Bach
Eine Hütte am Brunnen der Wüste, so nahm das Kirchenlied die Flüchtlinge des Krieges unter sein Dach; aber Gott sandte den Meister, der deutschen Seele noch einmal Zion zu bauen.
Der von allen Meistern der Kunst der gewaltigste war, der aus der Seelengewalt noch einmal die Schöpfung vollbrachte, der einzige, der seinen Turm in den Himmel zu bauen vermochte: er wurde den Deutschen, wie einmal der jüdische Zimmermannssohn, in Niedrigkeit eingeboren.
Johann Sebastian Bach war eines Ratsmusikers Sohn, der durch die Gunst der Ratsherren sein unfreies Gewerbe in Eisenach trieb; aber Vater und Mutter starben dem Knaben, den danach sein Bruder in Ohrdruf aufzog.
Als Singknabe in Lüneburg mußte er schon im fünfzehnten Jahr sein kärgliches Brot selber verdienen; als Geiger und Organist in Weimar, Arnstadt, Mühlhausen und Köthen trug er sein mühsames Tagwerk nach Leipzig, wo er Musikmeister hieß und an der Thomaskirche den Kantor vorstellte.
So kärglich und mühsam, wie er sein irdisches Dasein begann, so kärglich und mühsam ging es zu Ende; bis er grau wurde und starb, mußte der übergewaltige Mann den Krämern in Leipzig den Kirchenchor leiten.
Einmal im Alter fiel eine Ehre der Welt auf ihn, als ihn der König von Preußen nach Sanssouci rief, weil er der Vater von seinem Kammermusikus war; er durfte dem Spötter die Orgel vorspielen und auf dem Klavier seine Flöte begleiten.
Sonst blieb sein Dasein im Schatten des Kleinbürgertums, darin der Meister mit seiner Hausfrau und Kinderschar untergeschlüpft war.
Wenn Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig den Choral spielte, dann sang die Gemeinde ihr gläubiges Wort in die Orgel und wußte nicht, warum ihr die Seele im Gesang so übergewaltig anschwoll.
Aber der Meister konnte nicht eine Stimme begleiten, ohne daß ihm die Brunnen der Tiefe aufbrachen, darin die gewaltigen Ströme stark und brausend nach Freiheit begehrten.
Eine Stimme allein war eine Taube, die kläglich flatternd den Raum nach den andern absuchte; erst wenn der Baß ein Paar daraus machte und wenn die Brut der Mittelstimmen dazukam, daß sie zu Vieren mit gleichem Flügelschlag selig dahin schwebten, jede auf eigenen Flügeln und doch gemeinsam im Flug: dann konnte sie fliegen.
Dann glaubte die fromme Gemeinde, das Lied gewaltig zu singen, weil ihre Stimmen sich in der Melodie fanden; aber stärker als ihre Stimme war der Baß in der Orgelgewalt, er trug den singenden Ton durch Höhen und Tiefen, und daß er beruhigt in seinem starken Arm läge, deckten die Mittelstimmen ihn weich und warm zu.
Die Melodie war nicht mehr das Wort und das Lied der singenden Seele allein, aus der Tiefe des Raumes kam ihr die starke Gottesgewalt zu, und daß sie nicht über das Wunder so starker Begleitung erschräke, schwebten die Engel harmonisch dazwischen.
Erde und Himmel waren vereint, wenn die Orgel des Meisters den starken Viergesang machte; ob er brausend anschwoll oder im sanften Gesäuse wohlig dahin schwebte, die Seele war nicht mehr allein.
Keine Donnergewalt fiel ihren Sang an, und keine selige Flöte hieß ihn verstummen, der Sang war in Gott und Gott in ihm, weil jenseits von Zeit und Raum die Harmonie in der Ewigkeit schwebte.
Auch wenn der Meister die Stimmen der Orgel allein in den Raum sandte, gingen sie nicht wie Fremdlinge hin über die Ohren der Leute; jede stieg aus der Erde der Toten ans Licht, und jede fuhr in den Himmel, die staunende Seele auferstand mit.
Und ob es schwingende Geigen und blasende Hörner, ob es Schalmeien und Flöten, Fagott und Klarinetten, ob es ein Saitenklavier oder ein menschlicher Stimmenchor war: immer entzückte der Meister das starke Geheimnis, daß eine Stimme Antwort im Raum, starke Begleitung und seliges Glück in der Gemeinsamkeit fand.
Aber das Wunder wurde Erscheinung, wenn er den ganzen Heerbann der Stimmen aufriß, wenn das große Orchester den hundertstimmigen Chor nahm und gegen die Orgelgewalt herrlich anstürmte: dann baute der Meister noch einmal die Schöpfung über dem ewigen Abgrund.
Sünde und Schicksal, Schuld und Versuchung, das dunkle Leid und die blitzende Lust sanken zurück in die Allmacht, daraus sie kamen.
Wohl brandete die Hölle und wohl traf der Tod, aber ihr Sieg und sein Stachel lagen beschlossen in Gottes allgütiger Hand; tiefer als Trauer und Furcht, höher als Freude und Hoffnung trugen die Flügel der Gnade und Liebe die Seele in Ewigkeit hin.
So war der Meister und so war seine Musik, und die seine Schöpfergewalt spürten, ahnten nicht das Geheimnis, daß in den Tönen bereits das Himmelreich war, das ihre Gläubigkeit jenseits erhoffte.