Der Alte im Sachsenwald

Der Zeiger der Uhr hatte den Sohn übersprungen; dem Enkel zu dienen, wurde dem eisernen Kanzler als Schicksal ins Alter gelegt.

Er hatte das Reich als Bund der Fürsten gegründet, denen der König von Preußen wohl Kaiser, aber nicht Lehnsherr war.

So führte der Kanzler im Namen des Kaisers die deutschen Geschäfte und stand dem Bundesrat vor, darin die Minister der Fürsten nach ihrer Stärke abstimmten; aber er blieb der Minister des Königs von Preußen.

Seinen gnädigen Herrn mußte der mächtigste Mann im Reich den Enkelsohn heißen; aber nun war keine Weisheit und Würde mehr da, nach seinem Rat zu befehlen: Wilhelm der Zweite wollte sein eigener Ratgeber heißen.

Friedrich den Großen hieß er sein Vorbild; aber er war dem Spötter von Sanssouci fremd, wie der prahlende Schein der schlichten Größe fremd ist.

Alles, was jemals groß war, wollte er scheinen: fromm und von Gottes Gnaden geführt, tapfer und treu, weise und wahr, unermüdlich, gerecht und allen Dingen durch eigenes Urteil gerüstet! Alles wollte er scheinen, weil er ein Spiegel und Widerschein war.

Zwei Jahre lang ließ sich das ungleiche Kräftespiel halten, zwei Jahre lang diente der eiserne Kanzler dem Irrlicht als seinem gnädigen Herrn, dann brach die Gnade in Stücke: der Minister hatte dem König von Preußen getrotzt, der Minister wurde entlassen.

Weltwende war, als solches geschah, und das deutsche Reich bebte; aber das Volk war gewöhnt, blind zu gehorchen; auch war den Parteien der schwarzen und roten Zwietracht der Kanzler verhaßt, ihr Siegerglück sah den Eckpfeiler der Preußenwacht wanken.

Drei Rosen legte der Kanzler dem alten Kaiser aufs Grab, dann fuhr er hinaus in den Sachsenwald, den ihm vordem sein König aus Dankbarkeit schenkte, und der seinem Alter der niemals begehrte Ruhesitz wurde.

Er hatte das Seine getan, wie nur ein Großer das Seine vollendet; er hatte das Reich nach seinem Willen und Wesen gebaut, aber sein Werk war kein Tempel und Sinnbild, auf heiliger Höhe zu stehen; sein Werk war ein Haus und das deutsche Volk sollte drin wohnen.

Er durfte nicht Haushalter bleiben; sorgend sah er zurück, ob alles nach seinem Willen geschähe, und zornig, daß allzuviel anders geschah.

Zwietracht und Haß hatten den Abschied des Starken begleitet; seit er im Sachsenwald war, sank die Vergessenheit über die Tage, da er im Streit der Parteien selber den streitbarsten Mann stellte.

Gleich den Helden der Sage wuchs seine Gestalt grimmig zur Größe, bis er im Helldunkel seines Waldes selber ein Sagenbild wurde.

Der Alte im Sachsenwald war nicht mehr der Graf von Gastein und nicht mehr der Fürst von Versailles, nicht mehr der Kanzler und Kürassier am Bundesratstisch: er war ein Wanderer im Wald mit schwarzem Mantel und Hut.

Zwei Doggen umsprangen den großen Schritt, und wen seine buschigen Augen erblickten, den sprangen sie an; denn niemand durfte in seinen Wald kommen, den er nicht rief.

Der Spötter von Sanssouci starrte ins Abendrot, der Alte im Sachsenwald ging unter uralten Bäumen und hörte dem Wind zu: Heimdall, der Wächter am Welteschenbaum, machte die Runde, indessen Wodan unruhig wehenden Atems im Sachsenwald schlief.