Die goldene Spinne

Zwei Rheinländer saßen flüchtig in London und waren Freunde, wie Kopf und Herz Freunde sind: Karl Marx, der Jude aus Trier, Friedrich Engels, der Protestant und Kaufmann aus Barmen.

Sie stickten der neuen Zwietracht die Fahne; auf blutrotem Grund strahlte mit goldener Schrift der Name des Feindes, den sie in aller Verkleidung des Wohlstandes verfolgten.

Wo ein Zins, eine Grundrente war, wo eine Eisenbahn lief, wo eine Fabrik rauchte, wo die Feuergarbe der Hochöfen lohte und wo der Förderkorb Kohlen zu Tage brachte: überall saß die goldene Spinne und nützte das Netz.

Das Kapital war sie geheißen, und alles Lebendige fing sie mit ihren gleißenden Fäden, um es zu fressen: weil sie der Nutznießer der Zinsen und Renten, in aller fleißigen Arbeit der Fluch der Lohnherrschaft war.

Einmal als goldenes Kalb von Israel gläubig umsungen, von Moses mit jähen Worten zerschmettert, war sie die Herrin der Welt, all ihres Wohlstandes und all ihrer Armut geworden.

Fürsten und Könige mußten ihr dienen, Kriege wurden geführt ihr zuliebe und Frieden nach ihrem Vorteil geschlossen: wo irgend ein Menschenwerk war, hielt sie dem Hunger die Geißel in ihrer Linken, aber den Mehrwert der Arbeit in ihrer lockenden Rechten.

Gegen die Allmacht des Goldes rief Marx, der Jude aus Trier, die Zwietracht der Gegenwart auf; und dies war seine Lehre vom Mehrwert: aller Gewinn in der Welt bestahl die fleißige Arbeit; denn der Lohn zahlte nicht den Gewinn, er hielt nur die Peitsche, daß Arbeit geschähe.

Um ihren Mehrwert betrogen, gab die Arbeit dem Armen die Notdurft und hielt ihn als Knecht in der Fessel des Lohnes; Sorge und Fleiß und Mühseligkeit der besitzlosen Klasse dienten der goldenen Spinne, daß ihr das Leben fauler Genuß würde.

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! höhnte ihr Sprichwort; aber den Goldspinnen war zu fressen die einzige Arbeit; so wild war ihre Gier, daß sie einander auffraßen, die großen die kleinen, bis einmal das Gold aller Welt in einem einzigen Bauch war.

Dann war das Unrecht gesühnt und das Schicksal vollendet; denn dann kam der Staat mit dem Schwert und schlug dem Ungetüm das Freßwerkzeug ab, dann war der Bauch mit dem Gold der Gemeinschaft verfallen, dann hatte der Mehrwert der Arbeit den Kreislauf vollendet.

Denn dann war der Staat nicht wieder das Fangnetz der goldenen Spinne, dann hatten die Arbeiter selber die Macht, dann konnte der Mehrwert den goldenen Segen ausströmen, weil endlich die Menschheit vom Kapital, dem faulen Blutsauger des ehrlichen Fleißes, erlöst war.

Die Botschaft klang anders, als die aus Bethlehem kam: sie wollte den Himmel auf Erden bringen, statt eine Verheißung über den Wolken zu sein.

Zwar hatte Jesus milde gelächelt, daß Einer sorgte um Speise und Trank, um Kleidung und andere Notdurft des Leibes, weil er die ewige Seligkeit lehrte, die jeder Seele als ihre Heimat gewiß war, wenn sie ihm glaubte.

Aber der Jude aus Trier sah nur Schliche in der christlichen Botschaft; alle Lehre der Priester und alle Gläubigkeit galten ihm List der Spinne, ihre höllische Herrschaft zu halten: sie wollte des irdischen Goldes gewiß sein, drum gab sie die himmlischen Träume.

Irdisches Leben hieß auf der Erde beheimatet sein, hieß ihre Früchte als Segen des Fleißes fröhlich genießen: das sollte der Preis seiner Lehre, das sollte der greifbare Segen seines neuen Evangeliums werden.

Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf leichten Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland hieß: sie hörten die Worte wie einmal die Hirten, da sie in kalter Nacht auf den Feldern die Botschaft der Engel vernahmen.

Sie sahen die Fahne der Zwietracht flattern vor einer schönen Zukunft; tausend mal tausend glaubten mit glühenden Augen, daß der mühselig beladenen Menschheit zum Wohlgefallen endlich Gerechtigkeit käme.