Sechstes Kapitel.
Als er am nächsten Mittag in das Krankenhaus kam, um sich von dem Regierungsrat zu verabschieden, lag dieser auf seinem Bett, das die Wärter auf den schmalen Balkon gerollt hatten. Man blickte von da aus auf das Schloß und den Königsstuhl, aber die Aussicht war heute trübe, weil ein feiner Regen niederging, der von den Bäumen den Staub wusch und nach der erstickenden Hitze der letzten Tage ein wahres Labsal bot.
Der Doktor lag matt in den Kissen und lächelte dem Prinzen müde entgegen, aber bei dessen ersten Worten schnellte er auf:
»Abreisen?! Nach Karlburg?!«
Er nahm die Depeschen und las sie in fiebernder Hast, dann noch einmal, dann lehnte er sich schwer zurück und blickte, ohne ein Wort zu sagen, an Karl Heinrich vorbei in den dichter fallenden Regen.
»Da ist doch nichts zu machen, lieber Doktor?«
»Nein, da ist nichts zu machen.«
»Ich reise heute abend.«
»Hm!«
»Nach acht oder vierzehn Tagen, denke ich, werde ich zurück sein.«
»Möglich.«
Er las die Depeschen in fiebernder Hast.
»Und während der Zeit, lieber Doktor, brauchen Sie sich nicht zu fürchten. Ich habe mit meinen Corpsbrüdern gesprochen: jeden Morgen und jeden Nachmittag kommt einer her, um Sie zu besuchen. Wenn Sie es wünschen, lasse ich Ihnen auch Lutz hier zur Bedienung.«
Der Doktor lächelte schwach: »Nein, danke, danke herzlich!«
Und Karl Heinrich lächelte auch; Herr Lutz und der Regierungsrat hatten nie zusammengepaßt, hier im Krankenhause würden sie sich am allerwenigsten verstehen.
Aber dann lächelte er nicht mehr. Der Doktor hatte sich in diesen letzten Tagen seltsam verändert, das runde Gesicht war fast hager geworden, die Hände lagen schmal und weiß auf der blauen Steppdecke, müde ineinander gefaltet, wie kraftlos.
Der Gedanke beherrschte ihn immer mehr: es geht mit ihm zu Ende.
Plötzlich fanden sich ihre Augen. Er wollte zur Seite schauen, aber er konnte nicht. Vielleicht versuchte auch der Doktor zur Seite zu schauen, aber er fand noch weniger die Kraft. So blickten sie einander wie magnetisch gefesselt, sekundenlang an, bis es Karl Heinrich heiß aufstieg. Er biß die Zähne aufeinander und versuchte, gleichgültig in die Luft zu starren.
Wie aus einer weiten Ferne hörte er den Doktor dann reden:
»Ob früher oder später, Karl Heinz, das ist ja so gleichgültig. Schöner kann man sich den Abschied nicht wünschen als hier. Man braucht kein Poet zu sein, um damit zufrieden zu sein. Man schläft ein, ganz ruhig. Wir wollen lieber von dir sprechen, Karl Heinz. Du sagst, du kommst wieder, in acht Tagen oder in vierzehn Tagen, es mag sein. Aber es mag auch sein, daß du nicht wiederkommst. Bleib jung, Karl Heinrich, das ist alles, was ich dir wünsche. Bleib so, wie du bist, und wenn sie dich anders machen wollen – alle werden das versuchen –, dann kämpfe dagegen. Bleib ein Mensch, Karl Heinz, mit deinem jungen Herzen … Vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der du an diese Heidelberger Tage und an mich mit andern Gefühlen denkst als heute, vielleicht mit Mißachtung oder gar mit Zorn. In der du dir sagst: ›Ich hätte damals nicht so tief hinabsteigen sollen zu den Menschen und meine Würde anders wahren müssen.‹ Sie werden dir alle vorreden, das sei wirklich so, und diese kurze Spanne Zeit sei ein unschöner Mißton in deinem Leben. Aber glaube ihnen nicht.«
*
In dem gleichmäßig plätschernden Regen ging der Prinz den Schloßberg hinauf, dann zur Molkenkur und, ohne es zu wollen, immer höher, bis zum Königsstuhl. Die Wege waren feucht, und durch die Tannen ging es auf den Moosteppich nieder wie ein unaufhörliches leises Rieseln. Man sah keine hundert Schritt weit, der Blick auf die Rheinebene war vollständig verschleiert, aber aus den Wäldern drang ein so frischer, belebender Odem, daß es Karl Heinrich nach dem raschen Steigen leicht ums Herz wurde.
