Fünftes Kapitel.

An dem Nachmittag, da Karl Heinrich in einer Droschke nach Hause befördert wurde, den Kopf zerprügelt, die linke Backe zerfetzt, so gründlich »abgestochen«, wie es einem nur im ersten Semester bei der allerersten Mensur ergehen kann, – an diesem Nachmittag erwachte der Doktor aus dem leichtsinnigen Bummelleben zu einer greulichen Ernüchterung.

Wenn man das in Karlburg erfuhr!

Unerhört, unerhört!

Und wenn man dann weiter nachforschte und alles andre erfuhr! Daß Karl Heinrich nie und absolut nie Kolleg besuchte! Daß er zu Pfingsten eine Spritzfahrt nach Mailand unternommen und sehr anständige Schulden kontrahiert hatte! Dann vor allem die Liebesgeschichte mit der Kellnerin, die in Heidelberg die Spatzen von den Dächern pfiffen!

Schauderhaft!

Aber diese Paukerei setzte allem die Krone auf!

Wie ein Rasender kam der Doktor in Karl Heinrichs Zimmer.

Man hatte ihm, dem Doktor, nichts davon gesagt, die Geschichte war hinter seinem Rücken vorgegangen, – ein Skandal.

Wie ein Rasender kam er in Karl Heinrichs Zimmer.

»Durchlaucht!«

»Doktor?«

»Jetzt hab’ ich’s satt!«

»Was?«

»Alles. Ich lege mein Amt nieder, ich schreibe nach Karlburg, noch heute. Gut, ich habe die Schuld, bon, aber länger seh’ ich das nicht an.«

»Aber Doktor –?«

»Wär’ man nie hierher gekommen! Wo ein Mensch wie ich, von fünfunddreißig Jahren, ein gesetzter Mann, alle Pflicht und Ordnung vergißt! Man ist hergekommen, um sich zu erholen und mäßig zu leben, und statt dessen lumpt man herum und richtet sich zu Grunde. Wie seh’ ich aus! Verfallen! Vollständig verfallen!«

Er sah wirklich nicht gut aus, und Karl Heinrich fühlte ein aufrichtiges Mitleid.

»Lieber Doktor, das geht auch nicht länger. Sie müssen sich schonen, fleißig spazieren gehen und weniger schlafen. Sie müssen nach der Uhr leben, Doktor.«

Aber nichts konnte der Doktor so schlecht vertragen, als wenn jemand seinen Selbstanklagen beipflichtete.

»Ich spreche nicht von mir, Durchlaucht, ich spreche von Ihnen. Daß Ihr Leben nicht so weiter geht! Ich lege meine Stellung nieder, es ist abgemacht. Ein kranker Mensch wie ich, der keine fünf Jahre mehr zu leben hat, keine drei, keine zwei, nicht eins, der kann nicht Erzieher spielen, am wenigsten hier in Heidelberg.« Dann plötzlich schlug seine heftige Erregung in das Gegenteil um: »Ach, Karl Heinz, ich wollte, wir wären nie hierher gekommen.«

Den Nachmittag und die darauffolgende Nacht spielte er Krankenwärter, und als er einige Flaschen Wein getrunken hatte, war er wieder in bester Stimmung.

»Das ist das Niederträchtige,« sagte er, »daß man nur noch durch Alkohol in Laune gehalten wird,« aber er sagte das ganz heiter und fröhlich.

Noch zu verschiedenen Malen machte er den Versuch, Karl Heinrich ins Gewissen zu reden, aber es ging ihm wie dem Zauberlehrling, der die schlimmen Geister heraufbeschworen hat und sie nicht mehr zurückbannen kann.

Merkwürdig, wie der Prinz sich in den wenigen Monaten verändert hatte. Auch im Aeußern. Sein ganzes Auftreten war fest und bestimmt geworden, das Gesicht hatte etwas Energisches angenommen, und die Hiebnarben gaben ihm einen martialischen Zug. Es gab keinen tolleren Studenten in Heidelberg – vielleicht den langen Wedell von den Sachsen-Preußen ausgenommen –, aber in Karl Heinrichs großen und kleinen Narrheiten, seinen Kneipfahrten, Mensuren, Streifereien lag stets etwas vom Grandseigneur. Es war immer – auch in der trunkensten Stimmung –, als ob er um einen Kopf über die andern hinausrage und sich den tollen Ulk aus der Vogelschau ansehe.

