Die Blutrache der Freiheit
An einem Julitag stürmte das Volk von Paris die feste Bastille, die uralte Zwingburg des Königs und das Gefängnis all seiner Feinde.
Der Staat, das bin ich! hatte der Sonnenkönig geprahlt; als danach der Herbst den Park von Versailles zu färben begann, holte das Volk von Paris sich den König als Geisel; der von Gottes Gnaden regiert hatte, mußte dem Parlament die Verfassung beschwören.
Und als die Fürsten Europas mit ihrer Heeresmacht kamen, dem Thron in Frankreich zu helfen, flammte das Volk der Franzosen auf und war ein gewaltiger Brand vor den Söldnern der Fürsten: bei Valmy mußte das preußische Heer den unrühmlichen Rückzug beginnen.
Seitdem war Frankreich die Schmiede der Völker; der Untertan wollte der freien Gemeinde und ihrer vergessenen Herkunft die dreifache Pflugschar der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schmieden.
Die Schmiede stand in düsterer Glut, und der Widerschein schreckte die Sippe der Fürsten; denn vor der Gleichheit und Brüderlichkeit kam die Blutrache der Freiheit.
Sie kam nicht über das Land, wie ein zärtlicher Morgen im Frühling endlich den Sonnenschein bringt, sie brach aus den Tiefen und war der Haß des entfesselten Volkes und seine Rache.
Als die Pariser den Freiheitsbaum pflanzten, als sie die adligen Herren, Junker und Pfaffen, zu jagen begannen wie Freiwild, als sie den König köpften trotz seiner geheiligten Krone und die Königin mit ihm: wollte die blasse Furcht an den Höfen den Übermut von Jahrhunderten rächen.
Tod den Tyrannen! hatte der Dichter der Räuber gerufen, nun trat sein Ruf in den Tag und hatte ein Fallbeil zur Hand: im grausigen Takte seiner Schläge fielen die Köpfe, und adliges Blut floß im Unrat der Rinnen.
Gewalt riß Gewalt aus den Händen, Rache rief Rache, und Mord fiel auf Mord, bis das blutige Maß voll war.
Danton, Marat und Robespierre hießen die Hyänen der Freiheit, ihr heißes Geheul schrie sich heiser, ihr hungriges Maul fraß sich satt, bis es im blutigen Schaum erstickte.
Über dem Abendland stand in Paris das Fallbeil böser Vergeltung; im schaurigen Takt seiner Schläge mußte das neue Blut das alte abwaschen, weil die Gewalt der Freiheit zuvor kam, weil die Gerechtigkeit ihre ewige Gleichung aus schuldiger Menschenhand nahm.