Der Kaiser des Volkes
Klug und wild war der Knabe, hochfahrend der Jüngling, unbeugsam und rastlos der Mann, den das Volk als Vater verehrte, da er ein Greis war; aber das Schicksal fuhr seinen Wagen mit lockeren Rädern, und als er im Gleichmut des Alters zu fahren gedachte, scheuten die Rosse.
Er hatte den mächtigen Papst nach Salerno gebracht und hatte die trotzigen Sachsen gedämpft, aber die Burg seines Königtums ging ihm verloren; so zäh seine Hand das Königsschwert hielt, den Traum von Goslar träumte sein Alter nicht mehr: sein Hoflager ging um in den Ländern der Großen und Grafen, wie es die Herkunft gebot.
Aber ihm fiel eine Burg zu, die nicht aus Steinen gebaut war; Dienstmannentreue hielt ihr das Tor, und die Liebe des dankbaren Volkes war ihre gewaltige Mauer.
Die Ritter hatten vom Schwert gelebt, wie der Bauer vom Pflug, sie waren im Scharlach mit goldenen Sporen geritten und hatten den Wohlstand geerntet: nun siechte der nützliche Krieg hin, und der Mangel kroch in die Burgen.
Die Großen und Grafen sahen den Aufruhr beginnen und die Vasallen den Glanz ihrer Tage verblassen, indessen die Bürger und Bauern sich in der Kaisergunst sonnten.
So fuhr das Alter des Kaisers durch Liebe und Haß den schmalen Königsweg hin, als ihm die Feindschaft der Ritter die Rosse wild machte, als ihm der römische Haß die Räder zerbrach.
Zum viertenmal kam der Bannfluch von Rom, als Paschalis Papst war, Gregors gelehriger Schüler; der Donner hatte den Blitz verloren und rollte nur hin, aber den Feinden des Kaisers kam er zur richtigen Stunde.
Sie kannten die Herrschsucht des Sohnes, und wie er die Geltung des Vaters mühsam ertrug; sie wußten den Bannfluch klüglich zu leiten, daß er im Treubruch des Sohnes den bösen Spalt fand.
Weihnachten stand vor der Tür, als Heinrich der Sohn das Hoflager heimlich verließ, von Fritzlar nach Bayern zu fliehen, wo ihn die Feinde des Königs fröhlich empfingen; und die Vasallen strömten der neuen Herrengewalt zu.
Am Regenfluß standen sich Vater und Sohn gegenüber im Schutz ihrer Scharen, aber hüben und drüben stiegen die Ritter vom Roß; wieder gingen und kamen die heimlichen Boten, bis Heinrich der Vater den Verrat der Vasallen erkannte und heimlich entwich.
Ein Hoftag der Großen und Grafen in Mainz sollte den Kaiser des Volkes absetzen; aber die Bürger standen auf für sein Recht, und ein stadtkölnisches Heer zog heran, den Mantel des Kaisers zu schützen: da mußten Falschheit und Frevel dem herrischen Sohn helfen.
In Koblenz lag er dem Vater zu Füßen, Abbitte leistend und Treue gelobend; der Kaiser zog arglos mit ihm und ließ sich von Bingen nach Bökelheim locken; aber es war eine Falle, und statt auf dem Hoftag in Mainz mit den Großen und Grafen zu rechten, saß er in einer Waldburg gefangen.
Sie wollten in Mainz ein stolzes Gericht über ihn halten, aber sie wagten es nicht vor den Bürgern; so war es draußen in Ingelheim, wo sie den Greis, höher an Wuchs und Würde als einer der Fürsten, in die Schmach ihrer Anklagen brachten.
Da konnte die Kirche sich rächen an ihrem stolzen Verächter; da fand der Grimm der Vasallen die Grafen und Großen bereit, den Kaiser der Bürger und Bauern zu dämpfen; da ließ der Sohn es geschehen, daß rechtlose Richter Heinrich dem Vierten das Königskleid nahmen.
Sie wiesen dem todwunden Geier die karolische Pfalz in Ingelheim an; aber noch einmal hob er die mächtigen Flügel: Heinrich der Vierte entfloh seiner Haft, und als der frevelnde Sohn mit seiner Vasallenmacht kam, ihn zu fangen, wiesen die Bürger von Köln und Lüttich ihm blutig die Tore.
Schon mußte der Sohn sich bequemen, andere Botschaft zu senden, da brachte ihm ein Gesandter den Ring und das Schwert seines Vaters und sein letztes Vermächtnis: wie er geboren war, starb Heinrich der Vierte als König, kein Haß trübte dem Greis die letzte Verpflichtung.
Otbert der Bischof von Lüttich ließ seinen Leib in der Kirche begraben; das Volk jammerte laut um seinen Vater und Freund; aber der Haß seiner Feinde strafte den Bischof und gönnte der Leiche nicht ihren Frieden.
Als sie den Sarg des Gebannten hinaus auf die Maasinsel brachten, kamen die Bauern herbei aus den Feldern, warfen das Korn über den Sarg und streuten die Erde des Grabes auf ihre Acker, daß Korn und Acker geweiht wären.
Daß ihm der Vater nicht draußen läge gleich einem Hund, hieß Heinrich der Sohn die Leiche im steinernen Sarg hinauf nach Speyer geleiten, und er gab ihr den Platz im Dom nach der Reihe der salischen Kaiser.
Aber noch durfte Heinrich der Vierte nicht versammelt sein bei seinen Vätern; zum andernmal trugen die zornigen Hände der Kirche den Sarg des Gebannten hinaus, daß er die Gruft nicht entweihe.
Der mit dem Frevel in Kaiserswerth zänkisch begann, der in Canossa lichterloh brannte, mit üblen Gerüchen in Ingelheim schwelte: der Haß seiner Feinde ließ seine Asche nicht ruhen und schmähte sein stolzes Gedächtnis.
Das Volk behielt Heinrich, den Vater und Freund und sein grausames Schicksal treu und traurig im Herzen.