So kam der Doktor mit seiner Erzieherrolle in eine immer schiefere Lage. Er war nicht mehr der Vormund, sondern Karl Heinrich fing an, gleichsam ihn zu bemuttern.

Punkt neun Uhr mußte der Doktor aufstehen, Punkt zwölf ins Bett, zwei Stunden zwang man ihn, spazieren zu gehen, – aber diese energische Kur hätte für den Regierungsrat viele Monate, vielleicht viele Jahre eher verordnet werden müssen.

»Ja, Karl Heinrich, zwing mich,« sagte er häufig, »zwing mich!« – aber viel öfter war er über diesen Zwang außer sich: »Zum Kuckuck, laßt mir diese paar letzten Jahre! Nein, ich gehe nicht spazieren, ich bin müde, ich habe keine Lust; Käthie, einen Schoppen Roten!«

Aber der Prinz war zäh: »Keine Sperenzien, Doktor, vorwärts! Wir gehen zusammen auf den Königsstuhl, allons

Eher, als man gedacht hatte, wurde der arme Doktor von diesen und andern Spazierstrapazen erlöst. Denn eines Tages wurde auf Karl Heinrichs dringende Ordre Herr Geheimrat Professor Doktor von Michaelis konsultiert, der kurzen Prozeß machte und den Regierungsrat in die Klinik schickte.

Er bekam da ein sehr hübsches Krankenzimmer mit einem famosen Balkon, der einen netten kleinen Rauchtisch enthielt, ein außerordentlich bequemes Kanapee und all die Ausstattung, die der Doktor für seines Lebens Wohlfahrt beanspruchte. Da lag er nun tagein tagaus, blinzelte in die Sonne, erhielt viele Besuche von Karl Heinz und dessen Corpsbrüdern, trank, rauchte, spielte Skat und fand sein Dasein so angenehm wie seit langer Zeit nicht.

Da lag er nun tagein tagaus.

»Hier werde ich wieder gesund,« sagte er, »das fühle ich.« Der Geheimrat mit seinem überlegenen, feinen Lächeln hatte ihm einige kleine Verhaltungsmaßregeln gegeben: »Kein Bier, keine Kartoffeln«, und da der Doktor beides nicht übermäßig liebte, sondern einen guten Tropfen Wein jedem Bier vorzog, so achtete er peinlich auf die Durchführung dieser Vorschriften.

Er hätte ruhig Bier trinken und ruhig Kartoffeln essen können, aber Kranke, denen man nichts mehr verbietet, verlieren die Hoffnung.

Karl Heinrich war wochenlang tief verstimmt. Der erste graue Schatten war in die sonnige Fröhlichkeit von Heidelberg gefallen. Er wußte nicht, daß seine Tage in der heiteren Stadt ebenso gezählt waren wie die des Doktors, freilich in anderm Sinne. Und während der Doktor die karg gemessene Zeit mit einer Gemütsruhe und guten Laune durchlebte, die selbst den Geheimrat in Staunen versetzten, war der Prinz trübe und in sich gekehrt.

Er saß ganze Tage auf dem engen Balkon neben dem Doktor, als ob es seine heilige Pflicht sei, ihm beständig Gesellschaft zu leisten; bis eines Tages diesem selbst die Geduld riß.

