Beethoven

Als Mozart, der Meister des großen Wohllauts, starb, war das Jahrhundert der Pompadour aus; die Blutrache der Freiheit hatte in Frankreich begonnen, als Beethoven kam, dem Menschengeist die bräunliche Stimme der Erde zu bringen.

Musikanten aus Holland waren die Seinen, in Bonn dem Kölner Kurfürsten dienend; aber den Enkel und Sohn verlangte nach Wien, wo Mozart den Zauberstab hielt, wo Haydn, der unerschöpfliche Meister, Musik machte.

Mozart war tot, als Beethoven kam, Haydn nahm sich des rheinischen Jünglings an wie ein Vater; er führte ihn ein in das große Orchester und in die sinfonische Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und Klarinetten.

Beethoven wurde, wie Mozart es war, ein Meister auf dem Klavier – nur daß er tief aus der braunen Dämmerung kam, indessen jener im hellichten Morgenrot ging – wo er sein trotziges Spiel hören ließ, wurde der Menschengeist wach, seinen eigenen Atem zu spüren.

Da brach in die Säle von Wien, in die Kerzen und goldenen Stühle der Menschentrotz ein und ballte die Fäuste, lachte und weinte, wo leichtes Gelächter, wo Seufzer und Rührung und spöttische Heiterkeit war.

Aber das Schicksal schlug den gesegneten Mann, seine Macht zu erhöhen: es nahm ihm sein Ohr und nahm ihm sein Spiel, es führte ihn heim aus dem rauschenden Beifall der Hörer in die einsame Stille der Taubheit.

Da saß der unselig gesegnete Mann noch immer an seinem Klavier und glaubte zu hören, was nur die Brandung der Seele, was nur das Meer der Gefühle im Sturm seiner Leidenschaft war.

Abgelöst von der irdischen Wirklichkeit seiner Töne schrieb er Musik, die seine Ohren nie hören, die seine Seele nur aus den Noten ablesen konnte.

So sank er hinein in die Gründe, darin er allein mit seinem Trotz das Leben bestand: ein Titan war unter die Menschen verbannt, den sie wie Donner und Blitz, wie sausenden Wind und rauschendes Wasser verstanden; nur ihre Antwort hörte er nicht.

Er war den Göttern verfeindet wie alle Titanen, er haßte ihr neidisches Wesen und daß sie dem Geist sein trotziges Tun hochmütig mißgönnten; er brachte den göttlichen Funken in seiner Musik zu den Menschen, daß ihnen die Götter Rede stehn mußten.

Haydn, der heitere, hatte den Jüngling das große Orchester gelehrt, aber die Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und Klarinetten war nur ein reicherer Wohlklang gewesen: nun brauste der Geist in die Fülle, da Beethoven, der taube Meister in Wien, den Sinfonien der Menschheit die ewigen Noten hinschrieb.

Da war kein Himmel und war keine Hölle, nur die Urgewalt der Natur, und der Menschengeist war ihr selbstherrlicher Meister.

Er konnte schwellen, wie der Frühling die Knospen schwillt, er konnte den Bogen bauen über die Berge, er konnte stürmen und stürzen, wie Hochwasser im Alpental stürzt, er konnte breit und gewaltig sein wie das Meer und konnte in seinen Wellen den Sonnenball fangen.

Seliges Spiel und trotzigen Aufruhr, schmerzliche Sehnsucht und drohende Kraft, blutrote Trauer und weißglühenden Zorn: alles schrieb Beethoven hinein in das Bibelbuch seiner Musik.

Und als er am Ende war seiner irdischen Tage, als er die Summe zog seines gewaltigen Lebens, als er die letzte schrieb seiner neun Sinfonien, schwoll Menschengesang in die Geigen und Hörner: über die trotzige Leidenschaft hin rauschte die Urmacht der Freude.

Sie war nicht aus der Gunst der Götter geboren, sie floß nicht hinein in das Menschenland, wie ein Bach blumige Ufer und blinkendes Wellenspiel bringt.

Die trotzige Hand des Titanen hatte das eigene Herz aufgerissen; da war es kein Blut, kein Feuer und Wasser, da waren es Ströme des Geistes, einmal den Jüngern in einer Taube vom Himmel gebracht und nun die Erde mit Allgewalt füllend.