesellschaft leisten.‹ Er pochte erst mit dem Knöchel des Zeigefingers, dann mit der ganzen Faust an die Stubenthür der Frau Dörffel, aber niemand antwortete. Er drückte auf die Thürklinke, die sofort nachgab, und leuchtete in das etwas muffige Zimmer: Niemand da! Das Bett leer! Das Bett des jungen Frauenzimmers gleichfalls leer! Nachts um halb drei!

In der Ecke regte sich etwas, es war die Hauskatze, aber dieses leise Geräusch erschreckte Herrn Lutz in der unheimlichen Stille dermaßen, daß er leichenblaß wurde. Er warf die Thür hinter sich zu und stand wieder in dem weiten Korridor mit seinen grauen Ecken und Schatten. Niemand in dem nächtlichen Hause, er mutterseelenallein.

In der Ecke regte sich etwas.

Als es vier Uhr schlug, war Lutz ein kranker Mann. Er saß mit blassem Gesicht ohne Ausdruck, die dünnen Lippen etwas zitternd, das Hirn ganz leer. Er konnte nichts mehr denken, was er in dieser Nacht nicht schon gedacht hatte; er wußte nur eins: daß nie ein Mann seiner Stellung in so nichtswürdiger Weise zu Boden gedrückt war.

Er sah, wie auf dem schwarzen Dache der Kirche sich die ersten grauen Töne des herandämmernden Morgens malten, bis sie heller wurden, weiß, dann alles ein einziger heller Sonnenschein. Draußen piepsten die Spatzen, der Morgen war da.

»Lutz! He, Lutz!«

Er fuhr auf, irgend jemand hatte ihn an der Schulter gerüttelt, er hatte geschlafen und rieb sich nun, noch ohne rechte Besinnung, die Augen.

»Das ist recht, Lutz, daß Sie geschlafen haben,« sagte der Prinz, »das freut mich. Es ist etwas spät geworden oder vielmehr etwas früh.« Und zu einer Anzahl Menschen, die das Zimmer füllten, sagte er: »Das ist nämlich Lutz, mein treuer Kammerdiener; ich stelle ihn hiermit euch feierlich vor.«

Lutz war gewiß ein Mann, der das »Sichwundern« in einem bewegten Hofleben längst verlernt hatte, aber momentan fand er sich mit seinen übermüdeten, bleischweren Augen nicht zurecht. Auf allen Stühlen, Sesseln, Sofas, auf dem Tisch, auf dem Klavier, auf der Fensterbank saßen Menschen, Kerls mit Studentenmützen und bunten Bändern. Irgend einer spielte auf dem Klavier das Lied von Madame Angot – wie Lutz nach einiger Zeit konstatierte, war es der Regierungsrat –, drei kolossale Köter strichen um Lutzens Beine und beschnüffelten ihn, alles lachte, lärmte, rauchte, und inmitten dieser Räuberbande stand das junge Frauenzimmer von drüben und fragte: »Also siebzehn Tassen Kaffee! Zählt mal.«

Irgend einer spielte auf dem Klavier das Lied von Madame Angot.

Karl Heinrich zählte: »Siebzehn, stimmt. Lutz, gehen Sie, bitte, mit in die Küche, damit die Sache rasch geht.«

Und Lutz ging.

Seine Kraft war gebrochen, sein Widerstand zu Ende. »Das ist recht, Lutz, daß Sie geschlafen haben,« fortwährend summte ihm diese Redensart des Prinzen im Ohr. Das klang so, als hätte er seine gute, ernste Nachtruhe gehabt, während er keine zehn Minuten geschlummert hatte.

»Gehen S’, helfen S’ mal a bissel, geben S’ mal die blauen Tassen da vom Brett. Ja, die.«

Er that’s.

Man schrie nach Cognac, er holte Cognac.

Man wünschte Zigarren, er brachte Zigarren.

Die Hunde sollten in der Küche Wasser zu trinken bekommen, er lockte die drei Wölfe hinaus und erfüllte auch deren Wünsche. Der eine knurrte ihn auf dem Korridor bösartig an, aber Herr Lutz dachte gottergeben: ›Beiß mich tot, das ist auch egal.‹

Morgens um sechs war Herr Lutz wieder allein, Prinz, Doktor, Studenten, Hunde polterten die Treppe hinunter, und die verlassenen Zimmer sahen nach der einen Stunde aus wie ein Schlachtfeld. Allenthalben lagen Asche, Zigarrenstummel, eine Cognacflasche war umgeworfen, Tassen, Gläser standen in wüster Unordnung, ein Stuhl war zerbrochen und die Luft so voll Tabakgestank, daß Lutz übel wurde.

»Wir gehen aufs Schloß,« hatte Karl Heinrich gesagt; »mittags komme ich nach Haus und schlafe dann eine Stunde.«

Also dieser Prinz war ein Wüstling geworden, Herr Lutz der Kammerdiener eines Wüstlings.

So würde das fortan jeden Tag gehen.

Und Herr Lutz ballte in ohnmächtigem Grimm die Faust gegen die sonnige Stadt: »Heidelberg!«