»Du hast eine Art, Karl Heinrich,« sagte er – in sehr guter oder sehr schlechter Laune duzte er den Prinzen wie einst –, »hier zu sitzen und zu thun, als ob ich todkrank wäre! Zum Donnerwetter, so weit ist es denn doch noch nicht. Lauf herum, amüsiere dich, aber schneid hier keine Gesichter, als ob ich im Sterben läge.«

Der Prinz war so verdutzt, daß er keine Antwort fand, aber der Doktor ließ ihm dazu auch wenig Ueberlegung:

»Mein lieber Karl Heinz, du verschwendest, und zwar das Beste, was der Mensch hat: die Zeit, die Jugend! Du denkst auch, du sitzest hier ewig in Heidelberg, bei deinen Freunden, bei dieser niedlichen kleinen Käthie et caetera. Das ist ein Handumdrehen, dann ist das Jahr vorbei. Jede Stunde, die man verpaßt, ist verloren, kommt nicht wieder, ist ›temps perdu‹. Ob jemand Prinz ist oder ein andrer Sterblicher, das ist dabei ganz einerlei. Schenk mir, bitte, mal ein, die Flasche steht da in der Ecke. – Ich war auch mal jung, habe auch immer gedacht: es ist noch Zeit, es ist noch Zeit, bis es glücklich zu spät geworden ist. Also los, amüsiere dich. Komm morgen mal gar nicht. Komm übermorgen, und dann höchstens ’ne Stunde. Gieb mir, bitte, die Kiste herüber, da rechts, die Zigarren. Merci! Wie man hier liegt, ausgezeichnet! Sieh mal die nette Kleine da drüben, auf dem Balkon, ein lieber kleiner Kerl. Wie sie herschaut! Zum Donnerwetter, wer noch mal jung wäre!« …

In der nächstfolgenden Woche machte »Saxonia« eine Spritzfahrt durch den Schwarzwald. Alle Tage erhielt der Doktor engbekritzelte Postkarten, auf denen ihm mitgeteilt wurde, wieviel Ganze man in Gernsbach, Baden, Freiburg, auf dem Feldberg und in jedem Bierdorf auf sein Spezielles getrunken habe. Wenn die Gesundheit in der That durch derartige Trankopfer würde gekräftigt werden können, so hätte der arme Doktor in dieser kurzen Frist vollständig gesunden müssen.

Karl Heinrich kam mit verbranntem Gesicht und glänzender Laune wieder. Sein erster Gang war zu Käthie, die ihn mit ihrer stürmischen Leidenschaftlichkeit empfing, der zweite in das Krankenhaus. Vielleicht rötete die Freude des Wiedersehens des Doktors etwas eingefallene Backen, jedenfalls bewillkommnete er ihn mit strahlendem Gesicht:

»So ist es recht, Karl Heinz! In der Welt herum mit den andern! Nur nicht hinter dem Ofen sitzen und langweilige Gesichter ziehen. Klingle mal, wir wollen eine Flasche Steinwein trinken. Was macht die Käthie? Die ist wohl heute außer sich? War sie am Bahnhof? Nein? Weshalb nicht? Ein liebes Mädel! Nun erzähl mal. Wart ihr in Straßburg? Junge, siehst du brillant aus! Verbrannt wie ein Neger. Wie’s mir geht? Gut. Diese Ruhe hier, die thut dem Menschen wohl. Wart ihr in Wildbad? Reizend, was? Ach, der ganze famose Schwarzwald! Schenk ein, Karl Heinz, dein Wohl!«

Vielleicht ging es dem Doktor wirklich besser, und der Geheimrat und seine Assistenzärzte hatten wieder einmal zu schwarz gesehen. Jedenfalls war der Doktor nie besserer Laune als in diesen bequemen Ruhetagen seiner Krankenzeit, und auch Karl Heinrich fand damit seine lustige Stimmung wieder.

An einem der letzten Tage des Juli gab er dem Corps ein Fest bei Rüders. Es ging hoch her, das gegenüberliegende Schloß wurde spät abends bengalisch beleuchtet, und ganz Heidelberg samt allen Fremden versammelte sich am Neckar, um das feenhafte Schauspiel zu betrachten. Der Doktor konnte das wundervolle Bild nur von seinem einsamen Balkon aus bewundern, während Karl Heinrich, der Held des Tages, gleichfalls von der großen Menge sich getrennt hatte. Er saß neben Käthie in Rüders etwas gebrechlichem Kahne, den Herr Kellermann stromaufwärts rudern mußte. Denn kein Mensch in Heidelberg war besser geeignet, ein Liebespaar bei solcher Nachtfahrt zu begleiten, als eben Herr Kellermann. Er sah nichts und hörte nichts, er hatte beständig mit den widerspenstigen Ruderriemen zu thun, die ihn ärgerten und alle seine Aufmerksamkeit absorbierten. Er hatte die Gewohnheit, leise vor sich hin zu reden, ein beständiges Gemurmel, das aus Behagen, Mißbehagen, Reminiscenzen und augenblicklichen Einfällen, Unsinn und Sinn sich wunderlich zusammensetzte:

