Die Hochzeit von Narbonne
Als Alarich der Kühne schlafen ging im kühlen Steingrund des Busento, ließ er die Seinen schiffbrüchig auf einer Fahrt zurück, die für die Ebbe ihres Rückzugs gefährlicher als für die hingeschäumte Flut war.
Doch führte die verwegene Kriegerschar als Geisel die junge Kaiserschwester mit, die schon im dritten Jahr die Irrfahrt ihres Lagers teilte: Placidia, von Athaulf, dem Schwager Alarichs, als Gemahlin begehrt und ihm zugetan.
Sie war den schlimm Verschlagenen ein Amulett: mit hundert Listen der Gefahr ausweichend, schob sich ihr Lagerdasein in Winkelzügen verwegen nordwärts, Rom und Ravenna rasch vermeidend, bis sie im zweiten Sommer die Alpen überschritten, die Tür ins Freie zu gewinnen.
Da schlugen sie den Sarus, dann den Jovinus, die in Gallien abtrünnige Gewaltherrn waren, und boten sich der schwankenden Gewalt des Kaisers als Schildhalter an.
Denn Athaulf der Gote, der des Kaisers Schwester zur Gemahlin begehrte, erfüllte klug und klar, was Alarich im Trotz nicht zwingen konnte: das Schwert der Goten sollte halten, was den schwachen Händen der Römer entglitten war.
Als Athaulf mit der Placidia Hochzeit hielt, schien in die dunkle Zwietracht der Zeit ein zager Sonnenstrahl, von den Goten in Narbonne prunkvoll gefeiert: die Blonden huldigten der braunen Königin.
Ob es für Athaulf ein kurzer Traum war, ein halbes Jahr nach seiner Hochzeit mit dem Tod bezahlt: der weise Wallia kam und baute den Traum treu in die Wirklichkeit.
Das Ränkespiel der Höfe von Ravenna und Byzanz ging ruchlos weiter mit Mord und Mörderlisten: das Reich der Goten hielt den Sonnenstrahl in Pflege, bis er aus Gallien nach Spanien hinüber in einen breiten Sommer gewachsen war.
Das tolosanische Reich war es genannt, der Ruhm seiner Macht und Schönheit rief die Gesandten von Morgenland her, und stärker stellte kein Fürst dem Frieden das Schwert vor die Tore, als Eurich der Große, König der Goten, tat.
Von der Loire bis zum Tajo hielt seine mächtige Hand die Unrast der Völker gebändigt; auch ließ er die Tafeln der gotischen Herkunft schreiben als Recht und Gesetz des tolosanischen Westgotenreiches.
Dreihundert Jahre hielt es reich und räumig den Völkerstürmen stand, und war dem Islam noch ein Garten, darin die Märchen seiner Künste blühten wie nie im Morgenland.
Und wurde das Wunderland der ritterlichen Tugend, die früheste Freistatt der Bildung, und hielt das Gotenrecht lebendig durch tausend Jahre.