Der Freiherr vom Stein

Als die Preußen bei Jena den Krieg und den Kopf verloren, als das Heer in schimpflicher Flucht die Ängstlichen mitriß, als der Hof aus Berlin in Eilwagen floh, tat ein Mann kaltblütig das seine.

Es war ein Freiherr vom Stein bei Nassau und früh in preußischen Diensten; ihm waren die Kassen des Staates anvertraut, und er wußte sie klug und besonnen zu retten.

Der König von Preußen, einfältig und karg, mochte den eisernen Mann nicht; aber die Königin hörte ihm zu, und die Not zeigte mit allen Fingern auf ihn: so wurde der Reichsfreiherr vom Stein in Preußen Minister.

Seit dem Spötter von Sanssouci kam zum erstenmal wieder ein Kopf und ein Herz in die Leitung des preußischen Landes, und ein Wille, anders als jener der oberste Diener des Staates zu sein.

Denn der Reichsfreiherr haßte den dumpfen Betrieb peinlich bezopfter Beamten; ihm war der Staat ein lebendiges Wesen, bestimmt von sittlichen Kräften, und er kannte den Untertan nicht.

Alle Stände und Klassen, Junker, Bürger und Bauern waren als Staatsbürger gleich in Rechten und Pflichten; sie dienten dem Staat als der Rechtsgewalt ihres Volkes.

Weil der Staat die Rechtsgewalt war, durfte er nicht über Knechte regieren; die freie Gemeinde der Bürger mußte sich selber verwalten, wie es in Urväterzeiten das Mannesrecht war.

Und keine Willkür der Junkergewalt durfte den Bauern in Leibeigenschaft halten; auf eigener Scholle, frei von Fron und Gedinge, sollte er wieder der fröhlichen Arbeit gehören.

So kam die Freiheit in Preußen an den Tag, und der sie brachte, scheute kein Dohlengeschrei; über Beamten- und Junkertum kam sein Gesetz, wie der Tag über den Kreuzen und Steinen der Kirchhöfe steht.