1812
Den Herrscher des Abendlandes priesen die Zungen; aber vor seiner Tür lag die englische Flotte, auch hielt die russische Mauer den Osten verriegelt: noch waren Napoleon Grenzen gesteckt.
Er aber hieß seinen Sohn in der Wiege den König von Rom und ließ ihm das Zepter darbringen; er wollte die russische Mauer durchbrechen und wollte dem englischen Stolz die Segel absetzen.
Mit einem gewaltigen Heer zog er aus gegen den Osten; die Völker Europas mußten ihm Heerfolge leisten, und als er in Dresden sein letztes Maifeld abhielt, kam der Habsburger Kaiser, kamen die Könige von Preußen, Sachsen und Bayern im Troß der Rheinbundfürsten herbei, ihm zu dienen.
Sie saßen in prahlenden Festen zusammen, sie tanzten und hörten den schmachtenden Versen französischer Schauspieler zu, indessen die Söhne aus allen Gauen der deutschen Landschaft nach Rußland marschierten.
Der Frühling blühte in Polen, und die Fahnen flogen im Sommerwind, als sie das Herzogtum Warschau verließen; aber dann fing die starrende Weite der russischen Unendlichkeit an.
Regen ersäufte die Felder, und eine glühende Hitze kam, den Schlamm auszudörren; Menschen und Pferde erschraken, daß nur noch die Weiten des Himmels über der Öde, daß nicht mehr Wiesen und grüne Alleen, daß nicht mehr Dörfer und Städte fröhliche Zeugen der Menschenwelt waren.
Als sie das Tal von Wilna erreichten, als in der Weite die erste Stadt, als wieder Straßen und Schatten, Stuben und Ställe da waren, hatte die große Armee den russischen Sommer erfahren, und eine lange Rast mußte den Troß der Mutlosen stärken.
Noch aber hatte die Schlacht nicht begonnen, kein russisches Heer schien den Sieger zu hemmen, bis bei Smolensk die Kanonen zu donnern anfingen; tief in die Nacht ging der grausame Kampf, und schon stand das Glück auf der Scheide: als die Franzosen endlich die Brücke genommen, brannte die Stadt und ein Schutthaufen war ihre Rast.
Der Weg nach Moskau stand offen, aber es war nur das Tor ins Verderben: als sie nach täglichen Kämpfen und stündlichen Leiden endlich im Herbst das bunte Getürm über dem unermeßlichen Meer der Dächer erblickten, stand keine Bürgerschaft an den Toren, dem Sieger die Schlüssel zu bringen.
Und als die flinken Husaren zögernd einritten, war die Riesenstadt leer, der Hörnerschall starb an verschlossenen Fenstern und Türen.
Es war schon tief im September, und der weiße Winter lauerte vor den Toren, das rote Blut zu vergelten: in Moskau sollte der Frieden mit Ölzweigen kommen, in Moskau sollte nach böser Entbehrung reiche Winterrast sein, aber da fing die leere Stadt an zu brennen.
In einem Flammenmeer schwamm schon am dritten Tag der düstere Kreml; dem Korsen wurde es heiß auf der Zarenburg, er suchte sich vor den Toren ein kühles Quartier, aber sein Heer konnte die Stadt nicht verlassen.
Denn draußen stand lauernd die Weite, der sie erst gestern entrannen, und aus der Weite hob der russische Winter drohend die Fäuste: sie waren als Sieger mit Hörnerschall eingezogen und saßen schaurig gefangen in der leeren brennenden Stadt.
Ihr Meister und Herr wollte das Unglück noch zwingen, Boten und Briefe heuchelten dem Zaren Friedensbereitschaft; aber der Zar war in der russischen Weite verschwunden, nur seine Heere spannten von Osten den Ring um die Stadt.
Die Sieger von gestern konnten nicht bleiben und mußten zurück, mehr als die hundert Meilen durch das verwüstete Land; schon aber gab der Oktober dem kommenden Winter die eisigen Hände.
Kutusow hieß der seltsame Greis, der dem Rückzug aus Moskau das böse Geleit gab: da war die Weite lebendig geworden, zur Rechten und Linken hielten die russischen Klammern die Flanken gefaßt, von hinten drängten die Lanzen der wilden Kosaken.
Eine geängstigte Herde, von Wölfen gestellt, so wollte die große Armee die Rettung gewinnen, aber der Winter kam früh mit grausamer Kälte: die am Weg blieben, lagen erfroren, und die den Weg fanden durch Hunger und weißen Schnee, tappten täglich tiefer ins Elend hinein.
Noch immer war es ein Heer, das Napoleon führte; an der Beresina verlor er die Zügel: schwarz kam der Fluß durch die gefrorene Weite, und die Brücke war fort; zwei neue wurden gebaut im Feuer der Russenkanonen.
Tausende fanden den Tod in dem trägen Gewässer, tausende fielen unter den Lanzen der wilden Kosaken, tausende wurden gefangen: was im Dezember endlich in Wilna ankam, konnte nicht mehr ein Heer heißen.
Auf einem Schlitten, heimlich und schnell fuhr der Korse nach Frankreich; mancher in Deutschland sah eine vermummte Gestalt, darin er den Kaiser nicht wieder erkannte; und die ihn erkannten, glaubten eher an ein Gespenst, als daß es der Herrscher des Abendlandes wäre.
Denn nur langsam kam das Gerücht von der großen Armee aus dem russischen Winter, und wenige wagten zu glauben, daß die Lumpengestalten wirklich der klägliche Rest und nicht nur versprengte Flüchtlinge waren.
An vielen Häusern klopften sie an, und selten geschah es, daß einer heimkam in Sachsen, Bayern und Schwaben; wo einer heimkam, blieben hundert verschollen.
Die Klage um die verlorenen Söhne fing an zu weinen in Deutschland; aber ein Brunnen brach aus der Tiefe, der alle Klage ersäufte, daß nun der Tag der Vergeltung und das Ende der frechen Fremdherrschaft käme.