Der Altar von Isenheim

Der Bilderschrein hatte den Bürger ins Schaubild gestellt, Alltäglichkeit war das Gewand der heiligen Handlung geworden, da hob sich im Zorn eine Zauberhand, dem Himmel das Seine zu geben.

Matthias Grünewald hieß der mächtige Meister, Hofmaler des Bischofs von Mainz und ein Franke vom roten Main, der im Kloster zu Isenheim, droben im Elsaß, den Hochaltar malte.

Dem heiligen Vater der Mönche und Schutzherrn der Tiere, Antonius sollte der Altar geweiht sein; aber der Meister wollte den Urgrund aufreißen und im Mirakel die Quellen der brünstigen Heiligkeit zeigen.

Gott war in Schmerzen geboren und war gekreuzigt als Mensch, um aus der Nacht des irdischen Todes aufzuerstehen und strahlend zurück in den Himmel zu fahren.

Da waren die Tafeln zu klein, zu kläglich die Kleider der Täglichkeit, da mußten die Brunnen der Tiefe aufbrechen mit feuriger Fülle, da mußte das ewige Sein den glasigen Schein der irdischen Dinge durchleuchten.

Und so war die dreifache Tiefe des Altars gebaut: draußen die Tafeln von Golgatha, drinnen die Herrlichkeit Gottes, und erst, wenn die inneren Flügel aufgingen, kam der Heilige selber, dem der Altar gemalt war.

Gramvolles Dunkel lag auf der Welt, nur Golgatha stand in beinerner Helle, als ob ein Blitz den Himmel durchbräche, den gekreuzigten Gott zu beleuchten.

Aber kein göttlicher Dulder hing an dem Holz, ein gemarterter Mensch und ein blutrünstiger Leib der Verwesung.

Ein Schrei ging aus von den Frauen und verzagte im Abgrund; nur Johannes der Täufer stand da mit dem Lamm, der sündigen Menschheit das göttliche Opfer zu weisen.

Gewaltig war so der Deckel des Buches gebildet, der mitten wie Torflügel aufging, der schluchzenden Seele die Herrlichkeit Gottes und das Wunder seiner Geburt offenbarend:

Vier Tafeln ragten wie eine im Morgenrot glühende Wand vor den Augen der gläubigen Christen; Orgelgewalt und Gesang der Mönche schwanden hin in der Fülle farbiger Stimmen, wie ein Menschenruf übers Meer klingt.

Der Tempel der himmlischen Mutter stand in der Mitte, aus Licht und Farbe gebaut, und Lobgesang schwoll aus den englischen Räumen; die Jungfrau saß selig versunken davor mit dem Kind in der blühenden Landschaft, darüber Gott Vater im Himmel die Augen der Liebe aufmachte.

Zur Linken wurde der Jungfrau das Wunder der Gnade verkündigt, zur Rechten fuhr hell aus dem Kerker des Grabes der Heiland: ein glühender Ball brach in die Sterne der Nacht, darin die Lichtgestalt des Erlösers von allen Feuern des Himmels beglänzt war.

So übermächtig war der Glanz und das Glück der im Morgenrot glühenden Flächen, daß danach die Farbe nichts mehr vermochte: wenn sich die inneren Flügel auftaten, standen die Heiligen stumm als geschnitzte Figuren inmitten der grellen Erscheinung.

Nur auf den inneren Flächen der letzten Torflügel hatte der Meister das Glück und das Grauen der Weltentsagung gemalt: wie das Getier der Wüste dem heiligen Antonius diente, und wie das Höllengezücht ihn versuchte.

Erde und Hölle sprachen ihr Wort nach dem Himmel: die Erde lockte mit üppiger Landschaft; die Hölle schrie das grelle Getön ihrer scheußlichen Leiber; aber der Himmel stand hinter den Flügeln mit seinem ewigen Glück.

So war der Altar des fränkischen Meisters gebaut, darin der himmlische Zorn den Alltag verscheuchte: die Tiefe der brünstigen Seele brach auf und war kein schönes Abbild der irdischen Glückhaftigkeit mehr, weil das ewige Wunder nicht mehr den eitlen Traum der Täglichkeit weckte.