Der Spiegel der Wirklichkeit

Was in Sankt Bavo zu Gent geschah, wurde Saat allerorten: überall waren Bürger aus Wohlstand in Reichtum geraten und wollten Gott und sich selber zu Ehren den Kirchenschmuck mehren; überall hatte die Schilderzunft fröhlich zu schaffen.

Einen Altar zu stiften, wurde der Ehrgeiz des Bürgers, und seine Tafeln zu malen, das Meisterstück in der Zunft.

Wohl gab die Kirche allein die Legende, aber die Bilderkraft sprang aus der Schau und dem fröhlichen Tun des täglichen Lebens: die heiligen Männer und Frauen des Morgenlands mußten die Kleider und Sitten des Abendlands tragen.

So wurde die Herkunft der Christenlegende zum andernmal tapfer ins Deutsche versenkt: die Wälder und Wiesen der Heimat sahen die Jüngerschar schreiten, und die Burg des Herodes stand bei dem Münster der gotischen Stadt.

Aber so wurde die Heilige Schrift auch der Spiegel, in bunten Bildern das Leben der Bürger zu fassen, so wurden die kostbaren Schreine der Kirchen die treuesten Hüter der eigenen Wirklichkeit.

Da ritt der heilige Georg im blinkenden Panzer des Ritters, da wurde Lazarus wach auf dem Kirchhof der Kreuze, da stand das Bett der Maria behäbig an der getäfelten Wand, da war die Krippe im Stall nach heimischer Sitte aus Balken gefügt.

Wohl wuchsen auch Palmen, und Löwen waren den Heiligen treu, aber sie blieben fremd und verscheucht, indessen das heimische Gewächs und Getier sich unbesorgt breitmachte.

Bäuerlich fränkische Häuser, städtische Gassen und Stuben boten dem Bauer und Bürger den Vorwand des heiligen Lebens, unbekümmert und selbstgefällig ins Bilderdasein zu treten.

Sie waren linkisch, dem kirchlichen Schauspiel zu dienen, die Glieder fanden nur selten die rechten Gebärden, und die Gesichter wurden der heiligen Handlung nicht froh: aber sie taten ihr Werk mit Eifer, und wo sie das Marterzeug brauchten, verstanden sie seinen Gebrauch.

Nicht einer der Zunft hatte die fröhliche Meisterhand wieder, die den Altar von Sankt Bavo zum Spiegel irdischer Glückseligkeit machte; es war ein linkisch verstiegenes Dasein, grausam und vielmals verzerrt, und mehr eine Fratze als ein schönes Abbild der Welt.

Aber es war in die blühende Pracht gläserner Farben gegossen, und seine bunte Vielfältigkeit stand stark und verzückt im Licht der gläubigen Einfalt.