Der Kirchhof

Der König von Preußen, einfältig und karg, hatte das Wort seiner Not vergessen, wie eine geringe Seele das heiße Gelöbnis der Wallfahrt vergißt; Stein, das verdrießliche Alter, saß an der Asche all seiner stolzen Gebäude; Kamptz, der neue Geheimrat in Preußen, drehte das knarrende Rad seiner Stunde.

Wer von der deutschen Burschenschaft war, den jagten die Hunde: Wir hatten gebaut ein stattliches Haus! sangen sie scheidend in Jena, dann waren sie Freiwild für schuftige Büttel und Richter.

Daheim und in Herbergen, bei Verwandten und Freunden, wurden sie wie Verbrecher gefangen und wie Verbrecher durch Kälte und schlimmere Leiden zur Hauptstadt gebracht, wo die Hausvogtei war mit ihren gefürchteten Kammern.

Jahrelang harrten sie da auf den Spruch des Gerichts; Verhöre und falsche Gerüchte, leere Tage und lauernde Nächte, törichte Hoffnung und graue Enttäuschung zogen die grausame Zeit hin, bis endlich das Urteil, verlogen und feig wie die Richter, den Tag der Verzweiflung brachte.

Zum Tode verurteilt, zur Festung begnadigt, um ihre Jugend und ihre Mannheit gebracht, mußten die Opfer geheimrätlicher Rachgier den Übermut büßen, daß sie ans deutsche Vaterland glaubten.

Und wie den Burschen geschah es den Männern der Zeit; bis in die Tage der Fremdherrschaft spürten die Richter zurück, längst war die Freiheit der Rede und Schrift verschüttet, Willkür, Verleumdung und Machtwahn regierten den Tag, von Spionen war jedes Dasein umstellt.

So brachen die Fürsten ihr Wort, verhöhnten Minister den Glauben der Völker, so blies der deutsche Bund von Metternichs Gnaden der deutschen Verfassung das Lebenslicht aus, so wurde dem Reich der kommende Tag auf den Kirchhof getragen.

Einmal war brausender Frühling gewesen, durch Opfer und Blut, durch Märsche und Siege hatten die Rosen der Hoffnung in tausend Herzen den kurzen Sommer geblüht: nun hatte der Herbst die Fäule gebracht, kahl stand das dürre Geäst, in den gefrorenen Blättern am Weg rauschte Novemberwind über den Kirchhof.