Nietzsche
Es war ein Professor in Basel, Sohn eines Pfarrers aus Röcken bei Lützen, Friedrich Nietzsche geheißen; dem war die Einsamkeit nicht von närrischer Einfalt umgütet wie dem Knecht Gottes in Wien.
Sein gläserner Geist litt unter dem dreisten Gelichter, sein heller Mund höhnte, daß ihre Ohren so taub, ihre Herzen so leer, ihre Gefühle so unrein, ihre Gedanken so lendenlahm waren.
Als er es nicht mehr auszuhalten vermochte unter den Menschen, floh er hinauf ins Gebirge, in einer helleren Luft einsam zu sein.
Einmal war Bayreuth dem unerbittlichen Frager noch eine Hoffnung gewesen, aber sein herrischer Jasagegeist konnte nicht knien am Kreuz der Verneinung; als der Zauberer seinen Parzival schrieb, hieß er ihn einen Verleugner und Täuscher.
Ein deutscher Christ galt ihm ein zwiefach verzwickter Knecht der Vergangenheit; er aber wollte der Zukunft den hellen Geist zeugen, er wollte der Wahrheit die Wohnung der Stärke bauen, er wollte getrost der Antichrist heißen.
Denn das Christentum galt ihm die Feindschaft der Kranken und Verderbten; Knechtstugenden hieß er Mitleid und Demut und Bängnis um Strafe und Lohn.
Herrenmoral war anders gerüstet: sie kannte den Hochmut, den Haß und die Liebe des Blutes, den tapferen Tod vor dem Feind; sie brauchte kein Jenseits für ihre Gewißheit der Dinge, sie war mit Sinnen und Sinn Jasager zum irdischen Leben.
So waren die Griechen gläubige Kinder der Erde gewesen, so hatten die Römer das Reich der männlichen Stärke gebaut, bis ihm der tückische Kreuzgott im Aufruhr der Sklaven und Christen den Untergang brachte.
Nun galt es dem Menschengeist, die Schmach auszulöschen, wieder wie einst die Dinge als groß und gering, rar und gemein, biegsam und brüchig, gesund und krank zu werten, wieder der frohe Herr seiner selber statt der Knecht düsterer Mächte zu sein.
Hündisch hieß er, für einen Himmelsgott gut oder böse zu gelten, herrlich, um seiner selbst willen den Bogen der Stärke zu spannen.
Helläugig, schnellfüßig und hochgemut mußte der Geist im Abendland werden, sollte ihm wieder die Erde gehören; kein gekreuzigter Gott, keine olympischen Götter: der Mensch allein sollte das Ziel seiner Tat und Sinndeutung stellen.
Als so der Professor aus Basel den Übermenschen lehrte, war ihm das Land der neblichten Wälder und kalten Meerküsten unheimlich und fremd geworden, wie einem Zugvogel sein Nestland fremd wird: im sonnigen Süden, am kaltklaren See von Silvaplana ging er die steilen Wege seiner Gedanken.
Da fand er sein Spiegelbild und hieß es den Zarathustra; aber er nahm von dem persischen Weisen nur das Gewand und den Namen, den Menschen sein kühnes Schalksspiel zu bringen; denn nun war er der Einsamkeit satt, wie eine Biene vom Honig schwer ist.
Er sandte ihn aus mit Reden und Sprüchen, Liedern und allerlei Sinnbild und Schicksal, den Übermenschen zu lehren; was der Affe dem Menschen war, das sollte der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter und eine schmerzliche Scham.
Er selber wollte bei seinem Werk bleiben, der Moral eine neue Münze zu prägen, die jegliches Ding in der eigenen Geltung bezahlte; denn steiler als je ging der Weg seiner Gedanken, und über ihm schwebte sein heiliger Geist, den er die ewige Wiederkehr nannte.
Aber das Schicksal zerbrach ihm die Antwort, als er die Schärfe der letzten Fragen ansetzte: höher als je eine Kühnheit war seine gestiegen, da riß ihn die Tobsucht hinunter in ihre greulichen Tiefen.
In Weimar, wo Goethe die Grenzen des Daseins sorgfältig umging, wo jeder Weg seine Spur zeigte und jeder Wind sein Wort wehte, verdämmerte langsam der kühnste Geist, den das Abendland zeugte.