Darwin

In England wurde dem Sozialismus die Fahne gestickt, aus England kam auch die neue Schöpfungsgeschichte, die Bildung des Bürgers vom Bibelbuch abzulösen.

Auf seinem behaglichen Landgut bei London saß Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, und kannte kein schöneres Glück, als ihnen das Lebensgeheimnis besonnen und still abzulauschen.

Er hatte auf mancherlei Reisen den rauschenden Reichtum der tropischen Pflanzen- und Tierwelt gesehen; aber wie bei den Menschen Blutsverwandtschaft war unter Brüdern und hinaus lief in Sippen und Völker, so sah er die Unzahl der Arten verbunden.

Tastenden Schrittes suchte er Strecken des Lebens zu finden; und immer gewisser wurde dem still besonnenen Mann, daß all der rauschende Reichtum des Lebens aus wenigen Urformen stammte.

Tausendmal älter als alle Berichte wirkte das tiefe Geheimnis der Artenentwicklung; was sich das einzelne Leben im Kampf ums Dasein mühsam erwarb, wurde vererbtes Vorrecht der Art; Jahrtausende waren darin wie eine Stunde.

So war die Schöpfungsgeschichte der Bibel ein Märchen der Juden, einfältig und sinnvoll gebildet; das Sechstagewerk Gottes war nur die Tür frommer Betrachtung, dahinter die Wege der Pflanzen- und Tier- und Menschennatur in uralte Vergangenheit wiesen.

Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, hatte nur klarer erkannt und feiner verfolgt, was andere Geister vor ihm ahnten und fanden; als aber der übersehbare Weg seiner Lehre in die Unendlichkeit führte, erschraken die Frommen.

Denn nun wurde offenbar, daß die jüdische Bibel auch nur ein Menschenwerk war und also ein Stückwerk: auf ihren Buchstaben war der evangelische Glaube verpflichtet; wenn aber der Buchstabe des alten Testaments falsch war, wurde dem Glauben die starke Gewißheit des neuen genommen.

Eine Wehklage kam aus den gläubigen Herzen, Wutgeschrei der Zeloten rief Zeter und Zorn über den Forscher; der seiner eigenen Frommheit nur eine neue Gewißheit gewann, staunend der göttlichen Tiefe im Wunder des Lebens, wurde als gottlos verdammt von den Priestern.

So mußte der still besonnene Mann seiner Zeit wider Willen das Feldgeschrei leihen: der Menschengeist wollte sich selber genug sein als Herrscher der Erde; hier fand er die Lehre, den Kirchengott abzusetzen.

Alles Jenseits war solcher Lehre verdächtig; menschliche Not und kirchlicher Wahn hatten die Götter und danach den Gott der Priester geschaffen, der für den Überschwall der neuen Erkenntnis und Forschung ein Hirngespinst war.

Mit Himmel und Hölle habe der Priester – so hieß es – die Menschheit in Furcht und Hoffnung gehalten, nun sei das alte Täuscherspiel aus; der Erde allein sollten die Taten gehören; der Tod sollte ein tapferes Ende des einzelnen Lebens, kein Tor für eine vermessene Ewigkeit sein.

Unendliche Zeugung habe ihr Ziel im Menschen gefunden; kein Sechstagewerk eines fragwürdigen Gottes, sondern die Artenvermehrung durch Zuchtwahl habe aus Urzellen endlich den Menschen gemacht, der so in Wahrheit die Krone der Schöpfung vorstellte, wie er sich rühmte.