Er schnitt sich eine Gerte, mit der er die Regentropfen von den Zweigen klatschte, dann – erst langsam und dann schneller – lief er den einsamen Weg bergab.
Eine halbe Stunde später saß er in der neuen Glasveranda, die Herr Rüder für schweres Geld hatte bauen lassen, und trank von Herrn Rüders gutem »Badischen«.
Käthie hockte neben ihm auf der Ufermauer, sonst war niemand im Garten. Die Corps hatten heute Mensurtag, und andre Leute verirrten sich zu dieser Stunde und vor allem bei solchem Wetter nicht hierher. Es regnete jetzt so stark, daß die Tropfen auf dem Neckar Blasen schlugen, und daß man kaum die Häuser an der gegenüberliegenden Seite erkennen konnte, aber die trübe Laune, in der Karl Heinrich früh erwacht war und in der er den armen Regierungsrat besucht hatte, war verflogen. In ein paar Wochen würde er wieder hier sein, wo möglich schon eher, und der dicke Doktor würde wieder gesund werden, und alle Sentimentalität war Unsinn.
»Hol mal eine Postkarte, Käthie!«
»Wozu?«
»Wir wollen an den Doktor schreiben.«
Sie spannte ihren Regenschirm auf.
Sie spannte ihren Regenschirm auf, raffte ihre Kleider zusammen und trippelte vorsichtig durch den überschwemmten Garten nach dem Hause. Als sie die Karte gebracht hatte, schrieb er darauf:
»Lieber Dr.! Alles dummes Zeug! In vierzehn Tagen hole ich Sie heil und gesund aus der Klinik. Käthie und ich trinken auf Ihr Wohl.
K. H.«
»Schreib einen Gruß drunter, Käthie.«
Sie las aufmerksam, nahm seinen goldenen Stift, dessen Spitze sie erst zwischen ihre Lippen schob, und schrieb dann:
»Karl Heinrich und ich (Käthie) wünschen Ihnen das Beste.
Käthie.«
»Was würdest du sagen, Käthie,« fragte er, »wenn ich nie wiederkäme?«
Sie sah ihn erstaunt an: »Nie wieder?«
»Ja, nie wieder.«
»Das ist doch nicht möglich.« Alles Blut wich aus ihren Wangen. »Du kommst doch wieder?«
Er lachte. Er war seiner Sache jetzt so sicher, daß er darüber schon spotten konnte. Wenn der undenkbare Fall eintreten sollte, daß man ihn aus irgend welchen Gründen in Karlburg zurückhalten würde, so würde er die Rückkehr nach Heidelberg erzwingen. Er war nicht mehr der Junge, der sich am Gängelbande leiten ließ, und es gab keine Macht, die ihn in seiner endlich gewonnenen Freiheit dermaßen beschränken durfte.
»Nimm den Fall, Käthie, ich käme nicht, nie mehr, was thätest du dann?«
Ihre Lippen zitterten, sie wollte etwas sagen und fand kein Wort; dann stand sie auf, ging mit zwei Schritten zu ihm und schlang ihre Arme um seinen Hals.
»Du kommst wieder, Karl Heinz, ganz gewiß.«
Und Stunde auf Stunde verrann, und während immer noch der Regen in gleichmäßiger Eintönigkeit niederrauschte, saßen die beiden in der Glasveranda am Neckar vor Herrn Rüders badischem Wein, den Käthie oft erneuern mußte.