»Dummes Zeug – Ruder – jawohl – Wasser – spät – gut – morgen früh – mal hinschicken – holen – verflucht – alle Stiefel –« und so weiter.

Als dann das Schloß auf dem Berge zu leuchten begann …

Als dann das alte Schloß in seiner Nachteinsamkeit drüben auf dem Berge zu leuchten begann, Fenster um Fenster der alten Ruine im roten Feuer erglänzte und Karl Heinrich entzückt in dem schwankenden Kahn sich erhob, wandte Herr Kellermann keinen Blick zur Seite. Was gingen ihn Schloß und Feuerwerk an. Er hatte das in dreißig Jahren Dutzende von Malen gesehen, er hatte mehr zu thun, als auf solche Faxen zu achten.

Langsam verglimmten drüben die Flammen, nur wenige Fenster des weiten Schlosses leuchteten noch, bis ihr Feuer und ihr letzter Wiederschein im Neckar erloschen.

Der Kahn glitt in Nacht und Totenstille, Karl Heinrich und Käthie saßen eng aneinander geschmiegt, stumm, nur Herrn Kellermanns Murmeln und die leisen Ruderschläge unterbrachen das Schweigen.

So fuhren sie lange stromauf, bis Käthie unruhig wurde.

»Wir müssen heim.«

Und wirklich, es war Mitternacht vorbei.

»Kellermann, wir müssen umdrehen; lassen Sie den Kahn treiben.«

»Hm!«

»Zünden Sie sich eine Zigarre an, Kellermann.«

»Hm!«

Das Streichholz flackerte auf und beleuchtete sekundenlang das alte, verwitterte Gesicht.

Der Prinz kannte den Alten nun schon seit Monaten, aber in diesen wenigen Augenblicken war es ihm, als ob er diese müden Züge zum erstenmal sehe.

»Wie alt sind Sie, Kellermann?«

Eine Weile antwortete Herr Kellermann nicht, denn die Frage schien ihm so neu und eigenartig, daß sie ihn aus dem Konzept brachte.

»Fünfundsechzig.«

Fünfundsechzig! Und jede Nacht im Gange, den ganzen Tag im Gange, immer etwas langsam, aber immer willig, ein armer Kerl, der auf zwanzig Herren hören muß und es keinem ganz recht machen kann. Kein lustiges Original, wie es eigentlich zu den Studenten gehört – so ein Possenreißer, über den man beständig lachen könnte –, nur ein müder Mensch, der Semester für Semester neue Herren bekommt.

»Haben Sie Familie, Kellermann?«

Der Alte blickte erstaunt, fast mißtrauisch. Das hatte ihn – wenigstens in dem Tone – noch keiner der Studenten gefragt. Seine Frau trat nur insofern bisweilen in die Erscheinung, als sie die Wäsche der Studenten wusch.

Aber Karl Heinrich ließ in seinen Fragen nicht locker, während Käthie, die, für Herrn Kellermann in der Dunkelheit fast unsichtbar, ihren Kopf an des Liebsten Brust gelegt hatte, ihn unterstützte:

»Antworten S’ doch, Kellermann, reden S’ doch.«

Und beide, in ihrer weichen, glücklichen Stimmung doppelt empfänglich für die Leiden eines andern, fragten abwechselnd mit so viel Eifer und Teilnahme, bis Herrn Kellermanns kleine, trübe Lebensgeschichte zu Tage gefördert war.

Fast zum erstenmal in des Prinzen Leben trat diesem die schwere Daseinssorge eines Menschen handgreiflich nahe.

