Der Biedermaier
Indessen dem deutschen Geist solches geschah, hatte der Bürger in seiner Stube gesessen; er hatte das seine bescheiden gesichert, und mehr als Bescheidenheit ging ihn nicht an.
Auch war nach den Jahren des Aufruhrs die Ordnung der alten Zeit wiedergekommen, wie Untertanengesinnung die Ordnung gewohnt war.
Die Stände sauber getrennt, und die Krone glänzte darüber; denn er liebte den Landesherrn und war ihm in Demut gehorsam, auch wenn er am Prügelstock ging; und wie ihm von oben geschah, so ließ er nach unten geschehen.
Er war der Frau und den Kindern, mehr noch dem kleinen und großen Gesinde der Hausherr, wie es der Fürst seinem Lande war: er durfte poltern und großtun wie er, er durfte befehlen wie Einer, und alles, was unter ihm war, mußte gehorchen.
Verfassung und Vaterland schierten ihn wenig: sein Vaterland war, wo es ihm gut ging, und von Verfassung zu reden, hieß ihm, den Teufel des Aufruhrs noch einmal beschwören.
Seine Väter waren Pietisten gewesen, aber er hatte erfahren, daß es nicht gut sei, gegen den Obrigkeitsgott noch einen andern zu haben; denn der Landesherr war auch die oberste Kirchengewalt, und dem Landesherrn hieß es gehorchen.
Auch hatte die Aufklärung bei seiner Taufe Pate gestanden: Himmel und Hölle gönnten dem Erdentag seine schmackhaften Früchte, wenn er nicht unbescheiden oder gar unverschämt war.
Denn auch der Herrgott war ein vernünftiger Mann und ließ den Biedermann gelten; er konnte wohl kollern mit Donner und Blitz – und es war gut, dann die Hände zu falten – aber nachher war wieder blauer Himmel, wie es beim Landesherrn und auch bei ihm selber, dem Hausherrn war.
So baute der biedere Bürger die Welt auf vier Pfähle, statt in die Wolken; er konnte wohl schmälen, aber nicht unzufrieden sein, weil alles gottgewollt war: der Fürst wie der Bürger, der Junker und der Minister, die geheimen Räte und ihre Polizei; nur, daß die adligen Herren zu wenig Steuern bezahlten, schien ihm nicht richtig.
Schiller in Jena war längst gestorben, und Goethe in Weimar hatte für ihn nie gelebt; wenn seine Tochter ein Buch las, war es von Clauren, und wenn er ein Stück sah mit seiner sonntäglichen Hausfrau, stand Kotzebue auf dem Zettel; nur die gebildete Tante aus Prenzlau schwärmte noch von Jean Paul, aber die hatte auch sonst die altdeutschen Grillen, gar in der Kleidung.
Denn daß ihm die Vaterlandsschwärmer auch noch den altdeutschen Rock vorschreiben wollten, das war von all ihren unnützen Dingen das albernste für den Bürger; er wußte genau, was sich schickte für einen geachteten Mann, der seinen Meisterbrief von der Zunft und als Presbyter seinen Kirchenstuhl hatte.