Die Tanten in der Küche und Herr Rüder selbst schauten wohl bisweilen durch den Spalt in der Glasthür, aber sie störten das Paar nicht. Es kamen auch im Laufe des Nachmittags ein paar Gäste, die man vorn in der Gaststube festhielt.
Als dann kaum noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt des Frankfurter Schnellzuges übrig blieb, spannte Herr Rüder seinen Fuchs vor die Halbkalesche und setzte sich selbst auf den Bock, um seinen angesehensten Stammgast zur Bahn zu fahren.
Es war die stilloseste Art, in der je ein Erbprinz nach einem Bahnhof befördert wurde: Eine kleine Kellnerin, die ihm mit dem Taschentuch nachwinkte, ein galoppierendes Pferd, eine miserable Kutsche, die mit Schmutz bespritzt vor den Bahnhof rasselte, kein Gepäck, keine Diener, nur ein Herr Rüder, der etwas bezecht war und sofort wegen Galoppfahrens von dem Polizeidiener aufgeschrieben wurde.
Eine miserable Kutsche rasselte vor den Bahnhof.
Was Herrn Lutz betrifft, so hatte er bis zwanzig Minuten vor Abfahrt des Zuges in immer steigender Aufregung seinen Herrn daheim erwartet, aber wie richtig Herr Lutz mit den zerfahrenen Lebensgewohnheiten Seiner Durchlaucht sich vertraut gemacht hatte, bewies der Umstand, daß er richtig schloß: Durchlaucht werde in letzter Minute schon rechtzeitig zum Bahnhof kommen.
Durchgeregnet, ohne Paletot, sprang Karl Heinrich in das reservierte Coupé, Herr Lutz hatte nur noch Zeit, Durchlaucht auf Mantel, Decken, Koffer aufmerksam zu machen, dann hetzte Herr Lutz in sein eignes Coupé, und eine halbe Minute später glitt der Zug in den Regen hinaus.
Lange stand der Prinz am Fenster und schaute rückwärts dorthin, wo die Neckarstadt im Nebel verschwunden war. Dann atmete er tief auf wie jemand, der aus einem Traum erwacht. Er zog das seidene Band, das über seiner Weste lag, durch die silberne Schnalle, rollte es auf und schob es in die Tasche. Die dunkelblaue Mütze legte er in den von Herrn Lutz vorsorglich geöffneten Koffer und nahm einen Reisehut.
Drei rote Rosen, die Käthie ihm gegeben, behielt er in der Hand.
Er lehnte sich in die weichen roten Polster und versuchte an Käthie zu denken, aber plötzlich stand das Bild des Doktors vor ihm, das ihn nicht mehr losließ. Der lag nun im Krankenhaus, schon viele Meilen entfernt, und er, Karl Heinrich, fuhr nach Karlburg. Allein!
Vor drei Monaten waren sie zusammen auf diesem selben Wege nach Heidelberg gekommen, zusammen.
Zusammen. – Käthie, der Doktor, die Corpsbrüder – mit allen war er zusammen gewesen, immer lustig, immer zusammen … nun war er allein.
*
Der Hofmarschall, die Kammerherren, zwei Adjutanten – es war der Seiner Durchlaucht dem Erbprinzen gebührende feierliche Empfang.
Die Lakaien standen mit den flach an die Plüschhosen gelegten Cylindern, und rechts und links hinter der abgesperrten Linie drängte ein neugieriges Publikum, das – in begreiflicher Erregung wegen der immer düsterer lautenden Bulletins, Seiner Durchlaucht des Fürsten Krankheit betreffend – sich zahlreich am Bahnhof eingefunden hatte.
Also der Erbprinz kam!
Man hatte ihn telegraphisch berufen.
Vielleicht war Seine Durchlaucht der Erbprinz in wenigen Tagen schon der regierende Herr.
