Der alte Fritz
Als Friedrich wieder in Sanssouci saß, hatte das Alter ihn hart berührt, sein Rücken war steif, und seine gichtigen Beine hatten zu tanzen verlernt; wie sein zorniger Vater ging er nun selber am Krückstock, aber ihm mußte das Holz redlicher dienen.
Sein Spott war scharf wie die Klinge geworden, mit der er bei Roßbach und Leuthen den Feind aus dem Felde schlug; mehr wußten die großen Augen zu blitzen, als daß sein schmaler Mund lachte.
Den Philosophen von Sanssouci hatten ihn seine Freunde aus Frankreich geheißen; nun waren sie fort; und die den einsamen König daher reiten sahen, grau und gebeugt, kannten nur seine Taten, nicht seine Schriften, ihnen war er der alte Fritz.
Er hatte im Krieg den Schlaf verlernt, nun war sein Tag lang, und in der frühesten Frühe kam schon die Sorge nach Sanssouci; aber sie saß nicht im Stuhl, mit schlaffen Händen zu warten, sie war die Sorge der schaffenden Pflicht und des rastlosen Fleißes.
Wie ein Gutsherr das Seine fest in der Hand behält – wohl gehen die Knechte hinaus in die Felder, die Mägde besorgen den Stall und auf den Vorwerken sitzen Verwalter, aber er reitet hinaus, ehe sie denken, und läßt sich das Kleinste nicht reuen, weil er im Kleinen den Wohlstand bedingt sieht – so sah der König in Sanssouci das preußische Land als sein Eigentum an.
Bauern und Bürger waren ihm sein Gesinde und die adligen Stände seine Verwalter; er ritt in ihr Tagwerk hinein, zu loben und schelten, wie er es fand, er führte das Hauptbuch und saß an der Kasse, und wehe, dem sie nicht stimmte.
Daß seine leeren Staatskassen wieder voll würden, nahm er den Städten die Zölle und ließ aus Frankreich Zollpächter kommen, die ihr Geschäft mit harter Findigkeit trieben.
Und ob die Bürgerschaft klagte und heimlich den König samt seinen Zöllnern verwünschte: er ließ sie klagen und schimpfen, soviel sie mochten, aber er nahm ihren Schimpf und die Klage nicht an.
Denn der in der schaffenden Sorge zu Sanssouci saß, kannte den Staat, aber sein Volk war ihm fremd; er hatte im Krieg den Adel brauchen gelernt und half ihm mit silbernen Talern; er lobte den Bauern, wie ein Gutsherr klug sein Gesinde zu loben versteht; er schätzte den Wohlstand der Bürger, der ihm die Steuern bezahlte.
Wohl ließ er jedem das Seine und seinen Glauben dazu, wohl nahm er den Dreispitz und nickte von seinem Pferd, wenn sie ihm jubelnd zuliefen, der ihrer Liebe und Ehrfurcht der alte Fritz und der preußische Ruhm blieb: aber er konnte die Liebe mit keiner Liebe entgelten und war im Alter mit Kälte, was er in seiner Jugend mit Hitzigkeit wurde, ein harter Menschenverächter.
Der Liebling des Volkes schrieb seine Bücher französisch, weil er die deutsche Sprache nicht anders zu sprechen vermochte, als sie ein Feldwebel sprach; seiner hochmütigen Lebensluft blieb jeder als Untertan fremd, weil er ein König und Feldherr wie keiner, aber ein Fürst seiner Zeit war.
So hing ihm der Ruhm seiner freien Gesinnung, seines funkelnden Geistes und seiner Kriegstaten an wie ein geliehenes Kleid; er war der oberste Diener des Staates, aber nicht seines Volkes.
Einsam und bitter ins Abendrot blickend von seiner hohen Terrasse, starb Friedrich, der König von Preußen; nur noch sein Windspiel war um ihn, als er die großen Augen zu Sanssouci schloß, um die Messerspur seiner Lippen den grausamen Zug der Menschenverachtung.