»Kellermann –«

»Was?«

»Kellermann, wenn ich später einmal nicht mehr hier bin und Sie geraten in irgend welche – welche Not, dann wenden Sie sich an mich, hören Sie?«

Der Alte antwortete nicht, aber Käthie legte ihre Arme um Karl Heinrichs Hals und flüsterte ihm etwas ins Ohr, vielleicht einen Dank.

»Sie verstehen allerlei vom Trinken, Kellermann« – Karl Heinrich suchte zu lächeln; – »wenn ich später einmal Fürst bin, dann kommen Sie zu mir. Sie sollen mein Kellermeister werden, das paßt auch zu Ihrem Namen, was?«

Da kam aus dem Dunkeln eine schwielige Hand, die vorwärts tastete, erst versehentlich Käthies Hand ergriff, daß Käthie zum Tode erschreckt aufschrie, dann unbekümmert weiter suchte und endlich des Prinzen Hand faßte und zusammenpreßte.

Dann glitt der Kahn wieder in tiefem Schweigen.

Herrn Kellermanns Zigarre leuchtete wie ein roter Punkt, und Karl Heinz und Käthie saßen stumm nebeneinander, andächtig, bewegt, glücklicher als je. Sie küßten sich auch nicht mehr, sie hielten sich nur fest umarmt, und Käthie summte traumverloren ein altes böhmisches Volkslied, das sie drunten an der Donau als Kind gelernt hatte. – –

Drei Depeschen waren im Lauf des Abends in kurzen Intervallen für Seine Durchlaucht in Heidelberg eingetroffen, die – da sie sämtlich aus Karlburg kamen – Herrn Lutz nachdenklich stimmten und ihn schließlich veranlaßten, in eigner Person Rüders Gasthaus aufzusuchen. Er kannte dieses Lokal ebensowenig wie alle die übrigen Kneipen, die Seine Durchlaucht zu frequentieren beliebte, und er war auch keineswegs verwundert, als der Gastwirt Rüder ihm mitteilte, daß Seine Durchlaucht momentan nicht anwesend sei, jedenfalls aber bald wiederkommen werde. Seine Durchlaucht war von zwölf Uhr mittags bis morgens drei nie zu finden, nirgends, das war Herr Lutz längst gewöhnt. Einer der ersten Grundsätze höfischen Lebens ist der, daß auf Minute und Sekunde Mahlzeiten, Spaziergänge, Reisen und so weiter geregelt sind, daß man in jedem Augenblick über Thun und Lassen hoher Herrschaften orientiert ist; Seine Durchlaucht der Erbprinz lebte im genau entgegengesetzten Sinne.

Nicht daß Herr Lutz sich darüber ärgerte, o, er hatte das Aergern längst aufgegeben. Was allein in diesem Lotterleben ihn bedrückte, war das deutliche Empfinden, daß er selbst – Lutz – dabei langsam bergab ging. Er legte auf seine äußere Erscheinung nicht mehr die peinliche Sorgfalt wie früher, und das blendende Weiß seiner Krawatten wurde matt. Niemand fragte nach ihm, kümmerte sich um ihn, seine Thätigkeit war gleich Null, also wozu?

Selbst das feine und sichere Gefühl für die Schranken, welche Stand und Bildung ihm auferlegten, ging Lutz allmählich verloren. Es kam vor, daß er, von Langweile verzehrt, abends stundenlang bei den alten Weibern in der Küche saß und mit ihnen Kaffee trank! Er sank, er war eigentlich nur noch ein Bedienter, er verlor die Selbstachtung. Sein matter Zeitvertreib wurde der Verkehr mit einem Dienstmädchen aus der Nachbarschaft, mit dem er sich bisweilen traf, aber die Person ließ durchblicken, daß sie Lutz’ Frau zu werden beabsichtige, – so ließ er auch diese flüchtige Liaison fallen.

Gegen halb elf war Herr Lutz mit seinen drei Depeschen bei Rüders eingetroffen, aber es hatte längst Mitternacht geschlagen, ohne daß von Seiner Durchlaucht etwas zu sehen war.