Man rief nicht »Hoch«, das hätte in dieser schweren Stunde nicht gepaßt, aber alle Hüte senkten sich tief, und die Frauen verneigten sich vor dem künftigen Herrn.
Draußen vor dem Bahnhof drängte sich eine dichte Menge, und den ganzen Weg entlang bis zum Schloß stand eine ununterbrochene Reihe Menschen, die alle schweigend grüßten.
Karl Heinrich saß neben dem Hofmarschall. In dem Fürstenzimmer des Bahnhofs hatte er mit den Herren vom Hofe und den Aerzten gesprochen, man versicherte ihm, die größte Gefahr, die heute nacht gedroht habe, scheine überwunden, und eine Genesung Seiner Durchlaucht liege nicht mehr außer dem Bereiche der Möglichkeit.
Er hielt die Hand am Hute und grüßte nach rechts und links.
Er sprach kein Wort. Er hielt die Hand am Hute und grüßte nach rechts und links.
»Wie er düster aussieht!« sagten die Männer.
»Wie er traurig aussieht!« sagten die Frauen.
Und er grüßte.
Grüßte.
Tausende von Menschen, die sich vor ihm neigten, eine ganze Stadt.
Der Weg war nur kurz, die schnellen Pferde gebrauchten wenige Minuten, um ihn zurückzulegen.
Aber in dieser kleinen Spanne Zeit war es, als ob eine unsichtbare Hand über des Prinzen Herz ging und dort vieles auslöschte.
Die Wache an der Schloßbrücke trat ins Gewehr, ohne daß die Trommel gerührt wurde.
Er grüßte.
Der Wagen hielt, und er stieg langsam, ohne Hast aus. Er sah nicht die Lakaien zu beiden Seiten der Treppe, er ging geradeaus, ohne sich nach Hofmarschall und Adjutanten umzuschauen, die zwei und drei Stufen hinter ihm die breite Marmortreppe hinaufstiegen.
Er war wieder in Karlburg, er war wieder der Prinz.
*
Die Tage vergingen, Wochen wurden daraus und aus den Wochen Monate.
Herren im Schlosse zu Karlburg waren die Aerzte, denen man Zimmer einräumte, und die schließlich kaum noch die Gemächer des Fürsten verließen.
Die Lakaien gingen noch leiser als sonst, jeder helle Ton war aus dem Schlosse und seinem Umkreis verbannt, über Haus und Gärten breitete sich Kirchhofsruhe.
Aber Angst und Sorge, die in den ersten Wochen auf allen Gesichtern lagen, aufrichtig empfunden oder doch gut zur Schau getragen, wichen langsam und machten einer müden Abspannung Platz. Die Diener gähnten hinter den Thüren, und die erschlaffende Langeweile breitete sich aus den Krankenzimmern durch das Schloß und weiter über die ganze Stadt Karlburg. Nirgends Festlichkeiten, keine Lustbarkeit, am Sonntag in den Kirchen das ewig gleiche Gebet für den kranken Fürsten – eine Monotonie.
An eine Abreise des Erbprinzen war nicht zu denken. In den ersten Wochen war er unruhig, nervös und verlangte von den Aerzten bestimmte Aussagen. Aber er gewöhnte sich an ihr Achselzucken und dachte schließlich selbst nicht mehr an die Möglichkeit, vorerst nach Heidelberg zurückzukehren.
