Kleist

Ein Stern ging auf über dem preußischen Land, als es noch Nacht war, und schien in den Morgen, und niemand sah seinen Glanz, bis er blutrot verzuckte.

Heinrich von Kleist hieß der Jüngling, der höher als einer in Preußen sein Angesicht hob, und tiefer als einer mit seinen Füßen im Schicksal verstrickt ging.

Er war ein Junker aus altem Preußengeschlecht und diente dem König, bis er im siebenten Jahr den Soldatenrock auszog, bis er die Zucht und die Ehren des Standes verließ, anderer Zucht und anderer Ehren sehnsüchtig.

So hatte Ulrich von Hutten den Stern seines unsteten Lebens durch Länder und Leiden getragen wie Heinrich von Kleist, da er fünf Jahre lang irrte und ruhelos war auf der Erde, die Bahn seines Himmels zu finden.

Den göttlichen Weg der Großen in Weimar und Jena wollte er schreiten, aber sein flackernder Gang wurde kein Schritt; der glühende Geist konnte die Flamme nicht zünden und schwelte in funkelnden Dünsten.

Als er wieder daheim war im preußischen Land, kein Jüngling mehr und doch kein Mann, wie ihn der Tag brauchte, wollte er seinen unsteten Geist in die Täglichkeit zwingen: zwei Jahre lang blieb er im Staatsdienst, schlafwandelnd und stumm, bis ihn der Donner von Jena und Auerstädt weckte.

Flüchtig in Königsberg, gefangen in Frankreich, landfremd in Dresden, schrie er die eigene Wirklichkeit wach, als er sein kühnes Amazonenspiel schrieb, von der Königin Penthesilea, die den Achill liebte im Haß und seinen sterbenden Leib den Hunden preisgab.

Der Alte in Weimar wollte den Dichter der Penthesilea nicht kennen, wie er den Dichter der Räuber nicht kannte: doch wie ein gotischer Turm über ein griechisches Tempeldach wächst, so wuchs dem preußischen Jüngling sein grausames Griechengedicht über das edle Gebälk des Meisters trotzig hinauf in den nordischen Himmel.

Das aber war zu der Zeit, da durch die Herzen der Deutschen der erste Feuerschein ging, dem Korsen das Haus zu verbrennen; Heinrich von Kleist, der Preuße in Dresden, half hitzig den Brand schüren.

Der preußische Junker haßte den fremden Tyrannen; der deutsche Mensch träumte den Traum einer neuen Reichsherrlichkeit: aber der Tag von Wagram zertrat ihm den Haß und den Traum.

Zum andernmal kam er nach Preußen zurück, der Hoffnungen ledig, der Täglichkeit taub, der eigenen Dinge trächtig, wie eine Wolke geschwellt im Abendrot steht.

Ein Genius kam nach Berlin, aber die klugen Bürger der Stadt an der Spree sahen nur einen geschäftigen Mann, der ihnen zum Sonntag das Abendblatt füllte mit Anekdoten und anderer Unterhaltung.

Zwei Jahre lang ließen die kargen Berliner Heinrich von Kleist sein Krümperwerk tun, zwei Jahre noch blieb sein einsamer Geist auf der Erde; er hatte schreiten gelernt wie die Großen in Weimar und Jena, aber sein war der Sturmschritt.

Nur raffen konnte er noch, was ihm die letzte Fülle zuströmte, raffen und aus der Schmiede mühsamer Jahre das köstliche Gut bergen.

Erzählungen hieß er die Schicksalsberichte, darin ein starkes Stück Leben in einer Kette von schmucklosen Worten eng aufgeschnürt war: als ob ein Wanderer, kurz nur zur Rast, von einem Erlebnis mit fliegendem Atem berichte.

Kohlhaas, der Roßhändler von Jüterbog, hatte dem Unrecht der Zeit samt ihren Junkern und Fürsten getrotzt, weil ihm sein Recht das höchste Mannesgut in der Welt war; er hatte den Trotz mit dem Schwert des Henkers bezahlt, und war noch dem Henker zum Trotz Sieger geblieben über Junker und Fürsten.

So waren die Dinge noch nie einem Dichter über die Klinge gesprungen, als da der Junker Heinrich von Kleist den Roßhändler Michael Kohlhaas beschwor, als da er das Schattenbild einer Chronik in ewige Gegenwart stellte.

Aber die seinen Schicksalsbericht lasen, waren der ewigen Gegenwart fern; sie hörten von einem Roßhändler und sahen den Dichter nicht, wie er die hämmernden Worte in einen Marmorstein grub, Urtümliches sichtbar zu machen.

Sie hörten danach sein Spiel vom Zerbrochenen Krug und konnten nicht lachen, weil sie die Seufzer und Sittensentenzen schlechter Schauspieler vermißten, weil der blühende Scherz und derbe Spaß vom bocksfüßigen Richter in Husum ihnen zu handgreifliche Wirklichkeit war.

Sie sahen das Kätchen von Heilbronn um seinen Ritter Ungemach leiden und fanden es dumm von dem Dichter, daß er das rührende Spiel ihrer Liebe in soviel Unheil vertiefte.

Der aber dies alles den Ohren und Augen der Bürger noch hinwarf, ging längst auf dem Messergrat seiner letzten Entscheidung; als er ein armes Menschenkind fand, entschlossen hinunter zu springen, sprang Heinrich von Kleist mit in den Tod, der ihn von der Zeitung, von den Berlinern, von seiner schmählichen Zeit und seiner Enttäuschung in Einem erlöste.

Es war im fünfunddreißigsten Jahr seines Lebens, als Heinrich von Kleist sich mit der Schicksalsgenossin am Wannsee erschoß; die gute Gesellschaft schwieg peinlich betreten, daß es die Frau eines Kleinbürgers war, der sich der Junker im Tode verband.

Zehn Jahre lang blieb sein Gedächtnis vergessen, dann hoben Freunde den Nachlaß und fanden den Schatz, den ein Dichter dem Preußentum schenkte, als ihm sein eigenes Leben in Preußen vergällt war.

Den Prinzen von Homburg hieß er sein Testament, und ob sie es lange mit blödem Gesicht lasen, einmal mußte sein Geist auferstehn, und einmal mußten die kargen Berliner und Preußen erkennen, daß nichts in der Welt diesem Bühnenspiel gleich war.

Klopstock und Herder, Lessing und Schiller hatten um eine Dichtung gerungen, die jenseits des Tages doch seines Wesens innerstes Angebind war, Novalis sank in den Tod, Hölderlin floh zu den Griechen, indessen Goethe, der Leuchtturm in nächtlicher Brandung, über den Zeiten dastand:

Alle sahen den Stern auf ihren mühsamen Wegen; dem er am fernsten stand, und der sich selber als Pfand dem Schicksal einsetzte, ihm wurde sein Glanz erfüllt, als er verzuckte.

Wo der Prinz von Homburg den Tag des Kurfürsten von Brandenburg zur Ewigkeit machte, da wurde im deutschen Geist Preußen, da wurde im Preußengeist Deutschland wiedergeboren.