Alarich
Als die Westgoten dem römischen Kaiser Söldnerdienst taten, wurde Alarich König, aus dem Baltengeschlecht, das ist der Kühnen.
Er sah sein verschlagenes Volk untergehen in den östlichen Mittelmeergärten, darin es klüglich verteilt war, von Mösien über den Hellespont hin bis weit ins syrische Land.
Er aber wollte Volkskönig sein gleich seinen Vätern und dem verschlagenen Volk ein Vaterland finden; denn nur, was das Schwert hielt, war noch Besitz, als mit der Eifersucht törichter Knaben in Rom und Byzanz das wankende Weltreich zerbrach.
Kühner als vormals die Kimbrer ging Alarichs Fahrt, durch keine Habe behindert als durch das Schwert und die Zelte des Lagers: bald stand er mitten in Griechenland, Hellas und Sparta hörten wieder den Schwertschlag und die blonden Räuber der Frühe.
Stilicho der Vandale, der dem Kaiserknaben in Rom die Steigbügel hielt, kam mit Schiffen und großer Kriegsmacht, den Kühnen zu fangen: aber der Neid von Byzanz öffnete listig die Falle und wies der gotischen Heerschar das dalmatinische Küstenland an.
Seitdem züngelte Alarichs Schwert scharf zwischen Rom und Byzanz; an der steinichten Schwelle der römischen Gärten sah er die Lockung reicher Landschaften vor seiner Tür.
Das Wasser war dünn im Isonzo, bald stand er am Po und einmal am gallischen Tor im ligurischen Bergland.
Da mußte Stilicho Lösegeld leisten, Norikum bot er als Bündnispfand an: so wurde das gotische Heervolk wieder landeigen und Alarich König im neuen Westgotenland; doch gab er den Schlüssel der römischen Gärten nicht aus den Händen.
Als der Knabenkaiser dem Kanzler die Treue mit Arglist vergalt, als Stilicho den Henkertod fand, trug er sein Schwert verwegen vor Rom, und schimpflich mußte der stolze Senat den Abzug der Goten erkaufen.
Mehr als ein Jahr lang lag er im Feld, dem das römische Heer von Ravenna den Rückzug verlegte: ein Straßenkönig im fremden Land, mit dem Schwert sein Zeltlager schützend.
Weder Land noch Frieden war zu gewinnen vor der Burg von Ravenna, zum andernmal zog er nach Rom, und diesmal erfuhr die Stolze das Schicksal, so mancher feindlichen Stadt von der römischen Schwertmacht bereitet.
Die seit achthundert Jahren keinen Feind kannte, sah durch Konstantins prahlenden Bogen den König der Goten einreiten: aber kein Rausch der Stunde verwirrte Alarichs Blick, daß dies für sein kühneres Trachten ein kurzer Triumph war.
Drei Tage lang ließ er die Seinen das Siegerglück kosten, dann nahm er die Hitzigen hart in die Hand: Karthago, die Kornkammer Roms, sollte der Preis seiner Fahrt und die Burg für sein Königtum sein.
Schon hatten kalabrische Schiffer ihm eine Flotte gerafft, als die kochenden Strudel herbstlicher Stürme die Schiffe zerschellten; vom Fieber verzehrt wichen die Seinen verzagt nach Cosenza zurück: da stillte der Tod dem Balten den unsteten Herzschlag.
Im Sumpffiebertal von Cosenza starb im vierzigsten Jahr seines Lebens der König der Goten, der seinem Volk kein Vaterland fand, der die gotischen Männer im dürren Gestein der kalabrischen Küste zurückließ.
Landfahrend in der Fremde todfeindlicher Länder, konnten sie keinen Grabhügel wölben, kein Gedächtnis der Trauer dem grausamen Tal, daraus sie morgen schon schritten, das Schwert in der Hand.
Sie gruben ihm nächtlich ein Grab im Busento und senkten den König mit Schmuck und Schwert in den schweigsamen Grund.
Als die Sonne aufging im steinichten Tal, darin sie heimatlos standen und ihres Daseins nur durch das Schwert in der trotzigen Hand versichert, flossen die Wellen schon wieder den emsigen Lauf, mit schäumendem Schleier den Schlaf zu hüten, der den schwertfahrenden Männern Losung und Ziel ihres kurzen Straßenglücks war.