Die Last der Regierungsgeschäfte, die er vielleicht ernster auffaßte, als notwendig war, und die zu übersehen ihm noch schwer fiel, nahm seine Zeit in Beschlag, während der sterbende Fürst es als selbstverständlich forderte, daß sein Neffe und Erbe endlose Stunden bei ihm weilte. Mit seiner matten, heiseren Stimme, oft nur flüsternd, sprach er von Vergangenheit und Zukunft, und in diesen düsteren Stunden spann sich zwischen Oheim und Neffe, die zwanzig Jahre lang fast wie Fremde nebeneinander gelebt hatten, das erste Band. Sie gehörten zusammen, der sterbende Fürst und der künftige Fürst; aus der fieberheißen Hand, die zitternd die junge Hand umspannt hielt, ging ein Strom hinüber, der langsam Denken und Empfinden des Jüngeren wandelte. »Die Fürsten der Erde wohnen einsam auf ihren Thronen, eine nie zu überbrückende Kluft trennt sie von allen andern, selbst von denen, die nach Geburt und Rang als Diener dem Throne am nächsten stehen. Und sie sollen einsam bleiben, sie müssen einsam bleiben, – darin liegt ihre schwerste Aufgabe, darin aber auch ihre Kraft. In einsamer Höhe stehen, das ist das große Geheimnis der Gewalt!« – Vielleicht suchte Karl Heinrich in der ersten Zeit, halb unbewußt, sich diesen Worten zu entziehen, zu verschließen, aber in dem dumpfen, heißen Krankenzimmer wiegten sie ihn in täglicher Wiederholung wie in einen Traum. Sie ergriffen Besitz von ihm und lähmten seine matten Versuche, sich kritisch mit ihnen in Widerspruch zu setzen. Er rang dagegen, aber er war zu schwach, zu schwach, wie in allem.
Und jeder neigte sich vor ihm. Nicht der Sterbende war mehr der Herr im Schlosse, er, Karl Heinrich, war es, dem man huldigte. Früher, als er noch junger Prinz war, bei Seiner Durchlaucht in geringer Gunst stehend, einzig von dem vagen Glanz einer in ferner Zukunft liegenden Thronfolge umgeben, waren die Huldigungen der Hofleute kühl und gemessen gewesen. Jetzt war er nicht Kind mehr, sondern Mann, nicht mehr der Anwärter auf die Ehren einer ungewissen Zukunft, sondern der neue Herr, der über Nacht in die Fürstenrechte einziehen würde. Es war ein Zauberkreis, der sich um ihn schloß; demütige Huldigungen von Tausenden, die keinen Widerspruch duldeten, und das alles in dieser dumpfen Treibhausluft, die das Denken tötete.
So vergingen Monate. Es wurde Herbst, Winter, Frühling – ein Jahr ging vorbei. Aber es war, als ob es nicht ein Jahr gewesen sei, sondern viele. Es gab Zeiten, wo eine wilde Ungeduld ihn überwältigen wollte: sollte denn das nie enden?! dieses grauenhafte, mordende Warten?! – Aber auch diese Ungeduld wurde schwächlich, kraftlos, schlief ein.
Er begann zu kränkeln, die blühende Gesichtsfarbe nahm einen grauen Ton an, aber wenn der alte Hofrat und die fremden Aerzte ihm Bewegung anrieten, zuckte er gleichgültig die Achseln: ›Mir fehlt nichts, ich bin nicht krank.‹
In seinem Schreibtisch lagen die blaue Mütze und das dreifarbige Seidenband von Heidelberg, daneben drei vertrocknete Rosen – das waren die einzigen Erinnerungen an damals.
Heidelberg! Wenn er daran dachte, legte es sich um seine Brust wie eherne Klammern, die ihn zu ersticken drohten.
Vorbei! Verloren! Für immer!
Bisweilen versuchte er, mit Lutz über Heidelberg zu sprechen. Der Mensch war ihm unsympathisch, aber er hatte ihn als seinen Kammerdiener beibehalten. Vielleicht nur deshalb, weil dieser Lutz die einzige lebende Erinnerung an jene Zeit war. Und Herr Lutz gab sich Mühe, seinem Herrn entgegenzukommen, die jämmerlichen Tage in Heidelberg in ein rosiges Licht zu kleiden und kleine Scherze jener Zeit aufzuwärmen. Aber keine Saite tönte in seinen Reden echt und warm, das weiche Bild der drei Monate verzerrte sich in seinen erzwungenen Späßen zur Grimasse.