Dann ganz plötzlich bemerkte Herr Lutz seinen Herrn. Seine Durchlaucht stand inmitten des tollen Lärms zwischen den Studenten. In der Rechten hielt er ein Bierglas, in der Linken den Schläger, die blaue Mütze saß ihm tief im Nacken, er schien eine Ansprache zu halten. Gleich darauf erhob sich ein unsinniges Gebrüll, man hieb mit den Gläsern auf den Tisch, daß es krachte, und Karl Heinrich stand lachend in der Mitte, mit blitzenden Augen rechts und links schauend.

Gravitätisch, ernst ging Herr Lutz durch die Reihen und machte hinter dem Prinzen Halt.

»Eure Durchlaucht –«

»Silentium! Der cantus: ›Von allen den Mädchen so blitz und so blank –‹«

Die Musik setzte ein, da verbeugte sich Herr Lutz zum zweitenmal:

»Eure Durchlaucht –«

Aber der Prinz sah ihn nicht, niemand sah ihn. Zwischen den Tischen liefen die Kellner mit den Bierseideln, stießen vorbeigehende Studenten Herrn Lutz absichtslos, aber auch rücksichtslos hin und her, dann begann tief einsetzend das Lied:

»Von allen Mädchen so blitz und so blank

Gefällt mir am besten die Lore …«

Und verärgert, halb verzweifelt verbeugte sich Herr Lutz hinter Karl Heinrich zum drittenmal:

»Eure Durchlaucht –«

»Sie ist mein Gedanke bei Tag und bei Nacht

Und wohnet im Winkel am Thore …«

Blaß vor Grimm stand Herr Lutz.

Blaß vor Grimm stand Herr Lutz; in seinem schwarzen distinguierten Anzug sah er zwischen der lustigen, halbtrunkenen Rotte, aufrecht stehend und gelblichfahl im Gesicht, wie ein unheimlicher Gast aus, der nur darauf wartet, seine Hand zum Unheil auszustrecken.

Da stieß Karl Bilz, der neben dem Prinzen saß, diesen an:

»Karl Heinz, da ist jemand, da hinter dir –«

»Wo? – Lutz?«

»Eure Durchlaucht –«

»Was giebt’s?«

»Eure Durchlaucht, es sind dringende Depeschen gekommen, von Karlburg.«

Der Prinz verfärbte sich.

Und während der zweite Vers des Loreliedes durch den nächtlichen Garten dröhnte, brach er die Blätter der Telegramme auseinander und las:

»Eurer Durchlaucht hiermit ergebene Mitteilung, daß Seine Hochfürstliche Durchlaucht ernstlich erkrankt sind und Eure Durchlaucht ersuchen lassen, möglichst im Laufe nächster Tage auf einige Zeit nach Karlburg zu kommen.«

Die Depesche war von dem Hofmarschall gezeichnet, ebenso die beiden folgenden, deren erste eine kurze Skizze der Krankheit gab, während die zweite etwas beruhigender lautete und Seine Durchlaucht bat, die Krankheit einstweilen keinesfalls als lebensgefährlich anzusehen.

Er wandte sich um:

»Es ist gut, Lutz, gehen Sie. In einer Stunde komme ich nach Hause. Packen Sie die Koffer, wir reisen morgen abend.«

Die wenigsten hatten den kleinen Zwischenfall bemerkt, und als eine Viertelstunde später Karl Heinrichs Platz an der Tafel leer war, beachtete das niemand.

Am Ausgang des Gartens blieb der Prinz stehen und sah sich noch einmal um.

Wie nun, wenn die Krankheit sich lang hinzog und ihn Wochen oder gar Monate an Karlburg fesselte?

Wenn er – möglich war auch das – nie mehr nach Heidelberg zurück könnte? Aber er raffte sich zusammen und ärgerte sich über seinen Kleinmut. Das war seine Art, alles im hellsten oder dunkelsten Lichte zu sehen, eine weibische, schwächliche Art, wie sie Leuten eigen ist, die nie ernstlich mit dem Leben gekämpft haben. Und mißgestimmt über sich selbst, vergaß er sogar, Käthie gute Nacht zu sagen.