Bruckner

Indessen der Weihrauch in Bayreuth um solche Zauberei dampfte, indessen Tannhäuser und Wolfram, Elsa und Lohengrin, Siegfried, Walküren und Rheintöchter das deutsche Theater erfüllten, saß der Hofkapellorganist Anton Bruckner in Wien und spielte die Orgel, wie weiland Johann Sebastian Bach.

Wie jener als Protestant war er katholischen Glaubens ein demütiger Diener der Kirche, obwohl er Gewalt hatte über die Bässe und Flöten der Orgel, über die Geigen und Hörner im ganzen Reich der Musik.

Ihm war kein Dämon gegeben, die Großen der Welt zu betören, kein Königsschloß stand in der Nacht, ihm mit Fackeln zu leuchten; wohl aber kamen die Gaffer von Wien, den seltsamen Kauz zu bestaunen, der ihnen den Dank, wenn sie klatschten, mit dem roten Taschentuch winkte.

Sein Taschentuch machte sie lustig, er aber nahm ihren Pöbellärm dankbar als Ehrung für seine Kunst hin; und wenn die Kinder der Gasse den närrischen Mann neckten, stand er gerührt vor dem Ruhm in der Liebe der Kleinen.

So war er im Leben ein wahrer Knecht Gottes; einfältig und ohne Groll nahm er sein Los hin, als Narr vor den Menschen zu gelten, die seine Hände zu küssen versäumten, weil sie die karge Knechtsgestalt sahen, aber den blühenden Geist Gottes in seiner Musik nicht erkannten.

Er war ein Österreicher Kind und ein gläubiger Sohn der katholischen Kirche; wie Johann Sebastian Bach brauchte er nicht mit Himmel und Hölle zu ringen, weil ihm der Himmel gewiß war, einmal und hier schon auf Erden: aber wo jener die Stimmen mit Stärke und Strenge bezwang, ließ er sie schwelgen im Wohllaut.

Auch war er ein Hagestolz, und keine elf Söhne füllten sein Haus mit fröhlichem Lärm wie bei dem Kantor in Leipzig; die Einsamkeit war seine stille Gefährtin, sie konnte ihm in den Überschwall fallen, daß jeder Stimme der Atem stockte.

Dann stand seine stumme Seele vor Gott wie eine Kerze am Hochaltar steht; aber ein Engel kam aus der Stille und führte ihn an der Hand heilig hinein in die neue Anbetung der Stimmen, bis wieder ihr brausender Chor und Wohlklang erschallte.

Die Menschen konnten die Stille nicht hören, sie spürten auch nicht den Engel darin, der ihn vor Gottes Thron führte; sie lachten des Organisten, der selber Musik machen wollte und mit dem roten Taschentuch winkte; sie blieben vor seiner Einsamkeit stumm, bis er im vierundsiebzigsten Jahr seines Lebens still aus der Welt ging.

Als Beethoven starb, an dessen Grab Bruckner oftmals gekniet hatte, bezeugten ihm Tausende schweigend die Ehrfurcht; als Bruckner sich leise hinweg stahl, wußten nicht hundert, wer dieser Knecht Gottes war.

Neun Sinfonien hatte auch er der Menschheit geschrieben, neun Bücher vom ewigen Leben: Dem lieben Gott! stand auf der letzten, darüber ihm seine Hände hinsanken.

Der seiner Einsamkeit Freund und Gefährte, der seiner treuen Knechtsdienste Herr war, sollte gnädig hinnehmen, was die Menschen nicht mochten.