Der Turnvater Jahn
Als Deutschland noch in der Fremdherrschaft war, als die Franzosen in Preußen regierten, hatte der Turnvater Jahn die Jugend auf seinen Turnplatz gebracht.
Jedermann sollte – so rief seine begeisterte Lehre – wie es in Urväterzeit war, wieder geschickt sein, die Glieder zu rühren; die Leibesübungen sollten ein anderes Volk als das der Schuster und Schneider, der Schreiber und Händler erziehen: der Turner sollte wieder der deutsche Jüngling und Mann sein, in der geübten Kraft seines Leibes und in der Zucht seiner Sitten.
Tausende waren dem Ruf des neuen Propheten gefolgt; die Turner brachten dem Heer der Befreiung die tüchtigsten Streiter, und in der deutschen Burschenschaft galt Turnerei das Brot des tüchtigen Lebens.
Aber Turner sein hieß nach dem schwärmenden Wort des Propheten das deutsche Vaterland lieben, und vaterländisch hieß dem Geheimrat ein verdächtiger Untertan sein.
Auch war der Turnvater Jahn ein lärmbegeisterter Mann, er liebte die Trommeln und Pfeifen, er liebte das tönende Wort und war in Gang und Gebärden, auch in der seltsamen Kleidung der Mann, den Geheimrat zu reizen.
So kamen die Schergen nachts über ihn her und schleppten ihn fort auf die Festung; als das gefährliche Haupt der vaterländischen Verschwörung galt er dem frommen Geheimrat, der Mord in Mannheim sollte der erste Beweis seines Hochverrates sein.
Sechs Jahre lang mußte der Turnvater Jahn seinen deutschtümelnden Überschwall büßen, von Festung zu Festung geschleppt, in hundert Verhören geplagt, von gemeinen Anklägern verdächtigt, empfing der treudeutsche Mann den Dank seines Königs.
Gestern noch von der Gunst der Regierung besonnt, wurden die Turnplätze geschlossen; Turner hieß dem Geheimrat Demagoge sein, und Demagogie war sein Mirakel, damit er die Fürsten und Höfe in Schrecken, sich aber hoch in der Gunst und die gemeine Gesinnung zur Macht brachte.