Der Gottesfrieden

Als Gregor der Siebente starb, war der Haß nicht gestorben; er ritt auf den Straßen von Sachsen nach Rom, er lauerte auf den Burgen der Großen und Grafen und brannte der Kirche im Dachstuhl.

Es ging um das Reich, und es ging um die Stärke: hie Kaiser, hie Kirche! hie Priester, hie Laiengewalt! aber das Schwert trug der Ritter hüben und drüben!

Er schlug die Schlacht, er hetzte den Hirsch, er hielt die Meute im Jagdgrund; und wenn die Jagd der Großen und Grafen aus war, ritt er selber auf Beute.

Was auf den Feldern gesät war, was in den Ställen gedieh, was auf den Wegen und Wässern mit Wagen und Schiffen hereinkam, was auf den Speichern und Märkten als Wohlstand des Landes begehrt war, fiel unter sein Schwert.

Und als es im neunten Jahr war, daß Bauern und Bürger im blutigen Krieg den Segen des Tagwerks entbehrten, daß Armut und Kummer den Wohlstand des Landes verschlangen, daß um ein Trugbild der Macht Dörfer und Städte verdarben: geschah es, daß sich die Kirche auf ihren Ursprung besann.

Aber nicht Rom und der Papst, ein Bischof sandte die Taube, den Ölzweig zu bringen, ein Bischof im lothringischen Land; den Gottesfrieden hießen sie ihn, und so war seine Botschaft:

Von Freitag zu Montag in jeglicher Woche, von Fastenbeginn bis über den Sonntag nach Pfingsten, vom ersten Advent bis über Dreikönigen dürften nicht Fehde sein; und wer den Gottesfrieden nicht hielt, war verflucht an Leben und Eigen.

Sie kam von Frankreich geflogen, die Taube der Sintflut, wo sie im Streit der Großen den Boden zu ruhen nicht fand; in Lüttich wurde die Stätte bereitet, und bald war der Kaiser ihr Schutzherr.

Heinrich, der König der Bürger und Bauern, nahm ihren Ölzweig zur Hand; da mußten die Großen und Grafen ihm folgen: so war in der Sintflut der Zeit dem Frieden die erste Freistatt bereitet.

Noch war der Haß nicht gestorben und Heinrich der Vierte ging seinen Leidensweg weiter bis an sein gramvolles Alter: aber der Taube von Lüttich hielt er die Treue, und gab in Zorn und Bedrängnis den Ölzweig nicht aus der Hand.