Im übrigen war Herr Lutz jetzt der glücklichste Mensch am Hofe. Sein geduldiges Ertragen jener Schreckenszeit hatte goldene Früchte getragen, er war der kommende Mann, vor dem schon jetzt die Lakaien in Ehrfurcht erstarben. Noch schritt der Kammerdiener Seiner Durchlaucht des Fürsten mit unnahbarem Gesicht durch das Haus, aber die Tage seiner Herrschaft waren gezählt, der neue Stern hieß Lutz. Und während in Karl Heinrichs Erinnerung die Heidelberger Zeit langsam verblaßte, wie ein Kindermärchen, das man nicht mehr versteht, verschönte sich bei Herrn Lutz das Bild der Studentenstadt immer mehr. Man hatte da einmal über die Stränge geschlagen, miserabel gewohnt und viel Aergerliches durchgemacht, aber es war doch auch schön gewesen. Er wußte dem Küchenchef wundersame Geschichten zu erzählen von lustigen Liebesabenteuern, durchzechten Nächten und allerhand Affairen, »über die man als Kavalier schweigt«. Dieses Heidelberg hatte Herrn Lutz’ Glück gemacht, und er war nicht undankbar. – –
Er wußte dem Küchenchef wundersame Dinge zu erzählen.
Nun schlief der Doktor schon seit Wintersende in Heidelberg seinen letzten Schlaf. Die Todesnachricht, die der Direktor des Krankenhauses in ehrerbietig gemessener Form Seiner Durchlaucht mitteilte, kam Karl Heinrich nicht unerwartet, und doch traf sie ihn wie etwas Unfaßliches.
Aber der Prinz hatte in allem Schmerz die bittere Empfindung, daß ihn vor Jahresfrist der Tod des Doktors tiefer, unendlich tiefer erschüttert haben würde. Hätte sie beide das Leben noch einmal zusammengeführt, sie würden sich nicht mehr verstanden haben. Er fühlte das deutlich. Es war ihm, als sei jemand gestorben, den er einmal sehr gern gehabt hatte, der ihm aber so fern gerückt war, daß er ihn auch als Lebenden schwerlich je wiedergefunden hätte.
Im Auftrage Seiner Durchlaucht des Erbprinzen übermittelte das Hofmarschallamt dem Corps »Saxonia« zu Heidelberg einen Kranz mit der Bitte, diesen Kranz auf dem Grabe des Herrn Regierungsrats niederzulegen.
Im Auftrage Seiner Durchlaucht des Erbprinzen ließ das Hofmarschallamt das Grab mit einem Denkstein versehen, dessen Inschrift lautete: »Seinem Freund und Lehrer in dankbarer Erinnerung Karl Heinrich, Prinz von Karlburg.« – –
Und Käthie?
Ja Käthie.
Wo mochte Käthie sein? – Er hatte kein Bild von ihr, die kleine Photographie, die sie ihm einmal geschenkt hatte, war in den aus Heidelberg nachgesendeten Koffern nicht zu finden gewesen, aber dieses Bild war in sein Herz gegraben. Käthie!
Verloren wie die andern …
In goldenem Rahmen stand auf des Prinzen Schreibtisch das Bild der jungen sächsischen Prinzeß, seiner Cousine, deren Verlobung mit Karl Heinrich herbeizuführen während dieser Monate die letzte Sorge des sterbenden Fürsten gewesen war. Das Bild zeigte ein feines Gesicht mit lebhaften Augen, eine schlanke, pompöse Figur.
Karl Heinrich hatte nicht »Nein« gesagt, und die schöne Prinzeß war nicht unzufrieden. Sie war ein Jahr älter als der künftige Fürst, als Kinder hatten sie einmal zusammen gespielt, sie hatten keinen Grund, einander abgeneigt zu sein, und die Heirat würde der Staatsraison ebensogut entsprechen wie den Wünschen der Familien.
Natürlich war in dieser Trauerzeit an die Hochzeit noch nicht zu denken.
Käthie! … Käthie!