Das Kirchenlied

Als der große Krieg unsägliches Leid auf das deutsche Land legte, als der Reichtum der Bürger in Armut versank, als die fröhliche Flur leer wurde wie die fleißige Werkstatt und auf den Straßen nur noch das Elend dem Hunger begegnete, als der Menschengeist seiner blutigen Tat satt war, sang eine Stimme der Seele Trost und Erbauung.

Luther hatte das Lied von der festen Burg gläubig gesungen, es war die Fahne des evangelischen Glaubens gewesen, und manche trotzige Faust hatte die Fahne geschwungen; nun lag sie verkohlt unter dem Brandschutt.

Aber die Stimme der deutschen Seele hob wieder an, die alten Weisen mit neuen Worten zu singen; und ob sie zitternd sang und mit Tränen: Gott war wieder darin, und sein gesungener Trost fand wieder Ohren und Herzen.

Spitzfindigkeit, Wortgläubigkeit und Sittenhochmut hatten der evangelischen Lehre ein neues Kirchenkleid angetan, darin die Landesobrigkeit die Papstgewalt war; aber das Kleid war zerrissen, nur das Lied blieb wie ein Licht in der Nacht.

Wenn die Gemeinde beisammen saß, es zu singen, wenn das schwellende Wort sich in den Orgelton legte, dann kehrte die gläubige Seele in ihre Heimat zurück.

Befiehl du deine Wege! sang ihr Wiegenlied den Kindern und Alten; und wo ein Grab den Sarg in das schwarze Loch nahm, stand die Stimme dabei: Jesus meine Zuversicht! trotz Tod und Betrübnis zu singen.

So kam es, daß die deutsche Seele den lauten Jammer und die leise Klage, den Trotz und die Verzagtheit überwand, daß sie an den Gräbern der stolzen Vergangenheit und im Elend der bittersten Gegenwart den Heldenmut fand, noch mitten im Krieg: Nun danket alle Gott! mit gläubigem Herzen zu singen.